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Hintergrund

Was ist faul am Finanzsystem?

Markus Fugmann

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am

Es läuft etwas schief im System – es ist das System selbst!

Warum sind die Märkte derzeit so extrem verunsichert? Noch vor kurzem war alles in Butter, das Erreichen neuer Allzeithochs an den Aktienmärkten nur eine Frage der Zeit. Warum ist jetzt alles anders? Weil Chinas Einkaufsmanagerindizes enttäuschen?

Nein, das Problem ist das System selbst. Es ist die Illusion, Risiken aufteilen und damit minimieren zu können!

Nehmen wir einmal an, Sie sind Profi-Investor und kaufen amerikanische Staatsanleihen. Nun hat die Finanzindustrie mit Credit Default Swaps herrliche Produkte geschaffen, um sich gegen einen Totalausfall solcher Anleihen zu versichern. Man kauft also ein Produkt als Ausfallversicherung und zahlt dafür, je nach angenommenem Ausfallrisiko, einen kleinen Prozentbetrag an den Versicherer. Aber gibt es diesen Versicherer überhaupt noch, wenn die USA pleite sind? Eher nicht. Gleichwohl kann man aber bilanziell durch den Kauf dieser Versicherung darstellen, dass mit dem Kauf dieser Versicherung das Risiko der Staatsanleihekäufe minimiert worden ist. Bingo!

Schon der Zusammenbruch im Gefolge der geplatzten US-Immobilienblase hat diesen Zusammenang klar gemacht. Kredite wurden verbrieft, Risiken damit auf mehreren Schultern verteilt und scheinbar minimiert. Am Ende aber drohte das System zu kollabieren, weil einerseits niemand mehr wusste wer welche Risken hat, und andererseits die Vorstellung von Preisen für Immobilienkredite gleichsam in ein „schwarzes Loch“ fielen. Was gestern noch teuer war, kann morgen völlig wertlos sein. Die Folge ist Panik und der Versuch, die eigene Liquidität aus den Investments schnellstmöglich wieder nach Hause zu holen. Alle wollen dann durch dieselbe kleine Tür, es entsteht panisches Gedränge.

Dazu kommt das Paradox der Liquidität. Wenn die Preise hoch sind, steht sie vielen nahezu unbegrenzt zur Verfügung. Gestiegene Preise nähren die Erwartung weiter steigender Preise, die Bilanzen von Banken und anderen Investoren wird scheinbar immer wertvoller, was das Risiko für Kreditgeber dieser Banken zu vermindern scheint. Also dreht sich die Aufwärtsspirale immer weiter, die Hausse nährt die Hausse.

Wenn dann aber plötzlich die Verunsicherung über zukünftige Preise über die Märkte bricht, gehen die Märkte den Weg der Finanzierungskette wieder zurück. Alle brauchen zur gleichen Zeit Liquidität, entziehen sie aus schierem Überlebenswillen dem Geschäftspartner, um die die eigenen Risiken mit Sicherheiten hinterlegen zu können. So entsteht rapide eine Austrocknung von Liquidität – was gestern galt, ist heute nichts mehr wert.

Von daher ist es Unsinn zu sagen, es gäbe gerechtfertigte Preise, die auf allen Informationen basieren, die allen zur Verfügung stehen. Die Märkte scheitern meistens daran, dass der Gruppendruck hoch ist: was alle machen, muß auch ich machen. Etwa die sinnloseste Übung der Finanzmärkte: Dax-Prognosen von Banken. So weichen die Prognosen der Banken für das Jahr 2014 nur minimal voneinder ab und bewegen sich stets in Sichtweite der aktuellen Niveaus. Niemand prognostiziert für Ende 2014 einen Dax-Stand von 4500 Punkten, keiner gibt 20.000 als Kursziel an. Warum? Trifft die Prognose nicht ein, ist man erledigt – wenn der Dax dann ein halbes Jahr später tatsächlich bei 4500 oder 20000 steht, Pech gehabt.

Und so sitzen alle im selben Boot, haben ähnliche Ansichten, ähnliche Investments, ähnliche Risiken. Schlägt dann aber das Unvorhergesehene zu, trifft es alle gleichzeitig. Nach der Finanzkrise hieß es daher unisono: das konnte man nicht vorhersehen etc., eben weil andere Banken es auch nicht vorhergesehen haben. Der Gruppendruck verhindert kreatives Denken – und führt letztlich zur Bildung von Klumpen-Risiken an den Finanzmärkten. Übrigens: in amerikanischen Blogs war schon ab 2005 zu lesen, dass die (Immobilien-)Blase platzen muß…

In der Panik läuft dann die Finanzierungskette beschleunigt den Weg wieder zurück, den sie gekommen ist. Was vorher gehebelt war, wird nun in Windeseile enthebelt. Die Zahlungsunfähigkeit galoppiert durchs System und erfasst alle gleichzeitig.

Was wir daher brauchen, ist ein lernendes System, sind Kreativität und Eigensinn. Denn der Markt hat bestenfalls im kurzen Zeitfenster recht, langfristig ist die vom Konsens geprägte Massenmeinung meistens ein Rohrkrepierer. Und: durch die Verteilung von Risiken auf mehreren Schultern werden die Risiken nicht kleiner. Wenn man das verstanden hat, ist schon vieles erreicht.

