Devisen

Türkische Lira auf Allzeittief – die Dominosteine kippen

Die Warnung des IWF vor einer weltweiten Schulden- und Währungskrise ist noch keinen Monat alt, da beginnen die ersten Dominosteine zu kippen. Aktuell trifft es die türkische Lira – sie fällt unter die Niveaus der Währungskrise von 2018 auf neue Tiefststände.

Türkische Lira als Vorbote einer globalen Währungskrise?

Erst am 9. April warnte die geschäftsführende Direktorin des Internationalen Währungsfonds (IWF) Kristalina Georgiewa wegen der Corona-Pandemie vor dramatischen Auswirkungen auf die Weltwirtschaft. Man erwarte die „schlimmste Entwicklung seit der Weltwirtschaftskrise in den 1920er und 30er Jahren“. Georgiewa sprach sogar von einer „beispiellosen Krise“, von der die Schwellen- und Entwicklungsländer am stärksten betroffen seien. Viele Staaten, die bereits vor der Coronakrise mit wirtschaftlichen Schwierigkeiten, Überschuldung und geringen Devisenbeständen zu kämpfen hatten, wären nun mit der Bewältigung der Coronakrise überfordert. Außerdem haben Investoren laut dem IWF bereits rund 100 Milliarden Dollar Kapital aus Schwellenländern abgezogen. Dies Summe entspricht dem Dreifachen dessen, was in der gleichen Zeit während der globalen Finanzkrise an Kapital zurück in den Westen repatriiert wurde. In diesem Umfeld gerät die stark verschuldete Türkei zunehmend in die Bredouille. Massenhaft verkaufen ausländische Investoren türkische Staatsanleihen, was die Rendite für zehnjährige Papiere auf knapp 13 Prozent anhebt und die Türkische Lira gegenüber dem US-Dollar auf ein Allzeittief drückt.

Türkische Lira auf Allzeittief - Kursverlauf im Chart dargestellt

Vor allem die anhaltend hohe Inflation von aktuell 12,7 Prozent und die explodierende Schuldenlast in US-Dollar bei gleichzeitig schwindenden Devisenreserven veranlassen die ausländischen Gläubiger zum Rückzug und belasten die Türkische Lira.

Türkische Devisenreserven schmelzen wie Butter in der Sonne

Die Nettodevisenreserven des Landes sind allein seit Jahresbeginn um 37,5 Prozent auf nur noch 25 Milliarden US-Dollar abgeschmolzen. Der Grund für den rasanten Rückgang ist die Kombination aus verpufften Interventionen am Devisenmarkt zur Stützung des Außenwertes der Landeswährung und teuren Corona-Hilfen für die türkische Wirtschaft. Bisher schließt die Türkei aus politischen Gründen ein Hilfegesuch an den Internationalen Währungsfonds aus, ebenso wie zuvor das mittlerweile zahlungsunfähige Argentinien.

Geldpolitik absurd: Inflation hoch, Zinsen runter

Der Präsident der Republik Türkei, Recep Tayyip Erdoğan, hat sich erneut gegen Zinserhöhungen zur Stärkung der Türkischen Lira ausgesprochen und am letzten Wochenende sogar für die Zeit nach der Präsidenten- und Parlamentswahl im Juni noch niedrigere Zinsen und eine sinkende Inflation in Aussicht gestellt. Bisher hat diese Strategie des Präsidenten nicht funktioniert. Dieser Meinung war auch der ehemalige Chef der türkischen Zentralbank (TCMB) Murat Cetinkaya, den Erdoğan deshalb im Juli letzten Jahres kurzerhand feuerte und durch seinen Stellvertreter Murat Uysal ersetzte. Kurz danach ernannte Erdoğan seinen Schwiegersohn Berat Albayrak zum Finanzminister. Gebracht haben die Personalveränderungen nichts. Wie sich herausstellt, waren die Bedenken von Cetinkaya berechtigt. Das sinkende Vertrauen in die Fähigkeit der türkischen Regierung, das Dollar-Schuldenproblem in den Griff zu bekommen, spiegelt sich im weiter sinkenden Außenwert der Landeswährung wider. Gelingt es der türkischen Regierung nicht, den Wechselkurs der Lira zu stabilisieren, droht der Republik Türkei ein ähnliches Schicksal wie Argentinien.

Gefährliche Dynamik bei den Schwellenländerwährungen

Seit Jahresbeginn hat sich die Schuldensituation in vielen Schwellenländern durch die Abwertung der heimischen Währungen gegenüber der Gläubiger-Währung US-Dollar verschärft. Die Türkische Lira reiht sich damit in die Entwicklung vieler Schwellenländerwährungen ein: Der Argentinische Peso hat seit Jahresbeginn weitere 11 Prozent gegenüber der Weltleitwährung verloren, die Türkische Lira 17 Prozent, der Mexikanische Peso 21 Prozent und der Brasilianische Real sogar über 30 Prozent. Die Anzahl der vom Bankrott bedrohten Staaten stieg zuletzt weiter an. Venezuela, Argentinien, die Ukraine, der Libanon, Mosambik und Barbados sind bereits de facto pleite oder auf externe Hilfen vom IWF, der Weltbank oder der EU zum finanziellen Überleben angewiesen.

Die Demokratische Republik Kongo steht kurz davor, zahlungsunfähig zu werden. Die Ratingagentur Standard & Poor’s stuft das Land aktuell mit der Note CCC- ein, was eine hohe Ausfallwahrscheinlichkeit für die Bedienung der Schulden bedeutet. Weitere 14 Staaten, darunter auch Ägypten, Pakistan, der Irak, Ecuador, El Salvador und Weißrussland, hat Standard & Poor’s als hoch spekulativ eingestuft. Bei auftretenden Problemen, wie der aktuellen Corona-Krise, sind bei diesen 14 Staaten Zahlungsausfälle sehr wahrscheinlich. Damit droht durch den Einbruch der Weltwirtschaft eine globale Schwellenländerkrise, so wie vom IWF bereits in seinem letzten „World Economic Outlook“ vom 14. April 2020 befürchtet.

Fazit und Ausblick

Sollte die Türkische Lira weiter unter Druck geraten und die Türkei weiter in rasantem Tempo ihre Devisenreserven verlieren, droht eine generelle negative Vertrauensspirale in die Schuldpapiere von industriellen Schwellenländern und armen Entwicklungsländern. Um diesen Dominoeffekt, der im Grunde schon läuft, aufzuhalten, müssten die westlichen Notenbanken die Notenpressen noch schneller rotieren lassen, um die Hilfsbudgets der supranationalen Organisationen, wie IWF und Weltbank, weiter aufzustocken. Nur so kann die Kapitalflucht aus dem Süden und dem Osten gestoppt oder zumindest teilweise kompensiert werden. Ob man jedoch das Problem der Überschuldung mit weiteren Hilfskrediten auf US-Dollarbasis vom IWF und der Weltbank lösen kann, steht auf einem anderen Blatt. Am Ende wird an einem substanziellen, weltweiten Schuldenschnitt wohl kein Weg vorbeiführen.



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