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Warum es in Belarus zwei Wechselkurse gibt

Wirtschaft und Gesellschaft in Belarus setzen an vielfältigen Stellen auf Fremdwährungen, hauptsächlich US-Dollar und Euro. Mieten, Autos, selbst staatliche Gebühren werden in harter Währung (Zitat Zentralbank) statt Rubeln berechnet, weil der heimischen Währung keiner mehr vertraut. Das Geldmengenwachstum ist enorm, damit der Staat zumindest auf dem Papier all die seinen Bürgern versprochenen Wohltaten bezahlen kann. Doch immer wieder zeigt sich Währungsknappheit. Devisen sind aktuell nahezu ausverkauft. Der Wechselkurs auf der Straße weicht inzwischen an vielen Stellen vom offiziellen Wechselkurs der Belarusischen Nationalbank ab – es gibt für Devisen wieder zwei Wechselkurse. Die Devisenknappheit hat negative Folgen für Menschen wie Wirtschaft.

In 30 Jahren gab es in Belarus drei Währungsreformen

Seit dem Zerfall der Sowjetunion haben die Menschen in Belarus schon die dritte Währungsreform hinter sich gebracht. 1992 wurde der Sowjetische Rubel durch den Belarusischen Rubel ersetzt. In den folgenden acht Jahren wurde diese neue Währung so stark inflationiert, dass schon im Jahr 2000 durch Einführung eines neuen Rubels drei Nullen gestrichen werden musste. Es dauerte dann 16 Jahre, um wieder so viel Geld zu drucken, dass die Preise selbst für einen kleinen Lebensmitteleinkauf in die Hunderttausenden gingen. Dieses Mal wurden gleich vier Nullen gestrichen – und zum Ärgernis der Belarusen, die bis dato nie Münzen brauchten, auch Kleingeld in Form von Münzen eingeführt. Geld gedruckt wird seitdem natürlich trotzdem munter weiter. Schließlich versprach das Regime den Bürgern zum Machterhalt sichere Renten und Gehälter selbst in dauerdefizitären Betrieben. Dass die Menschen für diese sicheren Renten und Gehälter immer weniger kaufen können, ist der negative Nebeneffekt.

Ein weiterer Nebeneffekt ist, dass die Wirtschaft in Belarus für alle relevanten Transaktionen auf Fremdwährungen setzt. Wer eine Immobilie kaufen will, muss in Euro oder US-Dollar bezahlen. Wer einen Laden mieten will, verhandelt einen Preis in Fremdwährung. Selbst der Staat vertraut seiner eigenen Währung nicht und erhebt Gebühren wie die Autobahnmaut lieber in Euro statt Rubel. Natürlich ist es illegal, Geschäfte in Fremdwährung abzuschließen – auch für den Staat. Daher werden alle in Fremdwährung vereinbarten Geschäfte am Zahltag zum tagesaktuellen Kurs in Belarusische Rubel umgerechnet – auch die Autobahnmaut. Doch Basis ist und bleibt der Euro oder Dollar.

Dollarisierung der belarussischen Wirtschaft hat negative Konsequenzen

Diese Dollarisierung der Wirtschaft hat einige negative Auswirkungen auf die Menschen. Während sich der Staat die Rubel selbst drucken kann, müssen US-Dollar und Euro im Außenhandel verdient werden. Übersteigt der Bedarf an Fremdwährungen die verfügbaren Mittel, gibt es immer wieder plötzliche und drastische Abwertungen. Die sorgen für eine kleine und kurze Sonderkonjunktur für bestimmte Wirtschaftsbereiche in Belarus, da die Menschen beim Beginn der Abwertung die Läden stürmen und Importprodukte wie Fernseher, Küchengeräte oder Autos kaufen – und damit den Devisenbedarf und die Abwertung nur noch beschleunigen. Auf den Kaufboom folgt dann der Absturz.

Es liegt auf der Hand, dass die ungezügelte Geldvermehrung in Belarus verantwortlich ist für die Abwertungen. Die Belarusische Nationalbank gibt auf ihrer Website als Ziel aus, die Geldmenge um acht bis elf Prozent pro Jahr zu steigern. Tatsächlich waren es in den vergangenen zwölf Monaten 16,3%. Da die Handelsbilanz negativ ist, leidet das Land ohnehin unter einem Abfluss von Devisen. Wenn diesen schwindenden, nur durch ständige Kredite aufgefüllten Devisenreserven eine ständig steigende Menge Rubel gegenübersteht, muss der Wechselkurs sinken, um Angebot und Nachfrage wieder ins Gleichgewicht zu bringen. Wenn nun zahlreiche Transaktionen im Land an Devisen gekoppelt sind, die Unternehmen und Bürger Einnahmen aber weitgehend nur in Rubeln erzielen und der Wert des Rubels praktisch ständig sinkt, müssen immer mehr Rubel aufgebracht werden, um die Zahlungsverpflichtungen zu erfüllen.

