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Aktienmärkte: Keine Angst mehr vor Corona – zurecht?

Aktienmärkte - keine Angst vor Corona. Zurecht?

Die vierte Corona-Welle rollt mit Wucht heran – für die Aktienmärkte aber scheint die Pandemie ihren Schrecken verloren zu haben. Zwischenzeitlich könnte es dennoch ungemütlich werden. In vielen ärmeren Ländern grassiert das Virus ungebremst. Dort entstehen neue Varianten, die auch den Industriestaaten gefährlich werden können.

Aktienmärkte haben sich an Corona gewöhnt und vertrauen auf die Fed

Von Panik wie während der ersten Corona-Welle ist aktuell an den Aktienmärkten nichts zu sehen. Die Gelassenheit der Marktteilnehmer gründet sich vor allem auf Gewöhnungseffekte, den Impffortschritt, die mittlerweile bewährten Präventionsmaßnahmen sowie auf die Unterstützung durch die Geld- und Fiskalpolitik. Nach dem Motto: „umso schlimmer die Krise, umso größer der Stimulus“ sehen Börsianer die steilen Anstiege bei den Zahlen der Neuinfektionen gelassen.

Aktienmärke unbeeindruckt von vierter Corona-Welle

In Europa sorgt die EZB mit ihrem unbeirrten Festhalten an den Pandemie-Notfallmaßnahmen für gute Laune. Auch die Fiskalpolitik trägt durch verlängerte Sonderregelungen, z. B. im Bereich des Insolvenzrechts, mit zur Gelassenheit der Marktteilnehmer bei. In den USA steht die Verabschiedung eines 1,2 Billionen US-Dollar großen Infrastrukturprogramms an, das evtl. sogar durch ein 3,5 Billionen US-Dollar schweres Sozialprogramm ergänzt wird.

Was soll also schief gehen? Zumal sich der Verlauf der Pandemie in den Industriestaaten dank weniger schwerer Krankheitsfälle abzumildern scheint. Die noch existierenden Lieferengpässe in der Wirtschaft könnten sich bald wieder auflösen. Mittelfristig bildet sich dann auch die Preisinflation zurück. Was bleibt sind gigantische Konjunkturprogramme und im historischen Kontext sehr laxe Finanzierungsbedingungen.

Aktienmärkte und Corona-Wellen

Mögliche Störfeuer

Wann immer die beste aller Welten eingepreist ist, kommt an den Aktienmärkten irgendetwas dazwischen. Anleger sollten daher die Augen vor möglichen Störfeuern nicht verschließen.

Auf der Ebene der Geldpolitik ist dies vor allem die Reduzierung der Liquiditätszufuhr für die Aktienmärkte durch ein mögliches „Tapering“ der US-Fed. Die Wachstumswerte, primär aus dem Tech-Bereich, reagieren bereits mit latenter Kursschwäche. Negative Divergenzen bei den großen Aktienindizes wie S&P 500 und NASDAQ 100 mahnen ebenfalls zur Vorsicht.

In Sachen US-Infrastrukturprogramm ist noch nichts in trockenen Tüchern. Einerseits wurde das Programm im Zuge der Verhandlungen zwischen Demokraten und Republikanern drastisch zusammengekürzt, sodass effektiv nur 550 Mrd. US-Dollar verteilt auf sieben Jahre neu ausgegeben werden. Der Rest des Geldes wurde aus bereits bestehenden Budgetposten einfach umgewidmet. Zum anderen wollen führende Demokraten die endgültige Verabschiedung des Infrastrukturpaketes im US-Repräsentantenhaus an ein gigantisches Sozialprogramm koppeln, gegen das selbst aus den eigenen Reihen erheblicher Widerstand droht. Dadurch verzögert sich dieser neue Konjunkturstimulus wahrscheinlich um mehrere Monate.
Erfolgreich verdrängt werden auch die Themen drohender Government Shutdown und wegbrechende Fiskalstimuli durch das sukzessive Auslaufen bereits bestehender Hilfsprogramme.

Ob die Pandemie mit ihren negativen Auswirkungen auch auf ökonomischer Ebene bereits überstanden ist, entscheidet sich zudem nicht in den reichen Staaten, sondern im großen Rest der Welt. Zu Beginn der Pandemie lebten 80 Prozent der Weltbevölkerung in Entwicklungsländern.

Ein Blick über den Tellerrand

In vielen ärmeren Staaten Lateinamerikas, Südostasiens und Afrikas liegt die Impfquote unter fünf Prozent. Es fehlt an Intensivbetten, Sauerstoff und medizinischem Personal. Besonders dramatisch ist die Lage in Tansania, Sudan, Süd-Sudan, Somalia, Nigeria, Venezuela, Afghanistan, Syrien, im Libanon sowie im Jemen. Hier liegen die Impfquoten zum Teil bei unter einem Prozent und medizinische Betreuung ist kaum vorhanden.
In einigen Staaten wie Nicaragua gehen die Impfstoffbestände sogar gegen null. In Georgien, Cuba, Botswana und Malaysia gerät die Pandemie aktuell außer Kontrolle. Hier schießen die Zahlen der Neuansteckungen mit Corona und der schweren Verläufe ungebremst nach oben.

Corona global

In einigen Entwicklungsländern wie Sierra Leone gelingt es zwar durch strenge Präventionsmaßnahmen, das Virus noch jenseits der Landesgrenzen zu halten, aber medizinische Hilfe ist auch hier absolute Mangelware.

