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Anleihen

Die doppelte Falle für die EZB – auf in den Negativ-Leitzins?

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Wie oft haben Kommentatoren, Analysten und Ökonomen in den letzten Jahren und Monaten schon darauf hingewiesen. Auch wir Kleingeistigen bei FMW mit unserer bescheidenen Reichweite. Aber wie es zu erwarten war, ist die EZB in ihrem extraterritorialen Turm (Tatsache, der EZB-Tower ist kein deutsches Staatsgebiet) stur, und bleibt bei ihrer Politik. Noch. Die Zinsen sind seit Jahren auf Null. Und trotz gut laufender Konjunktur in Euroland hat sie sich geweigert die Zinsen anzuheben, oder die Halde der gekauften Anleihen (immerhin 2,6 Billionen Euro) abzubauen.

EZB
Ein echtes Problem für die EZB. Grafik: DonkeyHotey – Planet of the Euros – Cartoon CC BY 2.0

Die doppelte Falle für die EZB

Einerseits rauscht die Konjunktur in Euroland gerade kräftig den Bach runter. Egal ob Italien (jüngste Daten vom Freitag) oder Deutschland (Meldung vor 10 Tagen). Die Industriedaten sind düster. Würde die EZB die Zinsen erhöhen, wäre das extremst negativ, und diese konjunkturelle Abwärtsentwicklung würde sich wohl noch verschlimmern. Aber die EZB sagte ja sowieso erst letzte Woche, dass die Zinsen noch bis mindestens Mitte 2020 im Keller bleiben. Wahrscheinlich wohl noch viel länger! Und zur schlechten Konjunkturlage kommt noch hinzu, dass die Inflation in der Eurozone kräftig zurück fällt auf zuletzt nur noch 1,2%. Ein Rückfall von 0,5 Prozentpunkten in nur einem Monat. Schlimmer noch: Die aktuellsten Inflationserwartungen für die Eurozone (5y5y Swaps) fallen auf aktuell 1,13%. Das ist ein Allzeittief! Der folgende Langfristchart, der bis 2015 zurückreicht, zeigt in gelb den Absturz der Erwartungen. Auch diese langfristig extrem schwachen Inflationserwartungen machen eine Zinswende unmöglich.

Zinsen kräftig ins Negative?

Das Problem dabei ist: Um die Konjunktur in Euroland neu zu stimulieren, was will die EZB dafür tun? Will sie vielleicht den Leitzins von 0% auf -2% oder -5% senken? Und den Banken-Einlagezins vielleicht von -0,4% auf -2% senken? Was für ein Wahnsinn wäre das. Die Verzerrungen am Kapitalmarkt würden dramatisch zunehmen. Es ist (eigentlich) kaum vorstellbar, dass die EZB tief ins Minus geht beim Leitzins. Denn an den Effekt abgeschaffter Zinsen scheint sich der Markt schon so sehr gewöhnt zu haben, dass ein weiterer Zins-Stimulus in den Negativbereich wohl kaum noch einen gewünschten Effekt bringt. Aber die negativen Folgen würden trotzdem spürbar werden. Noch mehr Aktienblase, noch mehr Immo-Blase, noch mehr reale Wertverluste für Sparer, Lebensversicherungen uvm.

Benoît Cœuré macht recht klare Andeutungen

EZB-Vizepräsident Luis de Guindos hat am Wochenende der italienischen Corriere della Sera ein Interview gegeben. Hierbei ging es unter anderem genau um das Thema Inflation. de Guindos gab sich relativ entspannt. Aber heute wurde der wohl wichtigere EZB-Funktionär Benoît Cœuré von der FT interviewt. Auch er wurde zur Inflation gefragt, und ob die EZB ihre Politik genau wie die Fed überdenken sollte. Dazu möchten wir sagen: Die Fed hat ja Luft für Zinssenkungen, die EZB eigentlich nicht. Es sei dann man geht halt drastisch ins Negative. Geantwortet hat er wie folgt (ins Deutsche übersetzt):

