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USA: Deshalb hat sich dieser „brutale“ Kapitalismus entwickelt

Redaktion

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Von Claudio Kummerfeld

„Wir“ Europäer verabscheuen oft den aus unserer Sicht „brutalen“, „rücksichtslosen“ und „menschenverachtenden“ Turbokapitalismus in den USA. Aber kann es sein, dass unsere subjektive Sichtweise das Problem ist? Um zu verstehen, warum sich in den USA dieser „brutale“ Kapitalismus entwickelt hat, ist ein Blick in die Geschichte notwendig…

USA Börsenbulle nahe Wall Street New York City
Der Bulle symbolisiert steigende Aktienkurse – Statue nahe der Wall Street in New York City.
Foto: Arturo Di Modica; Foto von Andreas Horstmann/Wikipedia (CC BY-SA 3.0)

Der Blick in die Geschichte ist entscheidend

Wer verstehen will, warum sich in den USA der Kapitalismus und das grundlegende Verständnis der breiten Masse der Bevölkerung hierzu völlig anders entwickelt hat als in Europa, muss einen Blick in die Geschichte werfen, und zwar lange zurück in den Zeitraum von 1600-1900. Es gibt einige hochinteressante Bücher, die genau diese Epoche beleuchten, und es ist mehr als empfehlenswert sich dort einzulesen. Ganz bewusst mache ich hier keine Buchempfehlung – da soll jeder selbst entscheiden, was er kauft oder nicht kauft – nur so viel: es lohnt sich eingehend mit dieser Epoche der USA zu beschäftigen, denn jenseits von Bürgerkrieg und Indianerausrottung gab es hochinteressante kaum in der breiten Öffentlichkeit bekannte Teilbereiche der US-Geschichte.

Die „Offensichtliche Bestimmung“ der USA

Streng gläubige Christen, die sich in vielen kleinen Bewegungen zusammenschlossen, merkten Mitte des 19. Jahrhunderts immer mehr, dass sie in einem Europa, dass sich zunehmend von der Religion entfernte, nach und nach zur Randgruppe wurden, um es mal so zu bezeichnen. Diverse Gruppen aus allen Teilen Europas (Oberbegriffe „Evangelikale„, „Calvinisten“, „Puritaner“) machten sich Richtung Amerika auf um dort ihre Religion frei ausleben zu können. In einem relativ (Indianer) menschenleeren Land fanden sich diese streng religiösen Gruppen auf einmal aus meinungsbildende Mehrheit wieder. Obwohl die Staatsgründer der USA Religion und Staat strikt trennten, wurden die streng religiösen Ansichten dieser Gruppen zur unausgesprochenen Staatsraison der USA, die bis heute anhält. Diese Staatsraison wurde im 19. Jahrhundert mit der Bezeichnung „Manifest Destiny“ ausgedrückt.

Manifest Destiny USA
Foto: John Gast / gemeinfrei

Was bedeutet das? Sinngemäß ins Deutsche übersetzt heißt es „Offensichtliche Bestimmung„. Journalisten und religiöse Anführer in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelten diese Doktrin, wonach es die offenkundige göttliche Bestimmung der USA und seiner europäischen Zuwanderer sei, den neuen Kontinent in Besitz zu nehmen, zu bewirtschaften, zu arbeiten, und sich die Tiere und wilde Ureinwohner Untertan zu machen. Bei genauer Betrachtung ist all dies auch in dem Bild von John Gast aus dem Jahr 1872 erkennbar, dass das Manifest Destiny in einem einzigen Bild ausdrücken soll. Die Göttin, die über allem schwebt ist „Columbia“ und stellt als Person die USA dar. Sie zivilisiert und unterwirft die wilden Ureinwohner und bringt mit dem Telegraphendraht den Fortschritt Richtung Westen, und dies alles in Gottes Auftrag. Nicht alle religiösen Einwanderergruppen teilten diese expansive „von Gott gesandte“ Politik. Gruppen wie die Amisch und Quäker kümmerten sich nur um sich selbst, und verweigerten z.B. im Bürgerkrieg und späteren Kriegen vollständig den Dienst an der Waffe. Dies war aber eine zahlenmäßig recht kleine Gruppe.

Gottes Werk

Dieses „Manifest Destiny“ floss in die Selbstdarstellung der neuen Nation USA ein und prägt die Menschen bis heute. Dies sieht man z.B. an der aggressiven und expansiven Herangehensweise in den Bereichen Wirtschaft und Politik. Man muss diese (aus unserer Sichtweise) aggressive Grundhaltung nicht teilen, man kann oder sollte sie sogar kritisieren. Aber sich grundlegend klarzuwerden, dass dies von Geburt an das Grundverständnis dieser Nation war, erleichtert den Blick und das Verständnis auf die amerikanische Herangehensweise in fast allen Themengebieten.

Lloyd C. Blankfein, langjähriger Chef von Goldman Sachs, sozusagen die personifizierte Inkarnation des Bösen für jeden Kapitalismus-Kritiker, sagte 2009 mitten in der Finanzkrise er „verrichte das Werk Gottes„. Es ging um kritische Fragen zu seinem Geschäftsgebaren. Mit „Gottes Werk“ meinte er sei zu verstehen, dass Goldman Sachs unter seiner Führung Firmen helfe an Geld zu kommen und zu wachsen.

Lloyd Blankfein Goldman Sachs USA
Lloyd C. Blankfein, Chef von Goldman Sachs
Foto: Paul Elledge Photography/Wikipedia (CC BY-SA 3.0)

Wenn wir Europäer vom Chef von Goldman Sachs hören er verrichte „Gottes Werk“, lachen wir natürlich herzlich und regen uns darüber auf. Auch in den USA empört man sich über so eine Äußerung, aber deutlich weniger als bei uns. Und warum kommt gerade einem Amerikaner dieses Wortspiel über die Lippen? „Hart zu arbeiten“ und dadurch Gott zu gefallen – dieser tief verwurzelte Glaube aus der Gründerzeit der USA mündet in dieser Aussage, die natürlich in dem heutigen Zusammenhang (Finanzkrise) auch für viele Amerikaner mehr als unangemessen ist.

