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Hintergrund

Wir fressen unsere Zukunft

Markus Fugmann

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Warum Finanzmärkte mit rationalen Methoden systematische Unvernunft produzieren und der Crash vorprogrammiert ist..

Für die Risikomodelle der Banken lag die Wahrscheinlichkeit bei 1 zu mehreren Milliarden, dass etwas wie die Finanzkrise 2008 eintreten könnte. Mit der Pleite des kleinsten der großen Player der Investmentbanken, Lehman Brothers, folgte eine Kettenreaktion von Zahlungsausfällen, die das Finanzsystem an den Rand des Totalabsturzes gebracht hat. Wie war das möglich? Und noch wichtiger: ist das wieder möglich?

Die Antwort ist ein klares Ja! Es ist nicht nur möglich, sondern sehr wahrscheinlich. Und das aus mehreren Gründen.

Der erste Grund ist, dass sich die Risikomodelle der großen Player am Finanzmarkt nicht wirklich weiterentwickelt haben. Man bedient sich komplexester Mathematik zur Berechnung von Risiken – und begeht dabei einen ziemlich simplen logischen Fehler. Dieser Fehler liegt in der Annahme, dass man zukünftige Risiken durch Risiken der Vergangenheit berechnen könnte. Man schreibt also die Vergangenheit in die Zukunft fort und meint, Ungewißheit so in Zahlen und Prozenten fassbar machen zu können.

Wenn dann etwas völlig Neues in die Welt tritt – wie etwa der Terroranschlag des 11.September 2001 – fallen alle diese Kalkulationen in sich zusammen wie ein schlecht konstruiertes Kartenhaus. Der Anschlag auf das World Trade Center brachte, gerade in seiner symbolischen Bildsprache zusammenbrechender Tempel des Kapitalismus, eine Dimension in die Gegenwart, für die es in der Vergangenheit keinerlei Anhaltspunkte gegeben hatte. Der 11.September war daher ein psychologischer „game changer“, der die westliche Welt insgesamt verändert hat – aber nichts an ihren Risikomodellen. Die Zukunft kann, muß aber eben nicht der Vergangenheit ähneln. Selbst wenn man zukünftige Risiken zu 99,99% berechnen könnte, so hätten die verbleibenden 0,01% das Potential, das Gesamtkonstrukt zum Einsturz zu bringen.

Der zweite folgenschwere logische Fehler der Finanzmärkte liegt in der Annahme, dass die Verteilung von Risiken diese Risiken reduziert. Das Gegenteil ist der Fall: das Risikomanagement der Marktakteure wird selbst zu einem neuen Risikoraum, der das Gesamtsystem wesentlicher labiler macht. Schon die Finanzkrise bekam ja ihre Dimension dadurch, dass die verteilten Risiken nicht mehr sichtbar – und dadurch eben nicht mehr kalkulierbar waren. Die Ungewißheit, welche Risiken mein Geschäftspartner nach komplexer und intransparenter Verpackung dieser Risiken in CDOs etc. wirklich hat, führte unmittelbar zu einer schweren Vertrauenskrise.

Wer kein Vertrauen hat, versucht sein Geld zu retten und entzieht es schnellstmöglich dem Kreislauf. Diese schlagartige Austrocknung von Liquidität kann das System plötzlich kollabieren lassen – und das umso mehr, als die Marktteilnehmer hochgradig miteinander verwoben sind. Das Risiko meines Geschäftspartners wird blitzartig auch mein eigenes Risiko. Daher tendieren die Finanzmärkte grundsätzlich zu chaotischen Kettenreaktionen, wenn das Unvorhergesehene eintrifft.

