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„Automatisierung schafft unterm Strich neue Jobs“ – worauf diese Behauptung beruht

Claudio Kummerfeld

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am

Die Automatisierung wird in den nächsten Jahren viele Jobs kosten, aber gleichzeitig noch mehr Jobs neu schaffen. Auf diese aktuelle Aussage sind sofort die großen Medien drauf gesprungen und haben sie präsentiert. Denn das gibt ja gleich ein wahnsinnig gutes Gefühl. Diese Sache mit all den Job-Verlusten und Existenzängsten, das ist doch eben nur übertriebene Angstmacherei, nicht wahr? Alles halb so schlimm, richtig?

Aufgestellt hat diese These aktuell das Weltwirtschaftsforum (WEF) in einer aktuellen Studie. Dort wird für den gesamten Planeten behauptet, dass bis zum Jahr 2025 nur noch 48% der Arbeit durch Menschen erbracht werden soll. Jetzt sind es noch 71%. In den nächsten vier Jahren könnten weltweit 75 Millionen Arbeitsplätze wegfallen.

Aber: Das „WEF“ sagt auch, dass in den nächsten fünf Jahren 133 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen werden. Wo (vereinfacht ausgedrückt) Jobs am Fließband, am Bankschalter und im Büro wegfallen, da werden die neuen Jobs geschaffen für Programmierer, Roboteringenieure usw. Wer nicht mithält in der Bildung, bleibt auf der Strecke.

Aber im Großen und Ganzen wird man sich doch sagen: Hey, alles Bestens. Wir müssen halt nur alle fleißig Programmieren lernen und auf der Abendschule Zusatzkurse belegen, dann wird das alles schon. Wie wir „Kleingeistigen“ von FMW schön öfters zu diesem Thema angemerkt haben, möchten wir auch dieses Mal unsere Bedenken äußern. Natürlich werden durch neue Maschinen und Automatisierung auch neue Jobs geschaffen, das steht außer Frage! Aber dass deutlich mehr neue Jobs entstehen als verloren gehen, das darf man doch in Frage stellen!

Denn der Grundgedanke der Automatisierung ist für jeden Unternehmer stets Kosten einzusparen. Und es wäre völlig schwachsinnig 10 Fließbandarbeiter zu entlassen und dafür 15 Software-Experten einzustellen, die dazu auch noch pro Nase deutlich mehr verdienen. Wozu sollte man dann überhaupt die Automatisierung vornehmen, wenn man danach mehr Kosten hat als vorher?

Die Studie des „WEF“ erweckt den Eindruck, dass all die neu entstehenden Jobs sogar noch deutlich hochwertiger und besser bezahlt sein werden als die alten Jobs. Die Erfahrung zeigt aber, dass in den betroffenen Unternehmen unterm Strich nach so einer Automatisierungswelle deutlich weniger Menschen arbeiten als vorher. Die entlassenen „einfachen“ Mitarbeiter finden langfristig vielleicht wieder eine Arbeit.

Die wird aber in der Regel in einem ganz anderen Bereich gefunden werden, wo auch die Bezahlung geringer ausfällt. So werden vermutlich zahlreiche entlassene Fabrikmitarbeiter mit ehemals gutem Gehalt zukünftig mit hoher Wahrscheinlichkeit in Pflegeberufen unterkommen, weil dort die Nachfrage nach Personal immer größer wird (Thema „Überalterung der Gesellschaft“). Der Lohn wird aber deutlich geringer sein als am Fließband. So gibt es zwar langfristig auch für diese Verlierer der Automatisierung neue Jobs – nur wird das Heer der schlecht verdienenden Menschen immer größer werden.

Das fällt aber in der Gesamtstatistik nie auf – denn dort sieht man nur, dass auch nach der großen Automatisierungswelle alle Menschen in Lohn und Brot stehen. Dass viele deutlich weniger verdienen, und es kaum zum Leben reicht, wird nirgendwo auffallen. Dies ist ein Problem, was sich langfristig immer weiter hochschaukelt und als Geschwür durch die Volkswirtschaft frisst. Denn das wachsende Heer der Niedriglöhner kann sich keine Autos oder iPhones mehr leisten!

So viel zu unserer „kleingeistigen“ Sicht auf die Dinge. Natürlich erheben wir keinen Anspruch darauf es besser zu wissen. Ach ja… wie ist eigentlich das „WEF“ auf sein Studienergebnis gekommen? Man hat die Personalschefs von 300 internationalen Konzernen befragt! Tja, dass man da so eine rosarote Antwort erhält… aber gut, wir vertrauen dieser WEF-Prognose mal blind!

