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Nicht Stagflation, sondern Reflation bleibt laut EZB das „bestimmende Thema unserer Zeit“

EZB Hochhaus in Frankfurt

Inflation ist die Entwertung von Geld. Stagflation ist Geldentwertung bei gleichzeitiger Stagnation der Wirtschaft. Und als Reflation bezeichnet man eine aggressive Politik zur Bekämpfung einer drohenden Deflation. Darunter kann man zum Beispiel eine expansive Fiskalpolitik oder auch Geldpolitik verstehen. Die Folgen sind hohe Staatsschulden und/oder eine hohe Inflationsrate, sowie eine deutlich höhere Geldmenge. Und all das, um sich von der Null-Linie bei den Preisen zu entfernen, weil man eine Deflation unbedingt verhindern will. Und wie man aktuell (4,5 Prozent Inflation in Deutschland und 4,1 Prozent in der Eurozone) ja sieht, sind wir ganz na dran an der Deflation?

Die EZB-Direktorin Isabel Schnabel, Mitglied des Executive Board der EZB, sagte jüngst bei einer Onlinekonferenz, Zitat „Reflation, nicht Stagflation, bleibt das bestimmende Thema unserer Zeit“. Zunächst mal geht es darum, ob das Szenario der Stagflation realistisch ist. Dafür müsste die Wirtschaft stagnieren. Aber da sieht die EZB derzeit kein Problem.

Isabel Schnabel sieht kein Risiko einer Stagflation

Alles in allem war das Tempo der konjunkturellen Erholung der Eurozone während des Sommers außergewöhnlich und in der Tat viel schneller, als viele von uns erwartet hatten, was zum großen Teil dem deutlichen Anstieg der Zahl der Menschen zu verdanken ist, die vollständig geimpft sind, so Isabel Schnabel. Die in den letzten Wochen eingegangenen Daten würden jedoch darauf hindeuten, dass sich die Wirtschaftstätigkeit weltweit und im Euroraum abzuschwächen beginnt. Angesichts des außergewöhnlichen Expansionstempos während des Sommers sei eine Abschwächung zu erwarten gewesen. Selbst eine sichtbare Verlangsamung würde das Wachstum immer noch auf einem historisch hohen Niveau belassen. Es gebe jedoch Befürchtungen, dass die Verlangsamung abrupter und dauerhafter ausfallen könnte, da der Gegenwind durch höhere Energiepreise und anhaltende Unterbrechungen der Versorgungskette die Wirtschaft weltweit und im Euroraum weiter belastet. Laut Isabel Schnabel belegt aber die Analyse der EZB, dass diese Befürchtungen weitgehend unberechtigt sind.

Reflation statt Stagflation

Alles in allem ist die Weltwirtschaft und die Wirtschaft des Euroraums laut der Meinung von Isabel Schnabel heute zweifellos deutlich besser aufgestellt, um eine Wiederholung der nachteiligen Folgen der Ölpreisschocks der 70er und 80er Jahre zu verhindern. Reflation, nicht Stagflation, bleibt ihrer Aussage nach das bestimmende Thema unserer Zeit. Dank solider Haushaltsbilanzen und einer unterstützenden Finanzpolitik seien die mittelfristigen Wachstumsaussichten für die Wirtschaft der Eurozone nach wie vor stark und günstig, auch wenn hartnäckigere Engpässe auf der Angebotsseite bedeuten, dass ein Teil des für dieses und das nächste Jahr erwarteten Anstiegs von Produktion und Nachfrage erst später eintreten könnte.

Infolgedessen werde die Inflation länger höher bleiben als bisher angenommen. Sie wird laut EZB im Laufe des nächsten Jahres zurückgehen, aber die Unsicherheit über das Tempo und das Ausmaß der Verlangsamung habe zugenommen. Beides soll entscheidend von den Auswirkungen des grünen Übergangs auf die Energiepreise und die Fähigkeit des Angebots abhängen, mit der derzeitigen schnellen Normalisierung der Nachfrage Schritt zu halten.

In einer solchen Situation erhöhter Unsicherheit müssen sich laut den Worten von Isabel Schnabel die geldpolitischen Entscheidungsträger auf das gesamte Spektrum möglicher Ergebnisse konzentrieren, um sicherzustellen, dass sie in der Lage sind ihren Auftrag zu erfüllen. Einerseits bedeute dies, den Fehler einer verfrühten Straffung der Geldpolitik als Reaktion auf einen vorübergehenden und möglicherweise kurzlebigen Inflationsanstieg zu vermeiden. Andererseits bedeute es, die Aufwärtsrisiken für die Inflation, die die Finanzmärkte derzeit antizipieren, im Auge zu behalten und sich die Option offen zu halten, bei Bedarf handeln zu können, um das Vertrauen in unsere Entschlossenheit, die Preisstabilität auf symmetrische Weise zu verteidigen, aufrechtzuerhalten und ein Abschwächen der Inflationserwartungen in beide Richtungen zu verhindern.



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