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„Auch die sicheren Häfen sind in Gefahr“

Guido Lingnau ist in gewisser Weise einzigartig: nur er erforscht den Einfluß der Demografie auf die Finanzmärkte – und kommt zu spektakulären Schlüssen. So sieht er China als Auslöser der nächsten großen Finanzkrise, und sagt voraus, dass auch vermeintlich sichere Häfen wie die Schweiz und Norwegen große Probleme bekommen werden. Heute erscheint sein Buch „Auch die sicheren Häfen sind in Gefahr“ – das wir Ihnen dringend ans Herz legen möchten, weil es eine völlig neue Perspektive eröffnet:


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1. finanzmarktwelt.de: Herr Lingnau, Ihr neues Buch trägt den Titel „Auch die sicheren Häfen sind in Gefahr“. Sie zeigen, dass auch Länder wie die Schweiz oder Norwegen keineswegs für längere Zeit sichere Häfen bleiben werden. Warum ist das so?

Guido Lingnau: Neben den kurzen und mittleren Konjunkturzyklen gibt es auch die sehr lange Wellen der Konjunktur. Diese wurden erstmals von dem russischen Ökonomen Nikolai Kondratieff nachgewiesen. Die erste dieser Wellen begann ihren Aufstieg im Jahr 1789 mit der Französischen Revolution. Joseph Schumpeter war der Überzeugung, dass es sich dabei um Innovationszyklen handelt. In diesen langen Innovationszyklen gibt es jeweils einen etwa 20 Jahre lang anhaltenden Aufschwung, in dem die kürzeren Konjunkturaufschwünge stärker ausfallen als üblich. Auch die Aufschwünge an den Finanz- und Immobilienmärkten folgen diesen Innovationszyklen. Sie enden dann üblicherweise in einem irrationalen Überschwang, in einer Finanzmarktblase oder einem Krieg. Der anschließenden Krise folgt dann regelmäßig eine längere Phase mit schwacher Wirtschaftsentwicklung.

In meinem Buch zeige ich, dass diese langen Innovationszyklen meistens mit demografischen Wellen deckungsgleich sind. Schaut man sich historische Vergleichsdaten an, dann befinden sich u.a. die Schweiz oder Norwegens in einer Phase, in der es in anderen Ländern oft zu einer Blase an den Immobilienmärkten kam.

2. finanzmarktwelt.de: Sie zeigen anhand historischer Daten, dass Aktienmärkte häufig eine Hausse erleben, wenn eine Generation von Babyboomern Anfang 20 ist, während Krisen (wie die Finanzkrise ab 2008) daraus resultieren, dass eben diese Babyboomer dann älter geworden ist – meistens Anfang 40. Wie sind Sie auf diesen Zusammenhang gestoßen?

Guido Lingnau: Vor ca. 15 Jahren sah ich in einem Chart, dass es in den 1970er Jahren bei hohen Kursschwankungen nur eine Seitwärtsbewegung an den westlichen Aktienmärkten gab. Bis dahin war ich davon ausgegangen, dass man an den Aktienmärkten nach zehn Jahren immer einen überdurchschnittlichen Gewinn erwirtschaften kann. Zwischen 1966 und 1980 hatten die US-Aktienmärkte nach Inflation sogar die Hälfte ihres Wertes eingebüßt. Der japanische Aktienmarkt befand sich seit Ende 1999 scheinbar ebenfalls in einer solchen Phase. Mich hat es einfach interessiert, wie es zu solchen Stagnationsphasen kommt. Dass das etwas mit Demografie zu tun haben könnte, fiel mir erst einige Jahre später auf, als nach dem Platzen der Internetblase auch die USA und Europa zunehmend in japanische Verhältnisse rutschten. Japan erlebte seine Aktienblase 1989, die USA elf Jahre später im Jahr 2000. Merkwürgerweise lagen zwischen dem Geburtenboom in Japan und den USA auch elf Jahre. Anfang 2009 konnte ich dann mit Hilfe einer Datenbank des US Census Bureau erstmals weltweite demografische Daten mit Aktienmarkt- oder auch Inflationsentwicklungen vergleichen. Und die Muster fand ich auch in anderen Ländern.

3. finanzmarktwelt.de: Sie prophezeien in Ihrem Buch, dass die nächste große Krise an den Finanzmärkten von China ausgehen wird – eine These, die auch wir seit Jahren vertreten. Warum ist das vermeintlich unaufhaltsame China in Wirklichkeit Crash-gefährdet?

