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Der „größte Hedgefonds der Welt“ hat eine ganz spezielle Investment-Methode!

Redaktion

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am

FMW-Redaktion

Der in der Finanzbranche als „größter Hedgefonds der Welt“ bezeichnete Investor hält derzeit 108 Milliarden Dollar in Aktien. Man hat schon oft von ihm gehört, kennt ihn aber nicht als Hedgefonds. Und er hat eine ganz spezielle und gleichzeitig einfache Investment-Methode…

SNB-Direktorium Nickname größter Hedgefonds der Welt
Wächter über den Schweizer Franken: Das Direktorium der Schweizer Nationalbank.
Foto: Schweizer Nationalbank

Unglaublich aber wahr. Bei diesem „Hedgefonds“ handelt es sich um die Schweizerische Nationalbank (SNB), eigentlich für die Geldpolitik der Schweiz zuständig, eigentlich die Hüterin des Schweizer Franken. Wir haben uns die Bilanz der SNB mal genauer angeschaut. Diese Notenbank eines recht kleinen Landes wie der Schweiz hat sich inzwischen Fremdwährungsreserven von umgerechnet ca. 600 Milliarden US-Dollar angelegt. Hauptgrund für diese Riesensumme ist das gigantische Drucken von Schweizer Franken der letzten Jahre durch die SNB, weil man durch das Konvertieren dieser Franken in andere Währungen den Franken selbst niedrig halten wollte (EURCHF 1,20 Schwelle, die im Januar aufgehoben wurde).

Dadurch häufte sich aber ein Fremdwährungsvermögen an, das immer weiter anstieg. So musste man dieses Geld irgendwo unterbringen, und wurde zu einem gigantischen globalen Investor. 71% dieser 600 Milliarden Dollar an Fremdwährungsreserven werden in ausländischen Staatsanleihen gehalten. 18% liegen nach aktuellsten Zahlen in Aktien, also 108 Milliarden Dollar.

Weil die US-Börsenaufsichtsbehörde „Securities & Exchange Commission“ (SEC) eine extrem große Transparenz von großen Investoren verlangt, ist es der Allgemeinheit zumindest genau möglich einen Einblick zu erhalten, wie die Dollar-Liquidität zumindest am US-Aktienmarkt investiert wird. So ist die SNB z.B. stolzer Besitzer von 10,3 Mio Apple-Aktien – nach aktuellem Kurs ein Gesamtwert von 1,2 Milliarden Dollar. Auch hält die SNB 14,3 Mio Microsoft-Aktien, was einem Wert von 772 Mio Dollar entspricht. So könnte man es endlos fortsetzen – die SNB besitzt 8 Mio Exxon-Aktien, 18 Mio General Electric-Aktien oder auch 11,9 Mio von Pfizer – eine endlos lange Liste, auch hunderte kleinere eher unbekannte Aktienwerte werden gehalten.

SNB US-Aktien Apple
Ein Auszug aus der Auflistung des US-Aktienbestands der SNB. Quelle: SEC

Fremdwährungsanlagen SNB
Die generelle Aufteilung der Fremdwährungsanlagen der SNB Stand 3. Quartal 2015.

Da kommt unweigerlich die Frage auf, nach welchen Kriterien die SNB als „größter Hedgefonds der Welt“ seine Anlageentscheidungen trifft. Ein Heer von Analysten und Aktienhändlern muss im Büro der SNB darüber brüten, welche Aktie warum ge- oder verkauft werden sollte. Das Investmentkonzept ist verblüffend einfach und transparent, wenn man denn den Worten der SNB Glauben schenkt, was wir an dieser Stellen tun wollen. Vorab: Zwei Ausnahmeregeln hat sich die SNB selbst auferlegt: Es werden keine Aktien von großen oder mittelgroßen Banken aus entwickelten Ländern gehalten um Interessenkonflikte zu vermeiden, und man kauft keine Aktien von Waffenherstellern. Zur Investmentstrategie selbst: Die SNB betreibt ganz einfach KEIN aktives Aktienmanagement und auch keine Analyse, auch kein Trading oder Selektion von Aktien – man entscheidet lediglich in welche Gesamtmärkte man investieren will (z.B. Kategorie „US-Aktien“), und bildet dann komplette Indizes nach, in dem man die Aktien der Indizes je nach Gewichtung in diesem Index nachkauft. Das erklärt auch, warum die SNB in so vielen auch kleinen No Name-Werten mit kleineren Stückzahlen investiert ist. Die SNB schreibt an anderer Stelle, dass sie ein internes Portfolio-Management-Team hat, das grundsätzliche Entscheidungen trifft, in welche Märkte Gelder fließen, aber gezielte Schwerpunktkäufe innerhalb dieser Märkte gibt es laut SNB absichtlich nicht! Also ist die SNB quasi eher ein gigantischer Dach-Hedgefonds oder ein riesiger Index-Fonds, der sein eigenes Geld verwaltet. Originaltext SNB hierzu:

