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Day Trading: Es ist das Gehirn! Warum wir Verluste halten und Gewinne zu früh schließen

Wie verhält sich unser Gehirn?

Day Trading und unser Gehirn

Es ist eine der vielen Weisheiten, die jeder aktive Marktteilnehmer kennt: 80 Prozent der Teilnehmer verlieren beim Handel mit Finanzinstrumenten Geld, auch und gerade beim Day Trading. Dieser Warnhinweis schmückt ausnahmslos alle Startseiten bekannter Trading-Plattformen, und wird doch völlig ignoriert. Es müsste auch eigentlich richtig lauten: 80 Prozent der Marktteilnehmer verlieren mit Finanzinstrumenten mehr, als sie damit verdienen!

Ein YouTube-Streifzug durch die aktuelle Hirnforschung auf der Suche nach Antworten in Sachen Day Trading

Warum verlieren unglaubliche 80 Prozent der Teilnehmer auch und gerade mit Day Trading mehr, als sie verdienen? Das ist die Kernfrage. Blenden wir die leicht erklärbaren Fehler wie kein Money Management, kein Risk Balancing, keine Handelsstrategien, keine Ahnung etc. aus, bleibt nur noch der handelnde Mensch übrig, der sich doch gerne selbst um seinen Erfolg bringt. Letzterer beginnt aber im Kopf, das ist kein Geheimnis mehr. Aber was bedeutet das denn eigentlich?

Bei der Suche nach Antworten sind mir, dem YouTube-Algorithmus sei Dank, die Vorträge eines deutschen Neurologen und Hirnforschers aufgefallen, die des Professors Gerald Hüther. Obwohl Professor Hüther die Börse oder gar Day Trading mit keinem Wort erwähnt, erschien mir das dort Erklärte so passend für unsere zentrale Frage, dass ich es mit Ihnen teilen und Sie mit auf die Reise nehmen möchte: Wie funktioniert unser Gehirn genau, wie strukturiert es sich und warum wird Ihnen dieses Wissen möglicherweise helfen, am Finanzmarkt erfolgreicher zu agieren.

So funktioniert unser Gehirn

Hüther sagt, dass unser Gehirn alleine im völligen Ruhezustand 20 Prozent der vom Körper bereit gestellten Energie verbraucht. Sobald wir die Augen öffnen und anfangen zu denken, erhöht sich der Verbrauch. Mentales Unwohlsein, Stress und Angstgefühle steigern ihn drastisch. Unser Gehirn möchte aber unbedingt in den beschriebenen, schönen Ruhezustand zurück – und es wird jeden Weg und jede Vernetzung nutzen, um diesen Zustand wieder zu erreichen. Es wird aber vor allem den schnellsten Weg dahin wählen; ob das langfristig eine sinnvolle Entscheidung ist oder nicht, wird ausgeblendet. Diesen letzten Satz sollten Sie idealerweise noch einmal lesen, denn er ist für Day Trading extrem relevant!

Eine zweite wertvolle Information, die uns Professor Hüther mitteilt, sind die Bedingungen, unter denen sich unser Gehirn wohl fühlt. Diesen Zustand nennt er Kohärenz (Wohlsein im weitesten Sinne), im Gegensatz zur Inkohärenz (Unwohlsein). Und unser Gehirn fühlt sich am wohlsten, wenn wir die Situation verstehen, gestalten können und in ihr einen Sinn finden.

Die dritte interessante Information ist, dass sich unser Gehirn anhand der Lösungen strukturiert, die es erfahren und erlebt hat. Und sich auch immer wieder neu zusammensetzen kann.

Stellen wir uns nun eine Situation im täglichen Handel beim Day Trading vor. Sie schauen auf einen, vermutlich sogar mehrere Bildschirme gleichzeitig, überall blinkt es rot und grün auf, Ihre Orders liegen im Markt und es ist 8.58 Uhr. Machen Sie sich jetzt klar, wie viel Energie Ihr Gehirn gerade verbraucht – und wie viel weniger es gerne verbrauchen würde. Hier liegt bereits eine erste Spannung vor, die Sie bewusst wahrnehmen sollten. Machen Sie sich zunächst klar, Sie verstehen was Sie tun (nicht die Märkte), Sie können es anhand ihrer Orders gestalten.

