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Inflation oder Zinsanstieg – was ist für Aktienmärkte bedrohlicher?

Inflation, Wachstum und Kapitalmarktzinsen: ist der Dax deshalb so stabil?

Inflation und Zinsen: derzeit Vorteil für den Dax?

Was ist gefährlicher für die Aktienmärkte – ein Anstieg der Inflation oder der Zinsen? Normalerweise geht beides Hand in Hand, beziehungsweise in zeitlicher Interdependenz. Zunächst steigen die Inflationserwartungen, die Teuerung erwacht zum Leben und die Kapitalmarktzinsen klettern in die Höhe, weil die Investoren auf einen Ausgleich für die Inflation pochen. Doch ist dieser Zusammenhang nicht mehr allzu ausgeprägt, in Zeiten einer Manipulation der Rentenmärkte durch die Notenbanken und deren unaufhörlichen Anleihenkaufprogrammen (Quantitative Easing).

Inflation: Wie ist die aktuelle Lage?

Inflationserwartungen klettern seit Wochen

Wie bereits in mehreren Berichten nachlesbar, sind die Zutaten für einen saftigen Anstieg der Inflation eigentlich gegeben. Die Wachstumsaussichten für die Welt wurden erst gestern durch den Internationalen Währungsfond fast überall nach oben gesetzt:

Für die Weltwirtschaft auf +6,0 %, die USA auf 6,4 % und für China sogar auf 8,4 %. Raten, wie es sie zuletzt nur nach extremen Rezessionen oder nach dem zweiten Weltkrieg gegeben hat. Dazu noch die viel zitierten Frühindikatoren, die Anstiege der Rohstoffe und der Vorprodukte, der Chart für den Inflation-Outlook zeigt es an, noch nicht die aktuellen Daten und auch nicht die Kapitalmarktzinsen. Wir befinden uns gerade in dem Monat, in dem es mit den Preisen im Jahresvergleich so richtig in den Keller gegangen war.

Hier die monatlichen Inflationsraten für Deutschland für das Jahr 2020. Man sieht, dass der große Einbruch bis zum Juli stattgefunden hat, anschließend gab es eine leichte deflatorische Phase, auch durch die Senkung der Mehrwertssteuer, aber auf fast konstantem Level.

Januar 1,7%
Februar 1,7%
März 1,4%
April 0,8%
Mai 0,6%
Juni 0,9%
Juli -0,1%
August 0,0%
September -0,2%
Oktober -0,2%
November -0,3%
Dezember -0,3%

Die Wende im Jahr 2021

Was waren die Aktienmärkte erschrocken, als es mit der Rendite für die zehnjährigen US-Staatsanleihen von 0,92 bis über 1,75 Prozent in wenigen Wochen nach oben ging. Damit hatte die Realrendite bei der US-Benchmark kurzzeitig die Nullermarke touchiert. Vorausgegangen war natürlich ein Anstieg der Preise durch die viel zitierten Rohstoffe, Energie etc.

Für Deutschland gab es noch die Sondereffekte durch die Rücknahme der Mehrwertsteuersenkung und die CO2-Abgabe, abzulesen an den monatlichen Teuerungen 2021: Januar 1,0%, Februar 1,3%, März 1,7%.

Warum haben sich die Anleihemärkte nicht weiter in Richtung Zinsanstieg bewegt? Ein Grund dafür war natürlich das gemeinsame Vorgehen der Notenbanken, indem man den Anstieg der Inflation als vorübergehend einstufte und die Bondmärkte sogar vor einer Spekulation auf steigende Zinsen warnte. Den Vogel schoss dabei EZB-Chefin Christine Lagarde ab, mit ihrer Warnung: Ihr könnt versuchen was ihr wollt…!

Und dies auch durch Taten untermauerte, indem sie in zwei Wochen lang die Anleihekäufe gegenüber den Vorwochen verdoppelte. Die Märkte nahmen diese Warnungen anscheinend sehr ernst, denn obwohl die US-Arbeitsmarktdaten die Erwartungen geradezu überschossen, ging es mit den Kapitalmarktzinsen seit Tagen nach unten.

Anleihen versus Aktien, das ewige Wechselspiel

Wie schon öfters erwähnt, gibt es seit Generationen – verlässliche Vergleichsdaten existieren bis ins Jahr 1903 – die Konkurrenz zwischen diesen beiden Anlageklassen in den großen Depots. Üblicherweise erwuchs in den Phasen von heiß laufender Konjunktur den Aktienmärkten eine Konkurrenz durch die Bondmärkte, weil Inflation, Anstieg von Leit- und Kapitalmarktzinsen die Renditen nach oben trieb. Die anschließenden Verluste der Aktien wurden zu großen Gewinnen bei den Anleihen. Seit Jahren wird ein Anstieg der Anleihezinsen durch die Notenbanken verhindert, die damit TINA ständig so richtig befeuerten. Der aktuelle Zinsanstieg wird ab einer bestimmten Höhe der Rendite (2 Prozent?) zu einem Problem für die Aktien – dies ist jedem erfahrenen Investor sehr wohl bewusst.

Sondersituation Eurozone

Aus dieser Abhängigkeit kommt man zu etwas seltsam klingenden Schlussfolgerungen. Hat der Internationale Währungsfonds die Wachstumsaussichten für Europa nicht auf niedrigem Niveau belassen, aber für die USA angehoben? Demzufolge müssten in Amerika die Kapitalmarktzinsen deutlich weiter steigen, zumindest mehr als in Europa. Was heißt das für den deutschen Leitindex, unseren Dax?

