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Das Märchen von der Weltverschwörung – die Saudis haben andere Probleme

Redaktion

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Von Claudio Kummerfeld

Immer wieder wird in einigen Medien die Vermutung geäußert (was auch durchaus nachvollziehbar ist), dass die USA die Saudis angestiftet haben den Ölpreis niedrig zu halten, um Russland kaputt zu machen. Bezeichnen wir dies mal als „Weltverschwörung“. Um eine solche Weltverschwörung zusammen mit den USA zu inszenieren, haben die Saudis gar keine Zeit – sie haben andere Probleme. In unserem Artikel vom 25.12. beschrieben wir bereits, dass es sich bei der aktuellen Saudi-Politik nicht um eine Weltverschwörung, sondern um „Kapitalismus pur“ handelt – Ausschaltung der Konkurrenten durch massive Preissenkung!

Die Petro-Dollars

Es gibt die schon lange allgemein bekannte Faustformel ( oder nennen wir es latent vorhandenes Gerücht), dass die Saudis mit ihren Ölverkäufen 1 Milliarde US-Dollar Umsatz pro Tag machen – das würde ganz grob geschätzt bedeuten, dass sie beim derzeitigen Ölpreis „nur noch“ 500 Mio pro Tag umsetzen. Nehmen wir mal an das stimmt. Wo bleibt das Geld? Wenn ein Staat wie Deutschland pro Tag 500 Mio Dollar aus Erdölverkäufen erlösen würde, könnte man z.B. Sozialleistungen an Arbeitslose in einem Ausmaß erhöhen, so daß der soziale Frieden mehr als gesichert wäre. Aber warum gibt es in diesem so unermesslich reichen Land wie Saudi-Arabien geschätzt 15-20 % Arbeitslose? Viel wird über den Staatsfonds von ca. 700 Mrd US-Dollar in Aktien von ausländischen, vor allem US-Konzernen gesteckt. Diese Pakete werden die Saudis langfristig auch dringend brauchen als Dividenden-Erzeuger, wenn die Ölquellen nach und nach versiegen. Denn nach übereinstimmenden Analysen von Fachleuten wie auch Aussagen des inzwischen staatlichen Ölkonzerns Aramco ist der Öl-Förderhöhepunkt schon lange überschritten. Bei der Abwägung, ob man z.B. 100 Mrd US-Dollar in die Hand nimmt und eine breit angelegte Berufsausbildung für Arbeitslose initiiert, kommt man wohl eher zu dem Schluss es sei langfristig besser das Geld im Eigenkapital westlicher Konzerne zu parken und von den Dividendeneinnahmen zu leben.

