Anleihen

EZB, Unternehmensanleihen, Negativrenditen: Interessante Fakten

Mit "Geldpolitik" kann das Ganze wohl nicht mehr viel zu tun haben, was die EZB da macht, eher mit verzweifeltem Streuen von frisch gedruckten Euros + ein wenig Industriepolitik...

FMW-Redaktion

Wir hatten die letzten beiden Tage schon darüber berichtet, steigen aber noch weiter in die Niederungen der Thematik ein, weil man einfach aufzeigen muss, was hier genau passiert. Mit „Geldpolitik“ kann das Ganze wohl nicht mehr viel zu tun haben, was die EZB da macht, eher mit verzweifeltem Streuen von frisch gedruckten Euros + ein wenig Industriepolitik in den einzelnen Euro-Staaten.

Wo die EZB eh schon mehr als fragliche Anleihekäufe tätigt (Anheuser Busch: bleibt das Geld wirklich in Europa?), hat die EZB über ihre nationalen Notenbanken auch ganz direkt Schulden von Unternehmen gekauft, die ihren Hauptsitz außerhalb der Eurozone und sogar der EU haben. So kaufte man Anleihen der Schweizer Firmen Nestle und ABB. Gut, da mag man sagen die sind ja auch mitten in Europa, das kann ja irgendwie indirekt Europa mit-stimulieren. Aber wie erklärt man die Anleihekäufe vom weltweit größten Öl-Ausrüster Schlumberger aus den USA, oder von der US-Firma Bunge? Die haben über ihre in der Eurozone firmierenden Töchter Anleihen ausgegeben, die von der EZB gekauft wurden. Wer glaubt ernsthaft daran, dass dieses Geld in Europa verbleibt und dabei hilft die Konjunktur in Europa in Gang zu bringen?

Die EZB kaufte teilweise sehr langlaufende Anleihen (bis 2036). Wenn die EZB genau so verfährt wie bei ihren aufgekauften Staatsanleihen, dann verbleiben auch diese Anleihen bis zu diesem Ablaufdatum in den Büchern der nationalen Notenbanken, mit einem 20jährigen Ausfallrisiko – letztlich ein Risiko für den Steuerzahler des jeweiligen Landes, dessen Notenbank diese Anleihe gekauft hat. Und noch was kommt hinzu: Bereits in diesem frühen Stadium der Aufkäufe von Unternehmensanleihen durch die EZB haben 35% dieser Papiere eine negative Rendite. Haleluja, wunderbar, da macht man sogar noch Verlust!

Diese Tatsache verwundert kaum: Die aktivste der nationalen Notenbanken war die italienische. Sie kaufte  43% der Unternehmensanleihen (55 von 127 möglichen Emittenten), die sie gemäß der EZB-Richtlinien kaufen durfte. Die Telecom Italia dürfte froh sein über so einen großen Käufer wie die italienische Notenbank, die immer fleißig nachkaufen kann. Spöttisch konnte man sagen: Wenn die italienischen Privatbanken mit so vielen faulen Krediten überladen sind, und deswegen keine neuen Kredite mehr in die Wirtschaft pumpen können, dann kann das jetzt ja die italienische Notenbank im Auftrag der EZB übernehmen. Frisches Geld für Unternehmen mit zweifelhafter Bonität, die irgendwo noch mindestens 1 gutes Rating aufweisen können – das freut die italienische Wirtschaft? Hintergrund: Die EZB hat sich selbst ausgedacht: Wir kaufen nur „hochwertige“ Anleihen von guten Schuldern. Dafür reicht es, wenn nur eine der vier großen Ratingagenturen S&P, Fitch, Moodyds und DBRS ein hochwertiges Rating ausstellt. Ob die anderen drei die Anleihe als minderwertig einstufen, ist dann egal. Und so hat gut die Hälfte aller von der EZB gekauften 440 Anleihen ein B-Rating, davon sogar 37 knapp ein Rating nur knapp über Ramsch. Aber bei jeder Anleihe gab es zumindest eine Ratingagentur, die die Anleihe als hochwertig (Investment Grade) einstufte.

Ach ja, noch was. Die EZB ist noch stärker als erwartet gerade dabei diesen Markt für Unternehmensanleihen auszutrocknen. Gemäß der jetzigen Käufe ist sie wohl dabei für monatlich 8-9 Milliarden Euro aufzukaufen. Das dürfte den Markt überfordern. Die Commerzbank weist darauf hin, dass in den letzten Wochen am Primärmarkt (Erstemission direkt vom Verkäufer) die Volumen zwei bis dreifach überzeichnet waren. Es ist also jede Menge Nachfrage da (vor allem durch die EZB), aber zu wenig Angebot. Auch die BoA Merrill Lynch weist darauf hin, dass die EZB mit ihrem CSPP-Programm die Knappheit verschärfe. Und die Deutsche Bank weist aktuell darauf hin, dass durch das CSPP praktisch kein Mehrwert für z.B. kleine und mittelständische Unternehmen zu erkennen sei. Das Extra-Cash würden die großen Konzerne statt für reale Investitionen eher für die Refinanzierung bestehender Schulden und für Aktienrückkäufe ausgeben. Halleluja, danke Herr Draghi!

Und nein, wir sind noch nicht fertig. Da war doch noch was. Die EZB kauft über dieses Programm CSPP nur Unternehmensanleihen von Unternehmen außerhalb der Finanzbranche, also nicht von Banken, Versicherungen etc. Ohne es auszusprechen darf man davon ausgehen, dass man sie auslässt, weil man beim vorigen normalen Quantitative Easing gesehen hat, dass die Geldschwemme für die Banken dort keine positiven Effekte auslöste. Und obwohl die Banken vom CSPP ausgenommen sind, schaffen auch sie es neue Anleihen zu negativen Renditen zu platzieren. Daran sieht man, wie leergefegt der Markt ist, und wie gierig der Anleger danach ist sogar noch draufzuzahlen.

So hat aktuell die kanadische „Canadian Imperial Bank of Commerce“ (CIBC) als erste kanadische Bank überhaupt eine Anleihe mit Negativrendite emittiert. Sie verkaufte 1,8 Milliarden Dollar Volumen für eine Laufzeit von 6 Jahren mit einer Rendite von -0,009%. Der Käufer zahlte einen Preis von 100,05%, und bekommt am Ende 100,00% zurück im Jahr 2022. Noch so ein Beispiel eines verrückten Marktes. Die „Tätigkeit“ der EZB strahlt also ab bis nach Kanada. Der geneigte Investor, der aus den europäischen Kreditmärkten verdrängt wird, muss gucken, wo er abbleibt. Und sei es am Ende eine kanadische Bankanleihe, für die man sogar noch draufzahlen muss?



Kommentare lesen und schreiben, hier klicken

Lesen Sie auch

2 Kommentare

  1. ja, so läuft das , wir werden nichts aber auch Garnichts daran ändern können.
    Der neue Markt ist HEUTE die EZB.

    Wir nehmen mit was geht..bis nichts mehr geht!

  2. kaum zu glauben: es passiert wirklich das, was halbwegs in Ökonomie gebildete Menschen vorhergesehen haben… das ganze Unternehmensanleihen Kaufprogramm ist eine Farce! EZB läuft amok und niemand kann sie stoppen, da Unabhängigkeit…super!

    Eine relativ zum BIP gewichtete Stimme im EZB Rat wäre ein zwingender, erster Schritt die EZB zu reformieren…wenn man sie denn retten will.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.




ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung

Meist gelesen 7 Tage