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Aktienmarkt Erwiderung zu Dirk Müller-Aussage über doppelten Verkaufsdruck bei Aktien

New York

Steht dem Aktienmarkt ein großer Verkaufsdruck bevor? Mr Dax Dirk Müller spricht jüngst von einem bevorstehenden „doppelten Verkaufsdruck“ (hier dazu seine Aussagen im Detail). Dirk Müller hat einen hohen Bekanntheitsgrad erreicht, zum einen durch seine jahrelange Präsenz vor der Anzeigetafel des Dax an der Frankfurter Börse, und zum anderen durch sein Buch über die Finanzkrise. Mittlerweile ist er in vielen Kreisen sehr umstritten, nicht zuletzt wegen der Performance seines „Dirk Müller Premium Aktienfonds“, der seit seiner Auflegung im Jahre 2015 insgesamt im Minus steht. In seinem letzten Video bei „Cashkurs“ bringt er seine Skepsis gegenüber den Aktienmärkten zum Ausdruck, indem er wie gesagt einen doppelten Gegenwind für die Indizes vermutet. Es müsse wegen der steigenden Zinsen und einer kommenden Rezession zu einer Neubewertung der Dividendentitel kommen. Hier ein kleiner persönlicher Faktencheck zu seinen getroffenen Begründungen.

Erwiderung zu Dirk Müller-Aussagen – „Die langfristigen Zinsen werden der Inflation folgen“

Nicht ganz nachvollziehbar ist diese Aussage von Dirk Müller, denn die Zinsen am langen Ende werden nicht (mehr) von der US-Notenbank bestimmt, da sie ihre Anleihekäufe eingestellt hat, sondern vom Kapitalmarkt. Dieser legt die langfristigen Zinsen – als Benchmark die 10-jährige US-Treasury -, für viele Konsumentenkredite fest, indem man die künftige Wirtschaftsentwicklung einzupreisen versucht. Kommt es zu einer Abschwächung, fällt deren Rendite –  und da spielt es keine Rolle, ob die Fed die Leitzinsen noch weiter anhebt. Zuletzt erkennbar an der Rendite der 10-jährigen, die am 15. Juni mit 3,48 Prozent notierte, die jetzt aber auf zuletzt 2,66 Prozent gefallen ist. Und was tat die Notenbank in diesem Zeitraum? Sie hob am 15. Juni und am 27. Juli jeweils zweimal die Leitzinsen an, um 1,50 Prozent auf die heutige Spanne von 2,25 bis 2,50 Prozent.

Die Inflation wiederum ist von Juni auf Juli von 8,58 auf 9,06 Prozent gestiegen. Die Notenbank beeinflusst mit ihren Zinsanhebungen die kurzfristigen Zinsen, daher die starke Invertierung der Zinskurve. Der im Video von Dirk Müller gezeigte Gleichlauf von Inflation und Kapitalmarktzins in der letzten Dekade ist nicht sehr aussagekräftig, denn die Notenbank trat mit ihrem Quantitaive Easing 1 bis 3 sowie Cares & PPP massiv und manipulativ als Käufer am Rentenmarkt auf.

Dirk Müller-Aussage – „Aktienrenditen müssen den Zinsen folgen, entweder durch Gewinnsteigerungen oder durch fallende Kurse“

Sicherlich besteht ein direkter Zusammenhang zwischen steigenden Zinsen = steigenden Finanzierungskosten für die Unternehmen sowie dem Bewertungsniveau der Dividendentitel. Aber in punkto Asset Allocation – sprich der Anlagedisposition – gibt es seit Urzeiten eine Konkurrenz zwischen Aktien und Anleihen. Sie wird sehr stark bestimmt von den Kurs/Gewinnverhältnissen der beiden Anlageklassen, unter Einbeziehung der Inflation (Realverzinsung).

Wie hoch lag dieses Verhältnis beim derzeitigen Höchststand der 10-jährigen von 3,48 Prozent? 100/3,48, also bei etwa 28,7. Und aktuell? 100/2,66, damit etwa bei 37,59. Im Video von Dirk Müller wurde bei den Langläufern von steigenden Renditen ausgegangen. Das KGV im S&P 500 ist durch die Kursanstiege von 17 auf 18 gestiegen, die Anleihen haben deutlich mehr an Attraktivität verloren. Hinzu kommt die Besonderheit, dass Wachstumstitel von sinkenden Zinsen profitieren. Deshalb gab es auch den Anstieg des Nasdaq um 15 Prozent seit dem Juni-Tief. Desto niedriger die Zinsen, desto wertvoller die Gewinne, die in der Zukunft abdiskontiert werden.

Erwiderung zu „Die Gewinnschätzungen der Wall Street sind zu hoch“

Zweifelsohne ist das große Paradoxon derzeit, wie in meinem gestrigen Artikel „Die Schieflage der Großen“ dargestellt, dass die Analysten im Schnitt 2022 noch diese Gewinnzuwächse beim S&P 500 erwarten:

Q2 plus 7,6 Prozent
Q3 plus 9,0 Prozent
Q4 plus 8,6 Prozent

Dirk Müller spricht von unrealistischen 229 Dollar im Schnitt pro Unternehmen, aber diese Schätzung wurde nicht abgesenkt, sondern im Verlauf des Jahres sogar noch angehoben. Am 6. Mai lag der Konsens noch bei 227,50 Dollar. Bei einer milden Rezession müssten die Gewinne schon um 10 bis 20 Prozent schrumpfen. Aber was haben die großen Gewinnmaschinen Apple, Amazon, Alphabet zuletzt gemeldet ? Moderate Gewinnaussichten. Hinzu kommt, dass die akkumulierten Gewinne in 2022 (Q1 und Q2) nun schon 8,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen sind. Da müsste es in den kommenden Monaten schon drastisch nach unten gehen, um im Gesamtjahr zu einem Einbruch zu kommen. Keiner kennt die Zukunft, aber zu Beginn des Monats August sieht es (noch) nicht danach aus.