Ich neige dazu zu denken, dass wir im Moment dringendere Probleme haben, aber ich bin mir ziemlich sicher, dass wir es irgendwann trotzdem tun werden. Nachdem wir unser Spektrum der geldpolitischen Instrumente sehr stark erweitert haben und viel aus der Krise gelernt haben, erwarte ich, dass wir irgendwann einmal eine Bestandsaufnahme dieser Erfahrungen machen und unsere geldpolitische Strategie überprüfen müssen, wer auch immer der nächste EZB-Präsident ist. Aber ich würde davon abraten, dies stückweise zu tun. Die Definition der Preisstabilität ist natürlich eine wichtige Dimension, aber sie ist nicht die einzige. Man muss sich auch fragen, welche Instrumente gut und welche weniger gut funktioniert haben. Sie müssen über die strukturellen Veränderungen in unserer Wirtschaft nachdenken – Technologie, Globalisierung, Service -, die uns von unseren Zielen abgehalten haben. Mit Blick auf die Zukunft wird der Klimawandel vielleicht auch eine weitere wichtige Sache sein.


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Coeure sagt auch, dass sich die Risiken in den nächsten Monaten in der Realwirtschaft zeigen können. Die Preise am Anleihemarkt würden derzeit ein sehr trostloses Bild von der globalen Konjunktur zeichnen. Und man habe Instrumente. Die EZB könne ihre Leitlinien ändern. Sie könne aber auch die Zinsen senken oder das QE (Staatsanleihen-Käufe) wieder ankurbeln, so Coeure. Die Frage sei, welches Instrument oder welche Kombination von Instrumenten derzeit am besten geeignet seien. Diese Diskussion habe gerade erst begonne, so seine Worte. Also, da kommt was auf uns alle zu. Tiefere Zinsen, also Negativzinsen auch beim Leitzins, und nicht nur beim Banken-Einlagezins?

3 Kommentare

3 Comments

  1. Marcus

    17. Juni 2019 17:17 at 17:17

    Warum sollte die EZB den Leitzins nicht ins negative drücken ? Das praktiziert die SNB schon seit Jahren, woraus man schließen kann das dies absolut machbar ist. Ich habe den Artikel auch gelesen, und bleibe nach wie vor bei der Meinung die ich letzte Woche schon mal hier erwähnt hatte: Die EZB hat keine wirklichen Instrumente mehr, nur gibt das keiner öffentlich zu!

    Was kann also die EZB tun wenn es jetzt zu einem stärkeren Abschwung kommt oder gar zu einer neuen Finanzkrise ? Faktisch gesehen gar nichts! Das Zinsinstrument ist wirkungslos und ist eigentlich nur eine Showeinlage ohne Effekt, zumindest in einem Abschwung oder rezessivem Umfeld. Gestaffelte Einlagezinsen ? Für mich wirkungslos da damit keine zusätzliche Kreditvergabe generiert wird, genau wie bei den derzeitigen Negativzinse für Banken. TLTRO´s vielleicht ? Aus den vergangenen Serien wissen wir das dieses Geld zum Großteil in Staatsanleihen der Heimatländer und in sog. Zombiefirmen geflossen ist.

    Als one and only Option bleibt also nur QE. Mit den bisherigen Einsätzen dürfte man aber keinerlei Wirkung mehr erzielen da das Instrument abgenutzt ist. Vielleicht helfen Beträge ab 100 Mrd. Euro aufwärts pro Monat, aber selbst das ist mehr als ungewiss.

    Die Inflationssteuerung der Zentralbanken ist eine gescheiterte Politik, nur das wollen diese Akademiker nicht einsehen.

    • sj

      18. Juni 2019 00:14 at 00:14

      ganz einfach deswegen weil das Bargeld noch nicht abgeschafft wurde und nach den aktuellen Regeln mit min 0,00 Rentiert.
      Gleichzeitig übersteigt der Buchgeldbestand das Bargeld um Faktoren x.

  2. Pingback: Meldungen und Nachrichten vom 18. Juni 2019 | das-bewegt-die-welt.de

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Anleihen

EZB: Protokoll + Coeure-Rede – die Richtung ist eindeutig!

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Mario Draghi hatte es zwar schon erwähnt. Die EZB werde womöglich das Anleihekaufprogramm, welches derzeit nur auslaufende Anleihen reinvestiert, neu auflegen. Das wäre eine erneute geldpolitische Lockerung. Dies wäre eine Schwächung des Euros, und es wäre ein Versuch die Inflation anzuheizen! Aber nun ganz aktuell legt sein langjähriger Vertrauter im EZB-Rat Benoit Coeure nach. Er hat heute in Frankfurt eine Rede gehalten (kompletter Text hier in Englisch einsehbar).