„The SNB does not engage in equity selection; it only invests passively. It first decides in which markets it wants to invest, and then replicates appropriate broad equity indices. If the equity portfolio were managed actively, this could send undesirable signals to the market, and might also lead to the politicisation of investment decisions. This could clash with the SNB’s monetary policy. There are, however, two kinds of equities which it actively excludes from its investment universe. The SNB does not hold equities in mid or large-cap banks from advanced economies, in order to preclude potential conflicts of interest, nor in companies which produce internationally banned weapons, seriously violate fundamental human rights, or systematically cause severe environmental damage.“

Wenn man darüber nachdenkt, kann man sich schon fragen, was solche gigantischen Portfolioinvestitionen noch mit „Notenbank“ zu tun haben. Geld aus dem Nichts erschaffen und dann ganz reale Anteile an Unternehmen aufkaufen und ganz reale Dividenden kassieren, dauerhaft. Das darf eben nur eine staatliche Institution wie eine Notenbank machen…


9 Kommentare

9 Comments

  1. Avatar

    Tom

    25. November 2015 12:48 at 12:48

    Vielen Dank für den interessanten Bericht. Ja das Stichwort Hedgefonds ist hier absolut korrekt. Ist nichts anderes mehr. Aber leider noch ein paar kleine Fehler in ihrem Bericht. Wenn Sie sich die Aktivseite der Bilanz ansehen, sollte Sie auch gleich die Passivseite ansehen. Dann würden Sie auch feststellen, dass die SNB das Geld NICHT gedruckt hat, sondern der ganze Berg auf der Gegenseite unter Verbindlichkeiten Giralbanken steht.. oder fast alles. Heisst die SNB hat einen unglaublichen Schuldenberg gegenüber den Geschäftsbanken! Sollte der Wert der Aktivposten nun sinken, hätte man innert kürze eine überschuldete Bilanz, da das Eigenkapital extremst gering ist. Dazu müssen die Börsen und die Devisen nur wenige Prozent sinken, dann ist es so weit. Würde bedeuten, da die Vermögensseite die Schuldenseite nicht mehr deckt, müssten die Geschäftsbanken Wertkorrekturen an den Guthaben SNB vornehmen, mit allen Konsequenzen daraus.. im schlimmsten Fall könnte die SNB durchaus auch Pleite gehen. Aber die Hauptaktionäre der SNB sind die Kantone. Würde heissen, die müssten die SNB sanieren, mit entsprechenden Kosten für die Steuerzahler. Anders gesagt, was die SNB hier treibt, ist hochgradig kriminell und absolut unverantwortlich! Sie verspielen das ganze Vermögen der Schweiz.. oder ein schweinischer Zockerladen mit Steuergeldern. Unerhört. Jordan gehört meiner Meinung umgehend ins Gefängnis und das schlimmste, die Bevölkerung ist sich gar nicht bewusst, was die SNB hier so treibt auf Kosten der Allgemeinheit. Zudem lügt die SNB noch wie gedruckt und behauptet, im Falle von Verlusten könnten sie jederzeit Banknoten drucken und die Schuld beheben, was leider auch wieder falsch ist.. denn die Gegenposition zu Bargeld ist ein Rückstellungskonto in den Passiven, würde also an der Verschuldungssituation nicht das geringste ändern, nur eine Verlagerung der Schuldenpositionen.

