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Über die „Mission Impossible“ Energiewende ins industrielle Aus? Die Ursache der Energiekrise

Energiekrise und Energiewende

Ist die Energiewende in Deutschland eine „Mission Impossible“ –   mit dem Resultat, dass die deutsche Industrie durch die Energiekrise in immer stärkere Schwierigkeiten gerät? Gas und Strompreise steigen jedenfalls immer weiter.

Energiekrise und Energiewende – wird alles wieder gut?

Die Nachrichtensender geben Entwarnung. Die Gasspeicher sind inzwischen auf mehr als 72 Prozent angefüllt. Anfang November sollen es 95 Prozent sein. Die Botschaft soll beruhigen. Selbst in diesen schwierigen Zeiten, wo Putin uns langsam und kontrolliert den Gashahn allmählich zudreht, ist die Energieversorgung stabil. Dank der Regierenden. Man möchte Robert Habeck, Olaf Scholz und ihren unermüdlichen Mitstreitern erleichtert die Hand schütteln. Auf den Hayek Tagen 2022 hielt Robert Vahrenholt einen Vortrag mit anschließendem Podiumsgespräch. Darin widerspricht der Chemiker, Alt-Juso und ehedem maßgebliche Energieexperte der SPD der amtierenden Ampelregierung bei ihrer Einschätzung, man werde die Energiekrise meistern.

Fritz Vahrenholt

Fritz Vahrenholt war unter SPD-Bürgermeister Henning Voscherau 1991–1997 Umweltsenator in Hamburg. Es folgten Vorstandsposten bei der Deutschen Shell und der RWE-Tochter RWE Innogy. Seit 1999 nimmt Vahrenholt in Hamburg eine Honorarprofessur wahr, um seinen reichen Erfahrungsschatz in Politik und Wirtschaft an den wissenschaftlichen Nachwuchs weiterzugeben. In seinem Kurzvortrag vor der Hayekgesellschaft präsentierte Vahrenholt Fakten über Fakten. Man merkt ihm an, dass er ein Mann der Zahl, Tabelle und Kurve ist. Wer allerdings den Wikipedia-Eintrag über ihn liest, muss zwangsläufig zum gegenteiligen Schluss gelangen: Dort begegnet Vahrenholt als fieser Energiehetzer und stumpfer Klimaleugner: Jedes Adjektiv ein Spin, hinter jedem Wort eine Absicht gelegt. Lexikoneinträge lasen sich früher einmal anders. Doch nun genug zur Person. Gehen wir in medias res:

Putin an hohen Gaspreisen Schuld

Das Putin-ist-an-allem-Schuld-Narrativ zerlegt Vahrenholt analytisch in seine Bestandteile. Der medialen Erzählung, die Gas- und Strompreise seien erst durch Putins Überfall auf die Ukraine in die Höhe geschossen, widerspricht er vehement. Seit 2017 gingen europaweit über 20.000 MegaWatt Kohleverstromung vom Netz, davon in Deutschland allein 11.000 MegaWatt, so Vahrenholt. Weil infolge der Corona-Pandemie der Energiebedarf heruntergefahren wurde, konnte das System den Schwund gut wegstecken. Doch im Rahmen der wirtschaftlichen Erholung 2021 mussten dann aber Gaskraftwerke zur Stromgewinnung einspringen. „Die weltweite Gasverknappung und die in Mitteleuropa auftretende Windflaute verstärkte den Effekt“ laut Vahrenholt. Und seit Februar kam zu der selbsterzeugten prekären Gesamtlage im Energiemarkt dann noch der Ukrainekrieg obendrauf und verschärfte die Energiekrise.

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Nahrungsmittelpreise korrelieren mit Gas- und Ölpreisen

Vahrenholt präsentiert einen Chart, aus dem hervorgeht, das die Nahrungsmittelpreise den Öl- und Gaspreisen folgen. Die Korrelation ist zwischen 2005 und 2015 geradezu schlagend und seit 2020, als die Preise nach oben schossen, auch wieder. Die Explosion der Düngemittelpreise startete bereits im Januar 2021. Der Preis für Diammonphosphat lag im Januar 2021 noch bei gut 370 Euro die Tonne. März 2022 lag er bei 966 Euro. Der Preis für Kalkammonsalpeter lag im Januar 2021 bei etwa 250 Euro und schoss Ende September binnen eines Monats auf 580 Euro. März 2022 lag er bei 680 Euro.

Energiewende: Energiepreisinflation und Energieklemme

Bei der aktuellen Energiepreisinflation trifft die selbstverschuldete Energieklemme auf ein von der EZB erzeugtes überbordendes Geldangebot. Anders gesagt: Geld ist dank der indirekten Gelddruckorgien der letzten zwei Jahre zwar reichlich vorhanden, Energie aber nach und durch die Energiwende hingegen nicht. Die unmittelbare Folge sind explodierenden Energiepreise.

