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Giovannie Cicivelli Tradingchancen

Hintergrund

Der Westen ist dumm!

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Man hört ja immer wieder die These, dass die (westlichen) Finanzmärkte immer Recht hätten. Die aktuelle Entwicklung hingegen zeigt, dass das Gegenteil der Fall ist: kurzfristig haben die Märkte meistens Unrecht. So hat der Leitindex der Welt, der S&P-500, am Freitag ein neues Allzeithoch erreicht – und das trotz der absehbaren Eskalation in der Ukraine. Es ist besonders jenseits des Atlantik ein Mangel an Empathie und Interesse für Entwicklungen außerhalb der USA, die die weltweiten Finanzmärkte, die am Rockzipfel der US-Märkte hängen, gelegentlich regelrecht dumm erscheinen lässt.

Und die westliche Politik spiegelt dieses Unverständnis der Finanzmärkte eins zu eins wider: Wer nur ein wenig sich in die Lage Russlands hineinversetzt hat, ist von den Entwicklungen nicht überrascht. Die Ukraine gehört zu den zentralen Interessensgebieten Russlands, gipfelnd in der Krim mit der russischen Schwarzmeer-Flotte, die für das Land von immenser strategischer Bedeutung ist. Russland konnte nicht einfach tatenlos zusehen, wie der einzige noch verbliebene Puffer zum Westen und der NATO auch noch verschwindet. Schon der Beitritt Polens und der baltischen Staaten zum „Westen“ mit seinen Bündnissen ist aus russischer Sicht eine akute Bedrohung gewesen – die Ukraine brachte das Fass dann zum Überlaufen. Man fühlt sich vom Westen ausgebootet – und der Westen täte gut daran, dieses Gefühl nachvollziehen zu können.

Stattdessen reagiert der Westen auf die Ereignisse, die ohnehin absehbar waren (siehe unseren Artikel: Die Konfrontation mit Russland kommt) mit ratlosen Drohgebärden. Man werde nicht mehr an den Vorbereitungen am G-8-Gipfel in Sotschi teilnehmen, heißt es von den anderen sieben „G-Staaten“. Wow, da werden Putins Knie schlottern. Dann sei auch das für 53 Milliarden US-Dollar ausgebaute Sotschi eine Fehlinvestition – noch tragischer. Zielführender aus Sicht des Westens – wenn man Russland wirklich beeindrucken wollte – wäre es, das Land dort zu treffen, wo es am Verwundbarsten ist: nämlich bei den Ölpreisen (und den daran gekoppelten Gaspreisen). Der Ölmarkt ist ein relativ marktenger Mikrokosmos – eine konzertierte Aktion von westlichen Hedgefunds, die als Verkäufer auftreten, würde reichen, um den Preis massiv unter Druck zu bringen. Das könnte, anders als die hilflose Drohung, Russland aus den G-8-Staaten auszuschließen, von Putin nicht ignoriert werden, wäre damit doch die ökonomische Basis des Landes betroffen. Das wäre jedoch ein Weg der Konfrontation.

Wenn der Westen die Krise politisch wirklich in den Griff bekommen möchte, muss er Kompromisse machen und sich der Realität stellen. Und das heißt konkret: man überlässt den Osten und Süden der Ukraine mit russischer Mehrheitsbevölkerung Russland, zum Beispiel als „Ostukraine“ in Form eines Protektorats. Und bekommt im Gegenzug freie Wahlen in der Westukraine, die zur Bildung einer pro-westlichen Regierung führen. Damit könnte der Westen leben – und Russland eben auch, da das neue Protektorat als Puffer-Staat gegen den Westen fungieren würde.

Es ist Zeit für den Westen, von seinem hohen Ross abzusteigen und seine moralisch verbrämte Ignoranz abzulegen – sonst wird es wirklich gefährlich! Und im Endeffekt teurer..

2 Kommentare

2 Comments

  1. Gloria

    3. März 2014 13:42 at 13:42

    Was heißt hier „…bekommt im gegenzug freie Wahlen“ ??? Freie Wahlen sind in der Ukraine ja nichts neues. Allerdings dürfte seit Februar allgemein bekannt sein, was in der Ukraine mit frei gewählten Regierungen passiert. Die werden von der EU schlichtweg aus dem Amt geputscht.

  2. Ollifred

    3. März 2014 17:19 at 17:19

    Mich stört die unerträglich westlichen Interessen angedingte Berichterstattung in den Medien. Wenn der kalte Krieg wieder ausbricht dann bestimmt weil die EU und Amerika nicht einsehen wollen das ihnen nicht die Sonne aus dem A. scheint. Die Opposition sind Putschisten. Wen verwundert es das Russland seine Interessen wahrt.
    Mir imponiert dieser starke Mann, auch wenn ich nicht alle seine Entscheidungen mittragen kann. Was für Kasper haben wir dagegen im Westen!