    • Avatar

      N.Ritter

      25. November 2015 23:09 at 23:09

      Die „Verschuldung“ der SNB bei den Geschäftsbanken sind deren Einlagen bei der SNB – bilanztechnisch in der Tat eine Verbindlichkeit. Aber wie können die Geschäftsbanken denn die „Begleichung“ einfordern? In Giralgeld nicht, schließlich haben sie ja bereits ein Guthaben. Und Bargeld kann die SNB jederzeit in beliebiger Höhe herstellen, wenn es verlangt würde. Also um den Steuerzahler brauchen Sie sich da keine Sorgen machen, in der eigenen Währung kann eine Notenbank in unserem Geldsystem nicht pleitegehen und sie braucht auch kein Rettungspaket vom Steuerbürger. Selbst wenn die Aktien auf Null fallen und die SNB als Gegenposten für die Einlagen ein negatives Eigenkapital vom 600 Mrd ausweisen müsste, könnte die SNB das einfach bis zum St. Nimmerleinstag in der Bilanz vor sich hin schlummern lassen….

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    leser

    25. November 2015 15:06 at 15:06

    Und die Schweizer Vollgeldinitiative würde diesen Hedgefonds weiter füttern, da die den Geldsozialismus bei der Zentralbank belassen will.

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    Tacheles

    25. November 2015 18:49 at 18:49

    Eine Frage an die Experten.

    Wer kontrolliert dieses Vorgehen der SNB und wer gibt es frei?
    Wie sieht es bei der Bundesbank in Deutschland aus?

  4. Avatar

    Matthias

    26. November 2015 10:10 at 10:10

    Seit wann ist die eigentliche Aufgabe einer unabhängigen Zentralbank die Geldpolitik? Erste Aufgabe ist die Zinspoltik! Da aber fast alle westl.
    Zentralbanken im Nullzinsuniversum schweben, bleibt nur noch die Geldpoltitk u. somit der Abwertungswettlauf. Vielleicht sollte man auch einen Blick auf die Bilanz der BoJ werfen (QUANTITATIV-Easing – Anleihenkäufe + QUALITATIV-Easing – 52% Aufkäufe aller japan. Aktien-ETF’s), dann könnte der „größte Hedgefond“ in Bezug auf die Nr.1 bald Konkurenz bekommen.

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    Tom

    26. November 2015 10:31 at 10:31

    N. Ritter, danke für den Hinweis.. nur so einfach ist das ganze nicht! Natürlich sind das die Einlagen der Geschäftsbanken.. es handelt sich eigentlich um die Mindesteinlagereserve der Geschäftsbanken, damit sie Kredite schaffen können. Oder anders gesagt, es sind die Spargelder der Banken, die bei der SNB liegen. Wegen Konkurs.. nein, die SNB kann das nicht ewig so weiterführen. Die SNB ist eine AG nach CH-Recht. Heisst hier kommt OR zum Tragen. Sollten die Guthaben der SNB schmelzen und das EK nicht mehr gedeckt sein, muss zwingend die Bilanz beim Konkursrichter deponiert werden. Um das zu vermeiden, könnten die Geschäftsbanken einen Rangrücktritt auf ihre Einlagen ausstellen. So könnte der Konkurs abgewendet werden. Und sobald die G-Banken einen Rangrücktritt ausstellen, müssen sie das zwingend in ihren Bilanzen entsprechend rückstellen, heisst eine Reserve darauf bilden auf Kosten der Erfolgsrechnung, was entsprechend die Bilanzen der G-Banken belasten würde. Ohne etwas zu tun, geht es schlicht nicht, sonst wäre die SNB umgehend Konkurs und müsste liquidiert werden. Auch möglich wäre dann eben, z.B. eine Bürgschaft des Staates, bzw. Kantone, was die Steuerzahler eben belasten würde oder andere Sanierungsmassnahmen. Fazit: sobald die Aktivwerte sinken und das mickrige EK der SNB in Unterdeckung kommt, müssen zwingend Sanierungsmassnahmen erfolgen, da sonst umgehend der Konkurs zu Stande kommt.. natürlich hat daran kein Mensch Interesse, daher würden die Sanierungsmassnahmen zum Zuge kommen.. und da Verluste immer sozialisiert werden käme hier garantiert der Steuerzahler zum Tragen mit Bürgschaften, rangrückstelligen Darlehen oder weiss ich nicht was für eine Lösung!