Durch „harte Arbeit“ Gott gefallen

Was man heute als religiöse Rechte in den USA bezeichnet (Überbegriff „Evangelikale“), waren in der Gründerzeit der USA die Puritaner. Sie glaubten fest an ein „von Gott auserwähltes Volk“, das parallel zur Heilsgeschichte auch in der weltlichen Geschichte dem Rest der Welt Vorbild sein solle. Dazu kam eine Überzeugung auf sich selbst gestellt und nur dem eigenen Gewissen gegenüber verantwortlich zu sein. „Calvin´s“ Interpretation der Bibel entnahmen die Puritaner, dass Arme und Reiche nebeneinander in der Schöpfungsordnung vorgesehen seien (Prädestination).

Erworbenen Wohlstand betrachtete man als „Zeichen der Güte Gottes“, der zu frommer Wohltätigkeit verpflichte. Aus dem Wunsch die Güte Gottes zu empfangen wurde die Grundmaxime der „harten Arbeit“ in den USA. Viel arbeiten, hart arbeiten, möglichst viel Geld verdienen, zu Wohlstand kommen, um so Gott zu gefallen.

Oft hört man von US-Präsidenten, Parlamentariern oder Promis in den USA den Ausspruch „hart arbeitende Amerikaner„. Bevor ich mich mit der Geschichte der USA vor dem 1. Weltkrieg eingehend beschäftigt habe, dachte ich immer „was meinen die immer alle mit „hart arbeitende Amerikaner“? Chinesen, Deutsche und Russen arbeiten ja auch hart ?! Aber dieser Ausspruch spiegelt das vorher beschriebene tief in der amerikanischen Gesellschaft verwurzelte Ideal wieder… „viel arbeiten, viel Geld machen ist grundlegend positiv und gottgefällig – arm zu sein das Gegenteil“.

Eine andere Art zu leben

Sollten wir Europäer, die wir doch alles besser wissen, nicht mal einen Schritt zurücktreten und nicht ständig alles kritisieren, was uns nicht passt? Wir erachten es als asozial, wenn Asiaten Hunde essen, genau so finden wir es menschenverachtend, wenn die Turbo-Kapitalisten in den USA mal eben so aus Gründen der Gewinnmaximierung zehntausende Arbeiter entlassen, nur weil die Quartalszahlen eines Konzerns nicht stimmen. Andersrum könnten aber Menschen in der dritten Welt uns als asozial empfinden, weil wir Deutschen unsere Hunde teilweise besser behandeln als unsere Mitmenschen. Reine Ansichtssache, oder? Die Amerikaner wählen alle vier Jahre ihre Regierung. Auch wenn das Wahlrecht in den USA es schwierig macht, aber wenn die Amerikaner die „ausbeuterischen“ Verhältnisse in ihrem Land nicht mehr ertragen könnten, hätte sich dort nicht längst eine linke Massenbewegung etabliert ähnlich wie die Linken oder Grünen bei uns, die in einzelnen Bundesstaaten den Gouverneur stellen oder sogar einen Senator nach Washington entsenden könnten? Passieren tut dies aber nicht, oder nur in sehr geringem Umfang. Nicht nur die Elite, sondern in der Tat die breite Masse der Bevölkerung hat ein ganz anderes Grundverständnis von Geld als „wir“ in Europa. Es ist ein Streben nach Erfolg und Wohlstand, das sich aus dem ehemals evangelikalen Streben ableitet von Gott gefallen zu wollen. Im Lauf von 200 Jahren, so scheint es zu sein, hat sich diese Auslegung von Frömmigkeit gegenüber Gott zu dem entwickelt, was wir heute als Turbokapitalismus in den USA bezeichnen.


11 Kommentare

11 Comments

  1. Avatar

    Edna

    4. Juni 2015 11:29 at 11:29

    Es ist völlig hirnrissig die Brutalität des Kapitalismus in den USA mit dem Glauben zu begründen!
    Erzählen sie das bitte einem langjährigen Mitarbeiter, der kurzfristig gefeuert wird und seine Familie nicht mehr ernähren kann.

    Die USA sind heute eines der wohl multikulturellsten Länder der Welt – und säkularisiert, soweit ich weiß. Glauben hat also nichts in den Gesetzen zu suchen, die entscheiden wie Menschen miteinander umgehen möchten.

    Abgesehen davon geht das auch im christlichen Sinne gegen die Nächstenliebe.

    Dass die Menschen nicht darauf reagieren, hat mit der durch Medien gebildeten Meinung zu tun, dass jeder für sein Glück verantwortlich ist. Dass heißt im Umkehrschluss aber nicht, dass man rücksichtslos handelt.

    Die USA arbeiten intensiv mit medialer Propaganda, die die öffentliche Meinung in ihre Richtung lenkt. Wie zum Beispiel im Falle der letzten Kriege der USA. Doku: https://www.youtube.com/watch?v=J_souEi9gaE&list=PLPb-dBJCkKiNmZPmWSDmKGt5ofP5ErC2T&index=9

    • Avatar

      joah

      4. Juni 2015 12:00 at 12:00

      Viele Dinge rühren aber aus dem „Glauben“ (Religionen) her, bishin zu den heutigen Rechtssystemen, welche natürlich dann außerhalb des Glaubens, jedoch auch immer wieder unter zu Hilfenahme derer wieder erweitert beziehungsweise verfeinert wurden. Glaube und Gesetz – damals als Gebote bezeichnet – gehören geschichtshistorisch eben sehr eng zusammen, auch wenn man es immer wieder gern getrennt sehen will.

