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Die Krise als Chance – Oder: Warum die Krise ein radikales Umdenken erfordert

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Von Marc Friedrich und Matthias Weik

Die Krise als Chance – Oder: Warum die Krise ein radikales Umdenken erfordert

In unseren Ausführungen klang es immer wieder an, dass wir es heute keineswegs nur mit einer Finanz- und Wirtschaftskrise zu tun haben. Sondern vielmehr mit einer umfassenden Systemkrise, die neben den wirtschaftlichen und finanzpolitischen ganz grundsätzlich auch gesellschaftliche, moralische und menschliche Faktoren betrifft. Besser gesagt: Es spricht vieles dafür, dass die moralische Krise unserer Gesellschaft nicht eine Folge des wirtschaftlichen Crashs ist, sondern dass auch der Niedergang der Moral die Krise möglich machte.

Wenn wir diese Krise bewältigen wollen, bedarf es daher nicht nur einer Reform des Wirtschafts- und Finanzsystems, sondern eines tiefgreifenden Struktur- und Gesellschaftswandels. Der wiederum nur durch radikales Umdenken machbar ist, wenn wir nicht – nach nur oberflächlichen, kosmetischen Korrekturen – immer wieder in ähnliche Krisen schlittern wollen.

Es mag für ein Finanzbuch seltsam klingen, aber wir kommen an dieser Stelle am Ende unserer Überlegungen nicht umhin, über Immaterielles zu reden. Über Moral und Werte. Über die Stützpfeiler unserer Gesellschaft. Und über die grundsätzlichen Regeln unseres menschlichen Zusammenlebens, die alles andere als neu sind. Aber im Wahnsinn der sich immer schneller drehenden Beschleunigung der globalisierten Wirtschaft in Vergessenheit geraten sind.
Wir möchten im Folgenden daran erinnern, dass die Erkenntnisse und Lösungsvorschläge, die wir aufgezeigt haben, unvollständig und oberflächlich bleiben, wenn wir uns nicht zugleich wieder besinnen auf Regeln und Werte des menschlichen Zusammenlebens. Nur so können wir einen dauerhaften Wandel erreichen und eine Art von positivem Dominoeffekt erzielen. Unsere Gesellschaft braucht ein stabiles Fundament, das sich auf die folgenden Grundpfeiler stützt:

Bildung und Erziehung
Mündigkeit
Werte, Moral und Ethik
Demut und Dankbarkeit
Liebe und Vertrauen

Diese Pfeiler sind nicht isoliert voneinander zu denken und zu haben. Ohne Bildung und Erziehung wird keine Mündigkeit erreicht, ohne Liebe und Vertrauen ist eine sinnvolle Erziehung nicht denkbar, ohne Demut und Dankbarkeit dringt eine Gesellschaft nicht vor zu Werten, Moral und Ethik und ohne letztere sind wiederum keine nachhaltigen Konzepte für Bildung und Erziehung vorstellbar.

Die Keimzelle der Gesellschaft sollte wieder in die Familie (zurück) verlegt werden. Denn vor allem hier findet Erziehung statt, hier gründet das Urvertrauen, ohne das die spätere Mündigkeit niemals erreicht werden kann. Viel zu lange aber ist Erziehung „outgesourced“ worden. Warum zeugen wir überhaupt noch Kinder, wenn die Erziehung und somit die Übermittlung von Werten hauptsächlich von Fremden übernommen wird und wir keine Zeit mehr für sie haben? Wenn sie denn überhaupt noch stattfindet, denn wir vermehren uns bekanntlich viel zu wenig, die Kinderzahl pro Frau liegt heute bei verheerend niedrigen 1,4 Prozent. Die Familie muss wieder attraktiver werden. Was dafür getan werden muss, ist hinlänglich bekannt und kann hier nur stichpunktartig erwähnt werden. Natürlich benötigen wir progressive, flexible Arbeitszeitmodelle (4 Tage Woche, 30 Stundenwoche, Zeitkonten etc.), höhere Löhne, Erhöhung der Steuerfreibeträge, die Reduzierung der Steuersätze für Familien und vieles mehr.

Ein weiteres zentrales Schlüssel-Problem unserer Gesellschaft ist unser Umgang mit der Zeit. Nie zuvor waren wir effizienter, aber zu keiner Zeit waren die Klagen über zu wenig Zeit größer. Zeit ist zum absoluten Luxusgut geworden. Viele ältere Menschen, mit denen wir uns unterhalten haben, geben zu Protokoll: „Hätte ich doch weniger gearbeitet und somit Zeit bei der Arbeit verbracht, auf Geld verzichtet und mehr Zeit für mich und die Familie genommen.“ Sollte uns das nicht zu denken geben?

