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Ölpreis: Wird die US-Fracking-Industrie gerettet oder zombifiziert?

Hannes Zipfel

Veröffentlicht

am

Öl-Bohrstelle

Die anhaltende Talfahrt beim Ölpreis bringt die ohnehin angeschlagenen US-Schieferölproduzenten an den Rand ihrer Existenz. Seit der Finanzkrise war die Branche einer der wichtigsten Wachstumstreiber in den USA und bezahlte überdurchschnittlich hohe Löhne. Da ein Großteil des Fracking-Booms fremdfinanziert war, droht bei anhaltend niedrigen Preisen ohne staatliche Hilfe nun der Totalkollaps.

Der einbrechende Ölpreis bedroht einen bedeutenden Sektor der US-Wirtschaft

In den letzten zehn Jahren war die Öl- und Gasgewinnung durch das hydraulische Fracking die bedeutendste Entwicklung im Energiesektor der Vereinigten Staaten, die das Land zum größten Ölproduzenten der Welt aufsteigen ließ und einen regelrechten Boom bei der Rohölförderung und der Weiterverarbeitung auslöste. Der Fracking-Sektor steuerte zuletzt knapp 15 Prozent zum US-Bruttoinlandprodukt bei und beschäftigte fast 10 Millionen Menschen in überdurchschnittlich gut bezahlen Arbeitsverhältnissen.

Fracking Öl Chart

Unterstützt wurde diese Entwicklung von der US-Administration, die nicht erst seit der Amtsübernahme durch Donald J. Trump die Selbstversorgung mit Energie anstrebt. Allerdings ging der Fracking-Boom so weit, dass die USA nicht nur energieautark wurden, sondern im Jahr 2018 sogar auf Platz acht der weltweit größten Exporteure für Rohöl landeten. Doch der massive Gewinn an Weltmarktanteilen für die USA bedeutete den Verlust von Absatzmärkten anderer Förderländer wie Saudi-Arabien und Russland. Und so ist der Ölkrieg, der Anfang März von den Saudis angeblich gegen die Russen angezettelt wurde, am Ende ein Angriff auf die deutlich teurere Schieferölförderung in den Vereinigten Staaten. Jeffrey Currie, Leiter der Commodities Research Abteilung im Global Investment Research bei Goldman Sachs ist der Meinung: „Wenn Sie Russland sind, wollen Sie diese Schieferfirmen nicht bankrottgehen lassen, Sie wollen sie in Zombies verwandeln – so lassen sich diese nicht umstrukturieren und bleiben unfähig zu investieren und zu wachsen“.

Bei der ökologisch hochumstrittenen Fördertechnik wird ein Gemisch aus Wasser, Sand und Chemikalien in ölhaltiges Schiefergestein gepresst, das Gestein aufgesprengt und der Energieträger anschließend abgepumpt (Öl oder Gas). Die Förderung von Schieferöl ist deutlich teurer als das konventionelle Abpumpen von unterirdischen Ölfeldern. Zudem sind die Transportwege von den Schieferölfeldern zu den Abnehmern über den Landweg und zu den relativ weit entfernten Häfen teurer als bei gewässernahen Produktionsregionen. Einige der größten Fördergebiete in den USA befinden sich in North Dakota, South Dakota, Montana und Nevada – also nicht gerade in der Nähe von Verladestationen für Öltanker.

Unter einem Ölpreis von im Schnitt 50 US-Dollar pro Barrel (gestern der brutale Crash) generierte der US-Fracking-Sektor daher trotz steigender Kosteneffizienz in den letzten Jahren permanent negative Cashflows. Laut Rystad Energy sollten die US-Schieferproduzenten in diesem Jahr in der Lage sein, ihre Kosten um weitere 16 Prozent zu senken. Doch das ist immer noch viel zu wenig, um nachhaltig profitabel zu wirtschaften. Der für die US-Schieferölproduzenten relevante Ölpreis der Sorte West Texas Intermediate (WTI) liegt aktuell bei 13 US-Dollar pro Barrel. Im Durchschnitt der letzten 6 Monate lag er noch bei knapp über 50 US-Dollar. Im Gesamtjahr 2019 bei durchschnittlich 57 US-Dollar. Bereits zu diesen Preisen generierten die 29 größten US-Fracking-Unternehmen im letzten Jahr negative Cashflows. Die Preise für das ebenfalls via Fracking-Technologie gewonnene Erdgas notieren auch nahe ihrer Tiefststände und können die wegbrechenden Einnahmen bei der Ölproduktion nicht kompensieren:

Ölpreis und Gaspreis

Wie The Guardian bereits Ende März berichtete, könnte der Ölpreis im Zuge der Eindämmungsmaßnahmen der Covid-19 Seuche und in Anbetracht der ausgeschöpften Öllagerkapazitäten weltweit sogar bis auf 10 US$/Barrel fallen.

