Anleihen

Britischer Anleihemarkt im Chaos-Modus Bank of England ergreift weitere Notfallmaßnahmen

Das Chaos am britischen Anleihemarkt hört nicht auf. Nach gestrigen Aktionen verkündet die Bank of England heute neue Notfallmaßnahmen.

Seit mehr als zwei Wochen befindet sich der britische Anleihemarkt im Chaos-Modus. Auslöser war die Ankündigung der britischen Regierung, massive Steuersenkungen auf Pump durchzuführen. Auch wenn sie dies inzwischen wieder abgesagt hat – der Anleihemarkt kann sich bis jetzt nicht beruhigen. Und stark kreditgehebelt agierende Akteure wie Pensionskassen sind im Krisenmodus, wenn Anleihekurse stark fallen. Sie erhalten dann Margin Calls, und könnten durch Zwangsverkäufe große Verluste erleiden. Das britische Pensionssystem wäre dann in Gefahr. Und so hat die Bank of England ab dem 28. September angefangen britische Staatsanleihen zu kaufen, um die Renditen wieder runterzudrücken. Erst gestern legte sie mit weiteren Stützungsmaßnahmen nach, was aber offenbar auch nicht geholfen hat.

Bisherige Stützungsmaßnahmen der Bank of England haben nicht wirklich geholfen

Aber wie der folgende Chart zeigt: Die bisherigen Aktionen der Notenbank haben nicht wirklich funktioniert. Der Markt lässt sich also nicht mal von der Bank of England – einer alt eingesessenen honorigen Institution – beruhigen. Seit Jahresanfang sehen den Verlauf der Rendite für deutsche Staatsanleihen (orange) gegen britische Staatsanleihen (blau) mit zehn Jahren Laufzeit. Beide steigen zwar an. Aber monatelang gab es grob gesagt einen konstanten Abstand von 1 Prozentpunkt. Seit einigen Wochen aber steigt dieser Abstand auf inzwischen 2,1 Prozent. Der Anleihemarkt ist also der Meinung, dass sich die finanzpolitische Lage in Großbritannien in kurzer Zeit deutlich verschlechtert hat in Relation zu der in Deutschland.

Renditen von britischen und deutschen Staatsanleihen seit Jahresanfang

Im folgenden Chart sehen wir seit dem 13. September den Verlauf der zehnjährigen britischen Staatsanleihen. Vom Hoch am 28. September bei 4,55 Prozent zurückgekommen auf bis zu 3,79 Prozent am 4. Oktober aufgrund der Interventionen der Bank of England, ist die Rendite aktuell wieder auf 4,42 Prozent gestiegen. Die Lage am britischen Anleihemarkt verschärft sich also wieder deutlich. Die Kurse fallen, die Rendite steigt.

Rendite von UK-Staatsanleihen seit dem 13. September

Bank of England mit neuem Stützungsversuch

Daher meldet sich die Bank of England heute früh erneut mit einer Mitteilung. Man legt erneut nach in der Hoffnung die Lage beruhigen zu können. Bloomberg schreibt dazu aktuell: Nachdem ein beispielloser Ausverkauf am Montag neues Chaos am Gilt-Markt ausgelöst hatte, hat die Bank of England nun angekündigt, ihre Ankäufe britischer Staatsanleihen auch auf Inflations-Linker (Inflationsgebundene Anleihen) auszuweiten.

“Zu Beginn dieser Woche kam es zu einer weiteren erheblichen Neubewertung der britischen Staatsanleihen”, hieß es am Dienstag in einer Mitteilung der Zentralbank in London. “Die Dysfunktionalität dieses Marktes und die Aussicht auf eine sich selbst verstärkende ‘Fire Sale’-Dynamik stellen ein erhebliches Risiko für die Finanzstabilität des Vereinigten Königreichs dar.”

Das Programm zum Ankauf von Anleihen mit langen Laufzeiten sollte ursprünglich so genannten Liability-Driven Investmentfonds (LDI) Zeit verschaffen, um sich vor weiteren Sprüngen der Anleiherenditen zu schützen. Die Fonds hatten vor der Intervention der Bank of England im Mittelpunkt des Gilt-Ausverkaufs gestanden. Inzwischen merkte die Bank of England an, die LDI hätten “erhebliche Fortschritte” gemacht.

Inflationsgebundene Anleihen waren am Montag am stärksten vom Ausverkauf am Anleihemarkt betroffen: Die Rendite 10-jähriger Papiere stieg um 64 Basispunkte, ein Rekordwert in Daten, die bis 1992 zurückreichen. Der Renditeanstieg bei Linkern war damit mehr als doppelt so stark wie bei konventionellen Anleihen. Die Zentralbank pausierte auch den Verkauf von Unternehmensanleihen, die sie im Rahmen der quantitativen Lockerung angehäuft hat. Sie bestätigte, dass die Ankäufe von Gilts nur bis zum 14. Oktober fortgesetzt werden.

Marktkommentare zum jüngsten Chaos am britischen Anleihemarkt

Was sagten jüngst Marktteilnehmer und Analysten zu dem Chaos am britischen Anleihemarkt? Bloomberg erwähnte gestern Abend diese Kommentare: „Die Bank of England wird den Markt beruhigen, aber sie wird ihn nicht retten“, sagte Geoffrey Yu, Senior-Stratege bei der Bank of New York Mellon in London. Yu fügte hinzu, dass die Zentralbank zwar die Liquidität für die am stärksten betroffenen Pensionsfonds sicherstellen, aber die Renditen nicht begrenzen werde. Diese Fonds „müssen ihr Risiko genau verwalten und auf weitere Schocks vorbereitet sein“, so Yu.

„Die BOE wird sich erneut Sorgen darüber machen, dass der Ausverkauf von Gilts und Linkern zu einer erneuten Einforderung von Sicherheiten führen könnte – ein Teufelskreis, den sie am 28. September zu stoppen hoffte“, so James Lynch, Investmentmanager bei Aegon Asset Management.

Die geldpolitischen Entscheidungsträger scheinen entschlossen zu sein, zu zeigen, dass sie keine neue Runde langfristiger quantitativer Lockerungen einleiten wollen – doch damit verfehlen sie ihr Ziel, so Daniela Russell, Strategin bei HSBC Holdings Plc. „Die bisherige Marktreaktion war alles andere als ermutigend und ein Zeichen dafür, wie prekär die Situation noch immer ist“, schrieb sie in einer Notiz. „Indem die Bank of England ein weiteres Enddatum für die neuen Maßnahmen setzt, diesmal den 10. November, riskiert sie, die Unsicherheit zu verlängern.

Die Bewegungen am Montag waren so stark, dass der Plan der Bank of England, den aktiven Verkauf von Staatsanleihen voranzutreiben, der bereits einmal verschoben wurde, in Frage gestellt ist. Er wurde auf den 31. Oktober verschoben, denselben Tag, an dem die Regierung die Einzelheiten ihres Ausgabenplans bekannt geben wird. Laut Peter McCallum, Stratege bei Mizuho International, wird eine weitere Verschiebung immer wahrscheinlicher. Nach dem massiven Anstieg der Realzinsen „liegt es im Interesse der BOE, ihre Unterstützung nachdrücklicher zu zeigen“, sagte er.

FMW/Bloomberg/Chart TradingView

Die Zentrale der Bank of England in London
Die Zentrale der Bank of England in London. Photographer: Hollie Adams/Bloomberg


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