Maßlose Verschwendung der Herrscherfamilie

Die Vermutung liegt nahe, dass die Herrscherfamilie Summen, die jenseits der normalen Vorstellungskraft liegen, in Konsumgüter wie Ferraris, Häuser und Flugzeuge umsetzt. Zuerst kann man darüber lachen, aber wenn man genauer hinschaut: kann es sein, dass ein guter Teil der täglichen Öleinnahmen für den Luxus der Herrscher-Familie verprasst wird? Bei 500 Mio Einnahmen pro Tag sollte doch immer noch genug Geld fürs Volk übrig bleiben – sollte man meinen. Was viele aber nicht wissen: die saudische Herrscherfamilie besteht nicht aus König, zwei Prinzen und 2 Töchtern, Onkel und Opa. Man muss weiter in der Geschichte zurückgehen um zu verstehen bzw. schätzen zu können, wie groß sie wirklich ist. Ab 1902 eroberte der Staatsgründer Abd al-Aziz ibn Saud, der damals „nur“ Oberhaupt einer der Stämme auf der arabischen Halbinsel war, nach und nach 45 Stammesgebiete und schuf sich so eine riesige Landmasse, die wir heute als Saudi-Arabien kennen und die den Großteil der arabischen Halbinsel ausmacht. Aber das war kein Staat – wie konnte er ohne bürokratischen Apparat oder demokratische Legitimation seine Herrschaft sicherstellen? Er heiratete von jedem der 45 unterworfenen Stammesoberhäupter jeweils eine Tochter und bekam mit jeder Kinder. So kam es, dass es 45 Prinzen gab und dass de facto 45 Stammesoberhäupter samt gesamtem Anhang Teil der Herrscherfamilie wurden. Das war vor 100 Jahren. Man muss bedenken, dass die Nachfahren natürlich auch Kinder bekamen usw. Die Anzahl der Mitglieder der Herrscherfamilie kann man als Außenstehender wohl nur schwer schätzen. Einen Anhaltspunkt findet man in US-Depeschen, die 2011 bei Wikileaks veröffentlicht wurden, die offenbarten, dass es um die Jahrtausendwende herum 7000 Prinzen gab. Dazu rechne man den gesamten Anhang, Bedienstete, Bodyguards, Frauen, Freunde und und und…. und jeder Prinz samt Anhang möchte natürlich gebührend leben. Die monatlichen Zuwendungen pro Prinz sollen laut dieser Quelle hochgehen bis zu 270.000 US-Dollar ( Zahlen aus den 90er Jahren ). Wie die Zuwendungen heute aussehen, ist nicht in Erfahrung zu bringen. Hinzu kommen noch Boni, wenn man heiratet, Häuser baut uvm. Eine Gesamtschätzung möchten wir lieber nicht anstellen. Ein weiteres Beispiel, wo in Saudi-Arabien Geld ohne Gegenleistung ausgezahlt wird: Jeder, der nachweisen kann, dass einer seiner Vorfahren einst mit dem Staatsgründer für die Erschaffung des Königreiches kämpfte, hat als Nachfahre für immer und ewig Anspruch auf staatliche Unterstützung.

Terror und Unzufriedenheit

Was nur ab und zu in westlichen Medien als News erscheint, ist der zunehmende Terror, der innerhalb des Landes existiert. Gründe sind Religion und Armut. Diese Mischung ist gerade in Saudi-Arabien extrem, da hier ein Islam in der konservativsten Form gelebt wird. Viele Terroristen ( wie einst Osama bin Laden ) verweisen immer wieder auf nicht gehaltene Versprechen der USA bzgl. der Palästinenser-Frage und auf die Tatsache, dass die USA ihre Truppen nach dem ersten Golfkrieg nicht wieder aus Saudi-Arabien abgezogen haben, obwohl dies versprochen wurde. Dies ist das innenpolitische Hauptproblem der Herrscherfamilie.

Der Verdrängungswettbewerb

Was nützt aller Ölreichtum der Welt, wenn große Verbraucher wie die USA sich komplett selbst mit Öl versorgen und somit als Kunden wegfallen? In unserem Artikel vom 06.01.2015 ging es um den aktuellen Kampf der Saudis gegen die Kanadier um den Ölabsatz in Nordamerika. Russland hat gerade einen gigantischen Rahmenvertrag mit China geschlossen über Öl- und Gaslieferungen. Was macht man, wenn man seine Vormachstellung behaupten will? Den Preis kaputt machen und die Konkurrenten aus dem Markt drängen. Russland als Produzenten macht man so schnell nicht kaputt – aber mit einem Preis von z.B. 40 Dollar kann man die Fracking-Industrie sowie Staaten wie Venezuela, Norwegen, England und Nigeria aus dem Markt drängen. Diese müssen dann zwangsläufig die Produktion einstellen, wenn Sie Produktionskosten von 60, 70 oder 80 Dollar haben. Viele Presseorgane zerbrechen sich den Kopf, ob die Saudis Russland für die USA fertig machen wollen, oder ob es gegen den Iran geht, oder gegen Libyen. Es geht gegen alle. Man denkt an sich selbst; es geht darum den Platz an der Sonne als Nummer 1 zu behalten. Schwache Konkurrenten mit hohen Förderkosten sollen zum Ausscheiden aus dem Markt gedrängt werden.