Ölpreis-Crash zwingt die Fracking-Industrie in die Knie

Die gesamte US-Rohölproduktion erreichte vor Ausbruch der Covid-19-Seuche im Februar dieses Jahres noch ein Rekordhoch von 13,1 Mio. Barrel pro Tag, mehr als doppelt so viel wie vor dem Beginn des Schieferölbooms im Jahr 2010. Für dieses Jahr werden im Durchschnitt nur noch 11,76 Millionen Barrel US-Ölproduktion erwartet. Allerdings stammt diese Prognose vom 7. April und bezieht den jüngsten Kursrutsch beim Ölpreis noch nicht mit ein. Es gibt bereits Schätzungen, die von einer Gesamtproduktion von unter 10 Millionen Barrel bis zum Jahresultimo für die USA ausgehen.

Allein die Schieferölunternehmen rechnen in diesem Jahr mit einem Produktionsrückgang von mindestens zwei Millionen Barrel pro Tag. Die Gesamtzahl der Bohrstellen in den USA hat sich seit dem Peak im Dezember 2018 bereits halbiert. Zwar haben viele Produzenten ihre Förderung bis weit ins Jahr 2020 über den Ölpreis am Terminmarkt abgesichert, um sich vor Preisrückgängen zu schützen und Planungssicherheit bei den Cashflows herzustellen. Wenn der Ölpreis jedoch über den Sommer hinaus unter 40 US-Dollar pro Barrel verharrt, wird die gesamte Branche von den Ölfeld-Dienstleistern über die Produzenten, die Driller bis hin zu den Transporteuren massiv defizitär bleiben und könnte unter ihren Schulden zusammenbrechen.

Öl-Nachfrage kollabiert

Die weltweite Nachfrage wird gemäß dem April-Ölmarktreport der Internationalen Energieagentur (IEA) im Gesamtjahr 2020 voraussichtlich gegenüber dem Vorjahr um 9,3 Millionen Barrel pro Tag sinken. Die Eindämmungsmaßnahmen gegen Covid-19 in 187 Ländern und Gebieten haben dazu geführt, dass der Transportsektor fast zum Erliegen gekommen ist. Die Nachfrage im April 2020 wird um 29 Millionen Barrel pro Tag unter der des Vorjahresmonats liegen und damit auf dem Stand von April 1995. Das weltweite Ölangebot wird im Mai voraussichtlich um einen Rekordwert von 12 Millionen Barrel pro Tag sinken, nachdem die OPEC+ Staaten am 13. April eine historische Produktionsdrosselung vereinbart hatten. Weitere Reduzierungen erhofft sich das Ölkartell von den USA und Kanada, die preisbedingt bereits Produktionsrückgänge verzeichnen.

Bitte klicken Sie hier um Teil 2 des Artikels zu lesen

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5 Kommentare

5 Comments

  1. Avatar

    thinkSelf

    21. April 2020 09:38 at 09:38

    „Das ist aber die Natur des Kapitalismus.“
    Das Blöde ist nur, dass der Kapitalismus seit 30 Jahren tot ist. Hat nur keiner gemerkt.

    Aber zurück zur Ölindustrie. Die Lösung kann auch ganz anders aussehen. Die Ölunternehmen stellen sich alle unter Chapter 11. Damit existieren die Unternehmen weiter, aber sind ihre Schulden los. Danach müssen sie nur noch die Grenzkosten erwirtschaften und kommen auch mit sehr niedrigeren Preisen aus.

    Dann sind zwar die Bankkredite weg. Macht aber auch nix. Die werden von der FED ausgebailt. Dazu werden die „kaputten“ Schulden einfach auf Titel mit 0% Verzinsung und 500 Jahre Laufzeit „umgeschuldet“ und der Finanzmarkt mit der entsprechenden Liquidität geflutet.
    Als Inhaber der Leitwährung kann man dadurch die Schulden im Endeffekt sogar in die Restwelt verschieben.

    Es hat schon enorme Vorteile wenn man über die Leitwährung verfügt. Man muss das nur richtig spielen.

