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Börse: Aktienmärkte bewerten Zukunft – liegen sie richtig?

Die Börse steigt und steigt - und selten dürfte eine so große Divergenz zwischen aktueller und kommender Lage bestehen als im Dezember 2020!

Wieder einmal werden sich viele die Augen reiben: Die Börse steigt und steigt. In Deutschland aber startet gerade ein harter Lockdown, der erneut zu wirtschaftlichen Einbußen führen muss, das Robert-Koch-Institut spricht angesichts der vielen Coronatoten von einer dramatischen Lage. Und was macht die Börse? Sie setzt ihre Jahresendrally fort.

Wohin blickt die Börse?

Für gewöhnlich blickt die Börse sechs bis neun Monate in die Zukunft – und selten dürfte damit eine so große Divergenz zwischen aktueller und kommender Lage bestehen als im Dezember 2020. Aber dies ist nicht nur an den Börsenkursen ablesbar, auch die Frühindikatoren, wie Einkaufsmanagerindizes korrelieren in keiner Weise mit einem längeren Herunterfahren der Wirtschaft. Worauf blickt die Börse also nun? Auf den Spätsommer 2021, das Wiederhochfahren der Wirtschaft in allen Bereichen, einer beginnenden Herdenimmunität durch Impfung und natürlicher Überwindung der Krankheit und das weitere Vorhandensein von billigem Geld.

Zunächst der Blick auf den monetären Faktor.

Die Geldflut der Notenbanken und die Wirtschaftsprogramme

Ich möchte jetzt gar nicht all die Programme aufzählen, die durch Staaten und Notenbanken seit März 2020 auf den Weg gebracht wurden. Durch die EZB mit PEPP (Pandemic Emergency Purchasing Programme) in Höhe von 1,85 Billionen Euro, die Verlängerung der Anleihekäufe bis 2022, der Wiederaufbaufonds mit einem Volumen von 750 Milliarden Euro, die Milliardenpakete der Bank of England und Japan, die Ausweitung der Fed-Bilanz um drei Billionen Dollar seit dem Frühjahr, die vier (und bald fünf) Stimuluspakete der US-Regierung und viele weitere Aktionen weltweit.

Zusammengefasst werden bis zu 12 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung (zuletzt 86,6 Billionen Dollar) in die Märkte gepumpt, die Zinsen für die Verschuldung liegen in vielen Ländern bei null Prozent oder darunter. Wie kann man man sich da über die Entwicklung der Börse wundern und davon sprechen, dass die Märkte eine Konjunktur einpreisen, die besser sein soll als vor Corona?

Ist doch anfangs gar nicht notwendig, denn Börsenbewertungen orientieren sich am Zinsniveau, welches die Gewinne für die Zukunft abdiskontiert. Die US-Notenbank hat mit ihrer Zinssenkung von einem Prozent Anfang März und den folgenden Anleihekäufen die Zinsmärkte marginalisiert.

Selbst in Deutschland, wo man sich in punkto Verschuldung wieder dem Stand nach der Finanzkrise nähert, hat sich die Zinslast seit dieser Zeit mehr als gedrittelt, mehr noch, der Staat bekommt bei neuer Schuldenaufnahme sogar noch Geld.

Aktuelle Entscheidung der Federal Reserve, 16. Dezember 20:00 Uhr MEZ: Keine Änderungen bei der Geldversorgung, die „Fed is in a wait-and-see mode, but keeps the door open“!

Das ist die Gemengelage, die aktuell eingepreist wird, bei all den Unwägbarkeiten, die die Zukunft mit sich bringt. Denn damit das positive Szenario der Börse eintreten kann, muss parallel etwas Zweites eintreten.

Die weltweite Impfaktion

Jetzt ist es fast Gewissheit: das Riesenreich China hat bereits begonnen, die USA sind gerade gestartet, ebenso wie die Länder Kanada und Großbritannien und die EU wird in den letzten Tagen des Jahres nachziehen – die größte Impfaktion aller Zeiten beginnt. Auch wenn es Anfang des Jahres noch nicht all zu viel Impfdosen geben sollte, müsste sich dies rasch verbessern. Die deutsch-amerikanische Co-Produktion von BioNTech/Pfizer verspricht alleine schon 1,3 Milliarden Dosen für 2021, Moderna wird nachziehen, ebenso wie CureVac. Insgesamt gibt es etwa 48 Impfstoffprojekte, drei in der allgemeinen Zulassung, es dürfte bald ein gewaltiges Angebot an Impfstoffen geben.

Die Kalkulation für die USA:

Die USA haben am 14. Dezember mit den Impfungen begonnen. Im Dezember erhofft man bis zu 20 Millionen Impfdosen, im Januar sollen weitere 30 Millionen folgen.

Aber was ist eigentlich mit der Zahl derer, die die Krankheit bisher schon überstanden haben? Aktuell sind es offiziell schon über 17 Millionen Infektionen, leider könnte diese bis zum Jahresende schon bei über 20 Millionen liegen. Aber die Dunkelziffer muss gewaltig sein, schließlich trauten sich auch noch vor Kurzem viele Amerikaner nicht, sich testen zu lassen oder ihre Kinder, weil man Angst davor hatte, bei einem positiven Test in Quarantäne zu müssen. Mit anschließenden Lohneinbußen oder sogar Entlassung.

