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Irren die Aktienmärkte? Die Kluft zwischen Wirtschaft und Börse

Aktienmärkte - Kluft zur Entwicklung der Wirtschaft

Steigende Preise an allen Fronten, eine Energiekrise in vielen Ländern, dazu Abstufungen der Wirtschaftsprognosen für das Gesamtjahr 2021 und ein Herannahen des Endes der übermäßigen Versorgung der Finanzmärkte durch die Notenbanken: Dennoch sind die Aktienmärkte in der letzten Woche gewaltig gestiegen, auch bei unserem Dax ging es seit dem Tief vom 6. Oktober nun schon über 750 Punkte oder fünf Prozent nach oben. Vieles mag technisch getrieben sein, aber grundsätzlich steht hinter der Stabilität der hohen Börsenkurse die Annahme einer Verbesserung der sich eingetrübten konjunkturellen Lage nach dem Jahreswechsel. Eine krasse Fehleinschätzung?

Aktienmärkte: Der Turnaround der Vorwoche

Zu Wochenmitte drehte der Markt deutlich und die Indizes konnten fast alle Verluste der Septemberkorrektur wiedergutmachen.

4472 Punkte im S&P 500, nur noch 1,45 Prozent unter Allzeithoch, mit einem satten Plus in dieser Woche.

Aktienmärkte S&P Wochensicht

Der Dow Jones sprang am Freitag über die seit Anfang September nicht mehr gesehene Marke von 35.000 Punkten, der Nasdaq über die 15.000, alle nicht mehr weit entfernt von ihren Allzeithochs (1-3 Prozent).

Am letzten Mittwoch hatte ich noch getitelt, „es riecht nach Ausbruch“, aber dass es so schnell gehen würde?

Die lange so bedeutsame 50-Tage-Linie beim S&P 500 wurde zurückerobert, allerdings hat sich der Trend abgeflacht.

Aktienmärkte S&P Gleitende Durchsschnitte

Der übergeordnete Trend für die Aktienmärkte ist noch völlig intakt. Aus Sicht der langfristigen Anleger eine sehr komfortable Situation. Wer seinen Stop an die 200-Tage-Linie bei 4170 Punkten positioniert, kann sich große Gewinne sichern.

Soviel zur Gesamtlage.

Sollte wirklich Schema F eintreten?

Der saisonale Chart spricht eine deutliche Sprache. Aber das derzeitige Inflationsumfeld ist neu und voller Tücken.

Aktienmärkte Saisonalität Muster

Der Beginn der Quartalssaison

In der letzten Woche nahm die lang erwartete Quartalssaison für Q3 ihren Anfang. Die Banken sowie die Finanzwerte waren die großen Gewinner, allein Goldman Sachs am Freitag für etwa 100 Punkte Anstieg beim Dow verantwortlich. Ein allgemein guter Start, wie die Zusammenfassung nach 41 Unternehmen, die ihre Ergebnisse präsentiert hatten, zeigt.

  • 27 Prozent der Unternehmen schlugen die Erwartungen
  • mit durchschnittlich 14,7 Prozent (over expectations),
  • der 3-Jahresdurchschnitt liegt bei 11,5 Prozent

Der große Test mit all den Sorgen um die Marge der Unternehmen beginnt allerdings erst ab dieser Woche, wenn die Industriewerte in den Ring steigen. Welche Spuren haben Inflation und Lieferkettenprobleme hinterlassen?

Die US-Berichtssaison nimmt mit 79 Unternehmen weiter Fahrt auf, aus verschiedenen Branchen und mit großen Werten, wie Johnson&Johnson, Netflix, IBM, Tesla, Intel, Honeywell oder American Express. Die ganz großen Brocken aus den Big Five sind allerdings noch nicht an der Reihe. Erst mit den Billionen-schweren Titeln wird man sehen, ob die Erwartung einer 29-prozentigen Steigerung der Unternehmensgewinne gegenüber Q3 des Vorjahres Index-relevant sind.

Kursanstiege an der Wand der Sorgen

Was gab es in der letzten Woche nicht alles an Meldungen, die die Skepsis der Investoren nähren konnten.

