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Hintergrund

Die „neue Normalität“ der US-Notenbank

Markus Fugmann

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Von Claus-Peter Sesin

Die Fed will den Markt offenbar daran „gewöhnen“, dass Reduzierungen (Tapering) oder Aufstockungen ihres Anleihenaufkaufprogramms QE die frühere Leitzins-Politik ersetzen.

Im Klartext heißt das: Läuft die US-Wirtschaft (von den gemeldeten Zahlen her) rund, dann wird die Aufkauf-Rate von derzeit 85 Mrd. pro Monat auf beispielsweise 65 Mrd. pro Monat reduziert – in gleicher Weise, wie früher in solchen Fällen der Leitzins von 4 auf 4,5 % erhöht worden wäre. Und wenn es dann wieder ein bisschen kriselt, schnellt QE erneut hoch von 65 auf dann beispielsweise 95 Mrd. – entsprechend einer früheren Leitzins-Senkung von 4,5 auf 3,5 %.

Mit herkömmlicher Geldpolitik hat das freilich wenig zu tun: Der Haken besteht darin, dass QE dabei stets weiter läuft – mal stärker, mal schwächer. Es handelt sich daher um einen schleichenden Übergang zu QE-wig.

Und das ist die eigentliche Dreistigkeit. QE kann nur als reine Notmaßnahme in schweren Wirtschaftskrisen wie 2008/2009 gerechtfertigt werden. Betreibt die Fed es an Allzeithochs und tendenziell „dauerhaft“, dann ist es Staatsfinanzierung aus der Notenpresse. Außerdem könnte man QE dann – im Kontext des neuen „Abwertungsweltkriegs“ – als vorsätzliche und eigennützige Dollarentwertung interpretieren. Zum Heil Amerikas und zum Schaden der Restwelt, die bekanntlich größtenteils US-Gläubiger ist.

Die Amerikaner betreiben bei QE offenbar eine Art Salami-Taktik. Sie nehmen sich jedes Mal ein bisschen mehr heraus und versuchen, die Märkte Schritt für Schritt an ihre hochriskante neue Geldpolitik zu gewöhnen – bis sie irgendwann als Dauerzustand akzeptiert wird. Dabei ist auch unter Ökonomen bis heute umstritten, ob QE der US-Wirtschaft überhaupt nützt. Die einzige wirklich nachweisbare Wirkung von QE ist eine Umverteilung von unten nach oben: Reiche werden durch die Inflationierungspolitik noch reicher (Aktien und Vermögenswerte steigen), während die Armen noch ärmer werden (Nahrungs- und Energie-Teuerung – ebenfalls eine Folge der QE-Inflationierung – trifft auf sinkende Reallöhne). Und niemand wagt zu protestieren, weil USA ja die Supermacht ist und als das „gelobte Land“ gilt.

Nicht ohne Grund koppelt die US-Notenbank die Reduzierung ihres Aufkaufprogramms seit etwa einem Jahr unter anderem an die Arbeitslosenquote, obwohl der US-Arbeitsmarkt kaum von QE beeinflusst wird. Dass in USA auch nach vier Jahren fleißigen Gelddruckens und – damit einhergehend – üppiger Neuverschuldung noch immer nicht genügend neue Stellen entstehen, liegt vor allem daran, dass US-Unternehmen die teuren US-Arbeitsplätze nach wie vor in großem Stil in Billiglohnländer wie China verlagern. Ungeachtet dessen streitet Fed-Chef Bernanke kategorisch ab, dass die hohe US-Arbeitslosigkeit strukturelle Gründe habe.