Die Laden- oder Büromiete in einem Shoppingcenter oder Bürohaus in Belarus ist übrigens genauso hoch bis höher als in Berlin bei durchschnittlich eher einem Achtel so hohen Durchschnittseinkommen. Wenn nun also ein Laden in einem Shoppingcenter einen Mietvertrag über 60 US-Dollar pro Quadratmeter abschloss und Waren nur gegen Rubel verkaufen darf, wird die Miete automatisch immer teurer. Kostete die Miete in Belarusischen Rubeln vor zwei Jahren noch 120 Rubel, sind es inzwischen schon 152 – Tendenz steigend. Die automatisch mit dem fallenden Wechselkurs steigenden Kosten werden an die Kunden weitergegeben – und erzeugen Inflation.

Ein weiteres Problem der Dollarisierung verbunden mit dem Verbot, inländische Transaktionen in Fremdwährung auszuführen, sind die teuren, mehrfachen Devisenkonvertierungen. Ein Kunde hat Euro, der Verkäufer will Euro – doch zunächst muss der Kunde die Euro in Rubel tauschen, damit den Verkäufer bezahlen und der Verkäufer muss anschließend die Rubel wieder in Euro tauschen. Die mehrfachen Transaktionskosten verteuern das Geschäft. Und wenn, wie jetzt, in Belarus nicht ausreichend Devisen verfügbar sind, ist zudem noch zweifelhaft, ob der Verkäufer überhaupt die Rubel wieder zurück in Devisen tauschen kann. Um diese Probleme zu umgehen, werden selbst große Transaktionen im hoch sechsstelligen Bereich bar abgewickelt. Dabei kann niemand kontrollieren, ob Dollar, Euro oder Rubel übergeben wurden. Dank Barzahlung kann der Staat die Transaktion aber auch insgesamt nicht mehr wirksam kontrollieren. Zudem ist Transport und Lagerung solch großer Bargeldmengen wieder ineffizienter und teurer als Überweisungen.

Warten auf Devisen vergebens – Banken haben keine Euro und Dollar mehr

Inzwischen ist krisenbedingt die Nachfrage nach Fremdwährungen in Belarus so hoch, dass es zu Versorgungsengpässen kommt. Schon in der vergangenen Woche waren in Minsk Warteschlangen vor den Wechselstuben zu sehen. Inzwischen kommen die Menschen schon vor der Eröffnung und bekommen selbst dann gesagt, dass außer dem ersten in der Schlange keiner mehr Geld tauschen kann, weil keine Devisen mehr verfügbar sind. Banken zahlen inzwischen im Ankauf von Devisen deutlich höhere Preise, als sie bei den offiziellen Auktionen der Nationalbank an der Minsker BCSE zahlen müssten.

Das kann nur bedeuten, dass die Börse die Kurse manipuliert bzw. Geschäfte absichtlich nicht zu den für die Devisenverkäufer besten Kursen ausführt, um den Wechselkurs des Rubels höher erscheinen zu lassen, als er in der Realität ist. Würde die Börse, wie im Rest der Welt üblich, Angebot und Nachfrage in Einklang bringen, wäre es nicht möglich, dass Banken in Belarus auf der Straße höhere Preise bieten, als die Börse offiziell als Tauschkurs feststellt. An der Börse wären die höchsten Gebote die ersten, die ausgeführt werden und die Banken hätten genügend Devisen für ihre Kunden. Bei einigen Banken beträgt die Abweichung zwischen dem offiziellen Börsenkurs und dem Straßenpreis nur wenige Prozentpunkte. Doch schon am Montag gab es bei wenigstens einer Bank eine Abweichung von einem Sechstel.

Korruption, Kontensperrungen und erzwungene Devisenverkäufe dürften in Belarus folgen

Bei solch starken Abweichungen blüht wahrscheinlich auch wieder die Korruption. Machthaber und Entscheidungsträger können nun von den zahllosen staatseigenen Betrieben, die im Außenhandel tätig sind, Devisen zum offiziellen, zu niedrigen Wechselkurs abkaufen und die Devisen anschließend teurer auf dem freien Markt verkaufen.

Wenn auch die steigenden Preise für Devisen die Nachfrage nicht senken, sind auch weitere Maßnahmen denkbar. So gab es schon in der Vergangenheit Kapitalverkehrskontrollen. Dabei mussten die im Außenhandel aktiven Unternehmen ihre Devisen an die Zentralbank verkaufen – natürlich zum offiziellen Kurs und nicht zum besseren Straßenpreis. Devisenkonten und Barabhebungen wurden gesperrt und Besitzern damit der Zugang zu ihren Devisen verwehrt. Die Nationalbank sah sich heute bereits gezwungen zu dementieren, dass solche Kapitalverkehrskontrollen geplant seien. In Belarus wird ein solches Dementi aber oft als Bestätigung verstanden, dass eben solche Kapitalkontrollen eben doch geplant sind. Es liegt auf der Hand, dass all diese Maßnahmen das System nur noch ineffizienter machen und den Wirtschaftsstandort Belarus schädigen.

Übrigens: Eine Abweichung zwischen Straßen- und Börsenpreis sahen wir in Europa und den USA auch in den vergangenen Monaten – beim Gold und Silber. Mangels ausreichend verfügbaren Edelmetalls stiegen die Händlerpreise für physisches Metall deutlich stärker als der Börsenpreis.

Warteschlange vor einer Bank in Belarus
Bild: Warteschlange vor Devisenschalter der Priorbank in Minsk 25.08.2020



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