Da wäre zunächst das Uni Michigan Verbrauchervertrauen zu nennen, mit seinem Rückgang auf 71,4 Punkten. Ein schlechterer Wert als beim Coronatief im letzten Jahr. Mit gestiegenen Inflationserwartungen für die nächste Zeit, allerdings nicht auf längere Sicht (2,8 Prozent auf Sicht von 5-10 Jahren). Die Bürger haben an Vertrauen verloren, im Hinblick auf die US-Wirtschaftspolitik, aber auch mit großen Sorgen bezüglich der globalen Lieferkettenproblematik. Allerdings ist es fast wie in der Politik: „Achte nicht auf das was sie sagen, sondern auf das was sie tun.“ Dazu gleich mehr.

Aber: Sollte sich diese Stimmung real beim Konsum der Amerikaner bemerkbar machen, mit seinem 70 Prozentanteil am GDP, wäre es rasch vorbei mit dem Wirtschaftsaufschwung.

Das Verbrauchervertrauen ist schwach

Bad News kamen auch weiter von der Inflationsfront. Sei es der Anstieg der chinesischen Erzeugerpreise um 10,7 Prozent, der amerikanischen um 8,6 Prozent oder der nicht abnehmend wollenden Rate bei den US-Verbraucherpreise mit 5,4 Prozent (Kernrate 4,0 Prozent).

Auch nicht in Deutschland mit den aktuellen 4,1 Prozent – mit Tendenz nach oben.

Was sich natürlich auch in der Einschätzung der 400 deutschen Analysten und institutionellen Anlegern niederschlägt, beim ZEW-Index, der monatlichen Umfrage des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung.

Die für den Oktober ermittelten 22,3 Punkte waren bereits der fünfte Rückgang seit dem Hoch im Mai mit 84,4 Zählern. Allerdings hat dieser Index nicht die Validität des Ifo-Index, bei dem 7000 Unternehmenschefs über die Aussichten in Ihrem Unternehmen berichten.

Noch ein Wort zu den US-Inflationsdaten. Natürlich wird dort überall ein wenig „getrickst“, um die Preise unten zu halten. Da werden Portionsgrößen im Lebensmittelhandel verkleinert oder man schränkt Serviceleistungen ein. Indem Lieferzeiten verlängert werden, oder Serviceleistungen verschlechtert, um Personal einzusparen. Mal sehen, ob im Hire-and-Fire-Amerika die Löhne wirklich in der Breite so ansteigen?

Dazu passt auch die Herabstufung durch den Internationalen Währungsfonds IWF. Im neuesten Outlook schraubt man die Prognose für das aktuelle Jahr um eigentlich marginale 0.1 Prozent herab auf globale 5,9 Prozent, belässt es aber für das kommende bei 4,9 Prozent. Außer für das Exportland Deutschland, hier fällt die Revision mit minus 0,5 Prozent auf nur noch 3,1 Prozent ziemlich deutlich aus. Die Weltwirtschaft erholt sich zwar, allerdings nicht so stark wie erwartet, Gründe: Materialmangel und, und, und.

Heute Nacht kamen frische Konjunkturdaten aus China: Wie aus Peking gemeldet wurde, wuchs die Volkswirtschaft im dritten Quartal nur noch um 4,9 Prozent im Vorjahresvergleich. Q1 hatte noch ein Rekordwachstum von 18,3 Prozent gesehen, Q2 – 7,9 Prozent, was in Summa bis dato ein Wachstum von 9,8 Prozent ergibt. Begründung: Siehe oben.

Sonstige Daten

Am Freitag wurden in den USA auch die sehr bedeutsamen Einzelhandelsumsätze (Retail Sales) für den Monat September veröffentlicht. Nicht gerade unwichtig für eine Wirtschaft, die so extrem abhängig ist von der Kauflaune ihrer Konsumenten. Gerade deshalb hatte es in den USA 2020/2021 gewaltige Rettungspakete sowie Helikoptergeld gegeben, der Konsument ist die tragende Säule des US-GDP. Die Einzelhandelsumsätze sind um 0,7 Prozent gegenüber dem Vormonat gestiegen, erwartet wurden 0,2 Prozent.