Das dritte große Problem ist die Maßlosigkeit, mit der wir mit der Zukunft umgehen. Während allen klar ist, dass wir bereits in der Gegenwart die Naturresourcen der Zukunft verkonsumieren, ist uns weniger klar, dass wir selbst mit unserem Begriff von Zeit Raubbau betreiben. Gegenwart ist permanente Zukunftserwartung, schließlich kalkulieren wir Preise im Hier und Jetzt immer mit der Maßgabe, wie die Preise in der Zukunft aussehen könnten – das ist das Grundwesen der Spekulation. So hat etwa die Erwartung, dass China unendlich wachsen wird, in der Gegenwart bereits Tatsachen geschaffen:“Der Reichtum künftiger Zeiten hat sich in gegenwärtigen Profiten realisiert“ (Joseph Vogl). Aber indem wir uns in der Gegenwart nur von unserem Blick auf die Zukunft leiten lassen (oder bei Risikoberechnungen von der Vergangenheit), berauben wir uns selbst vieler Möglichkeiten, machen die Zukunft scheinbar kalkulierbar, bis uns dann das Unvorhergesehene wieder auf die Füße fällt und dann für Panik sorgt.

Unsere Zukunftserwartung ist die Metaphysik der westlichen Welt – und damit im Grunde ein Relikt unserer religiösen Vergangenheit. Es wird Zeit, dass wir unseren Umgang mit Zeit neu überdenken. Nur wenn wir Zeit wieder in die Gegenwart zurückholen und nicht immer an die Zukunft binden, können wir letztlich unsere innere Mitte finden.

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finanztreff

Beste aller Welten eingepreist! Videoausblick

Wie zuletzt im Januar und September 2018 glauben die Aktienmärkte, sie lebten in der Besten aller Welten – kein Risiko, nirgends..

Markus Fugmann

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Wie zuletzt im Januar und September 2018 glauben die Aktienmärkte, sie lebten in der Besten aller Welten: die Fed werde ihnen nicht mehr weh tun, es werde einen tragfähigen Deal zwischen den USA und China geben, dazu auch eine Lösung im US-Budgetstreit (heute muß sich Trump entscheiden, ob er den Kompromißvorschlag annimmt oder nicht). Gleichzeitig sind die US-Indizes so überkauft wie seit Ende 2016 nicht mehr (als damals nach einem ersten Schock über die Wahl Trumps eine massive Rally eingesetzt hatte). All das kann noch extremer werden – aber die Vergangenheit lehrt: lange geht so eine Vertrauensseligkeit nicht gut. Der Dax hinkt den US-Märkten weiter hinterher..

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Dax: Bullenpower sieht anders aus..

Über das radikale Auseinanderdriften der globalen Aktienmärkte..

Markus Fugmann

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Der Dax kann seine Erholung fortsetzen – aber es fehlt dieser Erholung schlicht an Dynamik! Die Anstiege verlaufen langsam, die Abverkäufe dagegen mit hoher Dynamik, sodass der Index – auf die letzten Handelswochen gesehen – ein Schritt nach vorne macht, um dann zwei Schritte wieder zurück zu machen. Von Entwarnung kann daher noch überhaupt keine Rede sein!

Im Chart wird deutlich, wie vergleichsweise gering die Erholung ausgefallen ist bislang:

(Chart durch anklicken vergrößern)

Das sieht nicht nach Bullen-power aus! Eher ein zaghafter Versuch, das Schlimmste abzuwenden – und das trotz der daueroptimistischen Wall Street, die gestern wieder einmal zulegen konnte, vor allem die schwergewichtigen Tech-Werte wie Apple (in Vorfreude auf die heutige Präsentation der neuen Apple-Produkte) und Amazon. Aber auch in den USA gilt: es erreichen mehr Aktien 52-Wochen-Tiefs als 52-Wochen-Hochs, der Anstieg ist von den wenigen Tech-Schwergewichten getragen, der breite Markt sieht deutlich negativer aus. Mithin sind die großen Tech-Werte die Schminke, die die Falten kaschieren – aber man sollte sich nicht von dem Makeup täuschen lassen!