  6. Avatar

    N.Ritter

    26. November 2015 11:12 at 11:12

    Tom, danke für Ihre interessante Antwort. Ich habe mir eben mal das Nationalbankgesetz angesehen – ein rechtliches Problem könnte es in der Tat geben, wie Sie es beschrieben haben, da die Nationalbank als AG organisiert ist und es in dem Gesetz keine Ausnahmeregelung zum normalen Aktienrecht gibt.
    Rein funktional benötigt eine Notenbank allerdings kein Eigenkapital und kann auch problemlos mit einem negativen EK operieren. Ich würde daher vermuten, dass die fehlende gesetzliche Grundlage im Fall der Fälle „nachgeschoben“ würde, statt das man die Bank in Konkurs schickt. Wie das die Schweiz handhaben würde, ist aber Spekulation – für den Euroraum, will ich nicht ausschließen, dass man den Fehlbetrag ohne jede Notwendigkeit dem Steuerzahler an den Hals hängen würde.
    Zu den Mindestreserven muss ich aber eine Korrektur anbringen: Die werden zwar auf Grundlage der Einlagen der Banken berechnet, aber es sind nicht die Spareinlagen der Kunden. Es gibt keine Möglichkeit Geschäftsbankengeld in Zentralbankgeld umzuwandeln und umgekehrt (Außer Sie als Kunde heben Ihr Guthaben bei der Geschäftsbank bar ab – dann haben Sie auch Zentralbankgeld). Die Einlagen bei der Notenbank stammen immer aus der Geldschöpfung der Notenbank selbst.

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Aktuell: ifo-Institut hebt BIP-Prognose an – dramatische Staatsverschuldung

Claudio Kummerfeld

Veröffentlicht

am

Brandenburger Tor in Berlin

Die Wirtschaftsleistung in Deutschland soll im Jahr 2020 nicht so dramatisch einbrechen wie zunächst angenommen. Damit liegt die vor wenigen Minuten präsentierte Veröffentlichung des ifo-Instituts im Trend anderer Institute aus den letzten Tagen. Der Absturz der deutschen Wirtschaft verlaufe glimpflicher als gedacht. Das BIP (Bruttoinlandsprodukt) werde in 2020 um 5,2 Prozent schrumpfen, während man bei ifo noch im Sommer ein Minus von 6,7 Prozent vorhergesagt hatte. Der Rückgang im zweiten Quartal und die Erholung derzeit würden günstiger verlaufen als man es erwartet hatte.

Dafür werde das Wachstum der Wirtschaftsleistung im kommenden Jahr geringer ausfallen. ifo rechnet beim BIP nun mit 5,1 Prozent statt 6,4 Prozent. Im Jahre 2022 erwartet das ifo-Institut plus 1,7 Prozent. Interessant sind auch die folgenden Aussagen der Wirtschaftsforscher. Besonders ins Auge fällt die dramatische Neuverschuldung des deutschen Staates – und das nicht nur im laufenden Jahr, sondern auch noch in den beiden Folgejahren. Hier ifo im Wortlaut:

„Die Unsicherheit bei den Prognosen ist sehr groß, weil niemand weiß, wie die Corona-Pandemie weiter verläuft, ob es nicht doch noch einen harten Brexit gibt und ob die Handelskriege beigelegt werden“, sagt Wollmershäuser.

Die Zahl der Arbeitslosen wird von durchschnittlich 2,3 Millionen im vergangenen Jahr auf 2,7 Millionen im laufenden Jahr steigen. Im kommenden Jahr wird sie auf 2,6 Millionen zurückgehen und 2022 dann 2,5 Millionen betragen. Damit erhöht sich die Quote in diesem Jahr von 5,0 Prozent auf 5,9 Prozent. 2021 sinkt sie auf 5,7 Prozent und im übernächsten Jahr auf 5,5 Prozent.

