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WallStreetBets: Anklage gegen Roaring Kitty – sprecht ihn frei!

Das Reddit-Forum WallStreetBets ist immer noch in aller Munde: die zwischenzeitlich dramatischen Anstieg von fundamental eher problematischen Aktien wie GameStop oder AMC brachten Hedgefonds in Schieflage – und es war Keith Gill alias Roaring Kitty, der vor allem beim Short-Squeeze von GameStop die treibende Kraft war. Nun sieht sich Roaring Kitty einer Anklage einer amerikanischen Anwaltskanzlei gegenüber. In der Anklage heißt es (zitiert nach Bunsinessinsider):

„Gill’s deceitful and manipulative conduct not only violated numerous industry regulations and rules, but also various securities laws by undermining the integrity of the market for GameStop shares. He caused enormous losses not only to those who bought option contracts, but also to those who fell for Gill’s act and bought GameStop stock during the market frenzy at greatly inflated prices.“

WallStreetBets und Roaring Kitty gegen Hedgefonds – David gegen Goliath?

Ein Thema zieht sich konstant durch das Forum WallStreetBets, seit Broker wie Robinhood zwischenzeitlich keine Käufe mehr der Aktien von GameStop oder AMC anboten: das sei eine konzertierte Aktion zur Rettung von Hedgefonds wie Melvin Capital, die durch den Shortsqueeze bei GameStop zu kippen drohten. Ist dem wirklich so? Wohl eher nicht, denn es waren die Clearinghäuser, also die haftenden (!) Abwickler von Börsengeschäften, die von Brokern wie Robinhood höhere Sicherhheitseinlagen (colleteral) verlangten aufgrund der steigenden Risiken aller Beteiligten. Da Robinhood Zeit brauchte, um diese Sicherheitsleistung zu hinterlegen, mußte der Neobroker den Kauf von GameStop-Aktien für Kunden zwischenzeitlich aussetzen bzw. limitieren. Als dann Robinhood diese Sicherheitsleistung durch Aufnahme neuen Kapitals wieder leisten konnte, war auch der Handel wieder uneingeschränkt möglich. Faktisch basiert der Vorwurf gegenüber Robinhood von Neulingen an den Finanzmärkten wie Dave Portnoy also vor allem auf der Unkenntnis der Mechanik an der Börse!

Anklage gegen Roaring Kitty – zurecht?

Nun ist es so gekommen, wie es kommen mußte: die fundamental fast wertlose Aktie von GameStop stürzte von ihrem Hoch im Januar um 90% ab – wer also zu Höchstkursen gekauft hatte, sitzt nun auf herben Verlusten. Zumal das Motto vieler Follower von Roaring Kitty lautete: „hold the line“. Keine gute Idee. Vor allem eine sehr teure Idee. Das ist eben auch eine Folge der Spekulations-Manie in den USA: sie zieht unerfahrene Spekulanten in den Markt, die von Risikomangement eher wenig halten. Wer aber an den Finanzmärkten überleben will, braucht vor allem eines: Risikomangement eben. Ideologisch motivierte Kampf-Parolen wie „hold the line“ sind dabei leider eher hinderlich.

Roaring Kitty alias Keith Gill selbst weist darauf hin, dass sein „aggressiver Anlagestil“ bei der Aktie von GameStop keinesfalls für alle Anleger geeignet sei. Klar aber scheint, dass er zu dem Hype maßgeblich beigetragen hat, mittels des Forums WallStreetBets wurden seine Analysen und Videos massenhaft verbreitet – er hat dort einen regelrechten Kult-Status. Und er war es, der schon im August 2020 auf die hohe Short-Quote bei GameStop hingewiesen hatte und damit den investment case eines Junk-Unternehmens verdeutlichte. Sein stark frequentierter Youtube-Kanal handelt praktisch von nichts anderem als der GameStop-Story.

Und: Keith Gill hat gezeigt, dass Kleininvestoren ein echter Faktor geworden sind! Es ist eine neue Generation an die Märkte gekommen, die sich durch zweierlei kennzeichnet: erstens kennt sie eigentlich nichts anderes als von Notenbanken manipulierte Märkte – es ist also eine Art „Generation Blase“. Dieser Generation fehlt in der Coronakrise offenkundig auch die Reibungsfläche, weswegen ihre Rebellion gegen die „Boomer“ (gemeint ist die faktisch an den Schalthebeln der Macht befindliche Generation der Babyboomer) sich in weitgehend sinnfreien Slogans wie „hold the line“ ausdrückt. Man will zeigen, dass die Zeit der „Boomer“ abgelaufen ist – das ist in jeder Hinsicht auch legitim. Aber es zeigt sich eben auch, dass man mit Schlagworten wie „to the moon“ auch sehr schnell und herbe abstürzen kann -vom Mond in die Niederungen der hiesigen Erde. Diese Erfahrung haben die Opfer der Dotcom-Blase gemacht, ebenso die Generation Finanzkrise. Und weil die Menschheit eher nicht aus der Geschichte lernt, muß also scheinbar jede Generation diese Erfahrung wieder und wieder machen – „Boomer“ wie ich hatten vergeblich gewarnt (siehe mein Video „GameStop – das Spiel ist aus“).

Es wäre daher aus meiner Sicht extrem wichtig, Roaring Kitty frei zu sprechen. Er ist eine Symbolfigur der Generation WallStreetBets, eine Verurteilung würde die dort ohnehin herrschende, sachlich viel zu einfache Tendenz „wir sind gut, die Hedgefonds sind böse“ noch verstärken. Ein Freispruch für Keith Gill wäre also ein symbolisch wichtiges Signal für den ohnehin stark gefährdeten gesellschaftlichen Frieden in den USA!

Und: wer als Spekulant von mehreren hundert Prozent Gewinn träumen kann – wie zwischenzeitlich bei der GameStop-Aktie – dem muß auch klar sein, dass der Zug in die andere Richtung fahren kann. Keine Gewinn ohne latente Verluste. Von daher ist der Vorwurf an Roaring Kitty durch die Anwaltskanzlei, die armen Mernschen bei WallSrreetBets und Co. hätten zu „greatly inflated prices“ gekauft, sachlich völlig belanglos. Denn jeder ist selbst verantwortlich für sein Tun – und auch für die Preise, die er bereit ist zu zahlen!

Warum ein Freispruch für Roaring Kitty für die Generation WallStreetBets wichtig wäre



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1 Kommentar

  1. Ich war erfreut, dass es wieder eine Archiv- Funktion gibt, aber jetzt geht es nicht mehr. Ist das gewollt oder ein temporäres Problem.Sonst Alles super, nur die Schriftgrösse könnte für alte BÄREN etwas grösser sein. ( oder Fettdruck)Aus diesem Grunde habe ich übrigens noch die letzte Zeitung abbestellt.

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