Auf Saudi-Arabien rollt eine Welle zu. Diese Welle hat das Emirat Dubai längst überrollt. Ein Staat, der ohne Weitsicht Gelder verteilt, ohne Gegenleistung, ohne jeglichen Bezug zur Realität, ohne Rücksicht auf die Zukunft, der keine Industrie aufbaut, kann nicht überlegen – er ist zur bittersten Armut verdammt. Dubai hängt (noch) am Tropf des VAE-Bruders Abu Dhabi. Die Saudis haben noch einen bequemen Ölvorrat, aber gleichzeitig einen immensen Kostenapparat, und keine industrielle Wertschöpfung, um 30 Mio Einwohnern Arbeitsplätze zu bieten. Viele westliche Nationen haben ähnliche Probleme, aber dort wird offen über diese Probleme diskutiert, reale Lösungsansätze gesucht und die Staatsausgaben werden durch eine freie Presse kontrolliert, so dass Exzesse in Relation zu den Saudis nicht vorkommen.

4 Kommentare

4 Comments

  1. Avatar

    rote_pille

    7. Januar 2015 14:13 at 14:13

    dennoch- warum fällt der preis so schnell? das fracking machen die amis nicht erst seit 3 monaten, außerdem sinkt venezuelas produktion durch die „erfolgreiche“ wirtschaftspolitik der sozis. im nahen osten gibt es große probleme. wie kann der preis sich in so kurzer zeit halbieren, noch dazu bei der gelddruckorgie? entweder manipulation oder es wird eine große wirtschaftskrise erwartet

  2. Avatar

    Peter

    7. Januar 2015 14:14 at 14:14

    Dieser Artikel ist kompletter Unsinn und dient alleine der Verschleierung der wahren Ursachen des Druckes auf den Ölpreis. Unsinnig die Behauptung, Russland habe aufgrund von Verträgen mit China keine Nachteile durch den Ölpreisverfall. Und jeder Leser sollte beim Lesen der letzten Zeile aufhorchen: „Viele westliche Nationen haben ähnliche Probleme, aber dort wird offen über diese Probleme diskutiert, reale Lösungsansätze gesucht und die Staatsausgaben werden durch eine freie Presse kontrolliert, so dass Exzesse in Relation zu den Saudis nicht vorkommen.“ Vielleicht hat der Artikelschreiber auch nur vergessen, den Witz mit der „Freien Presse“ als Satire zu kennzeichnen? Aber wer wirklich meint, im Westen gäbe es freie Presse, der hat sich für die Einschätzung jeglicher Lage disqualifiziert oder er macht bewusst Propaganda und verbreitet Unwahrheiten. Cui Bono?

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    steffen

    7. Januar 2015 21:29 at 21:29

    Fraking in Saudi Arabien untersützt durch mitteleuropäische Chemtrail-Wolken die dort abregnen sollen!
    Verschwörung oder Wahrheit? Könnte mir Jemand Diese Frage bitte endlich mal beantworten?
    Sollte das statt finden ,müßte dieser geringe Kostenfaktor mit erwähnt werden.
    Woher kommt das Geld? Warum wird darüber nichts geschrieben?

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    Peter Oxoford

    8. Januar 2015 02:36 at 02:36

    Die Arbeitslosen gibts dort vor allem weil man sich Millionen Hilfsarbeiter in Land holt.Denn warum Arbeiten wenn es andere machen können?
    Nun ja mit Hausmädchen haben sie jetzt ein paar Probleme nachdem einige Staaten es verboten haben(oder erst ab 30)das Hausmädchen dorthin zum Arbeiten gehen.Warum?Weil sie gefoltert,vergewaltigt etc. werden und den Lohn oft auch nicht erhalten.
    Selbst bei Diplomaten wurden schon Sklaven ausgemacht,im Ausland wurden sie aber wegen Immunität nicht angeklagt!Und Immunität hat dort jeder der Königsfamilie.

    Auch lassen sich so einige hier behandeln und zahlen dann dioe Rechnung nicht.100 Millionen waren es vor paar Jahren auf denen wir sitzen geblieben sind nachdem man uns vorher iin der PResse weismachen wollte das diese Leute die Rettung für unsere Krankenhäuser wären.