Der Überschuss des Staates von 52,5 Milliarden Euro im Jahr 2019 stürzt in diesem Jahr auf minus 170,6 Milliarden, weil die Ausgaben wegen der Stützung der Wirtschaft drastisch steigen und die Einnahmen sinken. Im kommenden Jahr wird der Fehlbetrag noch 86,9 Milliarden erreichen, im übernächsten immerhin 68,4 Milliarden.

Auch der viel kritisierte deutsche Überschuss in der Leistungsbilanz (Exporte, Importe, Dienstleistungen, Transfers) sinkt in diesem Jahr, von 244 Milliarden auf 215,4 Milliarden, denn die Exporte gehen 2020 deutlich schneller zurück als die Importe. Im kommenden Jahr steigt der Überschuss aber wieder auf 276,2 Milliarden. Im Jahr 2022 erreicht er 290,1 Milliarden.

Tabelle mit BIP-Details vom ifo-Institut

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So tickt die Börse: Grenke, Wirecard und Steinhoff: Die Schwachstelle im System

Stephan Heibel

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am

Grenke droht nach Wirecard zum nächsten Debakel für die Börse zu werden, wenn das Unternehmen nicht schleunigst alle Vorwürfe entkräftet. Ich habe den Blick auf Gemeinsamkeiten mit Wirecard und Steinhoff geworfen und mit Hilfe eines Kunden die Schwachstelle im System gefunden, die Betrügereien zumindest ermöglicht. Ob Grenke die Schwachstelle genutzt hat, ist noch offen.

Nach Steinhoff und Wirecard spekuliert Fraser Perring nun auf betrügerische Machenschaften bei Grenke Leasing. Über seine Researchfirma Viceroy (Vize-König) hat er eine 64 Seiten lange Analyse zu Grenke veröffentlicht, die den Aktienkurs um über 50% hat einbrechen lassen. Das pikante daran: Perring selbst ist im Vorfeld der Veröffentlichung der Vorwürfe massiv short gegangen, verdient sich also eine goldene Nase an dem Kurseinbruch.

Inzwischen hat Firmenpatriarch Wolfgang Grenke zu den Vorwürfen Stellung bezogen. Wir befinden uns meiner Einschätzung nach erst am Anfang einer Auseinandersetzung, die in den kommenden Wochen und Monaten mit immer neuen Details Anleger verunsichern wird. Ausgang ungewiss.

Da es sich um eine Masche handelt, die sich zu wiederholen scheint, habe ich mich ein wenig dahinter geklemmt, was nun wirklich das Problem ist. Stark geholfen hat mir dabei ein Kunde, der bei einem US-Unternehmen vor vielen Jahren entsprechende Machenschaften aufgedeckt hatte. Das System ähnelt sich immer wieder. Ich will versuchen, die Schwachstelle im System zu identifizieren, damit wir als Anleger das Risiko besser einschätzen können.

Es gibt verschiedene Wege, immaterielle Vermögensgegenstände zu Geld zu machen. Ich denke mir hier mal ein eigenes Beispiel aus: Die Software, die ich zum Betrieb des Heibel-Tickers entwickeln ließ, hat mich viel Geld gekostet. Da ich ohne die Software meinen Laden nicht betreiben könnte und ich sehe, was ich dadurch verdiene, ist die Software für mich subjektiv ein Vielfaches dessen wert, was ich dafür ausgegeben habe. Doch niemand möchte mir einen entsprechenden Geldbetrag dafür geben, denn für Dritte ist meine individuelle Software nahezu wertlos. Daher laufen Entwicklungskosten bei mir als Kosten und nicht als Investition. Einen Wert erschaffe ich damit nicht.

Wenn man nun hohe Wachstumsziele verfolgt und jeden Cent locker machen möchte, um ihn zu investieren, dann ärgern einen diese Kosten. Ich kann den Wert meiner Software nicht als Sicherheit hinterlegen, weil es niemanden gibt, der der Software einen in meinen Augen auch nur annähernd fairen Wert bemisst. Also könnte ich doch eine Auslandsgesellschaft gründen und diese kauft mir meine Software für meinen Wunschpreis ab. Das Geld für den Kauf erhält die Auslandsfirma aus einer anderen Abteilung meines Unternehmens und so fließen meinem Unternehmen Bargeld zu, während irgendwo anders eine Forderung entsteht. Die Forderung ist natürlich, und davon wäre ich als Unternehmensgründer überzeugt, durch den hohen Wert der Software sehr gut besichert.