Tapering soll nach aktuellem Stand beginnen, wenn die US-Arbeitslosenquote auf 6,5 % gefallen ist oder die Kernrate der Inflation über 2,5 % steigt (aktuell: 1,73 %, Tendenz fallend). Da aber immer mehr Langzeitarbeitslose aus der Statistik fallen und die Arbeitslosenquote dadurch immer weiter sinkt – obwohl die Zahl der neu geschaffenen Stellen relativ niedrig bleibt – , „droht“ der Fed, dass sie beim Wort genommen wird und schon bald mit Tapering beginnen muss. Das Problem dabei ist: Die US-Wirtschaft hängt an QE wie der Junkie an der Nadel. Ohne QE wäre die US-Wirtschaft womöglich seit 2009 jedes Jahr geschrumpft. QE und die damit indirekt querfinanzierte extreme US-Neuverschuldung schlossen die Lücke, die privates Deleveraging nach 2009 riss.

So verwundert kaum, dass die US-Notenbank nach Einschätzung des Goldman-Sachs-Chefökonomen Jan Hatzius die „Tapering-Schwelle“ bei ihrer Sitzung im März 2014 auf 6 % absenken will. Das ist dann hinreichend niedrig, dass QE zumindest noch ein weiteres Jahr „ungestört“ von der Arbeitslosenquote weiter laufen kann.

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finanztreff

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Wie zuletzt im Januar und September 2018 glauben die Aktienmärkte, sie lebten in der Besten aller Welten – kein Risiko, nirgends..

Markus Fugmann

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Wie zuletzt im Januar und September 2018 glauben die Aktienmärkte, sie lebten in der Besten aller Welten: die Fed werde ihnen nicht mehr weh tun, es werde einen tragfähigen Deal zwischen den USA und China geben, dazu auch eine Lösung im US-Budgetstreit (heute muß sich Trump entscheiden, ob er den Kompromißvorschlag annimmt oder nicht). Gleichzeitig sind die US-Indizes so überkauft wie seit Ende 2016 nicht mehr (als damals nach einem ersten Schock über die Wahl Trumps eine massive Rally eingesetzt hatte). All das kann noch extremer werden – aber die Vergangenheit lehrt: lange geht so eine Vertrauensseligkeit nicht gut. Der Dax hinkt den US-Märkten weiter hinterher..

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Dax: Bullenpower sieht anders aus..

Über das radikale Auseinanderdriften der globalen Aktienmärkte..

Markus Fugmann

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Der Dax kann seine Erholung fortsetzen – aber es fehlt dieser Erholung schlicht an Dynamik! Die Anstiege verlaufen langsam, die Abverkäufe dagegen mit hoher Dynamik, sodass der Index – auf die letzten Handelswochen gesehen – ein Schritt nach vorne macht, um dann zwei Schritte wieder zurück zu machen. Von Entwarnung kann daher noch überhaupt keine Rede sein!

Im Chart wird deutlich, wie vergleichsweise gering die Erholung ausgefallen ist bislang:

(Chart durch anklicken vergrößern)

Das sieht nicht nach Bullen-power aus! Eher ein zaghafter Versuch, das Schlimmste abzuwenden – und das trotz der daueroptimistischen Wall Street, die gestern wieder einmal zulegen konnte, vor allem die schwergewichtigen Tech-Werte wie Apple (in Vorfreude auf die heutige Präsentation der neuen Apple-Produkte) und Amazon. Aber auch in den USA gilt: es erreichen mehr Aktien 52-Wochen-Tiefs als 52-Wochen-Hochs, der Anstieg ist von den wenigen Tech-Schwergewichten getragen, der breite Markt sieht deutlich negativer aus. Mithin sind die großen Tech-Werte die Schminke, die die Falten kaschieren – aber man sollte sich nicht von dem Makeup täuschen lassen!

Andernorts ist die Lage völlig anders: der Shanghai Composite ist heute auf den tiefsten Stand seit zweieinhalb Jahren gefallen, die Märke und Währungen der Schwellenländer bleiben unter Druck, auch die europäischen Indizes sind sämtlich charttechnisch angeschlagen. Es ist diese Schizophrenie, die nachdenklich stimmt: leben die Amerikaner auf einem anderen Planeten? Nun, wer Donald Trump als Präsidenten wählt, muß wohl auf einem anderen Planeten leben..