      Sicherlich dient auch das zu harte Streben nach etwas in Ausprägung durch Exzesse (Manipulation, Betrug, Massenentlassung, Wahlbetrug, Kriege, Völkerrechtsbrüche, etc.) dieser Doktrin, jedoch anscheinend eher nicht mehr im ursprünglichen Sinne. Man könnte also behaupten, dass die Vernunftkomponente darin untergegangen ist.

      Was Propaganda und Manipulation angeht: das gab es schon seit hunderten Jahren – es gibt aber immer einen der sie ausführt, jedoch einen noch Schwachsinnigeren, der sie glaubt. Das ist das eigentliche Problem.

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      admin

      4. Juni 2015 13:41 at 13:41

      Hallo Edna, danke für den Kommentar. Ich bin auch nicht allwissend und höre mir gerne alles an!

      Wie ich im Artikel auch schrieb, haben ja schon die Gründerväter die Trennung von Staat und Kirche vorgesehen. Wie ich im weiteren Verlauf meines Artikels schrieb, hat sich nach meiner Ansicht dieser puritanische Grundgedanke nach und nach entwickelt zu dem, was wir heute als Turbokapitalismus bezeichnen. Das soll ja nicht bedeuten, dass die Amerikaner von heute genau so denken wie die vor 200 Jahren, sondern dass eine Grundidee von Generation zu Generation weitergegeben wurde, unausgesprochen, aber als inoffizielle Staatsraison,.

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        Ralle

        4. Juni 2015 19:41 at 19:41

        Hallo admin,

        ich denke, jegliche Begründung, durch Religion oder Glaube, für wirtschaftliche Ausbeutung, ist spätestens seit K. Marx obsolet und mindestens seit Kant oder Hegel hirnrissig und rückwärtsgewandt!
        Genau diese Lebensregeln haben Preußen in den Abgrund und Deutschland fast ins Jenseits gestoßen!
        Arbeit, Ordnung, Pünktlichkeit und unabdingbarer Fleiß – watt ´nen Schxxß!
        Das Ergebnis in VSA wird das gleiche wie 1945 in GoG sein! –> Zusammenbruch, historische Schuld, hysterische Aufschreie für jeden Vorwurf dieser – schlußendlich ein DEBAKEL!

        Überdenkt bitte, aus was diese „Nation“ erwachsen ist – aus „Pilgervätern“, „Prostituierten“ und verurteilten Kriminellen – die Passagiere der Mayflower!

        … und jetzt versuchen sie, auf verschiedenen Wegen – wieder einmal, die Menschheit zu beglücken – in dem sie diese in den Abgrund des „Strahlentodes“ schicken werden! vG Ralf

        • Avatar

          joah

          5. Juni 2015 00:44 at 00:44

          Es gibt einen fundamentalen Unterschied in der Bedeutung des Wortes „Begründung“ und „Grund“ – die Vermischung haben einzig und allein Sie betrieben, denn darin die Begründung zu sehen, ist eine deutlich weiterführende Interpretation (zu weit).

          Was Karl Marx angeht: erst lesen, dann in Zeit- sowie Wirtschaftskontext setzen und schlussendlich zu Gedanken führen. Zu viele Fehlinterpretationen werden auf diesem Gebiet begangen.

          Auch wenn derzeit diverse Kritizitäten heraufbeschwört versucht zu werden (in anderen Kommentaren meinerseits erwähnte Exzesse –> Ende eines Systems), so sind Ihrerseits weitere Anmerkungen eher als wirr zu bezeichnen – „nomen est omen“ anhand Ihres selbst gewählten Nicknames.

  2. Avatar

    joah

    4. Juni 2015 11:49 at 11:49

    Sehr guter Artikel, der mein Wissen wieder mal ein Stück erweitert und mir gleichfalls wieder ein paar „Rechercheaufträge“ erteilt hat. Danke dafür

    Eine kleine Anmerkung aus meiner Sicht:
    Die eigentliche Maxime (Streben nach Gottgefallen) hat sich die USA aber leider genau mit diesem Verhalten in vielen Bereichen der Bevölkerung schon sehr deutlich abgewandt und damit den ursprunglichen Gedanken schon sehr hart abgewandelt. Ist davon ausser dem Streben überhaupt noch die „Gott-Komponente“ enthalten? Dies äußert sich mMn nach gerade in diesen Entlassungsexzessen, wohingegen die Manager sich selbst zu deutlich in die eigene Tasche schaufeln, etc. pp.. Ich würde eher sagen, das sie ihren ureinstigen Leitfaden schon verloren haben.Leider.

  3. Avatar

    Fabian Brändle

    4. Juni 2015 12:19 at 12:19

    Sehr geehrter Herr Kummerfeld

    Ein sehr guter, kompakter Artikel,. ich danke Ihnen sehr für diese „weberianische“ Sicht der Dinge!

    Darf ich Sie freundlich um einen Buchtipp bitten?

    mit besten Grüssen aus der Schweiz

    Fabian Brändle

    • Avatar

      admin

      4. Juni 2015 13:37 at 13:37

      Hallo Herr Brändle, danke danke!
      Auch wenn ich keinen Buchtipp geben wollte… weil sie so nett gefragt haben :-)

      „Die USA vor 1900“ von Willi Paul Adams

  4. Avatar

    zrt

    4. Juni 2015 13:34 at 13:34

    Ich musste öfter lachen, während ich das obige Märchen gelesen habe.

    Columbia, die heidnische Gottheit, die im besten Freimaurer-Manier die Erleuchtung bringt. Das hat mit Christen schon gar nichts zu tun, sondern mit unseren heutigen Technokraten, den ur-Enkeln der damaligen.