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Gastronomie-Krise: Harte Fakten, weniger Insolvenzen, großes Problem

Claudio Kummerfeld

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Umgedrehtes Glas

Es ist kein Geheimnis. Die Gastronomie ist zusammen mit anderen Branchen wie Reisebüros, Airlines, Solo-Selbständigen uvm von der Coronakrise brutal getroffen worden, frontal und mit voller Wucht. Für den Zeitraum März bis August hat das Statistische Bundesamt heute harte Fakten für die Gastronomie geliefert. Der Umsatz der Branche lag im Vergleich zu März bis August 2019 um 40,5 Prozent tiefer. Man überlege sich das Mal. 40 Prozent weniger Umsatz in so einem großen Vergleichszeitraum. Das kann doch eigentlich kein Unternehmer überleben.

Hinzu kommt, was inzwischen auch kein Geheimnis mehr ist, dass die Insolvenzen in Deutschland in den letzten Monaten deutlich geringer ausfielen als im Vorjahr. Dies lag einerseits an Finanzhilfen des Staates und am Kurzarbeitergeld. Aber vor allem lag es an der großen staatlich genehmigten Insolvenzverschleppung. Bis vor Kurzem war die Insolvenzantragspflicht nämlich seit März ausgesetzt. Nun aber dürften ab Oktober und ab Januar die Insolvenzzahlen vermutlich deutlich ansteigen. Zitat von den Statistikern:

Von März bis Juli 2020 meldeten in dieser Branche 753 Unternehmen Insolvenz an – das waren 126 weniger als im Vorjahreszeitraum und 135 weniger als von März bis Juli 2018. Ein Grund dafür ist, dass die Insolvenzantragspflicht für Unternehmen zum 1. März 2020 ausgesetzt wurde, was über alle Wirtschaftszweige hinweg zu einem Rückgang der Insolvenzen führte. Im Juli 2020 beantragten bundesweit 146 Gastronomie-Unternehmen Insolvenz, das waren 16,1 % weniger als im Juli 2019. Dieser Rückgang entspricht der Gesamtentwicklung: Insgesamt wurden im Juli 2020 in Deutschland 16,7 % weniger Insolvenzen angemeldet als im Vorjahresmonat.

Grafik zeigt Umsätze in der Gastronomie in der Coronakrise

Unsere Meinung dazu: Die Charts zeigen eine spürbare Erholung in der Gastronomie. Der größte Teil des Tals ist für einige Bereiche der Branche demnach durchschritten. Selbst wenn man annehmen würde, dass von nun an die Umsätze in der Gastronomie wieder laufen wie früher, ist für die breite Öffentlichkeit unsichtbar ein Riesenproblem für die Branche entstanden. Oft wurden Bankkredite und Ladenmieten gestundet. Sie müssen nun zusätzlich zu den wieder aufgenommenen monatlichen Zahlungen nachgezahlt werden. Und im Zuge der Krise haben viele Unternehmer Kredite in aufgenommen. Das bedeutet: Selbst wenn die Umsätze wieder laufen sollten, wäre die monatliche Kostenbelastung für viele Betriebe deutlich höher als vor der Krise, und für viele Unternehmer ist das wohl dauerhaft nicht tragbar. Eine auf mehrere Quartale ausgedehnte Pleitewelle könnte folgen, und das nicht nur in der Gastronomie.

Weitere Details zu Umsatzrückgängen in der Gastronomie von den Statistikern im Wortlaut:

Innerhalb der Gastronomie besonders stark betroffen waren all jene Lokale, die ihr Geld mit dem Ausschank von Getränken verdienen: In dieser Sparte fiel der Umsatz von März bis August 2020 um 45,5 % geringer aus als im Vorjahreszeitraum. Dagegen konnten Restaurants, Gaststätten und Imbisslokale offenbar mit Lieferdiensten und Ab-Haus-Verkäufen einen Teil des Gästeschwunds kompensieren: Hier lagen die Umsätze von März bis August 2020 um 29,3 % unter denen des Vorjahreszeitraums (Caterer: -42,1 %).

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Wie die Entwicklungsländer versuchen die Krise zu überleben

Hannes Zipfel

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Coronakrise sorgt in Entwicklungsländern für immense Probleme

Viele Schwellenländer standen bereits vor dem Ausbruch der Pandemie vor großen finanziellen Problemen. Einige von ihnen waren bereits unmittelbar vom Staatsbankrott bedroht. Wie gehen die Entwicklungsländer mit der Zusatzbelastung durch die Corona-Krise um, trotz bereits zum Teil überbordender Schuldenstände und weniger effizienter Staatsstrukturen und Sozialsysteme? Können sie die Krise finanziell überhaupt überleben oder lösen sie eine globale Pleitewelle bei Staaten aus?