Die Fakten sind: die Fed verknappt die Liquidität, die Schwellenländer daher besonders unter Druck, und der Handelskrieg ist erst in seinem Anfangsstadium. Die Kombination aus diesen Faktoren bringt die ganze Welt uner Druck, nur eben die Amerikaner nicht. Dort hofft man auf NAFTA, glaubt, dass einem der Handelskrieg nichts anhaben könne, und die Fed werde schon brav bleiben und die Zinsen nicht deutlich anheben. Dort also die optmistischste Interpretation der Dinge, überall sonst auf der Welt sehen die Fakten anders aus! Inzwischen ist die Spanne so groß (etwa zwischen amerikanischen und chinesischen Tech-Werten), dass eine Wieder-Annäherung nur eine Frage der Zeit ist – ewig kann man nicht schizophren bleiben..

Für den Dax gilt: erst über dem Widerstand von 12100 Punkten besteht wieder – charttechnisch gesehen – Hoffnung. Besser noch, der Dax überwände den seit Ende Juli bestehenden Abwärtstrend bei 12220/12250 Punkten. Auf der Unterseite ist nun das Tief bei 11860 Punkten entscheidend: noch läßt sich dieses gestern erreichte Verlaufstief als Fehlausbruch nach unten interpretieren – aber wenn dann die 11860 auch noch fallen sollte, wäre das ein klares Zeichen dafür, dass Dynamik auf der Unterseite aufkommen wird..

 


By Josemanuel. – Own work, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1284536

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Allgemein

Tribalisierung statt Globalisierung: Eine Generation geht verloren

Die Globalisierung steht am Beginn eines großen Rückschlags – und eine ganze Generation ist gezwungen, ihre eigenen Werte zu verraten..

Markus Fugmann

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Von Markus Fugmann

Ich bin 1969 geboren und entstamme damit einer Generation, die grundsätzlich optimistisch veranlagt ist. Als wir erwachsen wurden, fiel die Mauer, ging die Sojwetunion unter und verschwanden damit gefühlt alle Grenzen, die unseren Drang nach (Bewegungs-)Freiheit begrenzt hatten. Als Jugendliche fürchteten wir die Atomkraft, fürchteten, dass uns Atombomben auf den Kopf fallen – wie einst die Gallier, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fiele.

All das ist nicht passiert. Und mit dem Ende der Sojwetunion und damit dem Ende des Kalten Krieges stand uns die Welt offen, schien eine Art ewiger Frieden erreicht, gewissermaßen das Ende der Geschichte (Fukujama). Wir reisten, probierten uns und das andere Geschlecht aus, alles war möglich, die Globalisierung kam, wir nutzten als erste Generation den Computer, lernten in der Schule programmieren, nutzten das Internet – und drängten heraus in die Welt. Diese Welt, so schien es, wächst zusammen – und wir fanden das gut so, weil es das Spektrum unserer Möglichkeiten vergrößerte.

Nun aber, zu einer Zeit, in der normalerweise diese Generation an die entscheidenden Schaltstellen der Gesellschaft in Politik und Wirtschaft gelangt, haben wir das Gefühl, wir sind irgendwie von gestern. Schon die heute Mitte 30-jährigen sind von uns grundsätzlich verschieden: ja, man kann ins Ausland gehen, aber man will dann zurück kommen, heiraten und ein Haus bauen. Das war so ziemlich das Letzte, was noch unserer Generation als Ideal vorschwebte. Diese Sehnsaucht nach Heimeligkeit war uns fremd, sie ist aber wohl die logische Konsequenz für eine Generation, die das Internet mit der Muttermilch aufgesogen hat und die nun ein Bedürfnis nach kuscheliger Wärme hat – und der es reicht, sich auf Google Maps jene Orte anzuschauen, zu denen wir noch gereist sind.

