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Aktienmärkte nach dem Crash: Zwischen Hoffen und Bangen

Die letzten Wochen brachten einen Absturz an der Aktienmärkte, der in seiner Dimension an die Finanzkrise von 2008 erinnert. Die Kapitalmärkte sind auf dem Weg zur schlechtesten Performance eines Börsenmonats seit dieser Zeit. Dennoch konnte man letzte Woche so etwas wie einen temporären Stabilisierungsversuch feststellen. Aber was werden die stark gestiegenen Infektionszahlen vom Wochenende an den Märkten auslösen?

Aktienmärkte schwanken zwischen Panik und Hoffnung

Die Wochenübersicht über den Verlauf beim weltgrößten Index, dem S&P 500, zeigt die aktuelle Börsenverfassung: Montag bis Freitag: Minus 12 Prozent, plus 6 Prozent, minus 5,2 Prozent, plus 0,5 Prozent, minus 4,4 Prozent. Nach dem durch das Coronavirus ausgelösten Absturz aus einem absoluten Modus der Sorglosigkeit in den Zustand der Panik, scheint sich derzeit eine Zweikampf an den Märkten zu entwickeln.

Da gibt es die ersten Langfristinvestoren, die bereits zugreifen, im Vertrauen auf die größten staatlichen Maßnahmen seit Menschengedenken in punkto Geld- und Fiskalpolitik.

Und es gibt diejenigen, die in Panik alles versilbern müssen, weil ihnen der Margin Call im Nacken sitzt. Man verkauft Aktien, Anleihen, Rohstoffe und sogar das Krisenmetall Gold, um das „Deleveraging“ zu betreiben, das eine Marktbereinigung zwangsläufig mit sich bringt. Es sind die Gesetze der Finanzmathematik, die überhebelte Investoren in einer Baisse dazu zwingt, einen höheren Prozentsatz zu verkaufen, als sie mit ihren Anlagen unter Wasser stehen. Zwangsliquidierungen und automatisierte Verkaufsprogramne (Stopploss-Orders) führen regelmäßig zu den Tagen mit Verkaufsorgien der Aktienmärkte. Da niemand einen Überblick haben kann über die Depotstruktur von spekulativen Kleinanleger bis zu den großen Fonds, ist es im Falle eines großen Einbruchs niemals möglich (auch nicht mit allen mathematischen Modellen) zu erahnen, wo sich der Boden für den Bärenmarkt bilden wird.

Aktienmärkte und Covid-19, der „Schwarze Schwan“

Das Unvorsehbare potenziert eine absehbare Entwicklung, die auch ohne diesen externen Schockauslöser zum Tragen gekommen wäre. In den Wochen um und nach der Jahreswende herrschte eine unglaubliche Sorglosigkeit an den Märkten, allen voran in den USA, mit Werten im US-Stimmungsbarometer Fear&Greed von 97, die in der Vergangenheit noch immer zu heftigen Korrekturen dert Aktienmärkte geführt hatten. Es war nur die Frage, welcher Anlass zur Marktbereinigung führen würde.

Mit dem Coronavirus hatte noch im Dezember/Anfang Januar niemand gerechnet und dieser erfüllte die Definition des „Schwarzen Schwans“ von Nassim Taleb, eine Metapher, die sonst fast schon in inflationärerer Weise verwendet wird: Ein seltenes und höchst unwahrscheinliches Ereignis, was aber zu extremen Konsequenzen führen wird:  Nach der Erfahrung des Autors oft zur Pleite von zuvor höchst erfolgreichen, aber spekulativ orientierten Händlern an der Wall Street. Wie sicher sie sich mit ihrem Money Management vorher auch gefühlt hatten.

Genau so etwas ist mit Covid-19 gekommen, und alle Welt hatte auf den Fed-Put vertraut und darauf, dass Donald Trump selbst bei der Korrektur bis zum Bärenmarkt alle finanziellen und fiskalpolitischen Hebel in Bewegung gesetzt hätte, damit die Börse und sein geliebter Dow Jones bis zur Wahl im November 2019 nicht extrem abgefallen. Pech gehabt –  die wirtschaftliche Vernichtungskraft einer Pandemie in einer globalisierten Welt übertrifft alles, was sich außerhalb den Zeiten der Weltkriege in der neuen Wirtschaftsgeschichte zugetragen hat.

Verlierer und Gewinner

Wie in jeder Krise gibt es erst einmal Verlierer und zwar in fast allen Sparten, denn im Bärenmarkt müssen auch die substanzstarken Titel abverkauft werden. Wegen der erzwungenen Liquiditätsbeschaffung zur Erfüllung der vielfach zugestellten Margin Calls, aber auch aufgrund der Stopploss-Orders zur Verlustbegrenzung. Aber gleichzeitig gibt es Gewinneraktien, die von der Sondersituation profitieren, weil sie aus der Not heraus Gewinne generieren, die vorher bei weitem nicht in den Kursen eingepreist waren.

Als erste Verliererbranche konnte die Luftfahrtbranche identifiziert werden, die bereits im Januar mit Flugverboten nach China auf die Virusinfektion reagieren musste. In Deutschland fliegt die Lufthansa inzwischen nur noch mit fünf Prozent ihres Programms und hat bereits nach Staatshilfe gerufen. In den USA geraten United Airlines und Co unter Wasser und der eigentlich unzerstörbar gehaltene Flugzeug- und Rüstungskonzern Boeing stürzt immer weiter in die Tiefe und braucht Rettungsgelder. Insgesamt erwartet die Branche schon einen Verlust von über 110 Milliarden Dollar im Jahr 2020.

