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EZB-Schnabel sieht „Aufwärtsrisiko“ bei der Inflation

Die EZB-Direktorin Isabel Schnabel hat in einem heute veröffentlichten Interview mit der französischen Zeitung „Le Monde“ Aussagen zur Inflation getroffen (hier das Interview in Englisch in voller Länge). Monatelang war von der EZB wie auch von der Fed zu hören, dass die höhere Inflation (USA 6,8 Prozent und Eurozone 4,9 Prozent) nur vorübergehend sei. Aber das hat sich geändert. Während die Fed schon voll umgeschwenkt ist auf Inflationsbekämpfung, versucht die EZB derzeit offenbar einen Spagat hinzubekommen. Irgendwie muss man es argumentativ hingebogen bekommen, dass die Inflation, die nun wohl doch länger hoch bleibt, nächstes Jahr ganz sicher wieder spürbar fallen soll.

Und Isabel Schnabel trifft dementsprechend folgende Aussagen. Die meisten Wirtschaftswissenschaftler hätten nicht mit dem Ausmaß dieses Anstiegs der Inflation gerechnet. Deshalb stütze man sich bei der EZB zunehmend auf Umfragen bei Unternehmen und Haushalten, um besser zu verstehen, was vor sich geht. Einige Unternehmen würden der EZB sagen, dass sie erwarten, dass die Engpässe in der Lieferkette bis ins Jahr 2023 andauern werden. Man sei sich bei der EZB „der Unsicherheit unserer Inflationsprognosen durchaus bewusst. Es besteht ein Aufwärtsrisiko“, so ihre Worte.

Ein weiterer Faktor, der eine zentrale Rolle spielt, ist laut Isabel Schnabel die Lohnentwicklung. Die aktuellen Daten würden auf ein moderates Wachstum hinweisen. Aus der EZB-Umfrage bei Unternehmen habe man aber auch erfahren, dass sie mit einer Belebung des Lohnwachstums rechnen. Das ist etwas, das man bei der EZB sehr genau beobachte.

Letzte Woche verkündete Christine Lagarde bei der Pressekonferenz der EZB im Zuge der Zinsentscheidung, dass man nach einer Inflation von 3,2 Prozent im Jahr 2022 offiziell von 1,8 Prozent im Jahr 2023 ausgeht. In wie fern sei das glaubwürdig, so die Frage von „Le Monde“. Laut Isabel Schnabel würden die Mitarbeiter der EZB die besten verfügbaren Wirtschaftsmodelle verwenden um diese Prognosen zu erstellen. Aber man sei sich einig, dass die Unsicherheit ungewöhnlich hoch ist. Eine der schwierigsten Fragen sei, ob die Wirtschaft grundlegende strukturelle Veränderungen durchläuft, die in den Modellen noch nicht berücksichtigt sind. Werden wir zu dem disinflationären Umfeld zurückkehren, das wir vor der Pandemie hatten? Oder treten wir in eine neue Phase ein, die eher durch inflationäre als durch disinflationäre Schocks gekennzeichnet sein könnte, so Schnabel fragend formuliert.

Sie spricht diesbezüglich den Klimawandel als Beispiel an. Früher, als die Ölpreise stiegen, hätten die Schieferölproduzenten ihre Produktion rasch erhöht, was die Preise unter Druck setzte. Dies sei jetzt nicht mehr in demselben Maße der Fall. Dies lasse sich laut Isabel Schnabel wahrscheinlich dadurch erklären, dass es aufgrund des grünen Übergangs weniger Anreize gibt in Schieferölanlagen zu investieren. Wenn das zutrifft, werde man in Zukunft vielleicht einen stärkeren Aufwärtstrend bei den Ölpreisen erleben (FMW: und damit eine höhere Inflation?).

Ob das nun die neue Normalität sei? Das bleibt laut Isabel Schnabel abzuwarten. Man solle einen Risikomanagement-Ansatz verfolgen, damit man schnell reagieren könne, wenn es Anzeichen dafür gibt, dass die Inflation dauerhaft über dem 2 Prozent-Ziel der EZB liegt. Man habe einen wichtigen Schritt zur Normalisierung der Geldpolitik getan. Dies müsse ein schrittweiser Prozess sein – es könne nämlich nicht alles auf einmal geschehen. Wenn die EZB zu schnell reagieren würde, bestünde ihrer Aussage nach die Gefahr, dass die EZB den Aufschwung durch eine zu abrupte Verschärfung der Finanzierungsbedingungen abwürgt. Man gehe schrittweise an die Normalisierung heran, wobei das Tempo an die eingehenden Daten angepasst werden könne. Man müsse sich eine gewisse Flexibilität bewahren, um sicherzustellen, dass man das 2 Prozent-Ziel nachhaltig erreicht.

EZB-Direktorin Isabel Schnabel
EZB-Direktorin Isabel Schnabel. Foto: EZB / Sanziana Perju (CC BY-NC-ND 2.0)



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9 Kommentare

  1. Was passiert eigentlich wenn allen klar wird, dass die Inflation in der EU dauerhaft über 2 Prozent betragen wird und in Deutschland vielleicht so zwischen 3-4 Prozent……bekomme ich dann von meiner Bank des Vertrauens eigentlich noch einen (z.B. Bau-) Kredit mit 1 Prozentiger Verzinsung?

    Macht die Bank dann nicht 2-3 Prozent Verlust pro Jahr?

    Hmmm….da bin ich ja mal gespannt.