Es gibt bei dieser jüngeren Generation eine Tendenz zur Abschottung – ebenso wie in den großen Strömungen des Zeitgeists, der sich derzeit Bahn bricht. Dass derzeit rechskonservative Strömungen aufkommen, ist kein Zufall. Das Rad der Geschichte dreht sich gewissermaßen zurück, es gibt einen klaren Gegentrend zur Globalisierung, den ich als „Tribalisierung“ (Rückbesinnung auf den eigenen „Stamm“) bezeichne: ob Trump in den USA, die AfD in Deutschland, die FPÖ in Österreich, Le Pen in Frankreich etc. – das Motto lautet: wir schotten uns ab!

Rechtskonservative Bewegungen hat es auch früher gegeben seit dem Ende des Kalten Krieges – aber sie waren irgendwie aus der Zeit gefallen und hatten daher keine Chance. Diesmal ist das anders. Denn eines ist klar: die massenhafte Immigration nach Europa ist kein Thema, das vorbei gehen wird. Im Gegenteil: es wird immer dringender!

Was wir mit syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen erlebt haben, ist nur der Auftakt, sie sind nur die Vorhut für weit größere Ströme nach Europa. Flüchtlingsströme aus Syrien oder dem Nahen Osten werden irgendwann abebben – der Nahe Osten ist nicht unser größtes Problem. Dagegen werden sich bald Flüchtlingsströme aus Afrika massiv intensivieren, schon aus demografischen Gründen: Afrikas Bevölkerung wird sich bis 2050, also in nur 35 Jahren, von einer Milliarde auf dann zwei Milliarde verdoppeln – nicht weil Afrikanerinnnen mehr Kinder bekämen als früher – im Gegenteil. Nur die Zahl afrikanischer Frauen im gebährfähigen Alter wird aufgrund der demografischen Struktur in den afrikanischen Ländern bald stark nach oben schießen.

Und weil es faktisch keine Perspektive dafür gibt, diese stetig steigende Bevölkerung ausreichend zu versorgen bzw. Jobs zu schaffen, wird ein nicht geringer Teil dieser Menschen nach Europa drängen als einzig logisches underreichbares Ziel. Es geht hier um viele Millionen Menschen, vor allem junge Männer, die in ihren Heimatländern faktisch keine Chance haben, Jobs zu bekommen und Familien zu gründen. Und wir werden uns nicht anders zu helfen wissen, als eine Festung Europa zu errichten, weil diese Einwanderungsströme selbst beim besten politischen Willen nicht zu handhaben sind.

Und vermutlich wird es exakt meine Generation sein, deren Vertreter dann an der Macht sind, die diesen Festungsbau anordnen und ausführen wird. Weil es nicht anders geht, ob man will oder nicht. Und genau deswegen haben die rechskonservativen Strömungen, die genau das jetzt schon fordern, Zukunft. Sie thematisieren das, was auf uns zukommen wird, wollen Homogenität, Sicherheit, etablierte, vor-globalisierte Strukturen zurück – also all das, was meine weltoffene Generation überwiegend eigentlich nicht will. Und trotzdem wird es meine Generation sein, die faktisch die Voraussetzungen dafür schaffen wird.

Darin besteht eine gewisse Tragik: man ist gezwungen, die eigenen Werte zu verraten. Und insofern geht eine Generation verloren, die mit ihrer Humanität und ihrer Offenheit aus der Zeit zu fallen beginnt. Die Zeiten, in denen die Welt noch offen stand, sind jedoch offenkundig vorbei, die Globalisierung weicht der Tribalisierung. Vielleicht wächst dann wenigstens das Verständnis dafür, dass wir in Europa alle in einem, demselben Boot sitzen – und es gar keine Alternative zu einer wie auch immer definierten europäischen Gemeinschaft gibt..

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