    Kapitalismus (= frei, echt) gab es in den USA schon seit Lincoln-Mord nicht mehr, da die Nation seither beinahe ununterbrochen unter Notstandsgesetzen regiert wird, von einer relativ kleinen Gruppe Oligarchen.

    Die Verfassung der USA und das ursprüngliche System waren und sind super, nur haben die dort schon lange keine funktionierende Justiz und werden quasi per Verordnung regiert. Mit Demokratie oder der ursprünglichen Republik hat das gar nichts mehr zu tun.

    Das gleiche wie überall eben, nur dass sie mit größeren Keulen spielen.

    • Avatar

      joah

      4. Juni 2015 23:05 at 23:05

      Das die Verfassung „außer Kraft“ gesetzt wurde (eigentlich nicht), liegt daran, das die Leute kein Rechtsverständnis haben (wollen). Es ist den Leuten eben sehr schwer zu erklären, das ein Unterschied zwischen den „United States of America“ (= Staatenverbund, Gebietsentität) und den „UNITED STATES OF AMERICA“ (= Institution, juristische Person) besteht – ähnliches, abgewandeltes Spiel in unseren Landen. Die Verfassung gilt und ist gültig, da sich alle jedoch rechtlich in der Institution befinden, darin nicht. Deswegen gelten Firmenstatute und dort gilt: „top-down“ + „Schnauze halten, sonst Problem!“. Wer es verstanden hat, kann den Weg nach draußen finden und sich nur noch „Schnittstellen“ ins System verschaffen – ansonsten unabhängig sein.

      Wenn Sie den Rest als Notstandsgesetze ansehen, dann schauen Sie doch in unsere Regulatorien – kurzum: hier in Deutschland/BRD sieht es noch katastrophaler aus, oder glauben Sie, das die BRD eine Verfassung hätte?

  5. Avatar

    khaproperty

    4. Juni 2015 19:06 at 19:06

    Es gibt keine Brutalität im kapitalistischen System, denn ihm ist jede menschliche Regung fremd, was seine Stärke ausmacht, weil damit – jedenfalls ohne die unegale Einmischung gefühliger Menschen mitsamt ihrer überaus schädlichen sogenannten Moral – Verläßlichkeit verbunden ist, die ebendieses System erst zuverlässig funktionieren ließe, es zum brauchbaren Instrument zum Nutzen der Menschen werden läßt.

    Alles weitere zu diesem Thema ist weitgehend dem Mystizismus von Gefühl, Meinung und Entrüstung zuzuordnen – und daher kaum sachlich erörterungsfähig.

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Daniel Stelter: Buchauszug über konkrete Lösungsansätze zur Coronakrise

Claudio Kummerfeld

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Typisches Bild in der Coronakrise

Diese Woche hat sich die Bundesregierung dazu entschieden, dass man die betroffenen Betriebe des zweiten Lockdowns im November mit einer Umsatzausfallzahlung unterstützen wird, und nicht mit Krediten. Genau diese jetzt beschlossene Maßnahme hatte der Buchautor und anerkannte Wirtschaftsexperte Daniel Stelter (hier finden Sie seine Webseite) schon vor Monaten im Detail erläutert und vorgeschlagen. An dieser Stelle drucken wir mit freundlicher Genehmigung einen Auszug seines hochinteressanten Buches Coronomics: Nach dem Corona-Schock: Neustart aus der Krise ab, welcher im „Campus Verlag Frankfurt/New York“ erschienen ist. Absolut empfehlenswert, nehmen Sie sich die Zeit!

Künstliches Koma für die Wirtschaft

Es mangelt nicht an Programmen, die Notenbanken und Staaten weltweit ankündigen, um die wirtschaftlichen Folgen der Corona-Pandemie aufzufangen. Dabei kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass die Verantwortlichen die gewaltigen Schäden zwar erahnen und entsprechend großzügig und kämpferisch agieren, zu- gleich aber nicht so richtig wissen, wo sie ansetzen sollen. Einen Vorwurf kann man ihnen daraus nicht machen, ist es doch eine für uns alle neue Situation. Zwar gibt es die Lehren aus der Finanzkrise, doch diese passen nicht. Heute genügt es nicht, die Bilanzen der Banken zu sanieren – durch Kapitalzuschuss, durch Manipulation der Vermögenspreise nach oben und durch Schönen der Bücher. Stattdessen muss man echte Einnahmen ersetzen. Das ist ungleich schwerer zu organisieren und vor allem ungleich teurer.

Die Politik setzt auf Liquiditätshilfen

Die Politik setzt nicht nur in Deutschland auf Liquiditätshilfen. Als ich diese Zeilen schrieb, war Folgendes angekündigt:1

• Ein Hilfspaket von 50 Milliarden Euro für Soloselbstständige und andere Kleinstfirmen. Selbstständige und Unternehmen mit bis zu fünf Beschäftigten erhalten bis zu 9000 Euro, Selbstständige und Unternehmen mit bis zu zehn Beschäftigten erhalten bis zu 15000 Euro. Außerdem erhalten Selbstständige leichter Zugang zur Grundsicherung (Hartz IV), wobei die Vermögensprüfung für sechs Monate ausgesetzt wird.
•Anpassung der Kurzarbeiterregelung: Betroffene Unternehmen können Lohnkosten und Sozialabgaben von der Bundesagentur für Arbeit bezahlen lassen. Leiharbeitnehmer sind künftig einge- schlossen und es müssen nur zehn Prozent der Beschäftigten von Kurzarbeit betroffen sein, damit die Regelungen greifen. Zugleich wird eine Anhebung des Kurzarbeitergeldes diskutiert.
• Unbegrenztes »Milliarden-Schutzschild« für Betriebe und Unternehmen. Über ihre Hausbanken erhalten Unternehmen Zugang zu Krediten und Bürgschaften der staatlichen Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Dazu gründet der Staat einen »Wirtschaftsstabilisierungsfonds«, der 400 Milliarden Euro für Bürgschaften und 100 Milliarden Euro für »Kapitalmaßnahmen«, also direkte staatliche Beteiligungen, umfasst.
•Steuerstundungen auf Antrag, wenn Unternehmen »unmittelbar vom Corona-Virus betroffen sind«. Bis Ende des Jahres 2020 wird auf Vollstreckungsmaßnahmen und Säumniszuschläge verzichtet. Auch die Voraussetzungen, um Vorauszahlungen von Steuerpflichtigen anzupassen, werden »erleichtert«.