Okay, hier verlassen wir meinen kleinen Heibel-Ticker als Beispiel, denn hier ist nun schon ein Konzern mit einer etwas komplexeren Struktur erforderlich.

Nun kommen die Wirtschaftsprüfer ins Spiel: Alle Gesellschaften, also sowohl die Konzernmutter in Deutschland als auch die Töchter in Luxemburg, Malta, Dubai und Brasilien (das sind nur zufällig Standorte von Grenke-Töchtern), werden dann von lokalen Wirtschaftsprüfern geprüft. Da kommen dann ein paar hochbezahlte und erfahrende Akademiker für mehrere Tage in die Räume des Unternehmens, drehen alles auf links und schauen nach, ob die jeweiligen nationalen Gesetze eingehalten wurden.

In Brasilien wird nicht geprüft, ob deutsche Gesetze eingehalten wurden. Es werden die jeweiligen Jahresabschlüsse nach den nationalen Gesetzen testiert.

Nun kommt der Konzernbilanzbuchhalter ins Spiel. Er übernimmt die Zahlen der einzelnen Landesgesellschaften und „konsolidiert“ sie in die Konzernbilanz. Bei diesem Vorgang würde dann der obige Softwarekauf herausgerechnet, da es sich um ein internes Geschäft handelt. Doch bei der Konsolidierung befinden wir uns in einem Bereich, den ich als anfällig bezeichnen würde: eine Schwachstelle.

Denn selbst im SAP-System gibt es noch kein ausgereiftes Modul, das diese Problematik zufriedenstellend gelöst hat. Bei meinen Recherchen habe ich in Erfahrung gebracht, dass SAP mit einem Partnerunternehmen derzeit ein solches System entwickeln möchte. Bis heute ist im SAP-System noch viel Handarbeit erforderlich, um die Konsolidierung umzusetzen. Viele Unternehmen haben an dieser Stelle eigene Lösungen entwickelt, die inzwischen vollautomatisch laufen, aber einen internationalen Standard gibt es noch nicht. Zu komplex sind die Anforderungen durch die Vielzahl der Geschäftsmodelle und die Vielzahl der beteiligten Länder bis hin zur Vielzahl an Interpretationsmöglichkeiten bzw. Handlungsspielräumen.

Wir haben es hier also mit testierten Zahlen zu tun, die im Zuge der Konsolidierung in einer Art verwendet werden, die nicht internationalen Gesetzen unterliegen. Es gibt Best Practice Vorschriften für Buchhalter, es gibt Empfehlungen und Leitlinien, aber meines Wissens riskiert ein Buchhalter, der im Rahmen der Konsolidierung „Fehler“ macht, nicht Kopf und Kragen, sondern erst einmal nur eine Rüge, sollte es auffliegen. „Hoppla, da ist mir wohl ein Fehler unterlaufen“.

Auch die Konzernbilanz wird natürlich geprüft. Doch ist es dem Prüfer nicht zuzumuten, sämtliche oben genannten Feinheiten zu überblicken. Er muss die konsolidierten Zahlen als gegeben hinnehmen und prüft deren Konsistenz, nicht aber Herkunft. Fragen über die Herkunft wird der Konzernbilanzbuchhalter beantworten und da können Sie von ausgehen, dass er eine plausible Erklärung hat, denn er kennt das Geschäft ja wesentlich besser als der Prüfer.

