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Sentiment: Erholung auf wackeligen Beinen

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Das Kursplus an den Aktien­märkten war Balsam für die geschundenen Seelen der Anle­ger. Um 3% ist der Dax ange­sprungen, nachdem vermeldet wurde, dass wieder Gas durch Nordstream 1 strömt (hier die wichtigsten Termine der Woche, die auch den Dax bewegen können). Die schlimmsten Befürchtungen einer starken Rezession sind nun der Hoffnung auf eine milde Rezession gewichen. Das Anleger-Sentiment ist kräftig auf -2,4 ange­sprungen (Vorwoche -6,2). Damit wurde der Bereich extremer Niedergeschlagenheit ver­lassen, doch Freude ist noch nicht aufge­kommen. Es hat den Anschein, man traue der grünen Farbe auf dem Kurszettel nicht. Zwar ist der schlimme Schmerz der Vorwochen erst ein­ mal gemildert, doch fort ist er noch nicht.

So bleibt auch die Verunsicherung mit einem Wert von -3,7 (Vorwoche -5,7) weiterhin groß. Die starke Erholung im Sentiment kam überraschend für viele Anleger, man war darauf nicht vorbereitet. Die Zukunftserwartung ist auf -1,7 gefallen. So viel Pessimismus gab es zuletzt im Frühjahr 2021, als die Impfkampagne nicht das Ende der Pandemie einläutete, sondern nur einen verträglichen Umgang damit. Heute scheint jedem Anleger klar zu sein, dass diese Erho­lungsrallye vorübergehend ist.

Immerhin steigt die Investitionsbereitschaft auf +2,3. Gleichzeitig ist die Shortquote sehr nied­rig. Unsere Umfrageteilnehmer wollen von der Erholungsrallye profitieren und sind bereit, auf steigende Kurse zu spekulieren. Das Euwax-Sentiment der Privatanleger ist auf den Nullpunkt gefallen. Neue Long-Spekula­tionen werden nicht mehr eingegangen, erste Gewinnmitnahmen sind zu sehen. Das Put/Call-Verhältnis an der CBOE zeigt eine verstärkte Risikofreude der institutionellen Anleger. Mit einem Wert von 1,0 werden derzeit mehr Call-Optionen gehandelt als im Durch­schnitt der vergangenen Monate (1,6).

Auch in den USA werden die Put-Absicherun­gen aufgelöst, Call-Spekulationen dominieren. Das Put/Call-Verhältnis der CBOE notiert wie­ der unter dem Durchschnitt der vergangenen Monate. US-Fondsanleger haben diese Woche in die steigenden Kurse hinein ihre Investitionsquote von 27% auf 44% hochgefahren. Die historisch niedrige Investitionsquote der vergangenen Wochen hat sich als falsch herausgestellt … insbesondere in den USA, da dort am Aktien­markt bereits im Juni (S&P 500) das bisherige Tief erreicht wurde.

Beim Sentiment unter den US-Privatanlegern verlassen die Bären fluchtartig das Lager, das Bulle/Bär-Ver­hältnis ist auf nur noch -12% angestiegen. Noch vor zwei Wochen betrachteten sich 53% der US-Privatanleger als Bär, inzwischen sind es nur noch 42%. Das Lager der Bullen hat im gleichen Umfang gewonnen. Der technische Angst & Gier Indikator des S&P 500 zeigt mit einem Wert von 40% nur noch moderate Angst an.

Interpretation

Anleger trauen dem Braten nicht so richtig. Das spricht eigentlich dafür, dass die Erholungsrallye noch ein wenig weiter laufen kann. Zwar wird die positive Ent­wicklung der abgelaufenen Woche freudig begrüßt, doch kaum jemand ist überzeugt davon, dass die Aktienmärkte ihre Tiefs gese­hen haben. Auffällig ist, wie ich den vorläufigen Daten mei­ner animusX-Umfrage entnehme, dass die Cashquote auf innerhalb weniger Tage von extrem hoch auf extrem niedrig gefallen ist: In die steigenden Kurse dieser Woche hinein haben sich viele Anleger long positioniert (die Shortquote ist weiterhin niedrig), um von der Rallye zu profitieren.

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Das ist eine sehr fragile Ausgangslage, denn wir haben noch keine Überzeugungsanleger. Eine Hiobsbotschaft könnte erneut zu Panik führen, die Long-Spekulationen würden flugs aufgelöst und der Dax könnte wieder auf Tauchstation gehen. Neue Impulse für weiter steigende Kurse kön­nen aus dem Inland kaum mehr kommen, wenn die meisten Anleger bereits hoch inve­stiert sind. Daher müsste das Ausland nun aktiv werden und den deutschen Aktienmarkt wiederentdeckten. Die Chancen dafür stehen tatsächlich nicht schlecht: Nachdem Deutsch­land vor dem Hintergrund des drohenden Gas­stopps gemieden wurde, könnte die Abwen­dung des schlimmsten Szenarios (sofortiger Lieferstopp) dazu führen, dass internationale Anleger sich nach günstigen Aktien umschau­en, die nicht vom Gas abhängig sind.

In der Vergangenheit war es tatsächlich sehr häufig so, dass ein Boden durch Spekulanten gebildet wurde. Langfristanleger kommen häu­fig erst später in den Markt zurück, wenn die größten Gewinne vom Boden bereits gemacht wurden. Wir dürfen also gespannt sein, wie sich die kommenden Tage entwickeln.



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