Abgesehen von den Direkthilfen für Kleinunternehmen und Selbstständige handelt es sich um Liquiditätshilfen in Form von Krediten und Staatsbeteiligungen. Diese laufen über die Hausbanken der Unternehmen, die die Finanzlage am besten kennen. Die Banken müssen jedoch bei der Vergabe der Kredite, die sie von der KfW durchreichen, darauf achten, dass der Schuldner kreditwürdig ist. Dies auch, weil sie zehn Prozent der Summe aus eigenen Mitteln ausreichen müssen. Die Folge: Es häufen sich die Probleme mit der Kreditvergabe, weil die Sicherheiten und die Ertragskraft der Unternehmen nicht ausreichen. Die Banken forderten deshalb schon Anfang April 2020 eine völlige Freistellung von den Risiken.2 Dies zu Recht, haben wir doch bereits gesehen, dass das europäische Bankensystem – und auch die deutschen Banken – durch Finanzkrise und Nullzinspolitik nachhaltig geschwächt sind.

Doch was bedeutet es, wenn Banken keine Kredite vergeben wollen, obwohl sie nur zehn Prozent des Risikos tragen sollen? Es bedeutet, dass die Banken es für äußerst unwahrscheinlich halten, dass die Unternehmen in der Lage sind, die Kredite zu bedienen. Wenn nun der Staat die Risiken zu 100 Prozent übernimmt, ändert das nichts am eigentlichen Kernproblem der Maßnahmen. Diese laufen darauf hinaus, dass die betroffenen Unternehmen Schulden machen und im Extremfall den Staat als stillen Eigentümer bekommen. Nicht selten dürften die Schulden den Unternehmer überlasten. Und wer hat schon gern den Staat als Eigentümer? Deshalb ist die rationale Entscheidung jedes Unternehmens, diesen Punkt so weit wie möglich zu vermeiden. Dies bedeutet: Kosten senken, so schnell es geht, also Entlassungen und Auftragsstornierungen, was den Abschwung verstärkt. Anders als es die Schlagzeilen zu den großen Beträgen suggerieren mögen, wirkt das Programm nicht, wie es sollte.

Ein Systemwechsel als unvermeidliche Folge?

Hinzu kommt, dass die staatliche Rettung, wenn sie in dieser Form organisiert wird, unsere Wirtschaftsordnung massiv verändert. Wir beschreiten einen Weg zu einer immer stärker staatlich dominierten Wirtschaft, was nur umso wahrscheinlicher wird, je länger die Krise andauert und je tiefer der Einbruch der Wirtschaftstätigkeit ist. Nicht wenige Beobachter sehen darin einen guten Weg, weil es ja nur richtig sei, dass der Staat als Gegenleistung für seine Hilfe einen Anteil an Unternehmen bekommt. Dabei wird gern auf die Finanzkrise Bezug genommen und angemerkt, dass es nur so möglich sei, sicherzustellen, dass wir nicht wieder eine Situation haben, in der wir Gewinne privatisieren und Verluste sozialisieren.

Diese Logik hinkt aber. Während die Unternehmen, die in der Finanzkrise in Schwierigkeiten gerieten, diese selbst zu verantworten hatten, ist es diesmal eine Krise, die alle unschuldig trifft, wenn auch unterschiedlich. Sollte hier nun der Staat zu einem wichtigen Akteur werden, so hat dies erhebliche negative Folgen:3

• Der Staat wird vor allem Großunternehmen helfen, einfach schon aus Effizienzgründen. Dabei ist das Rückgrat der deutschen Wirtschaft der Mittelstand. Diesem muss geholfen werden, und wenn dies über Kredite erfolgt, schwächt das die Unternehmen auf Jahre.
• Wettbewerbsverzerrungen sind ebenfalls zu erwarten. Unternehmen mit Staatsbeteiligung werden einen Vorteil gegenüber jenen haben, die mit eigenen Mitteln versuchen, über die Runden zu kommen. Damit werden diejenigen bestraft, die eigene Mittel in ihren Unternehmen einsetzen. So dürften die Finanzierungskosten der Unternehmen mit Staatsbeteiligung dauerhaft unter jenen der freien Wirtschaft liegen.
•Der Staat muss seine Beteiligungen kontrollieren und managen. Man darf skeptisch sein, ob es gelingt, ausreichend qualifizierte Beamte und Politiker für diese Aufgabe zu finden.
•Aus der Finanzkrise wissen wir – siehe Commerzbank –, dass es Jahrzehnte dauern kann, bis der Staat wieder aussteigt. Es droht ein Postenparadies für Politiker, was weder gut für die Unternehmen ist noch dafür spricht, dass sich der Staat schnell wieder zurückzieht.
• Auch droht der Erhalt von Unternehmen, die ohnehin keine Zukunft haben. Entweder weil sie schon vor der Corona-Krise nur dank Nullzinspolitik lebensfähig waren oder aber weil in der neuen Welt nach Corona ihre Dienstleistungen und Produkte nicht mehr wie zuvor nachgefragt werden. Ökonomen sprechen bei solchen Unternehmen von »Zombies« und der starke Anstieg des Anteils solcher Unternehmen wird als eine Ursache des Rückgangs der Produktivitätsfortschritte in den letzten Jahren gesehen.4 Eine weitere »Zombifizierung« würde das noch verstärken und so das künftige Wachstum hemmen.