Wie wir dem Hamsterrad der falsch verstandenen Effizienz entkommen

Nur durch erstklassige und lückenlose Bildung können wir einen langfristigen Wandel erreichen. Wir sind hierzulande jedoch meilenweit entfernt von optimalen Bildungsmöglichkeiten. Wir brauchen einen massiv aufgestockten Bildungsetat. Wir benötigen kostenfreie Schulen und Universitäten und eine staatliche Grundsicherung für Studenten während Ihrer Regelstudienzeit, damit studieren nicht ein Privileg für Kinder aus besseren Familien bleibt.
Durch Bildung und Erziehung werden Werte, Moral und Ethik vermittelt, sowie eine selbstverständliche Demut und Dankbarkeit und der Respekt für das Leben und die Natur. Nur so kann ein natürliches, gesellschaftlich tief verankertes Aber gegen Gier und übertriebenen Egoismus wachsen.

„Wem genug zu wenig ist, dem ist nichts genug“
Epikur

Wir kommen nicht umhin, an dieser Stelle die Sinnfrage zu stellen: Was ist der Sinn unseres Daseins neben Essen, Trinken, Schlafen und Reproduktion? Geht es darum, immer mehr materielle Reichtümer anzuhäufen? Wo hat uns der materielle Wohlstand hingeführt und was bringt er uns? Wo stehen wir als Gesellschaft, wo bleibt der Zusammenhalt?
Es gibt ein schönes Sprichwort, das eine schlichte Antwort auf diese Fragen gibt: „Das letzte Hemd hat keine Taschen“. Nichts von dem, was wir an Geld, Aktien, Häusern etc. anhäufen, können wir letztlich mitnehmen – wir können aber durch unser Handeln Spuren hinterlassen. Wir leben heute mehr nebeneinander her, statt miteinander. Das kann nicht so bleiben. Das darf nicht so bleiben, wenn wir künftig in einer menschwürdigen, besseren und vor allem auch krisenfesteren Gesellschaft leben wollen.

Wir alle sind Teil des Problems – wir alle sind Teil der Lösung!

Die Welt steht vor einer weiteren Rezession und gravierenden Veränderungen. Die Menschheit hat indes schon einige vergleichbare Krisen erlebt und überlebt. Deshalb sollten wir konstruktiv und positiv in die Zukunft blicken. Angst und Panik sind immer ein schlechter Ratgeber. In der jetzigen Lage sind weder Optimismus noch Pessimismus am Platz. Jetzt bricht die Zeit des Realismus an! Auch die Krise hat ihre zwei Seiten, eine destruktive und eine konstruktive. Wir können diese Krise umwandeln in eine historische Chance für die Menschheit und für jeden einzelnen persönlich.

Wir alle werden abgeben müssen, wir alle werden verlieren – auch an Wohlstand. Dafür werden wir die einmalige Möglichkeit haben, ein neues, faires und menschliches Geld- und Wirtschaftssystem zu etablieren. Es könnte ein goldenes Zeitalter für die Menschheit werden, wenn wir es schaffen, aus der Vergangenheit zu lernen und die Fehler des alten Systems auszumerzen. Wir alle können etwas bewegen und ändern. Denn wir haben mehr Macht, als uns bewusst ist.
Wir sind nicht nur das Volk, wir sind der Staat, wir sind das System. Wir können täglich entscheiden, in welche Richtung unser Geld wirkt. Kaufen wir von einem Unternehmen, das nachhaltig wirtschaftet und menschlich agiert oder von einem ethisch und moralisch fragwürdigen handelnden Konzern?
Ein gutes Beispiel sind die beiden Drogeriemarktketten DM und Schlecker. Das Schicksal von Schlecker hat der Kunde entschieden. Und zwar auch deshalb, weil immer wieder durchgesickert ist, mit welch rauen Methoden der Konzern seine Mitarbeitet behandelte. Der DM – Drogerie Markt dagegen fußt auf einer menschlichen Unternehmensphilosophie, legt Wert auf nachhaltige und teilweise biologisch erzeugte Produkte und sieht den Mitarbeiter und den Kunden im Fokus seines Handelns. Qualität, Zufriedenheit und Nachhaltigkeit stehen hier über der Gewinnmaximierung. Immer mehr Unternehmen arbeiten inzwischen erfolgreich nach dieser Devise.
Man kann es nur gebetsmühlenartig wiederholen: Das beste Investment überhaupt ist das in die Bildung und lebenslanges Lernen. Das gilt auch für die Finanzen! Wenn wir durchschauen, wie das System funktioniert, können wir unser Vermögen schützen und aus der größten Krise noch eine Chance machen. Nur mündige Bürger und Investoren können sich, ihre Umgebung und andere vor Raubzügen schützen.
Wenn das jetzige Geld- und Finanzsystem kollabiert, wird es durch ein neues abgelöst und man wird sich wie in den letzten tausenden von Jahren wieder auf bewährte Werte zurück besinnen. Auf der monetären Seite werden dies Sachwerte, Gold, Silber und ein gedecktes Geldsystem sein. Gesellschaftlich und moralisch werden wir uns besinnen auf ein neues Miteinander, auf Demut, Respekt, Zusammenhalt und: Genügsamkeit!