Die ausführliche Erläuterung des WEF können sie hier nachlesen.

Automatisierung
Roboter bei der Arbeit. Foto: KUKA Roboter GmbH, Bachmann – KUKA Roboter GmbH, Zugspitzstraße 140, D-86165 Augsburg, Germany, Dep. Marketing, Mr. Andreas Bauer, http://www.kuka-robotics.com

7 Kommentare

7 Comments

  1. Avatar

    leokatz1

    17. September 2018 17:45 at 17:45

    …wenn es immer mehr Menschen geben wird, die weniger Einkommen generieren werden, wer, bitteschön, soll am Ende denn die Produkte der wundersamen Automatisierung erwerben und bezahlen? Diverse Studien fassen schlicht zu kurz und sind nicht wirklich realitätsnah, denke ich.

  2. Avatar

    jora

    17. September 2018 19:35 at 19:35

    Die Automatisierung schafft weitere Arbeitsplätze, wenn wir mehr Produkte für die Selbstverwirklichung und Lustbefriedigung herstellen.
    um z.B nicht erst alle 2 Jahre ein neues Auto für das eigene Selbstwertgefühl, sondern jedes Jahr ein neues Auto kaufen zu können

    Die sich ein schickes Autos nicht leisten können befriedigen ihre Lüste und Wünsche mit anderen Mitteln (z.B Massenkonsumgüter, legale Drogen (auch so ein leidiges Thema… Stichwort: Badesalze) ) Diese könnten mithilfe der Automatisierungstechnik recht günstig und besonders billig produziert werden.

    Natürlich kann auch das schwer verdiente Geld für einen Urlaub verbraucht werden.
    Bevorzugt in Ländern die vom Tourismus leben. (bzw. abhängig gemacht worden sind… weil einfach nicht mehr Konkurrenzfähig zur automatisierten Fertigung, Massentierhaltung usw..)

    Da unser Tun und der Inhalt unserer Arbeit eigentlich nur noch für den nächsten Kick/Schuss dient sieht die Zukunft sehr friedlos (Werteverfall, keine Moral und ohne Gottesfurcht) aus.

    Es werden neben den Programmierarbeitsplätzen und Projektmanageraufgaben immer mehr Arbeitsplätze in der Seelsorge, Daseinsfindung (Esoterik, Sinnfindung), Suchtklinik und Pflege von zermürbten Menschen (mittleren Alters) entstehen.

    • Avatar

      Koch

      17. September 2018 20:04 at 20:04

      Quod erat demonstrandum,Jora.Die ernüchternden Ergebnisse der neoliberalen,alternativlosen,gesetzesbrecherischen Politik,der Jahre seit der Wiedervereinigung.Das dicke Ende kommt erst noch,Erwachet!(ich gehöre nicht den Zeugen an!)

  3. Avatar

    Martin

    17. September 2018 22:08 at 22:08

    Wenn keine Arbeitsplätze wegfallen, drängt sich doch sofort die Frage auf, warum dann überhaupt automatisiert wird?

  4. Avatar

    Dreistein

    18. September 2018 09:05 at 09:05

    Die Wahrheit steht doch schon ganz am Anfang beschrieben.
    Zitat: Dort wird für den gesamten Planeten behauptet, dass bis zum Jahr 2025 nur noch 48% der Arbeit durch Menschen erbracht werden soll. Jetzt sind es noch 71%. In den nächsten vier Jahren könnten weltweit 75 Millionen Arbeitsplätze wegfallen.
    Ist programmieren eine Arbeit vom Menschen erbracht? Ja und diese sind in den 48% auch enthalten.
    Eine Anlage (Bandstraße) die einmal läuft braucht nur noch 1 Programmierer und fertig, die 25 Fließbandarbeiter fallen weg und dem gegenüber steht noch ein Programmierer ein Schlosser und ein Elektriker. Die nächste Einsparung ist dann der Elektriker oder der Schlosser, die Berufe werden zusammengelegt und schon spart man wieder eine Person.
    Die Frage die mich dann beschäftigt ist die Migration, was sollen denn diese Leute hier machen? Kaum Deutsch Kenntnisse, Analphabeten, keine Lehre?????? Warum holt man diese Leute wenn doch die Automatisierung im vollen Gange ist?