Auch die Herkunft wird jedoch geprüft. Der oben genannte Kunde erzählte mir aus seiner Erfahrung, dass alle 5-6 Jahre zwei Hochschulabgänger von der Konzernzentrale in einzelne Landesgesellschaften geschickt wurden, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Erfahrene Prüfer wurden kaum eingesetzt, da es sich hierbei um einen Pflichtbesuch handelte, nicht jedoch um eine Pflichtprüfung: Zur Pflichtprüfung würde es nur werden, wenn falsche Ergebnisse teuer würden. Mangels entsprechender internationaler Sanktionsmechanismen in diesem komplexen Umfeld ist es für Prüfungsgesellschaften ökonomisch sinnvoll, dort ein paar günstige Arbeitskräfte hinzuschicken. Diese Frischlinge hören sich dann vor Ort mit stauenden Augen die Hintergründe zu den Zahlen an und glauben letztlich alles, was ihnen erzählt wird.

Nach einigen Jahren könnte der Konzern dann die 100%ige Softwaretochter aus Brasilien wieder übernehmen und in den Konzern eingliedern. Die Softwarefirma hat eine Software im Bestand, die über Jahre einen stabilen Wert ausgewiesen hat. Der entsprechende Kredit der Firma wird dann vom Konzern unter gleichen Bedingungen mit der gleichen Bescherung weitergeführt. Über die Zeit bläht sich die Bilanz des Unternehmens auf.

Grenke nutzt eine Partnerfirma im Ausland, CTP, um Leasingfirmen im Ausland zu betreiben. Diese Leasingfirmen werden nur dann zu Töchtern (also gekauft), wenn sie sich als erfolgreich zeigen. So werde das Risiko ausgelagert, sagt Patriarch Wolfgang Grenke. Viceroy Research behauptet, diese Auslandstöchter würden keinen Gewinn abwerfen, sondern nur über immer höhere Kredite einer anderen Konzerntochter, Grenke Finance, subventioniert.

In der Telco wurde Grenke nach den Eigentümern von CTP von VOR 2020 gefragt und ist einer Antwort ausgewichen, was von Perring über Twitter sofort mit Wirecard verglichen wurde, die auch lange Zeit Fragen zu Verhältnissen zwischen Partnergesellschaften nicht beantworten wollte. Mann Oh Mann, echt spannend!

Natürlich dürften Unternehmensteile Verluste erwirtschaften, das macht das ganze System noch nicht korrupt. Beispielsweise könnte so strategisches Wachstum verfolgt werden.

Ich würde die Situation derzeit so beschreiben: Es ist durchaus möglich, über ein Netz von Auslandsgesellschaften Zahlen vorzutäuschen, die nicht der Wirklichkeit entsprechend. Es gibt deutliche Schwachstellen in unserem System und es gab immer wieder Unternehmen, die diese Schwachstellen betrügerisch ausgenutzt haben. Viceroy hat nun bei Grenke viele Elemente entdeckt, die auch Unternehmen ausgewiesen haben, die diese Schwachstellen betrügerisch genutzt haben. Das allein reicht jedoch noch nicht, um Grenke den Betrug nachzuweisen.

Wer jetzt in Grenke investiert, weil die Aktie „günstig“ ist, der sollte sich der Gefahr bewusst sein. Sollten sich die Vorwürfe als richtig herausstellen, ist die finanzielle Basis des Leasing-Anbieters gefährdet. Grenke ist nun gefordert, die Vorwürfe vollumfänglich zu entkräften. Das ist, sofern Grenke sauber wirtschaftet, ärgerlich, weil es ein Riesenaufwand bedeutet! Auf der anderen Seite ist es natürlich auch sehr riskant, wenn Grenke tatsächlich die oben genannte Schwachstelle das ein oder andere Mal genutzt haben sollte.

Wer also in Grenke spekulieren möchte, der sollte forensische Blanzprüfungsfähigkeiten haben, um sich eine Meinung zu bilden. Andernfalls gilt meine alte Regel: Bilanzierungsunregelmäßigkeiten = Finger weg! Warten wir’s ab, denn der Ausgang ist einmal mehr ungewiss.