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Dort sagte Coeure, dass die derzeit lang anhaltende Phase niedriger Inflation für Ängste am Markt sorge, dass der aktuell gedämpfte Preisdruck mittelfristig bestehen bleiben werde. Der EZB-Rat nehme diese Bedenken sehr ernst, so Coeure. Das heißt im Klartext: Man wird wahrscheinlich neue Maßnahmen ergreifen, um die Inflation hochzubekommen!

Zitat auszugsweise:

However, persistently low inflation since the great financial crisis has led some central bank observers, and financial market participants in particular, to question the ability of central banks to deliver on their mandate. In the euro area, where the coordinating role of a nominal anchor is particularly important in view of cross-country differences in wage and price-setting, market-based long-term inflation expectations have fallen since the crisis, and this fall has accelerated since the start of the year.

Und auch sagte Coeure (ein bißchen in die Tasche lügen…), dass die Erwartungen der Privathaushalte in der Eurozone bezüglich der zukünftigen Inflationsentwicklung derzeit auf einem Sechsjahreshoch liegen würden. Es gäbe Beweise dafür, dass die Erwartungen der Haushalte bessere Indikatoren seien (als die Erwartungen der Profi-Investoren). Na ja, wenn die Verbraucher höhere Preissteigerungen erwarten, und wenn die EZB auch höhere Preise haben will, dann klammert man sich als EZB mal eben an deren Meinung ran? Bleibt man bei der Kernaussage der EZB zu den Ängsten der Märkte, dann ist es ein weiteres Indiz nach den Draghi-Aussagen, dass die EZB ihre Geldpolitik lockern wird. Vielleicht schon bald?

EZB-Protokoll

Vor wenigen Minuten hat die EZB auch ihr Protokoll über die Sitzung Anfang Juni veröffentlicht (hier voller Text einsehbar). Wir fassen an dieser Stelle mal in Kürze zusammen, was der ellenlange Text an interessanten Aussagen hergibt.

Die negativen Effekte von Minuszinsen würden durch deren Vorteile mehr als ausgeglichen werden.  Aber dies müsse nicht zutreffen auch noch tiefere Zinsen oder noch längere Zeitphasen (also Verharren auf aktuellem Niveau oder nur eine minimale Senkung für begrenzte Zeit?). Man habe bei der EZB zur Kenntnis genommen, dass die Markterwartungen zur Inflation gesunken seien. Es dürfe keine Selbstzufriedenheit geben beim Abfallen dieser Markterwartungen. Es gebe eine breite Übereinstimmung (im EZB-Rat) die aktuelle Haltung zu ändern – auch wenn es darum gehe zu demonstrieren, dass man entschlossen sei zu handeln. Die potenziellen Maßnahmen umfassen die Wiederaufnahme der Anleihekäufe, sowie die Senkung von Zinsen.

EZB-Direkter Benoît Cœuré spricht unter anderem über Zinsen
Benoît Cœuré, hinter EZB-Chef Draghi jahrelang die wichtigste Figur in der Notenbank. Foto: Aron Urb (EU2017EE) – Flickr CC BY 2.0

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Anleihen

Wahnsinn am Anleihemarkt – Wende in Sicht?

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Was für ein Wahnsinn am Anleihemarkt. Aber von Anfang an. Die Konjunkturaussichten werden immer düsterer. Fed und EZB deuten sinkende Zinsen und neue Anleihekäufe an. Das bedeutet natürlich sinkende Zinsen beziehungsweise Rendite bei neu auszugebenden Anleihen. Und gestern hat der deutsche Staat mal wieder neue Anleihen ausgegeben.

Diesmal war es mit 10 Jahren die wichtigste Laufzeit überhaupt. Und, da das Umfeld für die Verkäufer von Schulden (in dem Fall den Bundesfinanzminister) ja so rosig ist, wurde der Zinskupon zum ersten Mal seit drei Jahren wieder auf 0,00% gesetzt. Vorher lag er bei 0,25%. Dadurch, dass Investoren beim Erstkauf der Anleihe (Auktionsverfahren für Banken) mehr bezahlen (Preis über Nominalwert) als sie in zehn Jahren zurückerhalten, entsteht eine Negativrendite.