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    Beobachter

    18. September 2018 09:58 at 09:58

    Die Automatisierung würde nur positiv sein, wenn die Mehrgewinne wie bei der Globalisierung ???
    der ganzen Bevölkerung zugute käme. Hat man doch auch immer gesagt alle profitieren davon.Nur weil das eben nicht stimmt werden Leute wie Trump u.s.w. gewählt.
    Nätürlich werden doch die Gewinne über Boni u. Aktienkurse die oberen 10% noch ein wenig reicher machen u.die Schere öffnet sich weiter bis sie zuschnappt.

  6. Avatar

    Monsun

    18. September 2018 10:13 at 10:13

    Anstatt hirnlos Kinder zu zeugen,sollte man sich Gedanken machen,ob sich nicht eine Investition in einen Roboter lohnt,der dann an div.Konzernen verliehen werden kann.
    Ich geh mal davon aus,dass in DE nicht nur ITler geboren werden,denn der Zug in Punkto Digitalisierung ist bereits abgefahren!

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Gastronomie-Krise: Harte Fakten, weniger Insolvenzen, großes Problem

Claudio Kummerfeld

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Umgedrehtes Glas

Es ist kein Geheimnis. Die Gastronomie ist zusammen mit anderen Branchen wie Reisebüros, Airlines, Solo-Selbständigen uvm von der Coronakrise brutal getroffen worden, frontal und mit voller Wucht. Für den Zeitraum März bis August hat das Statistische Bundesamt heute harte Fakten für die Gastronomie geliefert. Der Umsatz der Branche lag im Vergleich zu März bis August 2019 um 40,5 Prozent tiefer. Man überlege sich das Mal. 40 Prozent weniger Umsatz in so einem großen Vergleichszeitraum. Das kann doch eigentlich kein Unternehmer überleben.

Hinzu kommt, was inzwischen auch kein Geheimnis mehr ist, dass die Insolvenzen in Deutschland in den letzten Monaten deutlich geringer ausfielen als im Vorjahr. Dies lag einerseits an Finanzhilfen des Staates und am Kurzarbeitergeld. Aber vor allem lag es an der großen staatlich genehmigten Insolvenzverschleppung. Bis vor Kurzem war die Insolvenzantragspflicht nämlich seit März ausgesetzt. Nun aber dürften ab Oktober und ab Januar die Insolvenzzahlen vermutlich deutlich ansteigen. Zitat von den Statistikern:

Von März bis Juli 2020 meldeten in dieser Branche 753 Unternehmen Insolvenz an – das waren 126 weniger als im Vorjahreszeitraum und 135 weniger als von März bis Juli 2018. Ein Grund dafür ist, dass die Insolvenzantragspflicht für Unternehmen zum 1. März 2020 ausgesetzt wurde, was über alle Wirtschaftszweige hinweg zu einem Rückgang der Insolvenzen führte. Im Juli 2020 beantragten bundesweit 146 Gastronomie-Unternehmen Insolvenz, das waren 16,1 % weniger als im Juli 2019. Dieser Rückgang entspricht der Gesamtentwicklung: Insgesamt wurden im Juli 2020 in Deutschland 16,7 % weniger Insolvenzen angemeldet als im Vorjahresmonat.

Grafik zeigt Umsätze in der Gastronomie in der Coronakrise

Unsere Meinung dazu: Die Charts zeigen eine spürbare Erholung in der Gastronomie. Der größte Teil des Tals ist für einige Bereiche der Branche demnach durchschritten. Selbst wenn man annehmen würde, dass von nun an die Umsätze in der Gastronomie wieder laufen wie früher, ist für die breite Öffentlichkeit unsichtbar ein Riesenproblem für die Branche entstanden. Oft wurden Bankkredite und Ladenmieten gestundet. Sie müssen nun zusätzlich zu den wieder aufgenommenen monatlichen Zahlungen nachgezahlt werden. Und im Zuge der Krise haben viele Unternehmer Kredite in aufgenommen. Das bedeutet: Selbst wenn die Umsätze wieder laufen sollten, wäre die monatliche Kostenbelastung für viele Betriebe deutlich höher als vor der Krise, und für viele Unternehmer ist das wohl dauerhaft nicht tragbar. Eine auf mehrere Quartale ausgedehnte Pleitewelle könnte folgen, und das nicht nur in der Gastronomie.