Lage der Entwicklungsländer spitzt sich zu

Momentan schauen in Zeiten der Pandemie die westlichen Ökonomen vor allem auf die Entwicklungen vor der eigenen Haustür. Doch gerade das stark vom Export abhängige Deutschland sollte auch die Entwicklungen jenseits der Hauptabsatzmärkte Europa und USA im Auge behalten. Der Wachstumsbeitrag der Entwicklungsländer für die Weltwirtschaft betrug bislang immerhin drei Viertel des globalen Gesamtwachstums. Dieser Trend soll sich laut dem Analysehaus Ashmore und dem IWF auch in Zukunft fortsetzen (Daten aus 2019). Doch dazu müssen die Schwellenländer zunächst die Pandemie ökonomisch und gesellschaftlich überleben.

Grafik zeigt globalen Wachstumsbeitrag der Entwicklungsländer

Wuchsen die Ökonomien der als Schwellenländer eingestuften Staaten in den letzten 20 Jahren durchschnittlich um 5,9 Prozent pro Jahr, so droht ihnen im Jahr 2020 die erste Rezession mit einer wirtschaftlichen Kontraktion in Höhe von durchschnittlich 3,3 Prozent. Davon geht der Internationale Währungsfonds (IWF) in seiner aktuellen Publikation „Emerging And Frontier Markets: Policy Tools In Times Of Financial Stress“ aus. Doch es könnte noch viel schlimmer kommen, wenn sich die Konjunkturlage im Zuge wirtschaftlicher Einschränkungen durch die Pandemie nochmals verschlechtert und bereits jetzt stark geschwächte Länder weitere Belastungen verkraften müssen.

Besonders Staaten wie Venezuela, Argentinien, Pakistan, die Türkei, Chile, Indien etc. haben jetzt schon massive wirtschaftliche Probleme bis hin zu Währungskrisen und der teilweisen Zahlungsunfähigkeit zu meistern. Am Anfang der Pandemie hatte eine beispiellose Kapitalflucht eingesetzt, bei der innerhalb kürzester Zeit über 100 Milliarden US-Dollar von internationalen Investoren aus Schwellenländern abgezogen wurden. Die Situation war von der Dimension her damit bereits im Frühling 2020 dramatischer als während der Weltfinanzkrise. Länder wie Argentinien, die Ukraine und Chile gerieten an den Rand des Staatsbankrotts. Und so könnte die sich mit der Pandemie weiter ausbreitende Rezession lediglich der Vorbote einer neuen Schwellenländerkrise sein.

Ein globales Problem

Die Budgets und logistischen Möglichkeiten zur Stützung der heimischen Wirtschaft, zur Gesundheitsversorgung und zur Aufrechterhaltung sozialer Mindeststandards sind im Gegensatz zu den entwickelten Volkswirtschaften in den Schwellenländern deutlich geringer ausgeprägt und damit anfälliger für Krisen. Selbst der Kollaps einzelner Entwicklungsländer ist nicht mehr auszuschließen (Failed States).

Wird diese Entwicklung zum Massenphänomen, bekommen auch die Industrieländer ernste Probleme. Dabei geht es nicht nur um die finanzielle Kosten, die über die Anteile der Industriestaaten an der Weltbank und dem IWF in Form von Nothilfen oder Kreditstundungen gewährt werden, sondern auch um massive Migrationsbewegungen, die sich längst in Gang gesetzt haben und zu gesellschaftliche Spannungen führen können. So sind allein wegen der sich weiter zuspitzenden humanitären Katastrophe in Venezuela ca. 4,8 Millionen Menschen oder 15,6 Prozent der Gesamtbevölkerung seit 2016 aus dem Land geflohen. Diese Massenbewegung, auch bekannt als Bolivarian diaspora, wirkt sich auch auf die Aufnahmeländer belastend aus.