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Im aktuellen Beispiel zahlten die Erstkäufer einen Kaufpreis von 102,64% (Anleihekurse notieren immer in Prozentpunkten). In zehn Jahren erhält man nur 100,00% zurück. Die Negativrendite liegt somit bei -0,26%. Das ist ein Negativ-Rekord bei Neuemissionen. Man überlege sich das mal. Noch im Januar gab es bei der Emission einer zehnjährigen Bundesanleihe eine Rendite von +0,29%. Und jetzt sind es -0,26%! Wahnsinn am Anleihemarkt. Ja, so kann man es ausdrücken.

Indizes für Wende am deutschen Anleihemarkt?

Aber sehen die Anleihehändler der Banken inzwischen einen Tiefpunkt erreicht? Denn sie spekulieren über steigende Anleihekurse (steigender Kurs = sinkende Rendite) auf Kursgewinne. Wenn Sie glauben, dass der Kurs nicht weiter steigen kann, dann könnte fehlende Nachfrage nach neuen Anleihen ein Indiz dafür sein, dass bei -0,26% erst mal Schluss ist auf dem Weg nach unten bei den Negativrenditen am Anleihemarkt?

Wir haben nachgeschaut in der Statistik der deutschen Schuldenagentur (Finanzagentur Deutschland GmbH). Die Nachfrage nach der zehnjährigen Bundesanleihe war bei allen Emission im Jahr 2019 immer dramatischer höher als das Angebot. Oft lag die Nachfrage sogar doppelt so hoch. Bei Angeboten von 3 Milliarden Euro lagen die Nachfrage-Volumina sogar mehrmals über 6 Milliarden Euro. Und jetzt? Bei der gestrigen Emission wollte Deutschland 4 Milliarden Euro am Markt verkaufen. Die Nachfrage lag aber nur bei 3,93 Milliarden Euro. Also: Steht eine Wende bevor? Sind -0,26% Rendite erst einmal tief genug für Neuemissionen? Am freien Anleihemarkt notiert die Rendite für 10 Jahre Laufzeit aktuell mit -0,31%. Am 4. Juli wurde das Tief bei -0,39% erreicht (Chart).

Anleihemarkt Wahnsinn - 10 Jahre Bund Rendite freier Markt

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Anleihen

Rentenmärkte: Manipulationen immer skurriler – Griechenland und die USA auf gleicher Stufe

Absurdistan an den Rentenmärkten: Sind griechische Staatsanleihen wirklich so sicher wie US-Staatsanleihen?

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Die Rentenmärkte spielen verrückt, die Verwerfungen werden immer absurder! Die US-Staatsanleihen gelten als die sichersten der Welt und dennoch gibt es für die 10-jährige US-Treasury eine ähnliche Rendite (Risikoprämie) wie für die vergleichbaren griechischen Staatspapiere. Die USA haben ihren Dollar als Weltleitwährung mit 60 % Anteil und sie hatten in ihrer Geschichte noch nie einen Staatsbankrott.

Anders als europäische Staaten, wie Deutschland, Italien, Österreich, Spanien – und vor allem Griechenland. Die meisten waren seit dem Jahr 1800 mehr als ein Dutzend Mal von Staatspleiten betroffen.

Eine Nation, die ohne Eingreifen der Troika schon gar nicht mehr am Kapitalmarkt wäre.

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Rentenmärkte: Verrückte Zinswelt

Obwohl die großen Ratingagenturen Moodyˋs, S&P und Fitch die griechischen Staatsanleihen immer noch auf Ramschstatus bewerten, nähern sich deren Rendite zur Triple A US-Anleihe immer näher an: Rund 2,10 Prozent (GR) zu 2,06 Prozent (USA) für die international mit Abstand wichtigste Staatsanleihe.

Diese minimale Renditedifferenz zwischen den USA und Griechenland ist der sichtbare Beweis und Ausdruck dafür, dass der Rendite – Risiko – Zusammenhang in Europa pervertiert wurde. Wir haben eine beispiellose Anleihe-Rally, quer über alle Anleiheklassen hinweg. Auf der Suche nach Rendite gehen die Investoren immer mehr ins Risiko, mit möglicherweise unkalkulierbaren Folgen für die Kapitalmärkte. Im gesamten Norden Europas sind die Renditen bis in den 10-jährigen Bereich negativ.