Weitere Details zu Umsatzrückgängen in der Gastronomie von den Statistikern im Wortlaut:

Innerhalb der Gastronomie besonders stark betroffen waren all jene Lokale, die ihr Geld mit dem Ausschank von Getränken verdienen: In dieser Sparte fiel der Umsatz von März bis August 2020 um 45,5 % geringer aus als im Vorjahreszeitraum. Dagegen konnten Restaurants, Gaststätten und Imbisslokale offenbar mit Lieferdiensten und Ab-Haus-Verkäufen einen Teil des Gästeschwunds kompensieren: Hier lagen die Umsätze von März bis August 2020 um 29,3 % unter denen des Vorjahreszeitraums (Caterer: -42,1 %).

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Wie die Entwicklungsländer versuchen die Krise zu überleben

Hannes Zipfel

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Coronakrise sorgt in Entwicklungsländern für immense Probleme

Viele Schwellenländer standen bereits vor dem Ausbruch der Pandemie vor großen finanziellen Problemen. Einige von ihnen waren bereits unmittelbar vom Staatsbankrott bedroht. Wie gehen die Entwicklungsländer mit der Zusatzbelastung durch die Corona-Krise um, trotz bereits zum Teil überbordender Schuldenstände und weniger effizienter Staatsstrukturen und Sozialsysteme? Können sie die Krise finanziell überhaupt überleben oder lösen sie eine globale Pleitewelle bei Staaten aus?

Lage der Entwicklungsländer spitzt sich zu

Momentan schauen in Zeiten der Pandemie die westlichen Ökonomen vor allem auf die Entwicklungen vor der eigenen Haustür. Doch gerade das stark vom Export abhängige Deutschland sollte auch die Entwicklungen jenseits der Hauptabsatzmärkte Europa und USA im Auge behalten. Der Wachstumsbeitrag der Entwicklungsländer für die Weltwirtschaft betrug bislang immerhin drei Viertel des globalen Gesamtwachstums. Dieser Trend soll sich laut dem Analysehaus Ashmore und dem IWF auch in Zukunft fortsetzen (Daten aus 2019). Doch dazu müssen die Schwellenländer zunächst die Pandemie ökonomisch und gesellschaftlich überleben.

Grafik zeigt globalen Wachstumsbeitrag der Entwicklungsländer

Wuchsen die Ökonomien der als Schwellenländer eingestuften Staaten in den letzten 20 Jahren durchschnittlich um 5,9 Prozent pro Jahr, so droht ihnen im Jahr 2020 die erste Rezession mit einer wirtschaftlichen Kontraktion in Höhe von durchschnittlich 3,3 Prozent. Davon geht der Internationale Währungsfonds (IWF) in seiner aktuellen Publikation „Emerging And Frontier Markets: Policy Tools In Times Of Financial Stress“ aus. Doch es könnte noch viel schlimmer kommen, wenn sich die Konjunkturlage im Zuge wirtschaftlicher Einschränkungen durch die Pandemie nochmals verschlechtert und bereits jetzt stark geschwächte Länder weitere Belastungen verkraften müssen.

Besonders Staaten wie Venezuela, Argentinien, Pakistan, die Türkei, Chile, Indien etc. haben jetzt schon massive wirtschaftliche Probleme bis hin zu Währungskrisen und der teilweisen Zahlungsunfähigkeit zu meistern. Am Anfang der Pandemie hatte eine beispiellose Kapitalflucht eingesetzt, bei der innerhalb kürzester Zeit über 100 Milliarden US-Dollar von internationalen Investoren aus Schwellenländern abgezogen wurden. Die Situation war von der Dimension her damit bereits im Frühling 2020 dramatischer als während der Weltfinanzkrise. Länder wie Argentinien, die Ukraine und Chile gerieten an den Rand des Staatsbankrotts. Und so könnte die sich mit der Pandemie weiter ausbreitende Rezession lediglich der Vorbote einer neuen Schwellenländerkrise sein.

Ein globales Problem

Die Budgets und logistischen Möglichkeiten zur Stützung der heimischen Wirtschaft, zur Gesundheitsversorgung und zur Aufrechterhaltung sozialer Mindeststandards sind im Gegensatz zu den entwickelten Volkswirtschaften in den Schwellenländern deutlich geringer ausgeprägt und damit anfälliger für Krisen. Selbst der Kollaps einzelner Entwicklungsländer ist nicht mehr auszuschließen (Failed States).

