Hintergrund

Wir fressen unsere Zukunft

Warum Finanzmärkte mit rationalen Methoden systematische Unvernunft produzieren und der Crash vorprogrammiert ist..

Für die Risikomodelle der Banken lag die Wahrscheinlichkeit bei 1 zu mehreren Milliarden, dass etwas wie die Finanzkrise 2008 eintreten könnte. Mit der Pleite des kleinsten der großen Player der Investmentbanken, Lehman Brothers, folgte eine Kettenreaktion von Zahlungsausfällen, die das Finanzsystem an den Rand des Totalabsturzes gebracht hat. Wie war das möglich? Und noch wichtiger: ist das wieder möglich?

Die Antwort ist ein klares Ja! Es ist nicht nur möglich, sondern sehr wahrscheinlich. Und das aus mehreren Gründen.

Der erste Grund ist, dass sich die Risikomodelle der großen Player am Finanzmarkt nicht wirklich weiterentwickelt haben. Man bedient sich komplexester Mathematik zur Berechnung von Risiken – und begeht dabei einen ziemlich simplen logischen Fehler. Dieser Fehler liegt in der Annahme, dass man zukünftige Risiken durch Risiken der Vergangenheit berechnen könnte. Man schreibt also die Vergangenheit in die Zukunft fort und meint, Ungewißheit so in Zahlen und Prozenten fassbar machen zu können.

Wenn dann etwas völlig Neues in die Welt tritt – wie etwa der Terroranschlag des 11.September 2001 – fallen alle diese Kalkulationen in sich zusammen wie ein schlecht konstruiertes Kartenhaus. Der Anschlag auf das World Trade Center brachte, gerade in seiner symbolischen Bildsprache zusammenbrechender Tempel des Kapitalismus, eine Dimension in die Gegenwart, für die es in der Vergangenheit keinerlei Anhaltspunkte gegeben hatte. Der 11.September war daher ein psychologischer „game changer“, der die westliche Welt insgesamt verändert hat – aber nichts an ihren Risikomodellen. Die Zukunft kann, muß aber eben nicht der Vergangenheit ähneln. Selbst wenn man zukünftige Risiken zu 99,99% berechnen könnte, so hätten die verbleibenden 0,01% das Potential, das Gesamtkonstrukt zum Einsturz zu bringen.

Der zweite folgenschwere logische Fehler der Finanzmärkte liegt in der Annahme, dass die Verteilung von Risiken diese Risiken reduziert. Das Gegenteil ist der Fall: das Risikomanagement der Marktakteure wird selbst zu einem neuen Risikoraum, der das Gesamtsystem wesentlicher labiler macht. Schon die Finanzkrise bekam ja ihre Dimension dadurch, dass die verteilten Risiken nicht mehr sichtbar – und dadurch eben nicht mehr kalkulierbar waren. Die Ungewißheit, welche Risiken mein Geschäftspartner nach komplexer und intransparenter Verpackung dieser Risiken in CDOs etc. wirklich hat, führte unmittelbar zu einer schweren Vertrauenskrise.

Wer kein Vertrauen hat, versucht sein Geld zu retten und entzieht es schnellstmöglich dem Kreislauf. Diese schlagartige Austrocknung von Liquidität kann das System plötzlich kollabieren lassen – und das umso mehr, als die Marktteilnehmer hochgradig miteinander verwoben sind. Das Risiko meines Geschäftspartners wird blitzartig auch mein eigenes Risiko. Daher tendieren die Finanzmärkte grundsätzlich zu chaotischen Kettenreaktionen, wenn das Unvorhergesehene eintrifft.

Das dritte große Problem ist die Maßlosigkeit, mit der wir mit der Zukunft umgehen. Während allen klar ist, dass wir bereits in der Gegenwart die Naturresourcen der Zukunft verkonsumieren, ist uns weniger klar, dass wir selbst mit unserem Begriff von Zeit Raubbau betreiben. Gegenwart ist permanente Zukunftserwartung, schließlich kalkulieren wir Preise im Hier und Jetzt immer mit der Maßgabe, wie die Preise in der Zukunft aussehen könnten – das ist das Grundwesen der Spekulation. So hat etwa die Erwartung, dass China unendlich wachsen wird, in der Gegenwart bereits Tatsachen geschaffen:“Der Reichtum künftiger Zeiten hat sich in gegenwärtigen Profiten realisiert“ (Joseph Vogl). Aber indem wir uns in der Gegenwart nur von unserem Blick auf die Zukunft leiten lassen (oder bei Risikoberechnungen von der Vergangenheit), berauben wir uns selbst vieler Möglichkeiten, machen die Zukunft scheinbar kalkulierbar, bis uns dann das Unvorhergesehene wieder auf die Füße fällt und dann für Panik sorgt.

Unsere Zukunftserwartung ist die Metaphysik der westlichen Welt – und damit im Grunde ein Relikt unserer religiösen Vergangenheit. Es wird Zeit, dass wir unseren Umgang mit Zeit neu überdenken. Nur wenn wir Zeit wieder in die Gegenwart zurückholen und nicht immer an die Zukunft binden, können wir letztlich unsere innere Mitte finden.



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