Damit ist die zweite Verlustbranche schon ausgemacht, der Tourismus. Für die Weltwirtschaft eine wichtige Stütze, denn das Volumen des weltweiten Reise – und Transportgeschäfts wird auf 6,6 Billionen Dollar geschätzt, immerhin fast 10 Prozent des Weltsozialprodukts. Davon betroffen nicht nur Touristikunternehmen und Kreuzfahrtgesellschaften sondern eine Unzahl an weiteren betroffenen Sparten wie Konzertveranstalter, Theater, Kinos, Restaurants, Museen, Freizeitparks, und, und und! Der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband hatte vor einer Woche von Einbußen in Höhe von 80 Prozent gesprochen und das war noch vor dem neuesten Shutdown.

Wenn Großveranstaltungen abgesagt werden, sind auch die Messeveranstalter betroffen, bis Ende Februar waren es bereits 230 große Messen. Und erst der Sport. Absage alle Weltmeisterschaften, Weltcups, Europameisterschaften, – Profiligen stellten den Betrieb ein und in Bälde steht eine ganz wichtige Entscheidung an: Absage oder Verschiebung der XXXII. Olympischen Sommerspiele in Tokyo, auch ein wirtschaftliches Weltereignis, bei Kosten von 27 Milliarden Euro. Ein weiterer Einbruch für den japanischen Aktienmärkte?

Ein weiterer Absturz ereignet sich im Bereich der Ölbranche, die großen Ölkonzerne fallen bei Ölpreisen von 20 Dollar ins Bodenlose. Über die mannigfaltigen Gründe und die betroffenen Firmen informiert Claudio Kummerfeld täglich mit seinen Artikeln. Natürlich sind extrem viele Aktienmärkte und Aktien von der aktuellen Krise betroffen, die von der Störung der internationalen Liegerketten betroffen sind. An erster Stelle die Werksstillegungen von Automobilkonzernen diesseits und jenseits des Atlantiks (GM, Chrysler, Ford, BMW, Daimler, Vw und weitere). Das wird heftige Spuren in den Bruttoinlandsprodukten hinterlassen.

Und erst der Einbruch bei den Banken. Die Nullzinsen ruinieren die Einnahmen aufgrund der Fristentransformation – und die Angebots- und Nachfragekrise muss zum Ausfall von Krediten führen. Jetzt trifft es aber nicht nur europäische Kreditinstitute, sondern auch die als unverwüstlich geglaubten US-Banken.

Was bleibt da an Gewinnern, wenn die so wichtigen Dienstleistungs- und Versorgungsbranchen unisono in die Knie gehen?

Natürlich der Konsumsektor, denn in einer Krise, die in Hausarrest ähnelnden Maßnahmen gipfelt, ist die Versorgung der Grundbedürfnisse das A und O. Hamsterkäufe, so unsinnig diese teilweise auch sein mögen, führen zu unerwarteten Umsatzsprüngen. Der Konsumriese Walmart ist nicht umsonst einer der wenigen Gewinner der amerikanischen Aktienmärkte. Eine weltweite Infektionswelle führt zwangsläufig auch zu einer extremen Nachfrage an Desinfektionsmitteln.

Reckitt Benckiser (Sagrotan) oder Clorox kommen mit der Produktion nicht hinterher. Ebenso wie die Hersteller von Schutzbekleidung und Atemmasken: Drägerwerk, Dupont oder die kanadische Firma Alpha Tech Pro sind hier Profiteure. In Deutschland gibt es derzeit 25.000 einsatzfähige Beatmungsgeräte und die Bundesregierung hat erst vor Kurzem 10.000 Geräte bei dem deutschen Hersteller geordert.

Von den Quarantänemaßnahmen müssten in der weiteren Folge Internetfirmen aus verschiedenen Bereichen gefragt sein, wie zum Beispiel Streamingdienste. In China hatte sich das Datenvolumen während der Abschottungsmaßnahmen im Februar verzweiundzwanzigfacht.

Der wichtigste Kampf gegen Corona findet derzeit in der Pharma- und Biotechindustrie statt. Welche Firma entwickelt den Impfstoff, für den es bald die größte Nachfrage in der Menschheitsgeschichte geben sollte, zumindest bezogen auf die kurzfristige Nachfrage (siehe Artikel von Dirk Schuhmanns)?

Noch nie wurde Tag und Nacht in Pharmakreisen vermutlich so intensiv geforscht, wie heute.

Von bereits wochenlangen Kurskapriolen mit extrem gestiegenen Handelsvolumina dürfte auch die Finanzbranche profitieren, die Handelshäuser, deren Systeme beim Ansturm der Order an ihre Grenzen gerieten.

Zwischenfazit:

Betrachtet man sich die Dimensionen des Stillstands der Weltwirtschaft infolge Corona, so fragt man sich schon, ob diese 2020 überhaupt noch ein Wachstum generieren kann. Eine globale Rezession ist äußerst selten, schließlich wächst die Weltbevölkerung auch in diesem Jahr um etwa 90 Millionen Menschen.

Neue Erdenbürger, die auch versorgt werden müssen.

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