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Thorsten Polleit: Mit der EZB immer tiefer in die finstere Welt der Minuszinsen

Redaktion

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Thorsten Polleit ist als Chefvolkswirt Degussa ein bekannter und anerkannter Kapitalmarkt-Kommentator in Deutschland. Aktuell hat er die ganz frische Zinsentscheidung der EZB kommentiert. Bissig und in klaren Worten spricht er davon, dass die EZB uns alle immer tiefer in die „finstere Minuszinswelt“ führt. Hier sein Kommentar im Wortlaut:

Auf der heutigen Sitzung hat der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) den Einlagenzins um 0,1 Prozentpunkte auf minus 0,50 Prozentpunkte gesenkt. Der EZB-Hauptrefinanzierungszins, der seit März 2016 null Prozent betrug, blieb unverändert. Zudem wird die EZB ab dem 1. November 2019 Anleihen in Höhe von monatlich 20 Mrd. Euro kaufen – und diese mit neuen, „aus dem Nichts“ geschaffenen Euros bezahlen. Weiterhin werden die Konditionen der langfristigen Kreditangebote, die die EZB den Euro-Banken macht („TLTRO III“), angepasst; insbesondere werden die Laufzeiten von zwei auf drei Jahren ausgeweitet.

Last but not least: Die Überschussguthaben, die die Banken bei der EZB halten, und die den Banken Kosten verursachen, werden künftig teilweise kompensiert. Der EZB-Rat rechtfertigt sein Maßnahmenbündel mit dem Verweis, es würde die „zu niedrige“ Inflation im Euroraum erhöhen und die Euro-Volkswirtschaften beleben. Doch gerade angesichts der vielen nicht genannten Folgewirkungen dieser Politik kann das nicht überzeugen. Und das ist besonders beunruhigend, weil die EZB vermutlich vorhat, die Zinsen in den kommenden Monaten noch weiter in den Negativbereich abzusenken.

Folgewirkungen

Die EZB-Zinssenkung zieht die Marktzinsen in die Tiefe. Die Gewinnlage der Euro-Banken verschlechtert sich dadurch. Leidtragende sind vor allem die Bankkunden: Sie werden höhere Gebühren zu bezahlen haben, und vor allem wird man ihnen auch früher oder später einen Negativzins auf ihre Guthaben in Rechnung stellen. Das Geldvermögen wird entwertet. Die Staaten werden auf Kosten der Bürger bereichert: Die Zinserträge der Privaten schwinden, die Kreditkosten der Staaten nehmen ab und – bei unveränderten Steuereinnahmen – erhöhen deren Ausgabenspielräume.

Die verzerrten Marktzinsen verleiten mehr denn je zum Wirtschaften auf Pump und verursachen Fehlinvestitionen. Der künstlich herabgesetzte Marktzins verringert auch die Kapitalkosten der Unternehmen, schwächt den Marktausleseprozess und lähmt damit die gesamte Wirtschaft. Gerade weil die Negativzinspolitik auf einer Theorie aufbaut, die nicht überzeugen, die sogar als sinnwidrig zurückgewiesen werden kann(*), drängt sich der Eindruck auf, dass die Negativzinspolitik ein besonders aggressiver Versuch der EZB ist, das Euro-Projekt mit allen Mitteln zu retten.

Wie die Geldhalter reagieren, wenn ihre Konten mit Negativzinsen belegt werden, ist nicht absehbar. Solange keine „Flucht aus dem Euro“ einsetzt, wird die EZB vermutlich weitere kleine Zinssenkungsschritte vollziehen. Wo die „Schmerzgrenze“ für die Geldhalter liegt, lässt sich nicht verlässlich einschätzen. Dass aber die EZB die Zinsen in den kommenden Monaten noch weiter absenkt, halten wir für sehr wahrscheinlich. Das ist keine gute Nachricht: Denn konsequent zu Ende gedacht, zeigt sich, dass die Minuszinswelt eine finstere Welt ist: Ohne positive Zinsen ist das heutige arbeitsteilige Wirtschaftssystem nicht durchführbar, ist der Wohlstand in akuter Gefahr.