Wird diese Entwicklung zum Massenphänomen, bekommen auch die Industrieländer ernste Probleme. Dabei geht es nicht nur um die finanzielle Kosten, die über die Anteile der Industriestaaten an der Weltbank und dem IWF in Form von Nothilfen oder Kreditstundungen gewährt werden, sondern auch um massive Migrationsbewegungen, die sich längst in Gang gesetzt haben und zu gesellschaftliche Spannungen führen können. So sind allein wegen der sich weiter zuspitzenden humanitären Katastrophe in Venezuela ca. 4,8 Millionen Menschen oder 15,6 Prozent der Gesamtbevölkerung seit 2016 aus dem Land geflohen. Diese Massenbewegung, auch bekannt als Bolivarian diaspora, wirkt sich auch auf die Aufnahmeländer belastend aus.

Dabei ist Venezuela alles andere als ein Einzelfall: Laut der UNO Flüchtlingshilfe waren noch nie so viele Menschen wie heute auf der Flucht vor Armut und bewaffneten Konflikten. Ende 2019 lag die Zahl der Menschen, die weltweit auf der Flucht waren, bei knapp 80 Millionen – mehr als ein Prozent der Weltbevölkerung. Im Vergleich zum Vorjahr waren das fast neun Millionen Menschen mehr. Seit 2010 hat sich die Zahl der Menschen auf der Flucht verdoppelt. Für das kommende Jahr wird mit einer deutlichen Intensivierung der globalen Fluchtbewegung in Folge steigender Armut gerechnet. Für die Entwicklungsländer und vor allem für ehemalige Kriegsgebiete wie Syrien bedeutet dies, dass für den Wiederaufbau und für die Erwirtschaftung von Wohlstand und Steuereinnahmen dringend benötigte Menschen dauerhaft verloren gehen.

Maßnahmen gegen den Kontrollverlust in den Entwicklungsländern

Der IWF und die Weltbank haben bereits im April Mittel mobilisiert, um die Corona-Folgen für die Entwicklungsländer abzufedern. Dadurch sind zunächst die akuten Zahlungsbilanzprobleme vieler ärmerer Länder abgemildert worden. Doch das war lange vor der zweiten Corona-Welle. Im Sommer war es durch Notkredite des IWF in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar, die in Rekordgeschwindigkeit ausgezahlt wurden, noch gelungen, den sofortigen finanziellen Kollaps der Entwicklungsländer abzuwenden.

Zusätzlich zu den Notfallmaßnahmen des IWF hatten die G20-Staaten ein Schuldenmoratorium für die ärmsten 43 Entwicklungsländer beschlossen. Laut Weltbank sorgt diese Maßnahme in den betroffenen Staaten für eine Entlastung beim Schuldendienst von 11,5 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr. Nun ist in Anbetracht der zweiten Corona-Welle bei den G-20-Staaten bereits eine Verlängerung des Schuldenmoratoriums bis Mitte 2021 im Gespräch. Doch auch das könnte nicht reichen, wenn die Pandemie und deren ökonomische Folgen den nach wie vor recht optimistischen Prognosen der IWF-Ökonomen folgen.

Geld spielt keine Rolle

Auch der am 27. Dezember 1945 gegründeten IWF war in seiner 75-jährigen Geschichte bisher noch nie mit einer derartigen Krise globalen Ausmaßes konfrontiert. Und so fordert die Direktorin dieser supranationalen Institution, Kristalina Georgieva, das Vermögen des Fonds von einer Billion Euro auf 2 Billionen Euro zu verdoppeln, da andernfalls im Zuge einer zweiten oder sogar dritten Corona-Welle dem Fonds die Mittel auszugehen drohen.

Doch woher kommt das Geld des Internationalen Währungsfonds (IWF)? Zum einen kann der IWF sogenannte Sonderziehungsrechte vergeben, die nichts anderes als Buchkredite der Institution an seine Mitglieder darstellen. Zum anderen kommt Geld (und Gold) über Quotenregelungen direkt von den Mitgliedsstaaten, die zu den Nettozahlern gehören, wie z B. Deutschland oder die USA. Diese Staaten müssen sich gleichwohl für die Zahlung dieser gigantischen Summen selbst zusätzlich verschulden. Da der private Kapitalmarkt diese Schuldenmassen zu für die Schuldner tragfähigen Zinsen nicht mehr schultern kann, springen die Notenbanken ein und drucken das Geld (digital).

Nichts anderes tun aktuell auch die Zentralbanken vieler Entwicklungsländer, um ihre Staaten flüssig zu halten. Da dies bei Staaten mit ohnehin schwachen Währungen gleichwohl gefährlich ist und schnell zu einem Kollaps des Außenwertes der Währung führen kann, müssen die Geldpolitiker der Schwellen- und Entwicklungsländer andere Wege zur Unterstützung der Wirtschaft und des Staates gehen.