Die weltweit größte Organisation für medizinische Nothilfe, Ärzte ohne Grenzen (MSF), warnt vor der Verbreitung neuer gefährlicher Virusvarianten, ausgehend von armen Ländern und gescheiterten Staaten. Früher oder später gelangen dort entstandene Mutanten auch in die entwickelten Volkswirtschaften. In der Folge könnten die Bemühungen zur Eindämmung von Corona wieder zunichtegemacht werden.

Vor allem dann, wenn die Virusvarianten die Impfbarriere durchbrechen. In Israel wurde bereits im April dieses Jahres im Rahmen einer Preprint-Studie festgestellt, dass sich die Südafrika-Variante (B.1.351) nicht von dem Biontech-Impfstoff Comirnaty (BNT162b2) aufhalten lässt. Im Gegenteil stellten die israelischen Ärzte bei doppelt geimpften Personen überproportional hohe Infektionsquoten gegenüber Ungeimpften fest.

Ärzte ohne Grenzen macht für dieses Pandemie-Risiko neben der weltweit ungleichen Impfstoffverteilung vor allem logistische Defizite verantwortlich. Der MSF-Notfallmediziner Dr. Tankred Stöbe, Träger der Paracelsus-Medaille, spricht von einer humanitären Katastrophe, die im Westen komplett unterschätzt und ignoriert werde. Es mangelt laut Stöbe nicht an Geld, sondern an medizinischen Ressourcen und vor allem an der temporären Freigabe von Patenten für ärmere Staaten. Impfstoffe sind nicht in ausreichendem Maße verfügbar, da die Produktionskapazitäten der Patentinhaber zu gering sind. Der Transport in die ärmeren Regionen der Welt und die Verteilung vor Ort sei aufgrund der Empfindlichkeit v. a. der mRNA-Impfstoffe kaum möglich. Nicht selten steht auch die prekäre Sicherheitslage der Eindämmung des Virus entgegen, wie zum Beispiel im Jemen.

Fazit

Die Aktienmärkte befinden sich aktuell auf dünnem Eis. Das Ausblenden der Risiken funktioniert nur so lange, wie der Haupttreiber der Rekord-Hausse erhalten bleibt: die alles dominierende Liquiditätsschwemme.

Sollte die Fed tatsächlich im September das Zurückfahren ihrer monatlichen Wertpapierkäufe bekannt geben und ab Oktober tatsächlich mit dem Tapern beginnen, könnte eine Neubewertung der Aktienmärkte für Turbulenzen sorgen. Vor allem dann, wenn gleichzeitig für die ökonomische und pandemische Lage eine Neubewertung ansteht.



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4 Kommentare

  1. Bis Tapering, Government Shutdown und gefährliche Mutanten von Corona Thema werden, gehen noch 2-3 Monate ins Land. Deswegen jetzt Short zu gehen wäre mehr als fahrlässig. Wonach auch noch die Märkte null Umkehrsignale zeigen. Bis dahin kann man entspannt „Long“ bleiben“.

    Übrigens bleibt der DAX über 15800 sind die 16800 (Range von 15800-14800 von 1000 Punkten) das Ziel. Dann kann man immer noch „Short“ gehen oder wenn sich vorher eindeutige Umkehrsignale zeigen.

  2. Hat diesen Kommentar etwa Karl Lauterbach geschrieben? In den westlichen Industrieländern sind bereits 70 % der Ü50 geimpft. Bis Oktober werden noch locker 10 % dazu kommen, allein schon wegen der teuren Testmaßnahmen in den Ländern. Kein Vergleich mit Oktober 2020, null Impfungen damals, heuer bis dahin 5,6,7 Milliarden? Dann die Aufzählung der Entwicklungsländer. Dort ist die Hälfte der Menschen unter 30 Jahre alt. Dann die Feststellung dass dorthin keine Impfstoffe gelangen können, aus technischen Gründen. Dann können die Einheimischen auch keine Fremden in fernen Ländern infizieren. Es langt, die gefährliche Spanische Grippe war auch nach 2 Jahren vorbei.

  3. Wenn man all das Zittern bei Höchstkursen seit 1929 betrachtet, dann müsste die Welt beben. Und was ist passiert? Einbrüche um Einbrüche haben dem Gesamtresultat nichts anhaben können. Die Reichen sorgen für Inflation und erhalten damit alle ihre mit Schulden finanzierten Käufe schlicht und einfach kostenlos…..

  4. Unwissen - Schafter

    Die Sache in Israel sollte den Impfgläubigern und Pandemieabhakern zu denken geben.Auch dass praktisch 80% der Weltbevölkerung noch keinen Zugang zu guter Versorgung haben ist erschreckend. Meine oft erwähnten Bedenken werden von Herr Zipfel somit bestätigt.Ich als kleines Würmchen wurde aber oft von den grossen wissenschaftlichen Profis als Nichtwisser taxiert. Gesunder Menschenverstand ist oft besser als übertriebene Einbildung.Ganz einfach,wenn von den 20% nicht einmal 80% die unsichere Impfung wollen, bleiben etwa 15% Geimpfte der ganzen Weltbevölkerung.Wer meint damit sei die Pandemie vorbei müsste mir seine Wissenschaft erklären.Übrigens heute das zweite mal im Radio gehört, dass bei Frauen nach dem Impfen sehr oft Menstruationsstörungen auftreten.Auf die Frage der Journalistin an die Fachkundige warum man sehr wenig über diese Nebenwirkung spricht sagte sie: Die Studien werden oft infolge Genderproblem nur bei Männern gemacht und somit wenig bekannt.
    Das blöde Gendergeschwätz muss bald für jede Dummheit herhalten.

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