Hinzu kommt, dass seit 2013 die Investitionen der großen Ölmultis hinsichtlich der Neuerschließung neuer Öl- und Gasfelder kontinuierlich rückläufig sind. Sie erreichten 2013 einen Spitzenwert von 130 Milliarden US-Dollar und lagen 2020 nur noch bei über 40 Milliarden US-Dollar. Getrieben wird die Entwicklung zudem durch den neuen Ablasshandel, bei dem CO2-Zertifikate am CO2-Verbrauch gekoppelt werden. Der EU-interne CO2-Handel explodierte in den letzten Jahren förmlich. Er hat sich von 2017 bis 2022 verzehnfacht. Allein durch den europäischen Zertifikatehandel hätten sich infolgedessen die Strompreise verdreifacht, so Vahrenholt. Letzterer belegt sein Fazit mit einem Chart zum Börsenstrompreis, demzufolge dieser im November 2021 durch die Decke ging. Anschließend beruhigte er sich auf niedrigerem, wenngleich hohen Niveau, um 2022 abermals in die Höhe zu schnellen.

Deutschland ist nach China weltgrößter Erdgasimporteur

Deutschland ist der zweitgrößte Erdgasimporteur nach China. 55 Prozent der Gasimporte stammten aus Russland. Davon gingen 36 Prozent in die Industrie und 31 Prozente in private Haushalte. Die Abhängigkeit vom russischen Gas ist eine direkte Konsequenz der Energiewende, die Folge aus dem zweiten Ausstieg Deutschlands aus der Atomenergie, der unter Angela Merkel von CDU und SPD beschlossen worden war. Auch die GRÜNEN und die FDP stimmmten damals dafür. Allein die AfD sprach sich geschlossen gegen den Atomausstieg aus. Unmittelbar nach dem ersten Atomausstieg wurde unter Gerhard Schröder Nordstream 2 in Angriff genommen, um die Energiewende, die große Transformation weg von der Atomkraft, zu überbrücken. Russisches Gas sollte dreckige Kohle und böse Atomenergie ersetzen.

„Frieren für die Freiheit?“, fragt Vahrenholt provokant und stellt das Machbarkeitsnarrativ in Frage: „Es wird behauptet, Deutschland könnte einen russischen Gasexportstopp verkraften. Die Frage, die sich eher stellt ist, wieso hat die Politik in den letzten 10 Jahren zugelassen, dass wir in extreme Abhängigkeit von Russland gelangt sind.“

Wind- und Solarkraft – Lösung für die Energiekrise?

Die Bundesregierung weist gerne darauf hin, dass ca. 40 Prozent des Strombedarfs bereits aus den erneuerbaren Energien stammen. Legt man allerdings den Primärgesamtenergieverbrauch für 2021 zugrunde, relativiert sich die stolze Leistungsziffer. Denn beim Gesamtverbrauch kommen die erneuerbaren Energien nur auf gut 16 Prozent. Der wichtigste Anteil stellt nach wie vor Mineralöl mit 31 Prozent (Verkehr), gefolgt von Erdgas (26 Prozent), Steinkohle (8,6 Prozent), Braunkohle 9 Prozent und Kernenergie 6 Prozent. Der Anteil der Photovoltaik an der energetischen Gesamtbilanz liegt bei gerade einmal 1,6 Prozent, der von Windkraft bei 3,5 Prozent. Das Gros der Erneuerbaren stellt mit 7,3 Prozent jene Energie, die aus Biomasse gewonnen wurde.

Energiekrise: Pfaffenhofen, wir haben ein Problem!

Vahrenholt malt ein insgesamt düsteres Bild. Selbst wenn es der Bundesregierung gelänge, die Windkapazität (3,5%) bis 2030 zu verdreifachen und die Solarkapazität (1,6%) zu vervierfachen, würden damit die Lücken, welche der gleichzeitige Austritt aus Gas-, Kohle- und Atomkraft bewirkt, nicht ernsthaft aufgefangen können.

Bei der internationalen Raumstation ISS liegen die Dinge übrigens anders: Durchs All segelnd umkreist sie stabil die Erde, dank ihrer ausladenden Solarpanel. Die ISS ist derzeit vermutlich das einzige Großsystem, dass seinen gesamten Energiebedarf ausschließlich, sprich: rund um die Uhr und 365 Tage im Jahr, aus Sonnenenergie speist. Auf der Erde ist das derzeit noch Utopie. Eine Ursache dafür ist ganz banal. Die ISS kommt für ihre Energiekosten (in diesem Initialisierungskosten) nicht selber auf. Das übernimmt das sie finanziell tragende Staatenkonsortium. Wenn dem nicht so wäre, müsste die ISS umgehend zur Erde senden: Pfaffenhofen, wir haben ein Problem!