  2. Ich höre immer nur die gleiche Aussage: „Wir werden dies und das genau beobachten“. 4.9 % Inflation in der Eurozone = genau beobachten. Engpässe in der Lieferkette dauern wohl bis ins Jahr 2023 = genau beobachten. Lohnanstieg bei der Lohnentwicklung = genau beobachten. Wann wird denn mal reagiert und gehandelt? Wenn der Job von Lagarde, Schnabel und dem restlichen Team lediglich aus der Beobachtung besteht, sollte darüber nachgedacht werden, ob nicht eine Horde Schimpansen der Aufgabe nicht auch gewachsen ist. Lustiger wäre es allemal und vor allem preiswerter (Staude Bananen und die Jungs und Mädels sind glücklich). Und wenn die Chimps mal irgendwann regieren, wer sagt denn, dass die nicht durch Zufall bessere Entscheidungen treffen als die Primaten die derzeit die Entscheidungsträger bei der EZB sind.

  3. Ich wette, dass im Januar/Februar die Inflation bei, oder nur knapp unter 10 % liegen wird. Was bedeutet, dass dann alleine der deutsche Sparer um etwa 700 Milliarden enteignet wurde.

    Viele Grüße aus Andalusien Helmut

    1. @Helmut, ich hoffe, dass Sie bis Anfang Januar 700.000 Schuss Munition und 40.000 autark eingeweckte Lebensmittel im schmuddligen Erdkeller neben den Goldmünzen vergraben haben. Noch eine Woche, dann beginnt der Blackout in Deutschland.

      Bleiben Sie weiterhin negativ!!! Zumindest, was Ansteckungen betrifft.

      1. Hallo Leticia,
        ich bin nicht negativ eingestimmt, ganz im Gegenteil. Ich habe nur für meine Familie soweit vorgesorgt wie ich konnte. Dazu bin ich als Ehemann, Vater und Opa verpflichtet.
        Ich hoffe es war alles umsonst, und meine Familie wird mich bei den nächsten Familiefeiern damit aufziehen. Dann haben wir alle was zu lachen. Wenn da aber meine Enkelkinder stehen, und sagen „0pa ich habe Hunger“ und ich habe nichts, dann dreht sich mir der Magen um.
        Und es kostet ja auch nicht viel. 100 kg Mehl, für etwa 200 Brote, kosten etwa 50 Euro und halten trocken gelagert Jahrzehnte.
        Flaschengas für 12 Monate Kochen und Backenhat uns etwa 160,00 Euro gekostet.
        Und Gold sollte man immer in einem Land haben in dem man nicht wohnt, und dessen Staatsangehörigkeit man hat.
        Wir haben hier auf dem Land auch eine gute Nachbarschaft, und die haben auch alle ihr Lager voll.
        Waffen sind nur für die Notwehr, und da kann ich mich auch auf meine Nachbarn verlassen, denn dabei sind 2 Jäger.
        Und wie gesagt: Ich hoffe ich irre mich.
        Aber als ich 2000 in Gold investiert habe, hat man mich auch ausgelacht. Nun hat es sich im Preis mehr als verfünffacht.
        Unsere beiden nächsten Dörfer, etwa 10 und 14 km entfernt, sind heute wegen Corona gesperrt worden.

        Viele Grüße aus Andalusien Helmut

        1. @Helmut

          „…Und Gold sollte man immer in einem Land haben in dem man nicht wohnt…“

          Sehe ich problematisch. Ereignisse, die deine Bevorratung rechtfertigen(„Opa ich hab Hunger“), sind meist als Erstes mit Reisebeschränkungen verbunden.
          Wie schnell das geht, sah und sieht man bei Corona.
          Du hast keinen Zugriff auf dein im Ausland gelagertes Gold, selbst wenn du es dort irgendwo vergraben hast. Auf irgendwelche „Hochsicherheitslager“ würde ich mich nicht verlassen.
          Falls du es doch in deiner Nähe gelagert hast, wird sich das spätestens bei der ersten Verwendung herumsprechen.
          In solchen Zeiten genügt, wie die Historie erzählt, eine Waffe nicht mehr. Da bräuchtest du ein paar Bodyguards, die dich und deine Fluchtburg schützen. Diese könnten aber auch schnell auf die Idee kommen, dein Gold herauszupressen(Siehe Argentinienkrise).
          Oder Gold wird über Nacht verboten und am nächsten Tag ist die Guardia Civil da, weil sie polizeitypisch weiß, dass du ein Goldfan bist. Und die scherzen ebenfalls nicht.
          Ein paar Vorräte für kritische Zeiten ist sicher keine schlechte Idee, Gold hingegen eher schon.
          Gold bringt vielleicht was, wenn sich die Zeiten wieder halbwegs normalisiert haben, bei Hyperinflation oder Währungsreformen. Wenn der Besitz/Handel nicht untersagt wird, was typisch für solche Zeiten wäre.
          Was die Rendite anbelangt, ist Gold ohnehin kein Weltmeister und als „Versicherung“ zumindest zweifelhaft…

  4. Mein Gott ist das ein bla-bla-bla… Sie scheint ja ihren Namen ganze Ehre zu machen…

    1. Das ist meistens Altersverbitterung.

    2. Selbst wenn ich es wollte, ich könnte kein Gold herausgeben, denn es liegt im nicht EU- Ausland.
      Richtig, Gold ist besonders dafür da, es in eine neue Währung umzutauschen.
      Goldbesitz war immer nur im Inland verboten, auch in den USA. Der Goldpreis stieg bei dem Verbot um ca 40 %. Ein guter Kursgewinn für alle Amis, die ihr Gold im Ausland hatten.
      Selbst Adolf hat es nicht geschafft, an das Gold der Juden zu kommen, die es in der Schweiz hatten, bevor sie in die USA geflüchtet sind.

      Viele Grüße aus Andalusien Helmut

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