Unstrittig ist, dass eine zu aggressive Negativzinspolitik nicht dauerhaft durchgeführt werden kann, ohne dass das Wirtschaftssystem im Euroraum vollends in die Knie geht; bis sich öffentlicher Widerstand formiert. Wie ein Ausstieg aus der Negativzinspolitik überhaupt aussehen kann, nachdem sie lange angedauert hat und sich die Preise und das Verhalten von Konsumenten und Unternehmen an die Negativzinsumfeld gewöhnt haben, mag man sich gar nicht ausdenken! Die EZB ist auf eine Euro-Entwertungspolitik eingeschwenkt, die zusehends die innere und äußere Kaufkraft des Euro herabsetzen wird. Unter der Nachfolge von Christine Largarde ist eine Abkehr von dieser Politik unwahrscheinlich.

Handlungsbedarf

Die EZB hat mit ihrer heutigen Entscheidung deutlich gemacht: Euro-Bankguthaben, aber auch in Euro denominierte Schuldpapiere sind ein Verlustgeschäft. Wenn noch nicht geschehen, sollten Anleger ihre Euro-Guthabenbestände minimieren: Also nur noch so viel Euro vorhalten, wie es zur Abwicklung der laufenden Zahlungen plus einer „Vorsichtskasse“ erforderlich ist.

Für langfristorientierte Anleger sind Gold und Silber ein geeigneter Ersatz für verlustträchtige Euro-Termin- und -Spareinlagen. Zu aktuellen Preisen ist es aus unserer Sicht immer noch attraktiv, Bankguthaben in Gold- und Silberpositionen umzuschichten. Die Edelmetalle gewähren dem Halter nicht zuletzt einen Versicherungsschutz: Anders als bei Bankguthaben kann die Kaufkraft des Goldes durch Zentralbankpolitiken nicht herabgesetzt werden.

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Dirk Müller über das Börsenjahr 2021: „Mit Gas und Bremse durch den Markt“

Claudio Kummerfeld

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Bulle und Bär - Dirk Müller will mit Gas und Bremse durchs Jahr kommen

Dirk Müller hat in einem aktuellen Interview über das Börsenjahr 2021 gesprochen, aber auch über die Corona-Restriktionen und den Bitcoin. Beim Thema Corona ist er der Meinung, dass die Beschränkungen nach einer flächendeckenden Impfung und rückläufigen Infektionszahlen nicht verschwinden würden. In welcher Form genau es weitergehe, könne er auch nicht sagen, aber gewisse Arten von Einschränkungen im Alltag würden dauerhaft bestehen bleiben. Dirk Müller erwähnt in dem Zusammenhang die auch bei der Grippe ständigen Mutationen und jährlich neuen Impfungen, um sich dagegen zu schützen. Corona käme dauerhaft als neues Risiko hinzu.

Dirk Müller über das die Aktienmärkte in 2021

Immer weiter steigende Börsenkurse sind laut Dirk Müller auch im Börsenjahr 2021 möglich, auch dank der Notenbanken. Aber, so seine Worte, alle Welt glaube es gehe an der Börse jetzt nur noch nach oben. Man frage sich nur noch, wie kräftig die Kursgewinne im Jahr 2021 ausfallen werden. Aber ein großer Börsencrash sei jederzeit möglich. Was dafür exakt der Auslöser sei, könne man vorher nie sagen. Ein Problem für die Aktienmärkte sei aktuell das Ansteigen der Anleiherenditen in den USA (aktuell 1,09 Prozent). Diese würden laut Dirk Müller unabhängig von der Politik der Notenbanken anziehen, weil die Inflationserwartungen in den USA zunehmen. Es stehe für 2021 eine Sektorenrotation bevor. Das Anlegergeld verlasse die Tech-Aktien. US-Banken würden interessanter werden, aber auch Branchen wie der Flüssiggas-Sektor. Er gehe mit Gas und Bremse durch das kommende Börsenjahr. Man solle für weiter steigende Kurse offen sein, aber mit Absicherung.