Hier eine Übersicht, die die gewaltigen Schwankungen, ausgelöst durch COVID-19, aufzeigt.

US-Einzelhandelsumsätze Historie

Es ist jedoch zu berücksichtigen, dass auch die monatliche Veränderung der Inflationsrate (im letzten Monat) sich auf ähnlichem Niveau bewegt hat, damit dürfte die Menge der getätigten Umsätze etwa gleich geblieben sein.

Aber: Bei der überragenden Bedeutung der Retail Sales und ihrer absoluten Größe könnte man schon die Frage stellen, ob der GDP Now Indikator der Notenbank von Atlanta, der eine Abschwächung der US-Wirtschaft in Q3 auf 1,3 Prozent prognostiziert, wirklich so eintreffen wird?

Extrem auch die Entwicklung des Angstbarometers VIX. Was für ein Einbruch in den letzten Tagen bis auf das Niveau von Anfang September, dem Beginn der Korrektur.

Aktienmärkte VIX Absturz

Aber immer grüßt das Murmeltier

Auch in der letzten Woche hat sich an der extremen Situation bei den Anleihezinsen, dem großen Regulativ für die Aktienmärkte nichts Substanzielles verändert. Bei einer Rendite der 10-Jährigen US-Staatsanleihe von 1,60Prozent (2-jährige 0,41 Prozent ) und einer Inflationsrate von 5,39 Prozent ist eine langfristige Geldanlage in US-Bonds nicht wirklich sinnstiftend. Außer man muss es aus regulatorischen Gründen oder in der Hoffnung auf Durationsgewinne. Diese gäbe es natürlich bei einem rezessiven Marktumfeld.

Fazit

Liegen die Aktienmärkte richtig, mit ihrer Annahme einer wirtschaftlichen Erholung in sechs bis neun Monaten, einem Abebben des (großen) Preisdrucks und einer Verbesserung in der Lieferkettensituation? Die Börsen sind die frühesten Frühindikatoren, unterliegen aber natürlich auch Fehleinschätzungen, die dann relativ rasch korrigiert werden, insbesondere, wenn externe Schocks eintreten, die nicht antizipierbar sind (Umwelt, Politik). Ein wenig erinnert die aktuelle Situation an die Monate April bis Juni des Vorjahres, als Daten über den größten Wirtschaftseinbruch der letzten Jahrzehnte veröffentlicht wurden und die Aktienmärkte dennoch gestiegen sind, als ob bereits ein Ende der Rezession nahen würde. Stichwort: „Es kann niemals ein V bei der Wirtschaftserholung geben.“ Es kam neun Monate später sogar zu einer solchen Erholung, dass die Lieferketten kollabieren.

Haben wir derzeit eine Fehleinschätzung der Aktienmärkte, die eine Normalisierung des extremen Umfelds bis zum Sommer des kommenden Jahres einpreisen? Ob dem so ist, werden die nächsten Wochen zeigen, wenn die Unternehmen ihre Ergebnisse und ihre Aussichten präsentieren, denn es gibt einen zeitlich versetzten Gleichlauf (Timelag) zwischen Unternehmensergebnissen und Indizes, wenn die Ergebnisse nicht kommen, müssen die Kurse runter. So wie es ein wenig aus diesem kurzfristigen Chart zu sehen ist.

Aktienmärkte KGV Entwicklung

Derzeit kommt man nicht umhin, sich auf die aktuelle Schlagzeilen zu konzentrieren – dies funktioniert aber fast nie, insbesondere wenn diese in den großen Blättern auftauchen. Die Börsen sind schon auf einer anderen Zeitebene.

Aber: Sollte das Stagflationsszenario nicht nur vorübergehend sein, müssen die Aktienmärkte ihre Fehlannahme korrigieren und es wäre dann nicht getan mit einer einfachen Korrektur bis 10 Prozent.

Für die nächste Woche erscheint zunächst eine Konsolidierung nach den letzten Gewinnen nicht unüblich. Aber dann? Alle Großinvestoren kennen die Saisonalität und gibt es vielleicht schon wieder FOMO, wie am Freitag beschrieben?



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1 Kommentar

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