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EZB: Erwartungen der Bürger an Inflation sinken – wirklich aussagekräftig?

Laut EZB sinken die Erwartungen der Verbraucher an die Inflation spürbar. Hier dazu aktuelle Daten. Aber sind sie wirklich aussagekräftig?

Laut aktueller Aussage der EZB erwarten die Verbraucher in der Eurozone, dass die Inflation in den nächsten Monaten spürbar geringer ausfallen wird. Aber ist das wirklich aussagekräftig? Schauen wir zunächst auf die Daten, die heute von der Zentralbank veröffentlicht wurden: Der Median der Inflationserwartungen der Verbraucher (Inflation aktuell bei 5,3 %) für die nächsten 12 Monate sinkt weiter auf 3,4 %, verglichen mit 3,9 % im Mai und 4,1 % im April. Die Inflationserwartungen für die nächsten drei Jahre gingen zurück auf 2,3 %, verglichen mit 2,5 % im Mai und 2,5 % im April.

Inflationserwartungen für die Eurozone

Erwartungen an Inflation in der Eurozone – Einordnung

Nachdem die Inflationserwartungen in den beiden Vormonaten gesunken waren, blieb die Unsicherheit laut EZB in Bezug auf die Inflation für die nächsten 12 Monate unverändert. Die Inflationserwartungen lagen weiterhin deutlich unter der wahrgenommenen Inflationsrate der Vergangenheit, insbesondere auf Sicht von drei Jahren. Die Inflationswahrnehmungen und Erwartungen blieben in den verschiedenen Einkommensgruppen eng beieinander, obwohl jüngere Befragte (18-34 Jahre) weiterhin niedrigere Inflationswahrnehmungen und Erwartungen angaben als ältere Befragte (55-70 Jahre).

Erwartungen an die Inflation in der Eurozone

Hier nachfolgenden der grafische Blick auf die Inflationserwartungen in der Eurozone für die nächsten drei Jahren:

Erwartungen an die Inflation in der Eurozone für die nächsten drei Jahre

Wirklich aussagekräftige Daten?

Die EZB veröffentlicht regelmäßig eine Umfrage (Consumer Expectations Survey oder CES), um diese Daten zu erheben – um zu sehen, wie die Verbraucher in Euroland die Entwicklung der Inflation erwarten. Aber ist diese Erhebung wirklich aussagekräftig bzw zuverlässig? Der CES ist laut EZB eine monatliche Online-Befragung von derzeit rund 14.000 erwachsenen Verbrauchern aus sechs Ländern der Eurozone: Belgien, Deutschland, Spanien, Frankreich, Italien und den Niederlanden. Die wichtigsten aggregierten Ergebnisse der CES werden jeden Monat auf der Website der EZB veröffentlicht. Die Ergebnisse werden für die geldpolitische Analyse verwendet und ergänzen andere von der EZB verwendete Datenquellen. Weiter schreibt die EZB zur Datenerhebung: „Die aggregierten Ergebnisse, die jeden Monat veröffentlicht werden, beziehen sich derzeit auf die Teilnehmer aus den sechs Ländern des Euroraums, die an dem ersten Pilotprojekt teilgenommen haben: Belgien, Deutschland, Spanien, Frankreich, Italien und die Niederlande. Im Jahr 2022 wurde mit der Erhebung von Daten für fünf weitere Länder des Euroraums begonnen: Irland, Griechenland, Österreich, Portugal und Finnland.“ FMW: 14.000 Menschen aus der Eurozone im Rahmen einer Online-Erhebung – ob das wirklich repräsentativ die Erwartungen der 342 Millionen Menschen in der Eurozone widerspiegelt? Diese Frage lassen wir mal offen im Raum stehen. Auf jeden Fall kommt diese Erwartung der deutlich sinkenden Inflation der EZB wohl sehr entgegen.

„Langfristige Inflationserwartungen von Verbrauchern und Experten widersprechen sich“

Von Tomasz Wieladek, Chief European Economist bei T. Rowe Price, schreibt in einem aktuellen Kommentar: Die EZB hat heute Morgen die Ergebnisse ihrer Verbraucherumfrage für Juni veröffentlicht. Der Median der Konsumentenerwartungen für das kommende Jahr fiel von 3,9 % im Mai auf 3,4 % im Juni. Wichtig zu erwähnen ist dabei, dass die dreijährigen Inflationserwartungen von 2,5 % im Mai auf 2,3 % im Juni gesunken sind. Diese Entwicklung ist für sich genommen positiv zu werten. Sie zeigt, dass sich die Inflationserwartungen der Verbraucher allmählich dem mittelfristigen Ziel der EZB annähern. Dies würde für eine Zinspause im September sprechen, sofern die Juli-Umfrage, die vor der September-Sitzung der EZB veröffentlicht wird, einen ähnlichen Trend zeigt.

Allerdings ist dies nicht der einzige Indikator für die Inflationserwartungen, der von den Entscheidungsträgern der EZB berücksichtigt wird. In der jüngsten Umfrage, die erst vor eineinhalb Wochen veröffentlicht wurde, haben Experten ihre langfristige Schätzung für die Kerninflation von 2 % auf 2,1 % angehoben. Zudem steigt der von der EZB bevorzugte Finanzmarktindikator für die mittelfristigen Inflationserwartungen, der 5-Jahres-Inflationsswap, weiter an und durchbricht nun historische Höchststände seit Einführung des Euro.

Während die Veröffentlichung von heute Morgen die Argumente der „dovishen“ Anhänger für eine Pause im September stützen wird, sprechen die anderen Messgrößen für die Inflationserwartungen stark für eine Anhebung, was den Wunsch der „Falken“ nach einer weiteren Anhebung begünstigt. Die nächsten wichtigen Daten in diesem Monat sind die Veröffentlichung des ausgehandelten Lohnwachstums durch die EZB im Laufe des Augusts und die Inflation für August 2023 am Ende des Monats. Bislang bin ich der Meinung, dass die Anzeichen für eine Zinserhöhung im September im Hinblick auf die Inflationserwartungen, die Widerstandsfähigkeit des Wachstums und die tatsächliche Inflationsstabilität weiterhin für eine Zinserhöhung sprechen.



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