Wie oben dargestellt, liegt die deutsche Inflationsrate bei 1,7 Prozent und die Rendite der zehnjährigen deutschen Staatsanleihe aber bei -0,33 Prozent. Das bedeutet, dass die Realrendite (10-Jährige Bund minus Inflation) auf Rekordtiefen steht, der Anlagenotstand für Investoren in die deutschen Assetklassen damit sogar immer größer wird. Ganz nebenbei wird hierbei die finanzielle Repression in Deutschland auf neue Höhen getrieben, wie ursprünglich von der Notenbank beabsichtigt. Investition in Zinspapiere = Kaufkraftverlust.

Fazit: Vorteil für den Dax?

Ist dieser Zusammenhang zwischen Inflation, Wachstum und Kapitalmarktzinsen ein Grund dafür, warum der Dax gerade so stabil daherkommt? Neben seiner Besonderheit als Industrie-Index? Könnte da in den nächsten Monaten nicht erst recht ein weiterer Vorteil entstehen, wenn Christine Lagarde ihre implizite Yield Curve Control (Kontrolle der langfristigen Kapitalmarktzinsen) bei den Staatsanleihen weiter durchzieht? Börsen mögen keine heiß laufende Wirtschaft. Müsste man da das Downgrading der europäischen Wachstumsaussichten temporär nicht sogar als Vorteil interpretieren? Wäre wieder ein Beispiel dafür, dass Börsenlogik nicht viel mit allgemeinen Kausalitäten zu tun hat. Und um auf die eingangs gestellte Frage zu beantworten: Kommt darauf an.



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3 Kommentare

  1. Was mich mal interessieren würde, was bedeutet den ein Zinsanstieg für den Rentenmarkt ingesamt ? Ich meine unlängst hatten wir ja noch 16-17 Bn negativ verzinste Staatsanleihen weltweit oder ?

    Nun wenn die Kapitalmarktzinsen steigen, sinken diese bereits emitierten Bestände im Kurs, gibts da keine Probleme ? Trifft den dieser Zinsanstieg tatsächlich nur den Aktienmarkt ?

    Ist der Rentenmarkt davon nicht ähnlich oder noch viel mehr betroffen ? Und wer hat den den Schrott gekauft neben den Notenbanken ? Versicherungen & Pensionskassen oder ? Von Gesetzeswegen sitzen die auf den negativ verzinsten Staatsanleihen, welche nun doch der Gefahr massiver Abschlägen bei Zinsanstiegen ausgesetzt sind?

    Und wer heute die Anleihen kauft ist mir nach wie vor immer noch nicht klar, ich meine ich kaufe heute bei 1.7% das Risiko das es weiter steigt ist Imminent dann verliere ich ja aber mit meiner Anleihe wieder und steigen würde es ja wegen steigender Inflation, also habe ich einen Kursabschlag wegen dem Zinsananstieg und einen Realverlust auf Ablauf wegen der höheren Inflation als der Zins ist.

    Nun als Spekulant macht doch eigentlich das Kaufen einer Staatsanleihe heute nur aus einer einzigen Optik Sinn auf diesem Zinsniveau, nähmlich dann wenn der Zins wieder sinkt, dann habe ich dann mit dem Hochzinser eine Outperformance…

    Oder sehe ich hier was nicht ?

    1. @Bretton Wood. Hallo. Ein unglaublich vielschichtiges Thema. Klar ist, dass die Weltanleihemärkte ein deutlich größeres Volumen haben, als die Weltaktienmärkte (110 Billionen Dollar). Aber viele Institutionelle müssen ein Übergewicht an Anleihen haben, mit bestimmter Bonität, ungeachtet der Rendite. Zum Beispiel Versicherungen, Allianz, Munich Re, mit Anteilen von 80 Prozent und höher. Diese werden bis zur Endfälligkeit gehalten, unterliegen also nicht dem Zinsänderungsrisiko – Duration. Anders die Situation bei Mischfonds oder reinen Anleihefonds, die sehr aktiv handeln. Die Staatsfonds haben sich zum Beispiel die Aktienquote anheben lassen, um der Renditefalle zu entgehen. So wie der norwegische Staatsfonds, der seine Aktienquote von 60 auf 70 Prozent gesteigert hat: Zuletzt 71,5 Prozent Aktien, 24,7 Prozent Anleihen, 2,5 Prozent Immobilien. Natürlich wird von vielen Anlegern mit der Zinsänderung aktiv gehandelt und auch auf Junk Bonds ausgewichen, aber der größte Anteil der Langfristanleger (Pensionskassen) hält die Papiere bis zur Endfälligkeit. Natürlich kauft in Europa sehr stark die EZB. Wer legt sich denn gerne eine deutsche Zehnjährige mit Minuszinsen ins langfristige Depot? Aber die große Gemengelage ist der Grund für TINA.
      Gruß

      1. Also mit anderen Worten spielt es für einen Insti keine Rolle ob der Kurs zwischendrin halt mal 50% ist, er muss das wohl dem Falle auch nicht aktiv Bewerten (PK & Rückversicherer, 1. Versicherer) in Ihrer Bilanz.

        Ja nun gut ist mir klar, wenn ich natürlich nominal nicht auf Marktwert abschreiben muss und entsprechend Buchwert weiterführen kann, meine Verpflichtungen sind als Versicherer oder Rückversicherer auch Nominal (also Lebensversicherungen zB) kann es mir egal sein ob die Kaufkraft weg ich, die Staatsanleihe stellt am ehesten Sicher das ich meine Nominalverpflichtung erfüllen werden kann, Kaufkraftbereinigung ist insofern nicht mein Problem als Anleiheanleger (der ja nie eigenes Geld anlegt sondern nur Geld Dritter) und dies so tut damit er seine Nominalverpflichtungen erfüllen kann…

        Danke für die zusätzliche Aufklärung

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