Guido Lingnau: Es gibt immer wiederkehrende Muster in den langfristigen Entwicklungen:

Es gibt keine Naturgesetze, nach denen China, Norwegen oder die Schweiz demnächst eine Krise an den Finanzmärkten erleben werden. Es gibt aber Korrelationen. Am Ende einer langen Innovationsphase kommt es oft zu einem irrationalen Überschwang. Den hat China 2007/08 erlebt, Japan 1989 und die USA im Jahr 2000. Der Boom endet zuerst in einem Crash am Aktienmarkt. Mit einer lockeren Geldpolitik will man dann zum vorherigen Boom zurückkehren, heizt aber nur eine Immobilienblase an. Doch die Zinsen können nicht ewig immer weiter gesenkt werden. Die nächste Rezession lässt die Immobiliennachfrage wieder einbrechen. Diese Rezession verstärkt dann den demografisch bedingten Nachfragerückgang. Banken sitzen auf uneinbringlichen Krediten usw.

Chinas Babyboomer wurden in den 1960er Jahren geboren. Im Jahr 1973 lag die Geburtenzahl erstmals um mehr als 10 Prozent unter den Höchstwerten. Da Menschen üblicherweise ihre Familienaufbauphase mit Anfang 40 beenden, benötigen sie auch nicht mehr Wohnraum.
Dieser chinesische Geburtenrückgang, der übrigens nichts mit der Ein-Kind-Politik zu tun hatte, löst also schon seit einigen Jahren einen demografischen Nachfragerückgang bei Immobilien aus. Mit Anfang 40 werden Menschen auch fast schlagartig risikoaverser, was sich auf die Reformbereitschaft und damit auch auf das Wirtschaftswachstum auswirkt. Auch das nimmt in China ab. Die beiden wichtigsten Kriterien für eine hohe Immobiliennachfrage sind in China also rückläufig: die Demografie und das Wirtschaftswachstum. Oft kommt es etwa 40 Jahre nach einem starken Rückgang der Geburtenrate zu Immobilienkrisen, die dann eine Finanzkrise auslösen. Die anschließende Wirtschaftsschwäche konnte bisher nur durch eine neue junge Babybommer Generation oder einen sehr hohen Exportüberschuss beendet werden.

4.finanzmarktwelt.de: Sie argumentieren, dass Aufstieg und Fall von Aktienmärkten mit Babyboomern und Ihrer Alterung zu tun haben. Aber ist es nicht möglich, dass sich diese von Ihnen festgestellten Zyklen verschieben? Etwa, wenn die Menschen älter werden und länger arbeiten, sodaß eben zum Beispiel Anfang 40-jährige nicht beginnen, ihre Geldanlagen konservativ zu gestalten, weil sie wissen, dass sie noch viele Jahre arbeiten werden und daher noch lange ein verläßliches Einkommen haben?

Guido Lingnau: Die Aufschwungsphasen der langen Zyklen endeten schon im 19. Jahrhundert, wenn die Babyboomer Anfang 40 waren. Da hat sich bis heute nichts geändert. Es scheint eine Art innerer Uhr bei den Menschen zu geben. Einen Einfluss hat aber scheinbar das sich verschiebende Rentenalter. Doch da gibt es noch zu wenige historische Vergleichsmöglichkeiten.

5.finanzmarktwelt.de: In Ihrem Buch begründen Sie den Aufstieg des Nationalsozialismus als Phänomen einer Babyboomer-Generation, die um das Jahr 1908 geboren wurde. Auch die Wende in der DDR 1989 ist für Sie gewissermaßen der Sieg von Babyboomern. Diese Faktoren sind in der historischen Forschung bislang kaum beachtet worden – haben Sie eine Erklärung, warum?