    Anmerkung: In allen Diskussionen um Märkte und Finanzen herrscht seit der Finanzkrise immer noch die völlig irrige Annahme vor, das Schulden irgendwann zurückgezahlt werden müssen.
    Das Kernergebnis der Finanzkrise 2007/2008 war aber, das diese Annahme gestrichen ist. Schulden werden nicht zurückgezahlt und die Schuldner haben auch gar nicht vor selbiges zu tun. Es ist damit sozusagen der Zustand der „Überschuldung“ verschwunden. Wer keine Zinsen mehr bezahlt hat eine Schuldentragfähigkeit von undendlich. OK, das gilt natürlich nicht für jeden auf diesem Planeten, sondern nur für eine sehr kleine Gruppe. Aber die ist entscheidend.

  2. Avatar

    Scheer

    21. April 2020 09:47 at 09:47

    Es wird immer erwähnt wie schlimm der Ölpreisverfall für die amerikanische Wirtschaft sei und wieviel Millionen Abrbeiter davon betroffen sind. Ich stelle immer wieder fest wie der Fokus auf Amerika gerichtet ist und wie unselbstständig unsere Wirtschaft und Politikerkaste sind.
    Was ist denn mit den Millionen Arbeitern der Autoindustrie in Europa und Deutschland?
    Welche Nachhaltigkeit im Joberhalt kann unsere Politikerkaste aufweisen?
    Abwrackprämie für neue Fahrzeuge? – Fahrzeuge die möglicherweise in 2-5 Jahren neu ersetzt werden müssen weil neue Gesetze beschlossen werden?
    Null Weitsicht und kein transparentes Konzept mit dem man als Unternehmer planen kann.

  3. Avatar

    Realist_

    21. April 2020 10:40 at 10:40

    Natürlich zombifieziert. Alles andere wäre ja Marktwirtschaftlich und und zudem noch eine 180 Grad Wende…

  4. Avatar

    LEO

    21. April 2020 10:43 at 10:43

    Der Artikel ist gut gemeint, aber Sie vernachlässigen hier, dass das, was Sie in der Öl-Industrie sehen, auf die gesamte Wirtschaft zutrifft. Unternehmen mit einem nicht mehr funktionierendem Geschäftsmodell müssen das GESCHÄFTSMODELL ändern, nicht Kostenstrukturen verschlanken und staatlich gefördert werden. Es ist egal, wo auf dem sinkenden Kahn man steht: am Ende geht man unter, wenn man das Schiff nicht verlässt.

    „zumal die US-Notenbank Fed am Sekundärmarkt für Anleihen der Fracker als Käufer bereitsteht, sogar für Junk-Bonds.“
    Was genau soll das denn bringen?
    Ja, es wird einen Käufer geben für Schrottanleihen. Dieser kauft aber zum NAV ein (, den er zugegebenermaßen durch Aktivitäten am primary market selbst beeinflussen kann), Prämien werden da nicht gezahlt. Wenn der Junk defaulted, ist er nichts mehr wert. Und dann zahlt auch die FED (nach aktuellem Stand, man weiß ja nicht, was noch kommt) nichts mehr dafür.

    Es ging hier nur darum, den Markt kurzfristig zu beruhigen. Dieser wurde sofort euphorisch und stieg, die Fed ist ja da. Aber fundamentale Effekte hat die Intervention am Sekundärmarkt nicht, das Risiko bleibt genau gleich.

  5. Avatar

    Michael

    21. April 2020 11:54 at 11:54

    „Energieautark“?!? Die USA produziert ca 12.5 Mio Barrel Öl/Tag bbpd (blue barril per day), aber verbraucht(e)n ca 20 Mio Barrel Öl/Tag. Im Jahr 2018 waren es 20.5 bbpd, gemäss statistischem Amt.

    https://www.eia.gov/energyexplained/oil-and-petroleum-products/use-of-oil.php

    Importier(t)en ca 8 Mio bbpd, wie es mit der Coronakrise ändert, kann ich noch nicht beurteilen.