„Geld hat bisher nie einen Menschen glücklich gemacht, noch wird es. Es gibt nichts in seiner Natur, das Glücklichsein hervorruft. Je mehr ein Mensch hat, je mehr will er. Anstatt ein Vakuum zu füllen, erzeugt es eins.“
Benjamin Franklin, Gründervater der USA

Den Wandel dürfen wir nicht von der Politik erwarten. Unsere Parteien nennen sich christlich, sozial, liberal, grün, rot etc. Aber sie alle unterstützen und dienen weiterhin einem Geld- und Wirtschaftssystem, das weder christlich, noch sozial, liberal, oder gar grün ist. Wenn wir nicht selbst aktiv werden, wird sich nichts zum Guten verändern. Dann wird es den überfälligen, notwendigen Wandel niemals geben und wir alle werden die Leidtragenden sein. Der Wandel muss von uns selbst ausgehen.

„Was immer du tun kannst oder erträumst zu können, beginne es. Kühnheit besitzt Genie, Macht und magische Kraft. Beginne es jetzt!“
Johann Wolfgang von Goethe (1749 – 1832), deutscher Dichter der Klassik, Naturwissenschaftler und Staatsmann

Die beiden Finanzexperten, Querdenker und Honorarberater Matthias Weik und Marc Friedrich schrieben 2012 zusammen den Bestseller “Der größte Raubzug der Geschichte – warum die Fleißigen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden“. Es war das erfolgreichste Wirtschaftsbuch 2013. Seit April 2014 gibt es eine aktualisierte und überarbeitete Taschenbuchausgabe.
Mit ihrem zweiten Buch, „Der Crash ist die Lösung – Warum der finale Kollaps kommt und wie Sie Ihr Vermögen retten“, haben sie es bis auf Rang 2 der Spiegel Bestsellerliste geschafft sowie auf Rang 1 im Manager Magazin und Handelsblatt. In ihm haben sie u.a. die EZB Leitzinssenkung und Minuszinsen für die Banken, die Absenkung des Garantiezins bei den Lebensversicherungen sowie den Ausgang der EU-Wahl richtig prognostiziert. Auch einen heftigen Börsencrash haben sie darin in Aussicht gestellt. Es ist das erfolgreichste Wirtschaftsbuch 2014. Am 14. November 2014 ist das Hörbuch zu „Der Crash ist die Lösung“ erschienen. Marc Friedrich war am 18.12.2014 zu Gast im ZDF bei Markus Lanz: https://www.youtube.com/watch?v=rgnN5MWtTrY
Weitere Informationen über die Autoren finden Sie unter: www.friedrich-weik.de

3 Kommentare

3 Comments

  1. Avatar

    Michael E.

    25. Dezember 2014 19:58 at 19:58

    WOW!!!

    Was die beiden schreiben geht definitiv in die richtige Richtung.

    Sehenswert ist auch das Interview mit den beiden passend hierzu:

    https://www.youtube.com/watch?v=NuKvW15KI0A

  2. Avatar

    Fabian

    26. Dezember 2014 10:53 at 10:53

    Danke fuer den kurzen Auszug. Finanzmarktwelt ist wie immer sehr informativ.

  3. Avatar

    C Schach

    26. Dezember 2014 22:42 at 22:42

    Klasse Artikel. Unterschreib ich.
    Mann muss dazu sagen: der Mensch steht nur dort, wo er jetzt steht (an dem einen Ende der Nahrungskette), weil er so ist wie er ist. Egoistisch (wenn man in letzter Konsequenz denkt), und expansiv.
    Sehr schön finde ich, dass es offensichtlich – und jeder wird sie kennen – ein paar nette Exemplare gibt.