Energiekrise: Vorurteilslose Intelligenz prüft kritisch, statt moralisch zu diffamieren

Vahrenholts Fakten zu Energiewende und Energiekrise beeindrucken. Man muss seinem Vortrag nicht in allem folgen. Mag sein, dass bei seiner Fracking-Initiative der alte Shell-Vorstand zum Vorschein kommt. Indes, audiatur et altera pars. Vahrenholts Datenschatz sowie sein immenses Wissen zwingen aber zur Auseinandersetzung mit ihm. Wer sein Einwände nicht ernst nimmt, wird am Ende selber nicht mehr Ernst genommen. Säße der Autor als Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, würde er jedenfalls jedes einzelne Argument von Vahrenholt auf den Prüfstand stellen. Schon um es zu widerlegen.

 



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6 Kommentare

  1. Sehr geehrter Herr Habenicht,
    Sie können hier schreiben bis Ihnen der Arm abfällt.
    Es nutzt nichts.
    Gegen Ideologien und Illusionen hilft noch nicht einmal Mathematik.
    Aber, es nutzt ja so und so jetzt nichts mehr. Jetzt müssen wir alle durch den Winter, und werden sehen, wie wir alle im Frühjahr ankommen.
    Ich habe auch seit Anfang 2019 vor den Folgen gewarnt, wenn N2 nicht in Betrieb genommen wird, aber trotzdem eine ganze Anzahl von Kraftwerken abgestellt werden. Spinner und Paranoider waren dann die Antworten von den ganz Schlauen, wenn ich geschrieben habe, dass wir uns auf einen Winter mit Stromausfällen vorbereiten. Gas spielt hier bei uns keine Rolle, das haben wir für 3 Jahre in Flaschen
    Ganz ehrlich: Meinetwegen können die Leute der ganzen Winter den Strom und das Gas abstellen und alle Lebensmittelläden in der Zeit schließen. Und es wird nicht nur für diese Monate bei uns reichen. Habe gerade noch unsere Holzöfen gestreichelt.

    Viele Grüße aus Andalusien Helmut

    1. Ach Helmut, dir wir es in Andalusien nicht zu kalt. Es lässt sich immer noch besser aushalten als dann in Deutschland. Wünschen tue ich niemanden einen Winter ohne Strom und Wärme, obwohl dass dann vielleicht eine Chance wäre, dass die Deutschen mal hinter die Kulisse schauen. Wie sagt der „Silberjunge“ so schön: „Die Augen zum sehen benutzen, nicht zum weinen“!

      1. Hallo Dirk.
        In Andalusien, hier in den Bergen 625 m über NN, haben wir im Winter im Normalfall nachts so 4 bis 6 Grad, und am Tag oft bis 20 Grad. Wollen wir es warm haben, dann müssen wir gegen diese maximal 4 bis 6 Grad anheizen.
        Aber das auch nur bis etwa 10 Uhr, denn dann wärmt die Sonne schon sehr.
        2 kg Holz in dem Ofen erzeugen etwa 8 KW Wärme, also etwa wie 4 Heizlüfter.
        Warmes Wasser haben wir das ganze Jahr über Solar. Wir können auch auf dem Holzofen kochen. Das gelingt aber oft nicht, denn dann müssten wir das Holz nicht nur glimmen lassen, sondern eine richtige Flamme erzeugen, aber dann wird es im Raum zu warm.
        Bei Strom hat Spanien erhebliche Überkapaziäten, kann aber den Strom nicht in größeren Mengen Richtung Norden senden, weil es nur zwei bescheide Verbindungen zu Frankreich gibt.
        Ich denke daher (oder hoffe) das Spanien und Portugal bei einem Blackout in den Inselbetrieb gehen. Das wäre auch für den Rest von Europa vorteilhaft, denn dann ist Europa nicht nur auf die wenigen schwarzstartfähigen Kraftwerke angewiesen, sondern kann auch die Generatoren aus Spanien und Portugal nutzen, um sein Netz wieder aufzubauen.
        Aber das wird auch wohl eine Woche dauern.
        Viele Grüße aus Andalusien Helmut

        1. Und in desem Land sollen noch zehntausende von Windräder aufgestellt und hunderte von riesigen Speichern gebaut werden?
          Mal sehen, im nächsten Frühjahr hat sich die Einstellung sicher grundlegend geändert.

          Klimaprotest am geplanten LNG-Terminal Wilhelmshaven | heise online

          https://www.heise.de/news/Klimaprotest-am-geplanten-LNG-Terminal-Wilhelmshaven-7218852.html

  2. Pingback: Aktuelles vom 13.08.2022 | das-bewegt-die-welt.de

  3. Schon verrückt: Die Folgen des Klimawandels werden immer offensichtlicher, und diese Herren versuchen immer noch zu predigen, dass das alles nur halb so schlimm ist. Diesen Klimawandel-Leugner Vahrenholt kann man doch nur in der Pfeife rauchen – inkl. seiner Drei-Finger-Hand…

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