Aktien

Die nächste Derivate-Bombe kommt aus China

Von Markus Fugmann

Die gestern (noch nicht offiziell verkündete) Absicht der chinesischen Notenbank, den fünf größten Banken des Landes (Industrial & Commercial Bank of China Ltd., Agricultural Bank of China Ltd., China Construction Bank Corp., Bank of China Ltd. and Bank of Communications Co.) eine Liquiditätsspritze von 500 Milliarden Yuan auf drei Monate zu gewähren, hat den Aktienmärkten weltweit Auftrieb gegeben.

Kommentatoren und Analysten vermuten, dass die Regierung damit auf die schwachen Konjunkturdaten aus dem August reagiert – die fünf größten Banken Chinas sollen das Geld vor allem kleineren und mittleren Unternehmen als Kredit zur Verfügung stellen. Das ist die eine Seite der Liquiditäshilfe – aber eben nur die eine Seite.

Wenn man verstehen will, warum dieser Schritt ausgerechnet gestern erfolgte, muß man bedenken, dass der Shanghai Composite mit -1,8% zuvor einen der größten Tagesverluste seit Jahren verkraften mußte. Und das war mehr als unangenehm für die Entscheidungsträger in Peking: denn die Regierung hat seit August eine intensive Medienkampagne gesteuert, die den Chinesen den Kauf von Aktien empfiehlt. Auf allen Kanälen wird den Chinesen eingebläut, dass Aktien derzeit das bessere Invest sind als Immobilien. Die Regierung möchte also die Kapitalströme weg vom Überangebot belasteten Immobilienmarkt hin zum Aktienmarkt lenken.

Und das hat seine Gründe. Denn China – das ist auch ein historisch bedeutender Prozeß – wird anfangen, seine Schulden in die (westliche) Welt zu exportieren. Anfang Oktober werden sich die Finanzplätze in Hongkong und Shanghai miteinander verlinken – mit weitreichenden Folgen. Bislang können Ausländer nur Assets in Hongkong kaufen, mit der Verlinkung erhalten sie dann auch Zugang zu Aktien und Anleihen in Shanghai, also faktisch zum Festland-China. Die Folge wird sein, dass westliches Kapital nach China strömt – auf der Suche nach Renditen, die es im Westen aufgrund der Nullzinspolitik eben nicht mehr gibt. Mittelfristig wird das dazu führen, dass etwa ein amerikanischer Hedgefond verbriefte Kredite von chinesischen Lokalregierungen kauft, und nicht nur Aktien erwirbt, die in Shanghai gehandelt werden. Wir stehen faktisch also vor einer neuen, gigantischen Welle neuer Derivate und Produkte, die Kredite bündeln – nur dass diesmal nicht die USA der Verkäufer sind, sondern China. Faktisch geht damit China den Weg, den die USA als Exportweltmeister von Schulden gegangen sind.

Es ist also sehr gut möglich, dass sich die Geschichte wiederholt: in der Finanzkrise kollabierten die Preise für Derivate und Verbriefungen aus den USA, als die Immobilienblase platzte. Und auch in China droht derzeit die immense Blase an den Immobilienmärkten zu platzen: die Preise sind rückläufig auch in den Hotspots Peking und Shanghai, die Verkäufe brechen ein, die Nachfrage sinkt, während das Überangebot nicht mehr abverkauft werden kann.

In dieser Situation hat die Regierung ein starkes Interesse, dass die Aktienmärkte sich weiter gut entwicklen. Die message an die Chinesen ist daher: seid schon drin im Markt, bevor die Ausländer kommen und die Preise nach oben gehen. Es ist also eine Art Wohlfahrtsprogramm für die vom Wirtschaftsabschwung verunsicherten Chinesen. Es ist das Versprechen auf das schnelle Geld, das von den Ausländern ab Oktober geliefert werden wird. Und der Westen wird beherzt zugreifen – und so den selben Fehler wie vor der Finanzkrise noch einmal machen. Soll doch keiner sagen, dass der Mensch nicht lernfähig sei!



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