Gehirn und Day Trading

Kommen wir nun zu der in der Überschrift gestellten Frage, also zum Day Trading. Eine Position in den Märkten zu eröffnen und zu halten, löst ebenfalls einen Spannungszustand in unserem Gehirn aus, der Energieverbrauch steigt also. Angenommen, die Position liegt im Gewinn, könnte man im ersten Schritt denken, dies sei ein ideales Szenario für unser Gehirn.

Am Anfang sicherlich, aber unser Gehirn denkt ja weiter: Was ist, wenn der Markt dreht und die Position nun doch wieder ins Minus rutscht? Wir alle kennen diese Gedankenschleifen, die einen aktiven Trader tagein tagaus begleiten und behindern. Ein solcher Zustand, da werden Sie mir sicher zustimmen, fühlt sich eher inkohärent an. Und welche Lösung wählt unser Gehirn am liebsten – laut Gerald Hüther die schnellste! In diesem Fall, in dem wir den kleinen Gewinn realisieren. Ein Mausklick – die Spannung fällt und weicht einer kurzfristigen Freude. Dass wir uns ein paar Minuten später ärgern und wieder unwohl fühlen, weil wir erneut eine aussichtsreiche Position viel zu früh geschlossen haben, blendet unser Gehirn leider aus.

Wenn Sie sich diesen Prozess bewusst machen, können Sie eventuell das erreichen, was man als Entemotionalisierung des Gehirns im Day Trading bezeichnet. Und verhindern damit, dass Sie eine aussichtsreiche Position unüberlegt vorzeitig schließen.

Wenn der Markt dann tatsächlich weiter in unsere zuerst angedachte Richtung läuft, und wir sind flat, werden wir uns wieder unwohl fühlen. Und was will das Gehirn? Mit einem Mausklick sind wir wieder im Markt, das wird uns kurzfristig beruhigen. Wir können dann wieder an den Anfang dieses Absatzes springen und erneut lesen, was passieren wird, und mit etwas Glück oder Pech haben wir dann am Ende des Tages einen Gewinn oder Verlust – oder aber, der worst case, eine offene Position im Minus.

Wie verhält sich unser Gehirn, wenn wir im Day Trading eine Position halten, die im Verlust liegt? Rutscht die Position ins Minus, fühlen wir uns unwohl (Inkohärenz). Jetzt könnte man denken, das Gehirn wählt sofort die schnellste Option, den Ausstieg. Aber der bedeutet Schmerzen (Verlust), und das will das Gehirn auch nicht. Und hin und wieder gab es ja auch schon zu schnelle Ausstiege, wer viel handelt, kennt das sicherlich.

Das Gehirn in der Zwickmühle

Das Gehirn ist also in einer Zwickmühle, beide Optionen (Halten, Schließen) bedeuten kurzfristig Schmerzen, wobei beim Halten der Position zumindest noch Optionen offen sind. Und hier offenbart sich eine weitere sehr schöne Eigenschaft unseres Gehirns: Wir können kurzfristig Schmerzen erdulden, wenn wir langfristig profitieren und uns dies auch bewusst machen. Zum Beispiel hat jeder aktive Trader schon Positionen ohne Sicherung gehalten, die glatte Fehltrades waren, aus denen er aber irgendwie irgendwann noch mit einem blauen Auge oder sogar einem Gewinn ausgestiegen ist. Je intensiver dieser Trade auf der emotionalen Skala war, umso größer wird die Freude gewesen sein, den Trade doch noch „gerettet“ zu haben.