Dabei ist Venezuela alles andere als ein Einzelfall: Laut der UNO Flüchtlingshilfe waren noch nie so viele Menschen wie heute auf der Flucht vor Armut und bewaffneten Konflikten. Ende 2019 lag die Zahl der Menschen, die weltweit auf der Flucht waren, bei knapp 80 Millionen – mehr als ein Prozent der Weltbevölkerung. Im Vergleich zum Vorjahr waren das fast neun Millionen Menschen mehr. Seit 2010 hat sich die Zahl der Menschen auf der Flucht verdoppelt. Für das kommende Jahr wird mit einer deutlichen Intensivierung der globalen Fluchtbewegung in Folge steigender Armut gerechnet. Für die Entwicklungsländer und vor allem für ehemalige Kriegsgebiete wie Syrien bedeutet dies, dass für den Wiederaufbau und für die Erwirtschaftung von Wohlstand und Steuereinnahmen dringend benötigte Menschen dauerhaft verloren gehen.

Maßnahmen gegen den Kontrollverlust in den Entwicklungsländern

Der IWF und die Weltbank haben bereits im April Mittel mobilisiert, um die Corona-Folgen für die Entwicklungsländer abzufedern. Dadurch sind zunächst die akuten Zahlungsbilanzprobleme vieler ärmerer Länder abgemildert worden. Doch das war lange vor der zweiten Corona-Welle. Im Sommer war es durch Notkredite des IWF in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar, die in Rekordgeschwindigkeit ausgezahlt wurden, noch gelungen, den sofortigen finanziellen Kollaps der Entwicklungsländer abzuwenden.

Zusätzlich zu den Notfallmaßnahmen des IWF hatten die G20-Staaten ein Schuldenmoratorium für die ärmsten 43 Entwicklungsländer beschlossen. Laut Weltbank sorgt diese Maßnahme in den betroffenen Staaten für eine Entlastung beim Schuldendienst von 11,5 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr. Nun ist in Anbetracht der zweiten Corona-Welle bei den G-20-Staaten bereits eine Verlängerung des Schuldenmoratoriums bis Mitte 2021 im Gespräch. Doch auch das könnte nicht reichen, wenn die Pandemie und deren ökonomische Folgen den nach wie vor recht optimistischen Prognosen der IWF-Ökonomen folgen.

Geld spielt keine Rolle

Auch der am 27. Dezember 1945 gegründeten IWF war in seiner 75-jährigen Geschichte bisher noch nie mit einer derartigen Krise globalen Ausmaßes konfrontiert. Und so fordert die Direktorin dieser supranationalen Institution, Kristalina Georgieva, das Vermögen des Fonds von einer Billion Euro auf 2 Billionen Euro zu verdoppeln, da andernfalls im Zuge einer zweiten oder sogar dritten Corona-Welle dem Fonds die Mittel auszugehen drohen.

Doch woher kommt das Geld des Internationalen Währungsfonds (IWF)? Zum einen kann der IWF sogenannte Sonderziehungsrechte vergeben, die nichts anderes als Buchkredite der Institution an seine Mitglieder darstellen. Zum anderen kommt Geld (und Gold) über Quotenregelungen direkt von den Mitgliedsstaaten, die zu den Nettozahlern gehören, wie z B. Deutschland oder die USA. Diese Staaten müssen sich gleichwohl für die Zahlung dieser gigantischen Summen selbst zusätzlich verschulden. Da der private Kapitalmarkt diese Schuldenmassen zu für die Schuldner tragfähigen Zinsen nicht mehr schultern kann, springen die Notenbanken ein und drucken das Geld (digital).

Nichts anderes tun aktuell auch die Zentralbanken vieler Entwicklungsländer, um ihre Staaten flüssig zu halten. Da dies bei Staaten mit ohnehin schwachen Währungen gleichwohl gefährlich ist und schnell zu einem Kollaps des Außenwertes der Währung führen kann, müssen die Geldpolitiker der Schwellen- und Entwicklungsländer andere Wege zur Unterstützung der Wirtschaft und des Staates gehen.