Andernorts ist die Lage völlig anders: der Shanghai Composite ist heute auf den tiefsten Stand seit zweieinhalb Jahren gefallen, die Märke und Währungen der Schwellenländer bleiben unter Druck, auch die europäischen Indizes sind sämtlich charttechnisch angeschlagen. Es ist diese Schizophrenie, die nachdenklich stimmt: leben die Amerikaner auf einem anderen Planeten? Nun, wer Donald Trump als Präsidenten wählt, muß wohl auf einem anderen Planeten leben..

Die Fakten sind: die Fed verknappt die Liquidität, die Schwellenländer daher besonders unter Druck, und der Handelskrieg ist erst in seinem Anfangsstadium. Die Kombination aus diesen Faktoren bringt die ganze Welt uner Druck, nur eben die Amerikaner nicht. Dort hofft man auf NAFTA, glaubt, dass einem der Handelskrieg nichts anhaben könne, und die Fed werde schon brav bleiben und die Zinsen nicht deutlich anheben. Dort also die optmistischste Interpretation der Dinge, überall sonst auf der Welt sehen die Fakten anders aus! Inzwischen ist die Spanne so groß (etwa zwischen amerikanischen und chinesischen Tech-Werten), dass eine Wieder-Annäherung nur eine Frage der Zeit ist – ewig kann man nicht schizophren bleiben..

Für den Dax gilt: erst über dem Widerstand von 12100 Punkten besteht wieder – charttechnisch gesehen – Hoffnung. Besser noch, der Dax überwände den seit Ende Juli bestehenden Abwärtstrend bei 12220/12250 Punkten. Auf der Unterseite ist nun das Tief bei 11860 Punkten entscheidend: noch läßt sich dieses gestern erreichte Verlaufstief als Fehlausbruch nach unten interpretieren – aber wenn dann die 11860 auch noch fallen sollte, wäre das ein klares Zeichen dafür, dass Dynamik auf der Unterseite aufkommen wird..

 


By Josemanuel. – Own work, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1284536

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Allgemein

Tribalisierung statt Globalisierung: Eine Generation geht verloren

Die Globalisierung steht am Beginn eines großen Rückschlags – und eine ganze Generation ist gezwungen, ihre eigenen Werte zu verraten..

Markus Fugmann

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Von Markus Fugmann

Ich bin 1969 geboren und entstamme damit einer Generation, die grundsätzlich optimistisch veranlagt ist. Als wir erwachsen wurden, fiel die Mauer, ging die Sojwetunion unter und verschwanden damit gefühlt alle Grenzen, die unseren Drang nach (Bewegungs-)Freiheit begrenzt hatten. Als Jugendliche fürchteten wir die Atomkraft, fürchteten, dass uns Atombomben auf den Kopf fallen – wie einst die Gallier, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fiele.

All das ist nicht passiert. Und mit dem Ende der Sojwetunion und damit dem Ende des Kalten Krieges stand uns die Welt offen, schien eine Art ewiger Frieden erreicht, gewissermaßen das Ende der Geschichte (Fukujama). Wir reisten, probierten uns und das andere Geschlecht aus, alles war möglich, die Globalisierung kam, wir nutzten als erste Generation den Computer, lernten in der Schule programmieren, nutzten das Internet – und drängten heraus in die Welt. Diese Welt, so schien es, wächst zusammen – und wir fanden das gut so, weil es das Spektrum unserer Möglichkeiten vergrößerte.

Nun aber, zu einer Zeit, in der normalerweise diese Generation an die entscheidenden Schaltstellen der Gesellschaft in Politik und Wirtschaft gelangt, haben wir das Gefühl, wir sind irgendwie von gestern. Schon die heute Mitte 30-jährigen sind von uns grundsätzlich verschieden: ja, man kann ins Ausland gehen, aber man will dann zurück kommen, heiraten und ein Haus bauen. Das war so ziemlich das Letzte, was noch unserer Generation als Ideal vorschwebte. Diese Sehnsaucht nach Heimeligkeit war uns fremd, sie ist aber wohl die logische Konsequenz für eine Generation, die das Internet mit der Muttermilch aufgesogen hat und die nun ein Bedürfnis nach kuscheliger Wärme hat – und der es reicht, sich auf Google Maps jene Orte anzuschauen, zu denen wir noch gereist sind.