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Dax schwächer als Wall Street – Rotation vorbei? Marktgeflüster (Video)

Markus Fugmann

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Der Dax ist wieder erkennbar schwächer als die großen Indizes der Wall Street: während der deutsche Leitindex noch nicht einmal den Stand kurz vor dem Corona-Crash erreicht hat, steigen S&P 500 und Nasdaq auf neue Allzeithochs. Bereits gestern liefen die Tech-Werte besser als die „Corona-Verlierer“, die ab 09.November (Meldung von Pfizer) so stark steigen konnten – heute setzt sich dieses Muster weiter fort. Ist die Rotation damit schon wieder vorbei, weil der Glaube an eine schnelle Wiederauferstehung von Value-Aktien schwindet? Der Dax jedenfalls tut sich schwer im Bereich der 13400er-Marke – langsam muß der Ausbruch auf der Oberseite erfolgen, denn was nicht steigt, tendiert dann zu fallen. Ist es der starke Euro, der bremst?

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Goldpreis: Abverkauf als Vorbote für Crash der Aktienmärkte?

Markus Fugmann

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Der Goldpreis ist zuletzt stark unter Druck gekommen – hat das auch etwas für die Aktienmärkte zu bedeuten? Derzeit herrscht an den Märkten bekanntlcih Impfstoff-Euphorie – die US-Indizes mit exztrem starker Performance im November, es waren vor allem die Aktien und Indizes, die in der Coronakrise am Stärksten verloren hatten, die massiv stiegen. Daher hatte etwa der US-Nebenwerte-Index Russell 2000 (wichtigstes ETF: IWM) seinen besten Monat der Geschichte, obwohl knapp die Hälfte der in diesem Index enthalenen Unternehmen Verluste schreiben und in der Coronakrise ihre Verschuldung massiv nach oben geschraubt hatten, um die Krise finanziell zu überstehen. Nicht zufällig ist daher der Russell 2000, der die breite Wirtschaft der USA abbildet, der mit Abstand „teuerste“ Index der Wall Street.

Goldpreis und Aktienmärkte: ein seltsamer Zusammenhang

Der Goldpreis ist bekanntlich nun zweistellig im Minus seit seinem Hoch im August knapp unter der 2100-Dollar-Marke, alleine im November verlor das gelbe Edelmetall 5%. Heute folgt eine kleien Gegen-Reaktion bei Gold mit einem Anstieg über die 1900er-Marke, aber eines ist doch auffällig: die Aktienmärkte erwarten durch die Impfstoffe eine baldige Lösung der Coronakrise nach dem Motto: im Jahr 2021 wird alles so wie früher, oder sogar besser (Allzeithoch vieler Aktien-Indizes). Mit anderen Worten: die Menschen leben wie früher, die Nachfrage zieht an, wodurch tendentiell Inflation entsteht. Das ist die Sicht der Aktienmärkte.

Aber einiges ist hier ungewöhnlich! Zunächst einmal, dass der Goldpreis fällt, obwohl der Dollar schwach ist. Weiterhin ist auffällig, dass die Anleihemärkte eine andere Botschaft senden: denn hier steigen die Renditen nicht, was ja eigentlich passieren müsste, wenn die Wirtschaft wieder stark anzieht nach Ende der Coronakrise (starke Wirtschaft geht tendentiell einher mit infaltionären Tendenzen). Die Anleihemärkte also sehen diese Rückkehr in die alte Welt also offenkundig nicht – und es ist kein Geheimnis, dass die Anleihemärkte als „smarter“ gelten als die Aktienmärkte. Jene Aktienmärkte, die lange die Dimension des Corona-Problems ignoriert und verdrängt hatten, um dann plötzlich in Panik zu verfallen.

Zurück zum Goldpreis: warum fällt Gold? Offenkundig gehen die Investoren nicht davon aus, dass eine von den Aktienmärkten bereits eingepreiste Rückkehr zur Vor-Corona-Realität bald eintreten wird  – sonst müsste Gold eigentlich als bewährter Schutz vor Inflation steigen. Auch die Anleihemärkte sehen das Positiv-Szenario der Aktienmärkte offenkundig nicht.

Wenn nun der Goldpreis deutlich fällt, ist darin eine Botschaft enthalten, wie in folgendem Video von „Game of Trade“ erklärt. Das Video beginnt mit einer Analyse der Aktienmärkte, zeigt dann die derzeit euphorische Stimmung der Investoren – und erklärt dann den zentralen Aspekt: dass der fallende Goldpreis ein Vorbote ist für fallende Renditen, was wiederum absehbar auf erheblichen Streß für die Aktienmärkte hindeutet:

 

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Fallender Goldpreis als Vorbote für einen Crash der Aktienmärkte?

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Markus Koch meldet sich im folgenden Video LIVE vor dem Handelsstart in New York. Tech steht heute im Fokus der Börsianer, darunter, die Aktien von Tesla, Zoom, und Salesforce.

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