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(Chart durch anklicken vergrößern)

Das sieht nicht nach Bullen-power aus! Eher ein zaghafter Versuch, das Schlimmste abzuwenden – und das trotz der daueroptimistischen Wall Street, die gestern wieder einmal zulegen konnte, vor allem die schwergewichtigen Tech-Werte wie Apple (in Vorfreude auf die heutige Präsentation der neuen Apple-Produkte) und Amazon. Aber auch in den USA gilt: es erreichen mehr Aktien 52-Wochen-Tiefs als 52-Wochen-Hochs, der Anstieg ist von den wenigen Tech-Schwergewichten getragen, der breite Markt sieht deutlich negativer aus. Mithin sind die großen Tech-Werte die Schminke, die die Falten kaschieren – aber man sollte sich nicht von dem Makeup täuschen lassen!

Andernorts ist die Lage völlig anders: der Shanghai Composite ist heute auf den tiefsten Stand seit zweieinhalb Jahren gefallen, die Märke und Währungen der Schwellenländer bleiben unter Druck, auch die europäischen Indizes sind sämtlich charttechnisch angeschlagen. Es ist diese Schizophrenie, die nachdenklich stimmt: leben die Amerikaner auf einem anderen Planeten? Nun, wer Donald Trump als Präsidenten wählt, muß wohl auf einem anderen Planeten leben..

Die Fakten sind: die Fed verknappt die Liquidität, die Schwellenländer daher besonders unter Druck, und der Handelskrieg ist erst in seinem Anfangsstadium. Die Kombination aus diesen Faktoren bringt die ganze Welt uner Druck, nur eben die Amerikaner nicht. Dort hofft man auf NAFTA, glaubt, dass einem der Handelskrieg nichts anhaben könne, und die Fed werde schon brav bleiben und die Zinsen nicht deutlich anheben. Dort also die optmistischste Interpretation der Dinge, überall sonst auf der Welt sehen die Fakten anders aus! Inzwischen ist die Spanne so groß (etwa zwischen amerikanischen und chinesischen Tech-Werten), dass eine Wieder-Annäherung nur eine Frage der Zeit ist – ewig kann man nicht schizophren bleiben..

Für den Dax gilt: erst über dem Widerstand von 12100 Punkten besteht wieder – charttechnisch gesehen – Hoffnung. Besser noch, der Dax überwände den seit Ende Juli bestehenden Abwärtstrend bei 12220/12250 Punkten. Auf der Unterseite ist nun das Tief bei 11860 Punkten entscheidend: noch läßt sich dieses gestern erreichte Verlaufstief als Fehlausbruch nach unten interpretieren – aber wenn dann die 11860 auch noch fallen sollte, wäre das ein klares Zeichen dafür, dass Dynamik auf der Unterseite aufkommen wird..

 


By Josemanuel. – Own work, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1284536

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Tribalisierung statt Globalisierung: Eine Generation geht verloren

Die Globalisierung steht am Beginn eines großen Rückschlags – und eine ganze Generation ist gezwungen, ihre eigenen Werte zu verraten..

Markus Fugmann

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Von Markus Fugmann

Ich bin 1969 geboren und entstamme damit einer Generation, die grundsätzlich optimistisch veranlagt ist. Als wir erwachsen wurden, fiel die Mauer, ging die Sojwetunion unter und verschwanden damit gefühlt alle Grenzen, die unseren Drang nach (Bewegungs-)Freiheit begrenzt hatten. Als Jugendliche fürchteten wir die Atomkraft, fürchteten, dass uns Atombomben auf den Kopf fallen – wie einst die Gallier, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fiele.

All das ist nicht passiert. Und mit dem Ende der Sojwetunion und damit dem Ende des Kalten Krieges stand uns die Welt offen, schien eine Art ewiger Frieden erreicht, gewissermaßen das Ende der Geschichte (Fukujama). Wir reisten, probierten uns und das andere Geschlecht aus, alles war möglich, die Globalisierung kam, wir nutzten als erste Generation den Computer, lernten in der Schule programmieren, nutzten das Internet – und drängten heraus in die Welt. Diese Welt, so schien es, wächst zusammen – und wir fanden das gut so, weil es das Spektrum unserer Möglichkeiten vergrößerte.