Bitcoin

Und was ist mit dem Bitcoin? Wochenlang war der Kurs ja kräftig gestiegen, dann wieder deutlich gefallen (hier unsere aktuellste Berichterstattung). Dirk Müller bleibt bei seiner bisherigen Meinung. Der Bitcoin sei eine eindeutige Zockerei, dahinter stehe kein echter Wert. Er könnte kräftig verlieren, aber auch unendlich weiter steigen.

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EZB: Auf der Spur der wahren Gründe für das große Gelddrucken

Claudio Kummerfeld

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Die EZB-Zentrale in Frankfurt

Wir alle hören es seit Jahren und nehmen es zur Kenntnis. Offiziell betreibt die Europäische Zentralbank (EZB) ihre Geldpolitik (Zinsen und Anleihekäufe), um die Inflation von der Null-Linie in Richtung 2 Prozent zu bekommen. Und Bürger und vor allem Unternehmen sollen durch die Banken in der derzeitigen Krise günstige Finanzierungsbedingungen erhalten. Daher flutet man alles und jeden mit Notenbank-Euros, und die Banken können dem braven Mittelständler noch günstigere Kredite anbieten? So kommt die Wirtschaft in Schwung, und letztlich auch die Inflation? So geht natürlich die offizielle Story. Und tatsächlich?

Viele Beobachter der EZB-Politik behaupten oder meinen erkannt zu haben, dass es Frau Lagarde und vorher Mario Draghi in Wirklichkeit darum ging, mit günstigen Finanzierungskonditionen und mit massiven Anleihekäufen die Südländer in der Eurozone am Leben zu erhalten. So wolle man die Eurozone als Konstrukt zusammenhalten. Auch wir bei FMW haben uns in den letzten Jahren diverse Mal zu diesem Thema geäußert. Nach der gestrigen PK von Christine Lagarde ist uns der Kommentar von Dr. Jörg Krämer aufgefallen, dem Chefvolkswirt der Commerzbank. Man kann ihn also ruhig als seriöse Quelle bezeichnen.

EZB hält Bedingungen für Südländer günstig

Er hat seinen Kommentar betitelt mit der Headline „Was Günstige Finanzierungsbedingungen wirklich bedeuten“. Er zielt auch auf die oberflächlichen Gründe der EZB ab, nämlich Kreditkunden in der Wirtschaft zu günstigen Konditionen zu verhelfen. Es sei interessant zu beobachten, wie stark Christine Lagarde das Konzept der „günstigen Finanzierungsbedingungen“ betont habe. Sie folge dabei einem „holistischen Ansatz“ und habe verschiedene Zinsen im Blick – etwa die für Kredite an Unternehmen oder private Haushalte. Tatsächlich aber (so Jörg Krämer) dürfte es der EZB aber vor allem darum gehen, die Renditeaufschläge der Anleihen der besonders hoch verschuldeten Staaten zu begrenzen. So lasse sich beobachten, dass die EZB im Rahmen ihres PEPP-Programms immer dann mehr Staatsanleihen kaufe, wenn die Risikoaufschläge steigen (siehe Grafik). Zitat Jörg Krämer:

Laut der Nachrichtenagentur Bloomberg habe ein EZB-Vertreter gesagt, dass die EZB sogar bestimmte Höchstwerte für die Risikoaufschläge einzelner Staatsanleihen bestimmt habe. Offenbar sieht es die EZB als ihre Aufgabe an, die Währungsunion zusammenzuhalten, solange die hoch verschuldeten Staaten nicht ihre Hausarbeiten machen und damit latent die Existenz der Währungsunion gefährden.