Guido Lingnau: Diese Frage habe ich mir schon so oft selbst gestellt! Ich weiß es nicht. Es gab ja immer wieder Versuche, die Demografie für wichtige gesellschaftliche Veränderungen verantwortlich zu machen. Sie waren nur nicht gut begründet. Meine Erklärung für die große Macht der Babyboomer liegt in ihrer Sogwirkung auf die anderen Altersgruppen. Sie schaffen es mit ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit die gesellschaftlichen Normen zu bestimmen und sie setzen damit die gesellschaftliche Stimmung. Das wurde scheinbar noch nicht ausreichend untersucht. Demografische Daten in guter Qualität gibt es auch noch nicht so lange. Es ist wohl an der Zeit, dass die Ökonomie sich wieder mehr als Teil der Sozialwissenschaft versteht und zwischenmenschliche Prozesse stärker gewichtet als naturwissenschaftliche Grundsätze. Besonders das altersabhängige Verhalten wurde bisher kaum erforscht.

6.finanzmarktwelt.de: Sie sagen in Ihrem Buch, dass die Forschung recht genau weiß, wie sich die Alterststruktur einer Gesellschaft entwickelt. Nun gibt es aber Phänomene wie in Portugal, wo massenhaft vor allem junge Menschen aufgrund der Wirtschaftskrise ausgewandert sind – eine für die Alterstruktur einer Gesellschaft folgenschwere Entwicklung, die die Forschung sicher nicht hat voraussehen können. Und: die Werte einer Gesellschaft können sich recht schnell verändern – so zum Beispiel in Deutschland, wo Familie wieder wichtiger wird, die Menschen wieder früher heiraten, mithin also ein Familienbild entsteht, das zu höheren Geburtenraten führen dürfte. Sehen Sie das auch so?

Guido Lingnau: Keine Statistik kann mir sagen, wie sich die heutige oder morgige Bevölkerung genau zusammensetzt. Die letzte Volkszählung in Deutschland zählte 1,5 Millionen Deutsche weniger als die Statistiker zuvor geschätzt hatten. In den USA kam es nach dem letzten Census ebenfalls zu für mein Modell folgenschweren Überraschungen. Migration ist der große Unsicherheitsfaktor bei den Bevölkerungsvorausberechnungen. Trotzdem sind demografische Vorausberechnungen wesentlich genauer als z.B. Konjunkturschätzungen.

Die Geburtenzahlen sind besser zu erfassen und wirken sich erst mit langer Verzögerung auf die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhältnisse aus. Sie betreffen also die Zukunft und ermöglichen eine Reaktion, bevor es zu den Folgen kommt. Ein- und Auswanderung lässt sich leider nicht zeitnah genau erfassen und daher lassen sich diese nur durch eine Volkszählung relativ genau feststellen. Da es nur relativ selten Volkszählungen gibt, sind diese Bevölkerungswanderungen der größte Unsicherheitsfaktor in der Demografie.

7.finanzmarktwelt.de: Aufgrund Ihres Modells: wie sehen Sie die Entwicklung an den Finanzmärkten in den nächsten Jahren? Und wie sollte man sich jetzt positionieren? Aktien kaufen? Oder Staatsanleihen? Wie lauten Ihre Empfehlungen?

Guido Lingnau: Investitionen in Aktien dürften sich vor allem in den USA und Lateinamerika lohnen. In den USA hat vor zwei Jahren eine neue Babyboomer Generation, die sogenannte Generation Y die alte Babyboomer Generation zahlenmäßig überholt. Davon sollten die Länder besonders profitieren, die viel in die USA exportieren, wie z.B. Mexiko oder Kolumbien und sogar Venezuela. In Asien sind nur Vietnam und der Iran demografisch so richtig interessant. Für beide Länder gibt es aber politisch bedingte Einschränkungen. Indien macht langfristig Sinn, ist aber demografisch noch nicht ganz so weit. China hat einen großen Einfluss auf viele Schwellenländer. Daher werden wohl die Länder unter einer wesentlichen Chinakrise leiden, die viel nach China exportieren. Das trifft leider auch für einige südamerikanische Länder, wie z.B. Chile zu. Afrika ist im Norden und Süden interessant z.B. Ägypten oder Südafrika. Langlaufende Anleihen mit höchster Bonität möglichst aus Deutschland sollten den kürzeren Laufzeiten und Anleihen mit wenig guter Bonität vorgezogen werden. Die Eurokrise kann durch ein schwächer werdendes Frankreich wieder aufflammen. Bricht der Euro sogar auseinander, besteht bei deutschen Anleihen die geringste Verlustwahrscheinlichkeit. Gold hat bisher in den guten Zyklen am US-Aktienmarkt schlecht performt. Unterstützung für den Goldpreis könnte aus einer ausufernden japanischen Schuldenkrise kommen.



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