Nahezu alle Zentralbanken senkten daher zunächst die Zinssätze. Die größten Notenbanken intervenierten an den Devisenmärkten, entweder mit eigenen Reserven oder mit Geldern des IWF bzw. US-Dollar-SWAP-Linien der US-Notenbank Fed. Etwa die Hälfte der Institute senkte die Mindestreserveanforderungen für Banken, um das Finanzsystem liquide zu halten und die Kreditbedingungen zu lockert. Rund 20 Zentralbanken der Entwicklungsländer haben zum ersten Mal überhaupt quantitative Lockerungen vorgenommen (Geldmengenausweitung), um Staats- und Privatschulden am Sekundärmarkt zu erwerben, die sonst keine Käufer mehr fanden.

Die Folgende Grafik zeigt sehr anschaulich, dass anders als in den Industrieländern mit vermeintlich starken Währungen die Notenbanken der Entwicklungsländer primär über qualitative Maßnahmen agierten. Aber nicht aus purer Vernunft, sondern weil ihnen schlicht und einfach das Privileg der momentan noch konsequenzlosen Gelddruckens in beliebiger Höhe verwehrt ist. Daher ist es nur fair, dass Staaten wie die USA oder Länder der Eurozone ihre Geldschöpfungsprivilege im Interesse der durch die Pandemie in Existenznöte geratenen Entwicklungsländer einsetzen.

Grafik zeigt Unterstützung der Notenbanken

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Bundesbank: Erholung der Industrie läuft, Dienstleistungen problematisch

Claudio Kummerfeld

Veröffentlicht

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Deutschland Flagge

Die Bundesbank hat heute ihren Monatsbericht für Oktober veröffentlicht. Demnach verliert der wirtschaftliche Aufschwung deutlich an Schwung. Die Wirtschaftsleistung in Deutschland dürfte im dritten Vierteljahr 2020 stark angestiegen sein. Gemessen am vierteljährlichen Bruttoinlandsprodukt könnte die deutsche Wirtschaft damit bereits etwas mehr als die Hälfte des drastischen Einbruchs im ersten Halbjahr wieder wettgemacht haben. Trotzdem dürften noch etwa 5 Prozent im Vergleich zum Vorkrisenniveau vom letzten Vierteljahr 2019 fehlen.

Aus heutiger Perspektive dürfte sich die wirtschaftliche Erholung im laufenden Vierteljahr zwar fortsetzen, dabei jedoch eine erheblich langsamere Gangart einlegen. Die Industrie ist gemäß der Bundesbank-Aussagen nicht das Problem, sondern der Bereich Dienstleistungen, der ja von erneuten Corona-Restriktionen direkt betroffen ist. Die deutsche Exportindustrie profitiert derweil zum Beispiel durch die wieder gut laufende Konjunktur in China. Hier die Bundesbank mit ihrer Headline-Aussage zur Industrie:

Dem Monatsbericht zufolge hat die Industrie nach dem besonders starken Einbruch im Frühjahr bis Juli bemerkenswert aufgeholt. Im August habe die Erholung zwar eine Verschnaufpause eingelegt, im Mittel der Monate Juli und August sei die Industrieproduktion dennoch gegenüber dem stark gedrückten Frühjahrsquartal kräftig angestiegen (+13,5 %). Gleichwohl verfehlte sie das Vorkrisenniveau aus dem vierten Quartal 2019 immer noch um gut ein Zehntel. Die Auftragseingänge hätten jedoch weiter zugenommen und beinahe wieder das Vorkrisenniveau erreicht.

Und hier die Headline-Aussagen zum Dienstleistungssektor:

Während sich die Stimmung bei den Industrieunternehmen laut Umfrage des ifo Instituts etwas aufhellte, trübte sie sich bei den Dienstleistungsunternehmen im September zum ersten Mal seit dem Frühjahr wieder etwas ein, schreibt die Bundesbank. Insbesondere Branchen wie das Gastgewerbe dürften durch die zuletzt stark gestiegenen Infektionszahlen und die deshalb in einigen Regionen ausgeweiteten Eindämmungsmaßnahmen belastet werden. Die Fachleute gehen davon aus, dass die Wirtschaftsleistung im laufenden Vierteljahr wohl nur noch vergleichsweise wenig steigen wird.

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