Endet diese Politik der EZB, wenn das Corona-Aufkaufprogramm PEPP Anfang 2022 endet? Nein, Jörg Krämer glaubt, dass das Aufkaufen auch danach weitergeht, optisch eben nur über ein andere Vehikel. Die EZB werde dann das „normale“ Kaufprogramm namens APP aufstocken, und zwar von 20 auf 30 bis 40 Milliarden Euro pro Monat. Begründen dürfte sie dies unter anderem mit einer merklich unter zwei Prozent liegenden Inflation. Und ja, so möchten wir von FMW anmerken: So läuft es schon seit Jahren. Die Inflation, die ist einfach zu niedrig, deswegen muss man Billionen an Euros drucken und immer weitere Teile der Anleihemärkte aufkaufen. In Wirklichkeit will man, so nehmen wir es auch an, nur weiterhin gewährleisten, dass Italien, Griechenland, Spanien und Co sich so günstig wie nur irgend möglich immer weiter verschulden können.

EZB kauft mehr Anleihen um Spreads zu senken

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So sichern Sie Ihr Depot optimal ab – Werbung

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Lieber Börsianer,

die Aktienmärkte eilen von einem Rekord zum nächsten. Das Virus wühlt zwar weiterhin, und tatsächlich eilt auch die Anzahl der Covid-Neuinfektionen weltweit von einem Rekord zum nächsten. Wir vertrauen allerdings auf die Kraft des Impfstoffes und sehen die Volkswirtschaften dieser Welt nächstens befreit.

Bei so viel Euphorie beschleicht allerdings den ein oder anderen Börsianer ein ungutes Gefühl. Sie haben also das Bedürfnis Ihr Depot, Ihre Buchgewinne einmal zumindest teilweise abzusichern. Im Folgenden erkläre ich Ihnen, welche drei goldenen Regeln Sie berücksichtigen müssen, damit die Absicherung auch wirklich greift.

Das Absichern oder Shorten eines Depots ist kein Hexenwerk. Allerdings sind wir als Börsianer natürlich eher geeicht auf steigende Kurse und Chancen. Mit anderen Worten: Shorten zählt bei den meisten von uns nicht zur ersten Begabung.

Das sind die drei goldenen Regeln:

– Fassen Sie immer punktuell und kurzfristig zu!
– Definieren Sie Ihren Depotschwerpunkt und vergessen Sie Einzelaktien!
– Legen Sie eine prozentuale Absicherungsquote fest!

Was sagen uns diese Regeln konkret?

Zu 1. Ein Short – ganz gleich ob als Optionsschein, Short-ETF oder Zertifikat – ist kein Pkw-Anschnallgurt, den wir fortwährend zur Anwendung bringen. Erfolgreiches Shorten verlangt eine kurzfristige Marktmeinung. Solche Instrumente kaufen wir immer punktuell und lediglich für wenige Wochen oder Monate. Andernfalls verzichten wir auf Geld und Rendite. Dabei sind weniger die laufenden Kosten eines Short-ETFs oder eines Optionsscheins das Problem. Sondern: Shorts – egal in welcher Form – bringen uns Verluste, wenn der Markt entgegen unserer Prognose doch steigt. Zudem fehlt uns das Kapital für den Short auf der Aktienseite. Zu Deutsch: Ein unsauber gesetzter Short wird schnell zum doppelten Renditekiller.

Zu 2. Das ist offensichtlich: Wenn von 20 Ihrer Depotpositionen 15 aus dem DAX stammen, sichern Sie nicht gegen den S&P 500 oder NASDAQ-Index ab, sondern natürlich gegen den DAX. Als kluger Börsianer kennen Sie den Schwerpunkt Ihres Depots und erwerben dazu passend einen Short. Ganz wichtig: Vergessen Sie…..

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