Einer, der öffentlich darauf spekuliert, dass an den Vorwürfen nichts dran ist, ist Fondsmanager Hendrik Leber von Acatis. Mindestens genauso wichtig wie das, WAS gesagt wird, ist, WER sagt es. Acatis ist mit 5,02% Anteilen an Grenke einer der Großaktionäre des Konzerns. In der Situation, wie sie ist, hat Leber keine andere Wahl, als die Vorwürfe als haltlos zu bezeichnen. Er hatte drei Möglichkeiten: Viceroy zustimmen, dann wäre seine Beteiligung schon morgen wertlos. Das kann er seinen Anlegern nicht antun, in diesem schlimmsten Fall müsste er zumindest versuchen, die Beteiligung noch irgendwie mit Verlusten loszuschlagen. Möglichkeit zwei wäre „nichts sagen“. Das kann ein so wichtiger Aktionär nicht ewig tun, sein Schweigen würde ihm irgendwann negativ ausgelegt. Möglichkeit 3 ist, die Vorwürfe als haltlos zu erklären. Entweder er trennt sich nun von seiner Beteiligung unter Verlust, oder aber er hat recht und steht am Ende als Fels in der Brandung da. Ungeachtet dessen, ob Leber tatsächlich weiß, was los ist, ist seine Aussage damit ziemlich wertlos, schade.

Ich bleibe am Ball und werde Updates in meinem Heibel-Ticker veröffentlichen. Bei Interesse geht es zur Anmeldung über www.heibel-ticker.de

So tickt die Börse

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Banken: Nach den großen jetzt die kleinen – Aufseher biegen Vorgaben zurecht

Claudio Kummerfeld

Veröffentlicht

am

Türme von Banken in Frankfurt

In der aktuellen Coronakrise sieht man es in vielen Bereichen. Wo es nicht passt, wird es von staatlicher Seite eben passend gemacht. Das ändert nichts an der miesen Lage, aber es sieht dann eben optisch besser aus. So zum Beispiel bei zahlreichen Zombieunternehmen, die auch nach der Krise wohl nicht wieder gesunden werden, die aber dank Aussetzung der Insolvenzantragspflicht bis Jahresende weiter machen können. Völlig überschuldet, aber noch liquide. Läuft. Und die Banken, die bekamen auch schon Hilfe.

Aufsicht hilft Banken mit verschiedenen Maßnahmen

Seit März müssen die Banken Kredite, die sie ihren Kreditnehmern gestundet haben, nicht als Kreditausfälle abschreiben. Also sind offiziell keine Verluste sichtbar, obwohl diese Kreditforderungen in vielen Fällen wohl ganz oder teilweise wertlos sind. Und heute verkündet die BaFin, dass die kleineren Banken in Deutschland, die unter direkter Aufsicht der BaFin stehen, ab dem 22. September bis Juni 2021 eine Erleichterung erhalten. Es wird ihnen nämlich erlaubt „gewisse Risikopositionen“ gegenüber der Zentralbank zeitlich befristet nicht zu berücksichtigen, wenn sie die Verschuldungsquote berechnen. Details der Regelung und den Voraussetzungen zur Nutzung kann man hier nachlesen. Weiter sagt die BaFin heute, Zitat:

Der europäische Gesetzgeber hat mit Artikel 500b der Europäischen Eigenmittelverordnung (Capital Requirements Regulation – CRR) vor dem Hintergrund der Covid-19-Pandemie eine zeitlich befristete Möglichkeit geschaffen, um gewisse Risikopositionen aus der Berechnung der Verschuldungsquote (Leverage Ratio) auszunehmen. Dies soll die Durchführung geldpolitischer Maßnahmen erleichtern. Gemäß Artikel 500b der CRR erklärt die BaFin nach Konsultation der Europäischen Zentralbank (EZB) als betroffener Zentralbank und in Koordination mit der Deutschen Bundesbank, dass außergewöhnliche Umstände vorliegen, die diesen Ausschluss rechtfertigen.

Die selbe Erleichterung zur Berechnung der Verschuldungsquote bei Banken hatte die EZB als Aufsichtsbehörde letzte Woche schon den großen Banken gewährt, die unter ihrer direkten Aufsicht stehen. Beim Klick an dieser Stelle finden Sie unseren heutigen Artikel über eine aktuelle Veröffentlichung der Bundesbank, wonach die Banken in Deutschland (als Gesamtbetrachtung) letztes Jahr 2 Milliarden Euro Verlust gemacht haben, nach 12,2 Milliarden Euro Gewinn in 2018.

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