Nahezu alle Zentralbanken senkten daher zunächst die Zinssätze. Die größten Notenbanken intervenierten an den Devisenmärkten, entweder mit eigenen Reserven oder mit Geldern des IWF bzw. US-Dollar-SWAP-Linien der US-Notenbank Fed. Etwa die Hälfte der Institute senkte die Mindestreserveanforderungen für Banken, um das Finanzsystem liquide zu halten und die Kreditbedingungen zu lockert. Rund 20 Zentralbanken der Entwicklungsländer haben zum ersten Mal überhaupt quantitative Lockerungen vorgenommen (Geldmengenausweitung), um Staats- und Privatschulden am Sekundärmarkt zu erwerben, die sonst keine Käufer mehr fanden.

Die Folgende Grafik zeigt sehr anschaulich, dass anders als in den Industrieländern mit vermeintlich starken Währungen die Notenbanken der Entwicklungsländer primär über qualitative Maßnahmen agierten. Aber nicht aus purer Vernunft, sondern weil ihnen schlicht und einfach das Privileg der momentan noch konsequenzlosen Gelddruckens in beliebiger Höhe verwehrt ist. Daher ist es nur fair, dass Staaten wie die USA oder Länder der Eurozone ihre Geldschöpfungsprivilege im Interesse der durch die Pandemie in Existenznöte geratenen Entwicklungsländer einsetzen.

Grafik zeigt Unterstützung der Notenbanken

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Bundesbank: Erholung der Industrie läuft, Dienstleistungen problematisch

Claudio Kummerfeld

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Deutschland Flagge

Die Bundesbank hat heute ihren Monatsbericht für Oktober veröffentlicht. Demnach verliert der wirtschaftliche Aufschwung deutlich an Schwung. Die Wirtschaftsleistung in Deutschland dürfte im dritten Vierteljahr 2020 stark angestiegen sein. Gemessen am vierteljährlichen Bruttoinlandsprodukt könnte die deutsche Wirtschaft damit bereits etwas mehr als die Hälfte des drastischen Einbruchs im ersten Halbjahr wieder wettgemacht haben. Trotzdem dürften noch etwa 5 Prozent im Vergleich zum Vorkrisenniveau vom letzten Vierteljahr 2019 fehlen.

Aus heutiger Perspektive dürfte sich die wirtschaftliche Erholung im laufenden Vierteljahr zwar fortsetzen, dabei jedoch eine erheblich langsamere Gangart einlegen. Die Industrie ist gemäß der Bundesbank-Aussagen nicht das Problem, sondern der Bereich Dienstleistungen, der ja von erneuten Corona-Restriktionen direkt betroffen ist. Die deutsche Exportindustrie profitiert derweil zum Beispiel durch die wieder gut laufende Konjunktur in China. Hier die Bundesbank mit ihrer Headline-Aussage zur Industrie:

Dem Monatsbericht zufolge hat die Industrie nach dem besonders starken Einbruch im Frühjahr bis Juli bemerkenswert aufgeholt. Im August habe die Erholung zwar eine Verschnaufpause eingelegt, im Mittel der Monate Juli und August sei die Industrieproduktion dennoch gegenüber dem stark gedrückten Frühjahrsquartal kräftig angestiegen (+13,5 %). Gleichwohl verfehlte sie das Vorkrisenniveau aus dem vierten Quartal 2019 immer noch um gut ein Zehntel. Die Auftragseingänge hätten jedoch weiter zugenommen und beinahe wieder das Vorkrisenniveau erreicht.

Und hier die Headline-Aussagen zum Dienstleistungssektor:

Während sich die Stimmung bei den Industrieunternehmen laut Umfrage des ifo Instituts etwas aufhellte, trübte sie sich bei den Dienstleistungsunternehmen im September zum ersten Mal seit dem Frühjahr wieder etwas ein, schreibt die Bundesbank. Insbesondere Branchen wie das Gastgewerbe dürften durch die zuletzt stark gestiegenen Infektionszahlen und die deshalb in einigen Regionen ausgeweiteten Eindämmungsmaßnahmen belastet werden. Die Fachleute gehen davon aus, dass die Wirtschaftsleistung im laufenden Vierteljahr wohl nur noch vergleichsweise wenig steigen wird.

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