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Im Chart wird deutlich, wie vergleichsweise gering die Erholung ausgefallen ist bislang:

(Chart durch anklicken vergrößern)

Das sieht nicht nach Bullen-power aus! Eher ein zaghafter Versuch, das Schlimmste abzuwenden – und das trotz der daueroptimistischen Wall Street, die gestern wieder einmal zulegen konnte, vor allem die schwergewichtigen Tech-Werte wie Apple (in Vorfreude auf die heutige Präsentation der neuen Apple-Produkte) und Amazon. Aber auch in den USA gilt: es erreichen mehr Aktien 52-Wochen-Tiefs als 52-Wochen-Hochs, der Anstieg ist von den wenigen Tech-Schwergewichten getragen, der breite Markt sieht deutlich negativer aus. Mithin sind die großen Tech-Werte die Schminke, die die Falten kaschieren – aber man sollte sich nicht von dem Makeup täuschen lassen!

Andernorts ist die Lage völlig anders: der Shanghai Composite ist heute auf den tiefsten Stand seit zweieinhalb Jahren gefallen, die Märke und Währungen der Schwellenländer bleiben unter Druck, auch die europäischen Indizes sind sämtlich charttechnisch angeschlagen. Es ist diese Schizophrenie, die nachdenklich stimmt: leben die Amerikaner auf einem anderen Planeten? Nun, wer Donald Trump als Präsidenten wählt, muß wohl auf einem anderen Planeten leben..

Die Fakten sind: die Fed verknappt die Liquidität, die Schwellenländer daher besonders unter Druck, und der Handelskrieg ist erst in seinem Anfangsstadium. Die Kombination aus diesen Faktoren bringt die ganze Welt uner Druck, nur eben die Amerikaner nicht. Dort hofft man auf NAFTA, glaubt, dass einem der Handelskrieg nichts anhaben könne, und die Fed werde schon brav bleiben und die Zinsen nicht deutlich anheben. Dort also die optmistischste Interpretation der Dinge, überall sonst auf der Welt sehen die Fakten anders aus! Inzwischen ist die Spanne so groß (etwa zwischen amerikanischen und chinesischen Tech-Werten), dass eine Wieder-Annäherung nur eine Frage der Zeit ist – ewig kann man nicht schizophren bleiben..

Für den Dax gilt: erst über dem Widerstand von 12100 Punkten besteht wieder – charttechnisch gesehen – Hoffnung. Besser noch, der Dax überwände den seit Ende Juli bestehenden Abwärtstrend bei 12220/12250 Punkten. Auf der Unterseite ist nun das Tief bei 11860 Punkten entscheidend: noch läßt sich dieses gestern erreichte Verlaufstief als Fehlausbruch nach unten interpretieren – aber wenn dann die 11860 auch noch fallen sollte, wäre das ein klares Zeichen dafür, dass Dynamik auf der Unterseite aufkommen wird..

 


By Josemanuel. – Own work, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1284536

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Allgemein

Tribalisierung statt Globalisierung: Eine Generation geht verloren

Die Globalisierung steht am Beginn eines großen Rückschlags – und eine ganze Generation ist gezwungen, ihre eigenen Werte zu verraten..

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Von Markus Fugmann

Ich bin 1969 geboren und entstamme damit einer Generation, die grundsätzlich optimistisch veranlagt ist. Als wir erwachsen wurden, fiel die Mauer, ging die Sojwetunion unter und verschwanden damit gefühlt alle Grenzen, die unseren Drang nach (Bewegungs-)Freiheit begrenzt hatten. Als Jugendliche fürchteten wir die Atomkraft, fürchteten, dass uns Atombomben auf den Kopf fallen – wie einst die Gallier, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fiele.

All das ist nicht passiert. Und mit dem Ende der Sojwetunion und damit dem Ende des Kalten Krieges stand uns die Welt offen, schien eine Art ewiger Frieden erreicht, gewissermaßen das Ende der Geschichte (Fukujama). Wir reisten, probierten uns und das andere Geschlecht aus, alles war möglich, die Globalisierung kam, wir nutzten als erste Generation den Computer, lernten in der Schule programmieren, nutzten das Internet – und drängten heraus in die Welt. Diese Welt, so schien es, wächst zusammen – und wir fanden das gut so, weil es das Spektrum unserer Möglichkeiten vergrößerte.