Was droht, ist ein Systemwechsel durch die Hintertür. Die Öffentlichkeit steht – so zumindest das Stimmungsbild Anfang April 2020 –, hinter diesen Maßnahmen. Ohnehin zeigten Umfragen schon weit vor Corona, dass sich die Bürger eine größere Rolle des Staates wün- schen.5 Politiker träumten vom »demokratischen Sozialismus« und Enteignungen sowie Verstaatlichungen zur Verwirklichung einer »gerechten Gesellschaft«.6 Nun scheinen wir auf dem besten Weg in diese Richtung zu sein.

Hierin liegt eine enorme Gefahr, denn die Nebenwirkungen wären erheblich: zunehmende Konzentration und weniger Wettbewerb, Bevorzugung von Großunternehmen, staatliche Einflussnahme statt betriebswirtschaftlicher Effizienz. Kurzgefasst, ein Weg, der zwangs- läufig weniger Wachstum und damit Wohlstand bedeutet. Wir sollten einen anderen Weg gehen.

Ein künstliches Koma wäre die Lösung gewesen

Damit kommen wir zu der Frage, was denn zu tun wäre, um die Krise zu dämpfen und die Wiederholung der Großen Depression zu vermeiden. Die Maßnahmen müssen meiner Meinung nach am Existenzproblem der Unternehmen ansetzen, und zwar beginnend beim Einzelunternehmer und bis hin zum Weltkonzern. Das zeigt bereits, wie schwierig es für die Politik ist, sind doch Rettungsaktionen für große Unternehmen viel leichter zu organisieren als für viele kleine Unternehmer. Da kann es gut sein, dass die Hilfe zu spät kommt. Im März 2020 erklärte ich in verschiedenen Beiträgen, wie wir es machen könnten:7 Die Wirtschaft müsste in ein künstliches Koma versetzt werden. Aus der Medizin kennen wir das: »Ein künstliches Koma ist eine lange Vollnarkose, die über Tage – in seltenen Fällen über Wochen – eingesetzt wird. Mithilfe von Narkose- und Schmerzmitteln wird der Patient kontrolliert in einen Zustand versetzt, in dem Bewusstsein und Schmerz ausgeschaltet sind.«8 Bezogen auf die Wirtschaft würde das bedeuten, dass wir für eine bestimmte Zeit alles einstellen: Lohnzahlungen, Mieten, Zinszahlungen. Wir täten einfach so, als würde ein Quartal ökonomisch nicht stattfinden. Es gäbe keine Umsätze, aber es gäbe auch keine Verpflichtungen.

Beispiel Miete: Der Betreiber eines Kaffees kann die Miete nicht mehr bezahlen, weil er geschlossen hat. Der Vermieter verzichtet auf die Miete und im Gegenzug muss er keine Zinsen und keine Tilgung bezahlen und die Bank wiederum keine Löhne und keine Zinsen. Wir stellen alles ein und in drei Monaten – wenn wir annehmen, dass das Koma solange andauert – fangen wir dort an, wo wir aufgehört haben, und tun so, als hätte es die Zeit dazwischen nicht gegeben.

In diese Richtung ist die Bundesregierung gegangen, aber eben nur ein bisschen. So darf Mietern nicht gekündigt werden, wenn sie, bedingt durch den Kampf gegen COVID-19, ihre Mieten zwischen dem 1. April und dem 30. Juni nicht bezahlen können. Die Miete wird bis zum Juni 2022 gestundet. Eine Stundung ist allerdings nichts anderes als eine Art Zwangskredit des Vermieters und damit auch keine völlige Entlastung des Mieters. Zudem fehlt eine korrespondierende Entlastung des Vermieters, der ja ebenfalls finanzielle Verpflichtungen hat, beispielsweise für Zins und Tilgung. Um die Banken zu schonen, wird hier einseitig die Last auf die Vermieter verlagert, die – entgegen der allgemeinen öffentlichen Wahrnehmung – nach Berechnungen des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) meist mit geringen Renditen von ein bis zwei Prozent arbeiten.9

Das künstliche Koma wie oben beschrieben geht offensichtlich nur in der Theorie. In der Praxis haben wir keinen kompletten Shutdown der Wirtschaft, wir haben echte Ausgaben – zum Beispiel für Nahrungsmittel – und viele Menschen haben unabhängig von der Wirtschaftslage ein Einkommen, so Rentner.

Deshalb müssen wir uns mit den Maßnahmen in der Praxis so nah wie möglich an den Zustand des künstlichen Komas annähern. Für Menschen, die aufgrund des Virus weniger oder keine Einnahmen haben, muss es einen Ausgleich geben, der wirtschaftlich dem Gedanken des künstlichen Komas am nächsten kommt. Dieser Ausgleich muss dafür sorgen, dass es nach der Komaphase keine Schmerzen mehr gibt. Also auch keine zusätzlichen Verpflichtungen, die vor dem Koma nicht bestanden haben. Ich wiederhole es nochmals: Es muss so sein, als hätte es diese Monate nicht gegeben. Wenn nun von der Politik Liquiditätshilfen in Form von Darlehen oder direkten Beteiligungen des Staates an Unternehmen an- geboten werden, ist diese Bedingung nicht erfüllt. Wenn die Betroffenen nämlich aus dem Koma erwachen, sehen sie sich mit finanziellen Lasten konfrontiert, die sie vorher nicht hatten und die sie oftmals nicht abtragen können. Gerade Restaurants, Hotels, Reiseveranstalter und Kinos – um ein paar Beispiele zu nennen – können den verlorenen Umsatz nicht wieder wettmachen. Ein Auto mag man ein paar Monate später kaufen, aber in das Restaurant geht man nicht doppelt oder dreimal so häufig, um frühere Mahlzeiten nachzuholen.