Somit schaffen wir direkt eine sehr starke Vernetzung, die unser Gehirn jederzeit wieder aufrufen wird, sobald wir einen Fehltrade erleben. Schließlich strukturiert sich unser Gehirn anhand der Lösungen, die wir erlebt haben. Sinnvoller wäre natürlich, sich bewusst zu machen, dass beim Day Trading kleine Verluste die Basis großer Gewinne sind, denn irgendwann kommt natürlich der Moment, in dem ein so großer Verlust auftritt, der nicht weiter ignoriert oder „gerettet“ werden kann. Aber das ist hier nicht das Thema. Allerdings, wenn dieser Fall eintritt, wird unser Gehirn auch einen Ausweg finden, mit dieser Situation umzugehen. Offensichtlich haben wir es kulturell erlernt, kurzfristig Schmerzen zu erdulden, um langfristig davon profitieren zu können. Und das mit nur einer Wahrscheinlichkeit von 20 Prozent.

Wieso eröffnet man überhaupt ein Konto, wenn man weiß, dass man mit 80 prozentiger Wahrscheinlichkeit verlieren wird? Wenn man sich diese Frage wirklich bewusst macht, hat man den Kopf auch wieder voller Fragezeichen.

Mein Gehirn schlägt mir kurzfristig eine Alternative vor, um diesen Zustand der Inkohärenz aufzulösen, die ich gerne annehme. Bei einem Glas Rotwein den Klängen Beethovens Piano Concert No. 4 in G zu lauschen, die Katze zu kraulen und über den Sinn des Lebens nachzudenken.

Fazit

Bevor Sie mit dem Day Trading starten: Machen Sie sich bewusst, wie Ihr Gehirn funktioniert! Vor allem, wenn Sie aussichtsreiche Positionen halten! Malen Sie sich aus, wie schön es doch wäre, wenn Sie ihre Trades nicht mehr mit Ihrem emotionalen Wohlbefinden verknüpfen würden, sondern sie als das ansehen, was sie tatsächlich sind: Eine Wette auf Wahrscheinlichkeiten! Suchen Sie nach sinnvollen Tätigkeiten, die Ihnen ein Gefühl der Kohärenz geben, damit Sie emotional stabil handeln können. Und setzen Sie immer einen Stop Loss!

Quellen:
https://www.youtube.com/watch?v=5JrLUEekyM0&t=72s
https://www.youtube.com/watch?v=MCqwS1RnUPw&t=573s



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3 Kommentare

  1. Mir kann die „Hirnforschung“ gestohlen bleiben. Warum der Anleger fast immer verliert?
    Hier ein schönes Beispiel von heute: WKN NG4VL7, während das UL um 9:13 Uhr sich
    unwesentlich bewegt, verliert das Derivat zwischen 9:12 und 9:13 mal eben 8 Cent, um dann
    zu machen, was es soll….
    Es heißt dann immer so schön: „Wir mußten die Vola anpassen, bla bla … “
    Und Griechen sind zum Drehen da, davon wird aucg rege Gebrauch gemacht.
    Solche Beispiele gibt es täglich, das ist für mich nich KI, sondern KE. Eine Bafin sitzt
    ausdrücklich mit im selben Boot.

    1. Dann handeln Sie doch einfach ein Produkt, dass in der Preisbildung nachvollziehbar ist!
      Grüße, Thomas Hartz

  2. Beim Börsenhandel braucht man sich nur eine Regel merken: 70% der Anleger verlieren – 30% der Teilnehmer gewinnen. Dazu dann 25% Steuern. Also macht es etwa: 77,5% der Anleger verlieren und 22,5% der Teilnehmer verlieren. Dazu kommen noch die Depotkosten und Gebühren… (Daten stammen übrigens von einer Großbank 2019) Das soll natürlich nicht bedeuten, daß alle Aktien schlecht sind – das bedeutet, das sehr viele Betrugsvarianten (angefangen von Kursstellungen bis hin zu Lagerstätten – blöde Frage: Gibt es zumindest die Aktien bei Clearstream oder sind die leerverkauft?) unterwegs sind.

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