Nun aber, zu einer Zeit, in der normalerweise diese Generation an die entscheidenden Schaltstellen der Gesellschaft in Politik und Wirtschaft gelangt, haben wir das Gefühl, wir sind irgendwie von gestern. Schon die heute Mitte 30-jährigen sind von uns grundsätzlich verschieden: ja, man kann ins Ausland gehen, aber man will dann zurück kommen, heiraten und ein Haus bauen. Das war so ziemlich das Letzte, was noch unserer Generation als Ideal vorschwebte. Diese Sehnsaucht nach Heimeligkeit war uns fremd, sie ist aber wohl die logische Konsequenz für eine Generation, die das Internet mit der Muttermilch aufgesogen hat und die nun ein Bedürfnis nach kuscheliger Wärme hat – und der es reicht, sich auf Google Maps jene Orte anzuschauen, zu denen wir noch gereist sind.

Es gibt bei dieser jüngeren Generation eine Tendenz zur Abschottung – ebenso wie in den großen Strömungen des Zeitgeists, der sich derzeit Bahn bricht. Dass derzeit rechskonservative Strömungen aufkommen, ist kein Zufall. Das Rad der Geschichte dreht sich gewissermaßen zurück, es gibt einen klaren Gegentrend zur Globalisierung, den ich als „Tribalisierung“ (Rückbesinnung auf den eigenen „Stamm“) bezeichne: ob Trump in den USA, die AfD in Deutschland, die FPÖ in Österreich, Le Pen in Frankreich etc. – das Motto lautet: wir schotten uns ab!

Rechtskonservative Bewegungen hat es auch früher gegeben seit dem Ende des Kalten Krieges – aber sie waren irgendwie aus der Zeit gefallen und hatten daher keine Chance. Diesmal ist das anders. Denn eines ist klar: die massenhafte Immigration nach Europa ist kein Thema, das vorbei gehen wird. Im Gegenteil: es wird immer dringender!

Was wir mit syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen erlebt haben, ist nur der Auftakt, sie sind nur die Vorhut für weit größere Ströme nach Europa. Flüchtlingsströme aus Syrien oder dem Nahen Osten werden irgendwann abebben – der Nahe Osten ist nicht unser größtes Problem. Dagegen werden sich bald Flüchtlingsströme aus Afrika massiv intensivieren, schon aus demografischen Gründen: Afrikas Bevölkerung wird sich bis 2050, also in nur 35 Jahren, von einer Milliarde auf dann zwei Milliarde verdoppeln – nicht weil Afrikanerinnnen mehr Kinder bekämen als früher – im Gegenteil. Nur die Zahl afrikanischer Frauen im gebährfähigen Alter wird aufgrund der demografischen Struktur in den afrikanischen Ländern bald stark nach oben schießen.

Und weil es faktisch keine Perspektive dafür gibt, diese stetig steigende Bevölkerung ausreichend zu versorgen bzw. Jobs zu schaffen, wird ein nicht geringer Teil dieser Menschen nach Europa drängen als einzig logisches underreichbares Ziel. Es geht hier um viele Millionen Menschen, vor allem junge Männer, die in ihren Heimatländern faktisch keine Chance haben, Jobs zu bekommen und Familien zu gründen. Und wir werden uns nicht anders zu helfen wissen, als eine Festung Europa zu errichten, weil diese Einwanderungsströme selbst beim besten politischen Willen nicht zu handhaben sind.

Und vermutlich wird es exakt meine Generation sein, deren Vertreter dann an der Macht sind, die diesen Festungsbau anordnen und ausführen wird. Weil es nicht anders geht, ob man will oder nicht. Und genau deswegen haben die rechskonservativen Strömungen, die genau das jetzt schon fordern, Zukunft. Sie thematisieren das, was auf uns zukommen wird, wollen Homogenität, Sicherheit, etablierte, vor-globalisierte Strukturen zurück – also all das, was meine weltoffene Generation überwiegend eigentlich nicht will. Und trotzdem wird es meine Generation sein, die faktisch die Voraussetzungen dafür schaffen wird.

Darin besteht eine gewisse Tragik: man ist gezwungen, die eigenen Werte zu verraten. Und insofern geht eine Generation verloren, die mit ihrer Humanität und ihrer Offenheit aus der Zeit zu fallen beginnt. Die Zeiten, in denen die Welt noch offen stand, sind jedoch offenkundig vorbei, die Globalisierung weicht der Tribalisierung. Vielleicht wächst dann wenigstens das Verständnis dafür, dass wir in Europa alle in einem, demselben Boot sitzen – und es gar keine Alternative zu einer wie auch immer definierten europäischen Gemeinschaft gibt..

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