Sollte es also bereits 100 Millionen Infizierte geben beziehungsweise gegeben haben (moderate Schätzung der Dunkelziffer), was hätte das dann für Folgen bei einer Impfrate von 30 Millionen Impfungen pro Monat? Die USA hätten eine Herdenimmunisierung deutlich vor noch vielen anderen Staaten erreicht.

Selbst Fed-Chef Jerome Powell sprach in seiner gestrigen Pressekonferenz nach der Sitzung vom Fortgang der „US-Vaccination“ mit den Folgen für Gesellschaft und Wirtschaft und dass im zweiten Halbjahr mit einer Normalisierung zu rechnen sei. Die nächsten Wochen und auch Monate würden aber noch hart werden für alle, deshalb auch die Unterstützung der Notenbank, gemäß ihres Auftrages für „Maximum Employment and Prize Stability“ zu sorgen. Vorher würde die Stimulation nicht enden.

Fazit

Aus der oben dargestellten Argumentation des weit antizipatorischen Blickwinkels der Börse ergibt sich zwangsläufig der Blick auf die Risiken, die eine rasche Auspreisung der Erwartungen nach sich ziehen würde.

Sollten sich wider Erwartung substanzielle Probleme bei der großen Impfaktion ergeben (Mutationen?) und vor allem Änderungen beim monetären Faktor.

Ein größerer Anstieg der Inflation und damit verbunden höherer Kapitalmarktzinsen hätten Auswirkungen auf alle Schuldner, zunächst nicht einmal für die Staaten, aber gewiss für Unternehmen und die viel zitierten Zombies dieser Welt.

Die Börse richtet ihren Blick jedenfalls in Richtung Sommer – wären es die kommenden Wochen mit all den Restriktionen durch Covid-19 müssten die Kurse gewiss woanders stehen, als sie es gerade tun.

Oder anders ausgedrückt, die Börse blicken bereits auf die Zeit nach Covid-19. Quod erat demonstrandum.

Die Börse blickt in die Zukunft



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5 Kommentare

  1. Seit über 10 Jahren liest man täglich dass das bei der verfahrenen Situation doch nicht sein könne, alles sei nahe der Pleite und kurz vor dem Kollaps. Und…? Was ist jedesmal geschehen? Einfach nichts – die Börse steigt und steigt und steigt und steigt… egal wieviel auch geschrieben wird, weshalb die Börse eigentlich nicht steigen dürfte. Es gibt schon praktisch keine Banker mehr, die je einen fallenden Markt erlebt hätten – kennt man einfach nicht mehr. Und die Notenbanker? Können sich auch nicht mehr vorstellen, dass es je wieder eine Krise geben könnte. Denn sie sind ja die Erfinder dieses Perpetuum-Mobile-Finanzsystems. Dank virtuellem Gelddrucken besteht auch keine Gefahr dass es keine Bäume mehr für die Papierproduktion fürs Gelddrucken mehr gibt.
    Ach ja, wohin geht der Markt die nächsten Jahre? Dumme Frage… nach oben natürlich.

  2. Die sprichwörtliche Karotte !
    Wir sollten doch schon ab Herbst 2020 einen „Aufschwung“ bekommen.
    Führende Virologen gehen auch von anderen Ergebnissen der Impfung aus.
    Zum Beispiel,daß dies den Krankheitsverlauf etwas abschwächen könnte,dass aber der Virus weitergegebebn werden kann.Auch gibt es schon Annahmen,daß das Virus mutieren wird-sprich im März 2021 einen neuen Covid 21 Virus in agressiverer Form.
    Es wird immer mit Hoffnung gearbeitet-genauso wie mit Angst und Gier !
    Einen Versuch des Lösens dieses Problems mit gleichzeitigem Runterfahren dieser menschlichen Phänomene würde uns wahrscheinlich mehr helfen.
    Leider herrscht gerade eine Suche nach neuen „Geschäftsfeldern“ wobei wieder andere,
    größere Bevölkerungsgruppen darunter leiden.
    Wie auch immer,lasst den Finanzmarkt „zocken“-dann wird die Fallhöhe größer und auch
    die „Gewinnler“ werden nicht mehr das passende Umfeld vorfinden,um ihr Geld auszugeben.

  3. „Börsen beurteilen die Zukunft.“ Die Frage ist nur von was oder wem den eigentlich. Von Unternehmen? Nein. Völlig irrelevant. Von der wirtschaftlichen Entwicklung? Wieder nein. Ebenfalls völlig irrelevant. Vom Verhalten der Geldpolitik? Das wird zumindest mit ins Kalkül gezogen, ist aber nicht entscheidend.
    Der wesentliche Faktor ist das Verhalten der anderen Spieler. Es ist also ausschließlich wichtig sich die Dinge anzusehen, die diese Spieler beeinflussen. „Harte wirtschaftliche Fakten“ spielen da keine Rolle.

  4. Kleine Ergänzung:
    Börsen sind entgegen allgemeiner Erwartungen keine „Investorenplätze“ sondern Zockertische. Allerdings mit dem enormen Vorteil das man Verluste auf Leute abwälzen kann die gar nicht am Tisch sitzen.

  5. @ ThinkSelf . Gut gebrüllt Löwe ( Bär? ) Das Spiel läuft solange bis der grosse Teil der Bevölkerung
    ( Sponsoren diese Spiels) merken was läuft und es Ihnen schlecht genug geht, dann wird es Unruhen geben.Darum ist man eben gerade genötigt den Unterdogs noch ein paar staatliche Knochen hinzuwerfen.Aber bald werden die Dogs nicht mehr nur knurren ,sondern zubeissen.

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