Dabei kauft wohl kaum einer im gegenwärtigen Umfeld Anleihen, um sie bis zur Endfälligkeit zu halten. Vielmehr spekuliert die Rentenmärkte auf weiter fallende Zinsen und damit auf Kursgewinne durch steigende Kurse. Ein immer gefährlicher werdende Wette.

 

Die Nöte der konservativen Kapitalanleger

Ich habe erst vor Kurzem auf die Nöte der Vermögensverwalter hingewiesen („TINA oder das Zinsleck“). Die neuesten Zahlen bestätigen die Zwangslage der Kapitalsammelstellen, die oft gezwungen sind Anleihen zu kaufen. Deshalb beschränkt sich die Anleihe-Rally nicht nur auf Staatspapiere. Der wichtigste Anleiheindex für europäische Unternehmensbonds mit Qualitätspapieren hat seit Januar um mehr als sechs Prozent zugelegt, mit einer durchschnittlichen Rendite von nur noch 0,45 Prozent. Der niedrigste Wert seit der Finanzkrise trotz stark gestiegener Verschuldung der Unternehmen.

Selbst die Kurse für Hochzinsanleihen, gesammelt im Bank of America Merrill Lynch Euro High Yield Index, sind seit Jahresbeginn um mehr als acht Prozent gestiegen – das ist für die Rentenmärkte ein Tsunami!.

 

Die Folgen des Zinsnotstandes

Auf der Suche nach Rendite müssen sich selbst sehr konservative Anleger wie Pensionskassen und Stiftungen mit High Yield Bonds beschäftigen. Diese Anleger sind aber wesentlich risikoaverser und werden bei Verlusten schneller die Reißleine ziehen.

Unternehmen verschulden sich wesentlich stärker, Stichwort Zombiefizierung. Die Zahlen darüber wurden schon auf FMW dargelegt.

Die Unternehmen sowie die Staaten verschulden sich langfristiger. Italien versucht es mit 50-jährigen Bonds, Österreich hat sogar schon eine hundertjährige Staatsanleihe aufgelegt. Damit wird die durchschnittliche Laufzeit in den Indizes immer länger und die Gefahren immer größer. Der Fachausdruck lautet Duration und beschreibt das Kursänderungsrisiko bei Zinsänderungen. Vereinfacht ausgedrückt: 10 Prozent Kursrückgang bei einer 10-jährige Anleihe, bereits bei einem Zinsanstieg von nur einem Prozent, entsprechend höher bei den ganz langen Laufzeiten.
Die Notenbanken halten viele Anleihen bis zur Endfälligkeit, damit entziehen sie dem Markt Liquidität, was im Krisenfall den Ausverkauf verstärken könnte.

Alles in allem generiert dieser Zinsverfall eine gefährliche Gemengelage. Die Kurse der Papiere am Anschlag, mit der Hoffnung der Anleger, dass die Zinsen weiter fallen mögen. Wenn es aber mal nicht mehr weiter geht? Wie verhalten sich die Risikoaversen? Wenn plötzlich alle hinauswollen, durch die enge Tür?

 

Fazit: Gibt es ein Entkommen aus der Zwickmühle für die Rentenmärkte?

Die Nullzinspolitik der EZB hält zwar den Euro zusammen, verhindert das Ausscheiden von überschuldeten Staaten und bekämpft „scheinbar“ die Deflation. Aber zu welchem Preis? Eine Zombifizierung der Unternehmenslandschaft, extremer Stress für die Vorsorgesysteme und für die Kapitalsammelstellen, die immer größere Zinsrisiken eingehen müssen, um Rendite zu bekommen. Daraus bildet sich eine gewaltige Sackgasse für die Zentralbank mit dem Zwang die Zinsen niedrig halten zu müssen, „whatever it takes“!

Ich habe nicht die geringste Vorstellung, wie die Rentenmärkte aus dieser Zwickmühle ohne heftigen Anleihecrash entkommen können!

 

Spielen die Rentenmärkte verrückt?

By Open Grid Scheduler / Grid Engine – Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=38358531

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