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Die Brexit-Flucht ist bereits in vollem Gange

Von Claudio Kummerfeld

Kostet der Brexit Jobs auf der Insel, und wird er nachteilig für Großbritannien sein? Setzt eine Flucht ein? Kann man das erst nach dem Ende der Übergangsphase ab dem Jahr 2021 sehen? Machen wir es uns doch viel einfacher, und betrachten die Nachrichtenlage der letzten Wochen. Immer mehr Unternehmen scheinen das ständige Hin und Her der britische Regierung satt zu haben. Unternehmen brauchen Planungssicherheit.

Dass die Flucht jetzt schon eingesetzt hat, sieht man vor allem an den Immobilienpreisen auf der Insel. Vor allem der Großraum London, wo sich internationale Konzerne mit ihren Niederlassungen angesiedelt haben, verliert gut verdienende Menschen, und damit verlieren Wohnungen auch Mieter. Das lässt Mietpreise und Immobilienpreise sinken. Hier die jünsten Daten zum Crash in London.

Unilever

Eines der jüngsten prominentesten Beispiele ist einer der größten Lebensmittel- und Konsumgüterkonzerne der Welt Unilever. Man hatte bisher einen doppelten Firmensitz (London und Rotterdam) mit zwei Muttergesellschaften und einer hochkomplizierten Aktienstruktur. Diese Struktur hat man nun vereinfacht, und schafft eine einzige Holdinggesellschaft mit Sitz in Rotterdam. Auch nur die Aktiengattung der niederländischen Aktienvariante bleibt übrig.

Rotterdam wird zukünftig alleinige Firmenzentrale. An vielen Ecken wird gemunkelt, dass der ehemalige Unilever-Manager und heutige niederländische Ministerpräsident Mark Rutte massiv Lobbyarbeit geleistet hat. So ist es sicher ein reiner Zufall, dass die Niederlande vor Kurzem verkündet hatten ab 1.1.2020 die Quellensteuer auf Dividenden von bisher 15% komplett abschaffen zu wollen.

Laut Unilever habe die Streichung von London als zweite Konzernzentrale nichts mit dem Brexit zu tun (ja sicher…). Und auch die Mitarbeiterzahl in UK und in den Niederlanden würde sich nicht verändern, so Unilever. Aber mal ehrlich, es ist immer das selbe. Bei einer Verlegung der Firmenzentrale gibt es immer eine Personalverschiebung. Leitende Angestellte müssten wohl auf jeden Fall umziehen.

Goldman Sachs

Wie man in Finanzkreisen hört, hat Goldman Sachs nun die Schnauze voll, und will nicht erst den endgültigen Brexit abwarten, sondern schon in den nächsten Wochen anfangen die ersten Mitarbeiter von London nach Frankfurt überzusiedeln. Angeblich geht es dabei um diejenigen Mitarbeiter, die bisher von London aus deutsche Kunden betreut haben. Dabei soll es um mehrere Dutzend Mitarbeiter gehen. Weitere dürften folgen.

DBRS

Die kanadische Ratingagentur DBRS ist weltweit die viertgrößte Ratingagentur nach S&P, Moodys und Fitch. Bisher war man in Europa nur in London vertreten. Jetzt eröffnet man ein Büro in Frankfurt, weil man auch nach dem Brexit eine Niederlassung in der EU benötigt. Bisher hat man in London 100 Mitarbeiter, und in London werde der Standort auch erhalten bleiben, so DBRS. Es ist aber kaum vorstellbar, dass die Mitarbeiterzahl in London gleich groß bleibt. Schließlich hat DBRS wohl kaum mehr Ratingaufträge, nur weil man plötzlich zwei Büros in Europa betreibt.

Umbau der Lieferketten

Der Branchenverband „CIPS“ hat bezüglich des Brexit 2000 Manager von EU-Firmen befragt, die eine Präsenz in UK haben. 14% davon der Firmen mit britischen Zulieferern haben bereits Teile ihrer Lieferketten aufs Festland verlagert, und 11% bereits Mitarbeiter abgezogen. Und 36% der britischen Unternehmen, welche bislang mit Zulieferern aus der EU arbeiten, schauen sich bereits nach lokalem Ersatz um. Britische Unternehmen beklagen sich gemäß der Umfrage über steigende Kosten. Vor allem bei Lebensmitteln wird das ein Problem, weil die Rohstoffe auf der Insel oft aus der EU importiert werden.

Brexit
© European Union , 2017 / Source: EC – Audiovisual Service / Photo: Mauro Bottaro



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3 Kommentare

  1. Was sagt ihr zu den eben übermittelten w-daten der briten. Arbeitslosenanträge höher arbeitslosenzahl niedriger. Löhne höher.
    Und morgen ist die boe an der reihe mit dem zinsentscheid. Bitte um eure einschätzung

    1. @m.d, die stärker gestiegenen Löhne erhöhen auf jeden Fall den Druck auf die Bank of England, daher ja auch das Pfund stärker nach den Daten. Insgesamt ist der Inflationsdruck hoch in UK, mittelfristig ist dort mit Stagflation zu rechnen (stagnierende Wirtschaft bei steigender Iflation)..

      1. danke hr Fugmann.
        hmm, diese mischung aus stagnation und inflation – kann das zu höheren zinsen führen. oder eher nicht.

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