Nun aber, zu einer Zeit, in der normalerweise diese Generation an die entscheidenden Schaltstellen der Gesellschaft in Politik und Wirtschaft gelangt, haben wir das Gefühl, wir sind irgendwie von gestern. Schon die heute Mitte 30-jährigen sind von uns grundsätzlich verschieden: ja, man kann ins Ausland gehen, aber man will dann zurück kommen, heiraten und ein Haus bauen. Das war so ziemlich das Letzte, was noch unserer Generation als Ideal vorschwebte. Diese Sehnsaucht nach Heimeligkeit war uns fremd, sie ist aber wohl die logische Konsequenz für eine Generation, die das Internet mit der Muttermilch aufgesogen hat und die nun ein Bedürfnis nach kuscheliger Wärme hat – und der es reicht, sich auf Google Maps jene Orte anzuschauen, zu denen wir noch gereist sind.

Es gibt bei dieser jüngeren Generation eine Tendenz zur Abschottung – ebenso wie in den großen Strömungen des Zeitgeists, der sich derzeit Bahn bricht. Dass derzeit rechskonservative Strömungen aufkommen, ist kein Zufall. Das Rad der Geschichte dreht sich gewissermaßen zurück, es gibt einen klaren Gegentrend zur Globalisierung, den ich als „Tribalisierung“ (Rückbesinnung auf den eigenen „Stamm“) bezeichne: ob Trump in den USA, die AfD in Deutschland, die FPÖ in Österreich, Le Pen in Frankreich etc. – das Motto lautet: wir schotten uns ab!

Rechtskonservative Bewegungen hat es auch früher gegeben seit dem Ende des Kalten Krieges – aber sie waren irgendwie aus der Zeit gefallen und hatten daher keine Chance. Diesmal ist das anders. Denn eines ist klar: die massenhafte Immigration nach Europa ist kein Thema, das vorbei gehen wird. Im Gegenteil: es wird immer dringender!

Was wir mit syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen erlebt haben, ist nur der Auftakt, sie sind nur die Vorhut für weit größere Ströme nach Europa. Flüchtlingsströme aus Syrien oder dem Nahen Osten werden irgendwann abebben – der Nahe Osten ist nicht unser größtes Problem. Dagegen werden sich bald Flüchtlingsströme aus Afrika massiv intensivieren, schon aus demografischen Gründen: Afrikas Bevölkerung wird sich bis 2050, also in nur 35 Jahren, von einer Milliarde auf dann zwei Milliarde verdoppeln – nicht weil Afrikanerinnnen mehr Kinder bekämen als früher – im Gegenteil. Nur die Zahl afrikanischer Frauen im gebährfähigen Alter wird aufgrund der demografischen Struktur in den afrikanischen Ländern bald stark nach oben schießen.

Und weil es faktisch keine Perspektive dafür gibt, diese stetig steigende Bevölkerung ausreichend zu versorgen bzw. Jobs zu schaffen, wird ein nicht geringer Teil dieser Menschen nach Europa drängen als einzig logisches underreichbares Ziel. Es geht hier um viele Millionen Menschen, vor allem junge Männer, die in ihren Heimatländern faktisch keine Chance haben, Jobs zu bekommen und Familien zu gründen. Und wir werden uns nicht anders zu helfen wissen, als eine Festung Europa zu errichten, weil diese Einwanderungsströme selbst beim besten politischen Willen nicht zu handhaben sind.

Und vermutlich wird es exakt meine Generation sein, deren Vertreter dann an der Macht sind, die diesen Festungsbau anordnen und ausführen wird. Weil es nicht anders geht, ob man will oder nicht. Und genau deswegen haben die rechskonservativen Strömungen, die genau das jetzt schon fordern, Zukunft. Sie thematisieren das, was auf uns zukommen wird, wollen Homogenität, Sicherheit, etablierte, vor-globalisierte Strukturen zurück – also all das, was meine weltoffene Generation überwiegend eigentlich nicht will. Und trotzdem wird es meine Generation sein, die faktisch die Voraussetzungen dafür schaffen wird.

Darin besteht eine gewisse Tragik: man ist gezwungen, die eigenen Werte zu verraten. Und insofern geht eine Generation verloren, die mit ihrer Humanität und ihrer Offenheit aus der Zeit zu fallen beginnt. Die Zeiten, in denen die Welt noch offen stand, sind jedoch offenkundig vorbei, die Globalisierung weicht der Tribalisierung. Vielleicht wächst dann wenigstens das Verständnis dafür, dass wir in Europa alle in einem, demselben Boot sitzen – und es gar keine Alternative zu einer wie auch immer definierten europäischen Gemeinschaft gibt..

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