Es gibt bei dieser jüngeren Generation eine Tendenz zur Abschottung – ebenso wie in den großen Strömungen des Zeitgeists, der sich derzeit Bahn bricht. Dass derzeit rechskonservative Strömungen aufkommen, ist kein Zufall. Das Rad der Geschichte dreht sich gewissermaßen zurück, es gibt einen klaren Gegentrend zur Globalisierung, den ich als „Tribalisierung“ (Rückbesinnung auf den eigenen „Stamm“) bezeichne: ob Trump in den USA, die AfD in Deutschland, die FPÖ in Österreich, Le Pen in Frankreich etc. – das Motto lautet: wir schotten uns ab!

Rechtskonservative Bewegungen hat es auch früher gegeben seit dem Ende des Kalten Krieges – aber sie waren irgendwie aus der Zeit gefallen und hatten daher keine Chance. Diesmal ist das anders. Denn eines ist klar: die massenhafte Immigration nach Europa ist kein Thema, das vorbei gehen wird. Im Gegenteil: es wird immer dringender!

Was wir mit syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen erlebt haben, ist nur der Auftakt, sie sind nur die Vorhut für weit größere Ströme nach Europa. Flüchtlingsströme aus Syrien oder dem Nahen Osten werden irgendwann abebben – der Nahe Osten ist nicht unser größtes Problem. Dagegen werden sich bald Flüchtlingsströme aus Afrika massiv intensivieren, schon aus demografischen Gründen: Afrikas Bevölkerung wird sich bis 2050, also in nur 35 Jahren, von einer Milliarde auf dann zwei Milliarde verdoppeln – nicht weil Afrikanerinnnen mehr Kinder bekämen als früher – im Gegenteil. Nur die Zahl afrikanischer Frauen im gebährfähigen Alter wird aufgrund der demografischen Struktur in den afrikanischen Ländern bald stark nach oben schießen.

Und weil es faktisch keine Perspektive dafür gibt, diese stetig steigende Bevölkerung ausreichend zu versorgen bzw. Jobs zu schaffen, wird ein nicht geringer Teil dieser Menschen nach Europa drängen als einzig logisches underreichbares Ziel. Es geht hier um viele Millionen Menschen, vor allem junge Männer, die in ihren Heimatländern faktisch keine Chance haben, Jobs zu bekommen und Familien zu gründen. Und wir werden uns nicht anders zu helfen wissen, als eine Festung Europa zu errichten, weil diese Einwanderungsströme selbst beim besten politischen Willen nicht zu handhaben sind.

Und vermutlich wird es exakt meine Generation sein, deren Vertreter dann an der Macht sind, die diesen Festungsbau anordnen und ausführen wird. Weil es nicht anders geht, ob man will oder nicht. Und genau deswegen haben die rechskonservativen Strömungen, die genau das jetzt schon fordern, Zukunft. Sie thematisieren das, was auf uns zukommen wird, wollen Homogenität, Sicherheit, etablierte, vor-globalisierte Strukturen zurück – also all das, was meine weltoffene Generation überwiegend eigentlich nicht will. Und trotzdem wird es meine Generation sein, die faktisch die Voraussetzungen dafür schaffen wird.

Darin besteht eine gewisse Tragik: man ist gezwungen, die eigenen Werte zu verraten. Und insofern geht eine Generation verloren, die mit ihrer Humanität und ihrer Offenheit aus der Zeit zu fallen beginnt. Die Zeiten, in denen die Welt noch offen stand, sind jedoch offenkundig vorbei, die Globalisierung weicht der Tribalisierung. Vielleicht wächst dann wenigstens das Verständnis dafür, dass wir in Europa alle in einem, demselben Boot sitzen – und es gar keine Alternative zu einer wie auch immer definierten europäischen Gemeinschaft gibt..

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