Staatliche Umsatzausfallzahlung

Wir müssen also als Gesellschaft den Umsatzausfall ersetzen. Die künftigen Umsätze kennen wir nicht, aber wir kennen die Steuerzahler Deutschlands. Getrost dürfen wir davon ausgehen, dass nur Steuerzahler von dem Einbruch der Wirtschaft getroffen sind.
Dabei haben wir die folgenden verschiedenen Gruppen von Steuerzahlern auf Einkommen:

•Bei Arbeitnehmern wird die Lohn- und Einkommensteuer direkt an der Quelle abgezogen. Tritt Arbeitslosigkeit ein, wird Einkommen durch Sozialleistungen aufgefangen. Weitere unternehmerische Verpflichtungen sollten hier nicht bestehen, nur eventuelle private finanzielle Verpflichtungen aus Krediten.10 Hier wäre es denkbar, dass wir pauschal die Arbeitslosengelder und die Kurzarbeiterzahlungen (bereits teilweise geschehen) deutlich erhöhen. Diese sollten ab Tag eins gezahlt werden.
• Im Fall von Selbstständigen und Unternehmen, die Einkommensteuer zahlen, sind die Einkünfte der vergangenen Jahre bekannt. Das Finanzamt kennt diese aus den Steuererklärungen der vergangenen Jahre. Hier sollte das Finanzamt in jedem Monat, den die Komaphase andauert, einen Betrag in Höhe von einem Zwölftel des Jahresumsatzes des letzten verfügbaren Jahres auf das Konto des Unternehmens überweisen.
•Bei Unternehmen, die Körperschaftsteuer zahlen, wird genauso vorgegangen. Auch sie bekommen den geschätzten entgangenen Umsatz gutgeschrieben.

Entscheidend ist, dass dies ohne Antrag und ohne Bedürftigkeitsprüfung erfolgt. Alle werden so gestellt, als wäre nichts passiert. Im kommenden Jahr müssen dann alle Bürger, die Zahlungen vom Staat erhalten haben, dem Fiskus ihren Geschäftsverlauf des Jahres 2020 erklären. Davon ausgehend würden sich die folgenden Zahlungsverpflichtungen der Empfänger ergeben:

•Entspricht der erzielte Umsatz – inklusive der erhaltenen Umsatzausfallzahlungen des Staates – dem Umsatz im Jahr 2019, so behält der Empfänger die Zahlung und versteuert den sich ergebenden Gewinn.
•Liegt der erzielte Umsatz – inklusive der erhaltenen Umsatzausfallzahlungen – über dem Niveau von 2019, so ist der Teil der Ausfallzahlungen zu erstatten, der nicht erforderlich war, um das Umsatzniveau 2019 zu halten.
•Wenn ein Unternehmen einen Teil oder den gesamten Umsatzausfallzuschuss des Staates behält, darf der Gewinn ebenso wie der Umsatz nur auf dem Niveau des Vergleichsjahres liegen. Er- zielt ein Unternehmen einen höheren Gewinn, so wird die Differenz zu 100 Prozent besteuert. Damit gibt es auch einen Anreiz, Mitarbeiter nicht zu entlassen.

So oder so ist in diesem Modell der Umsatz auf dem Niveau von 2019 garantiert. Unternehmer können die Erstattung der Umsatz- ausfallzahlung umgehend leisten, wenn sie nicht auf die Zahlungen angewiesen sind; spätestens bei Abgabe der Steuererklärung für das Jahr 2020 wären die unnötig zugeflossenen Gelder zurückzuzahlen. Die Politik könnte auch einen Anreiz geben, unnötige Umsatzausfallzahlungen sofort zurückzuzahlen, zum Beispiel, indem bei Rückzahlung innerhalb eines Monats ein Skonto gewährt wird. Der Vorteil einer solchen Vorgehensweise liegt auf der Hand: Sie wirkt wirtschaftlich wie das Koma, ist einfach umzusetzen und kann im Nachhinein, wenn die Krise überwunden ist, korrigiert werden, indem jene, die die Zahlung des Staates nicht benötigen, den entsprechenden Betrag nach Abgabe der Einkommensteuererklärung erstatten müssen.

Wäre das gerecht? Im Einzelfall vielleicht nicht, in der Summe schon. Natürlich mag es Unternehmen geben, die auch ohne Corona einen Umsatzrückgang erlebt hätten. Es wird auch Fälle geben, in denen das Geld verloren ist, weil die Empfänger die Zahlungen falsch verwenden. Die korrespondierenden Beträge dürften aber relativ zum Gesamtvolumen vernachlässigbar sein. Ebenso mag die Gefahr bestehen, dass einzelne Empfänger sich über die Zahlung freuen und gar kein Interesse daran haben, zu arbeiten. Dies dürften aber vor allem Solo-Unternehmer sein – und auch diese nur in begrenzten Umfang. Unternehmer mit Angestellten und Infrastruktur – Büroräume oder Ladengeschäft – werden ei- nem solchen Modell nicht folgen, weil sie andernfalls ihr Unternehmen nachhaltig gefährden würden. Außerdem wäre der Gewinn auf dem Niveau von 2019 gedeckelt. In der Summe also ein vernachlässigbarer Punkt.