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Fazit

Der Aktienmarkt bleibt derzeit ein Conundrum (ein Rätsel), wie es die Angelsachsen auszudrücken pflegen. Dirk Müller legt in seinem Video sicherlich den Finger in die Wunde, warum es für die Aktienmärkte in Zukunft holprig werden könnte. Aber schlüssig waren die Argumente in seiner Darstellung nicht, weil er darin weder die Zinsentwicklung noch die überraschend positive Berichtssaison berücksichtigt hatte. Natürlich kann es in 2023 zu einer Rezession kommen, viele Big Points schreien geradezu danach. Aber derzeit spielen die Aktienmärkte keine Furcht vor einer Rezession – bis zum Jahresultimo sind es gerade noch gut 100 Börsentage.

Bereits mehrfach erwähnt: Bei einer Rezessionen fallen die Aktienmärkte vorher gewaltig. Nie stellte man eine solche fest, mit einem darauffolgenden Kursrutsch. Hierzu wären die aktuell 13,89 Prozent beim S&P 500 unter seinem Allzeithoch eine schwache Korrektur. Der Vergleich von Dirk Müller mit der Fehleinschätzung der Analysten im März 2020 hinkt, denn zu diesem Zeitpunkt konnte kein Unternehmer, kein Analyst, kein Anleger, höchstens ein Wahrsager antizipieren, dass zwei Monate später etwa vier Milliarden Menschen in kurzer Abfolge in eine Quarantäne getreten sein würden, die Weltwirtschaft kurz fast zum Stilstand kam, wegen eines Virus, den man zuvor nicht auf dem Schirm hatte. Die Die Börse preist vorher Informationen ein, nicht Ereignisse oder externe Schocks.



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5 Kommentare

  1. Gut und recht aber auffallend, lange glaubte Herr Müller and die steigenden Firmengewinne, dann bezweifelte er sie, und jetzt scheint er trotz Rezession an wieder steigende Gewinne zu glauben.Wenn man lange Charts anschaut, so ist auffallend,dass viele Indices noch extrem hoch sind. Dirk Müller wie viele andere Realisten wurden einfach von unglaublich handelnden Notenbanken überrascht.Die Folgen werden noch Spuren hinterlassen. So hat sogar die SNB 100 Milliarden ( ca. 10% ) des Druckergeldes eingebüsst. ( Selber hochgetrieben und den Ausstieg verpasst ) ? ? Eine so grosse Buchgewinnvermehrung mit anschliessender Vernichtung ist ein erstmaliges Experiment in der Geschichte. Irgendwo wird dieses Kunstgeld fehlen und seine Auswirkungen haben.
    Man kann Dirk Müller kritisieren, aber die Wahrheit ist auch,dass der Grossteil der Profis seit Anfang 2022 10 bis 30% Verluste machten und dies nach langer künstlicher Hausse und angewarnter Zinswende der FED.

  2. Ich finde der Artikel könnte auch von der FED geschrieben sein. Leute alles wird gut, bleib drin, der will sich nur wichtig machen.
    Lieber Herr Müller bei Finanzwelt, schämen sie sich nicht persönlich gegen Personen zu schreiben ohne fundamentaler Recherche ohne Inhalt und nur mit gegen-populismus. Gut das man heute selbst entscheiden wofür man bezahlt und was man sehen möchte. Ihre Artikel jedenfalls nicht.

    Mit freundlichen Grüßen

    Ein ehemaliger Leser und mal wieder bestätigt

    Grüsse

  3. Mir scheint dass es zwei Realitäten gibt.
    Die Medien-Scheinwelt, die wieder einmal untergeht wegen der Gaspreise.
    Medien leben eben vom „Weltuntergang“.
    Und die tatsächliche Welt, die sich noch ganz anders darstellt.
    Hier in Oberbayern herrscht Kaufrausch, soweit das Auge reicht.
    Steigt der Spritpreis mal über zwei Euro startet man erst Recht zur Rallye mit dem lastwagengroßen Wohnmobil.
    Immobilien werden hier in Tagen verkauft.
    Das Heer der 200K-Jahresgehalt-Excel-Tabellenschieber bei den Konzernen in München scheint unkündbar zu sein und wird täglich größer.
    Bei Maßpreisen von weit über zehn Euro ist jedes Volksfest hier dennoch bummvoll.
    Jeder der hier auch nur einen Computer einschalten und eine Krawatte binden kann wird eingekauft von Siemens, BMW und all den anderen Dickschiffen.
    Für den Süden lässt sich sagen dass hier noch unendlich viel Geld sitzt.
    Das Rezessionsgerede klingt für die Menschen hier wie ein Märchen von einem anderen Stern.

    1. deraussengeländer

      @macwoiferl, die leben nicht vom Weltuntergang,sondern vom vorziehen der späteren Staatsverschuldungsmöglichkeit zu Niedrigzinsen. Solange die Zentralbanken grundsätzlich dafür zuständig sind ,die Staaten zu finanzieren und das Casino mit frischer 0% Kohle auf Kosten der Allgemeinheit zu versorgen und die Politiker auch noch immerwieder neue Ideen dazu beisteuern,hört das auch nicht auf.
      Dreistigkeit,Gier,Dummheit und Übergriffigkeit kommen stets zusammen.

    2. @Macwoiferl

      Die Frage ist, wem man mehr Glauben schenkt.
      Den Untergangssüchtlern, den Goldsammlern, den Glaubensbrüdern des Unsinns oder dem, was man mit den eigenen Augen sieht?

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