Kritiker dieses Vorschlags bemängelten, es sei nicht gut, den Unternehmen auch noch den Gewinn zu garantieren. Dieser Einwand kam von Nicht-Unternehmern, die meist keine Vorstellung davon haben, wie gering die Margen und Gewinne der meisten Selbstständigen sind. Wir haben das Beispiel des Restaurants aus Berlin gesehen. Bei einem Umsatz von rund 500 000 Euro im Jahr und immer- hin 13 Mitarbeitern bleiben den zwei Eigentümern nach Steuern jeweils nur rund 25000 Euro in der Tasche. Das ist wahrlich kein hohes Gehalt, wenn man an die erheblichen persönlichen Risiken (Haftung für Miete etc.) und die langen Arbeitszeiten denkt. Hier zu helfen, ist aus meiner Sicht gerechtfertigt.

Der entscheidende Vorteil ist, dass jedes Unternehmen weiß, welchen Umsatz es inklusive der staatlichenÜberweisung erzielt. Niemand muss sich Sorgen machen, zu viele Schulden anzuhäufen, niemand damit rechnen, dass sein Eigentum auf den Staat übergehen könnte. Vor allem ist das Verfahren unbürokratisch und transparent. Die Mitarbeiter des Finanzamts müssten sich für die Dauer der Krise auf diese Aufgabe konzentrieren.

Wir reden von einem theoretischen Maximalbetrag von 25 Prozent des deutschen BIP des Jahres, wenn wir davon ausgehen, dass die wirtschaftliche Aktivität drei Monate lang komplett brachliegt. Dem wird aber nicht so sein, weshalb wir eher mit einer Größenordnung von zehn Prozent des BIP rechnen sollten. Selbst bei 25 Prozent stiege die Verschuldung des deutschen Staates auf die Größenordnung von 90 Prozent des BIP. Dieser Satz liegt weit unter dem Niveau, das die meisten anderen EU-Staaten schon vor dem Corona-Schock zu verzeichnen hatten.

Ein »gedankliches Koma« ist effektiv und effizient

Wir haben verschiedene Probleme, die sich gegenseitig verschärfen und in der Summe zu einem sich verstärkenden Abschwung führen. Die Unternehmen wissen nicht, wie heftig und wie lange sie unter der Krise leiden werden. Sie wissen nicht, ob und wie die Hilfe des Staates wirkt, und sie fürchten die längerfristigen Konsequenzen. Wer künftig Schulden tilgen oder den Staat als Miteigentümer los- werden müsste, der setzt alles daran, erst gar nicht in diese Situation zu kommen, sondern sie zu verhindern. Also baut er Kosten um jeden Preis ab, und das verstärkt die Krise. Der Komaansatz ist im Vergleich damit besser.

Die kurzfristige Finanzierung der mit dem Komaansatzverbundenen Ausgaben ist im heutigen Nullzinsumfeld gar kein Problem. Die Bundesregierung dürfte die Gelder umsonst bekommen oder gar daran verdienen. Die langfristige Finanzierung sollten wir im Zusammenhang mit der Eurozone klären.

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Allgemein

Coronakrise: Die wirtschaftlichen Folgen des Lockdown

Markus Fugmann

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Die Coronakrise geht durch den „differenzierten Lockdown“ (O-Ton Markus Söder) in eine zweite Runde. Zwar erlebte die Wirtschaft nicht nur in Deutschland im 3.Quartal eine deutliche Erholung, aber mit den zunächst für November verfügten Maßnahmen kehrt die Coronakrise mit voller Wucht zurück. Das trifft bekanntlich die schon der ersten Welle betroffenen Branchen (Touristik, Veranstaltung, Gastronomie etc.) besonders hart – da werden auch Kompensationszahlungen der Bundesregierung nur wenig daran ändern.

Coronakrise – nach der vermeintlichen „V-Erholung“ der 2. Lockdown

Haben wir zuvor wirklich eine V-Erholung gesehen? Nicht wirklich, sagt etwa Clemens Fuest, Präsident des ifo Instituts – denn die V-Erholung in den Daten war wesentlich geprägt von der Hoffnung auf Besserung, also der Erwartungs-Komponente: Firmen werden befragt, ob es schlimmer, gleichbleibend oder besser wird. Wenn aber die Dinge schon extrem schlecht sind, sei es fast schon „mechanisch“, dass eine Besserung erwartet werde.

Was aber bedeutet nun der neue Lockdown? Fuest verweist auf die Studien, die zeigen, dass schnelle restriktive Maßnahmen zwar der Wirtschaft zunächst schaden, dann aber durch die bessere Beherrschung der Pandemie zu einer schnelleren und kräftigeren Erholung führt als in Ländern/Regionen, in denen solche Maßnahmen nicht ergriffen werden. Das gilt etwa cuh für Schweden: dort war in Gefolge der ersten Welle der Coronakrise die Wirtschaft trotz der weniger restriktiven Maßnahmen deutlich stärker eingebrochen als etwa in Norwegen, bei gleichzeitig sehr viel mehr Opfern in Schweden.

Clemens Fuest fasst in folgendem Vortrag die wirtschaftlichen Folgen der Coronakrise gleichsam kompakt und kompetent zusammen:

Die Coronakrise und die wirtschaftlichen Folgen des Lockdown

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Aktien

Experte Andre Stagge über die Tech-Zahlen, US-Wahl und EZB

Claudio Kummerfeld

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Der Tradingexperte Andre Stagge (hier mehr zu seiner Person) bespricht im folgenden Video mehrere aktuelle Börsenthemen. Vermutlich wird die EZB ab Dezember aktiver werden in Sachen Rettungsmaßnahmen. Gestern Abend haben die vier großen Tech-Konzerne Apple, Google, Amazon und Facebook ihre Quartalszahlen veröffentlicht. Andre Stagge weist darauf hin, dass alle vier zwar die Erwartungen bei Umsatz und Gewinn übertroffen haben – und er geht auf die Gründe ein, warum die Aktien nachbörslich nicht entsprechend positiv reagierten. Auch wirft Andre Stagge einen Blick auf die große Wahrscheinlichkeit, dass Joe Biden die US-Wahl nächste Woche gewinnen könnte.

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