Beim letzten Crash haben die Notenbanken die Finanzmärkte durch Liquiditätszufuhr gerettet – und dabei ihre Bilanzen hoffnungslos aufgebläht. Es ist alles andere als sicher, dass beim nächsten Crash sich ein ähnliches Muster wiederholen kann. Besser ist es, ein intelligenteres Finanzsystem zu erschaffen, statt sich auf die Illusion allmächtiger Notenbanken zu verlassen. Denn die Notenbanken sind mit ihrem Versuch gescheitert, mittels Liquidiät auch die Realwirtschaft ankurbeln zu können. Das beginnen jetzt auch die Märkte zu begreifen..

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finanztreff

Beste aller Welten eingepreist! Videoausblick

Wie zuletzt im Januar und September 2018 glauben die Aktienmärkte, sie lebten in der Besten aller Welten – kein Risiko, nirgends..

Markus Fugmann

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Wie zuletzt im Januar und September 2018 glauben die Aktienmärkte, sie lebten in der Besten aller Welten: die Fed werde ihnen nicht mehr weh tun, es werde einen tragfähigen Deal zwischen den USA und China geben, dazu auch eine Lösung im US-Budgetstreit (heute muß sich Trump entscheiden, ob er den Kompromißvorschlag annimmt oder nicht). Gleichzeitig sind die US-Indizes so überkauft wie seit Ende 2016 nicht mehr (als damals nach einem ersten Schock über die Wahl Trumps eine massive Rally eingesetzt hatte). All das kann noch extremer werden – aber die Vergangenheit lehrt: lange geht so eine Vertrauensseligkeit nicht gut. Der Dax hinkt den US-Märkten weiter hinterher..

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Dax: Bullenpower sieht anders aus..

Über das radikale Auseinanderdriften der globalen Aktienmärkte..

Markus Fugmann

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Der Dax kann seine Erholung fortsetzen – aber es fehlt dieser Erholung schlicht an Dynamik! Die Anstiege verlaufen langsam, die Abverkäufe dagegen mit hoher Dynamik, sodass der Index – auf die letzten Handelswochen gesehen – ein Schritt nach vorne macht, um dann zwei Schritte wieder zurück zu machen. Von Entwarnung kann daher noch überhaupt keine Rede sein!

Im Chart wird deutlich, wie vergleichsweise gering die Erholung ausgefallen ist bislang:

(Chart durch anklicken vergrößern)

Das sieht nicht nach Bullen-power aus! Eher ein zaghafter Versuch, das Schlimmste abzuwenden – und das trotz der daueroptimistischen Wall Street, die gestern wieder einmal zulegen konnte, vor allem die schwergewichtigen Tech-Werte wie Apple (in Vorfreude auf die heutige Präsentation der neuen Apple-Produkte) und Amazon. Aber auch in den USA gilt: es erreichen mehr Aktien 52-Wochen-Tiefs als 52-Wochen-Hochs, der Anstieg ist von den wenigen Tech-Schwergewichten getragen, der breite Markt sieht deutlich negativer aus. Mithin sind die großen Tech-Werte die Schminke, die die Falten kaschieren – aber man sollte sich nicht von dem Makeup täuschen lassen!

Andernorts ist die Lage völlig anders: der Shanghai Composite ist heute auf den tiefsten Stand seit zweieinhalb Jahren gefallen, die Märke und Währungen der Schwellenländer bleiben unter Druck, auch die europäischen Indizes sind sämtlich charttechnisch angeschlagen. Es ist diese Schizophrenie, die nachdenklich stimmt: leben die Amerikaner auf einem anderen Planeten? Nun, wer Donald Trump als Präsidenten wählt, muß wohl auf einem anderen Planeten leben..

Die Fakten sind: die Fed verknappt die Liquidität, die Schwellenländer daher besonders unter Druck, und der Handelskrieg ist erst in seinem Anfangsstadium. Die Kombination aus diesen Faktoren bringt die ganze Welt uner Druck, nur eben die Amerikaner nicht. Dort hofft man auf NAFTA, glaubt, dass einem der Handelskrieg nichts anhaben könne, und die Fed werde schon brav bleiben und die Zinsen nicht deutlich anheben. Dort also die optmistischste Interpretation der Dinge, überall sonst auf der Welt sehen die Fakten anders aus! Inzwischen ist die Spanne so groß (etwa zwischen amerikanischen und chinesischen Tech-Werten), dass eine Wieder-Annäherung nur eine Frage der Zeit ist – ewig kann man nicht schizophren bleiben..

Für den Dax gilt: erst über dem Widerstand von 12100 Punkten besteht wieder – charttechnisch gesehen – Hoffnung. Besser noch, der Dax überwände den seit Ende Juli bestehenden Abwärtstrend bei 12220/12250 Punkten. Auf der Unterseite ist nun das Tief bei 11860 Punkten entscheidend: noch läßt sich dieses gestern erreichte Verlaufstief als Fehlausbruch nach unten interpretieren – aber wenn dann die 11860 auch noch fallen sollte, wäre das ein klares Zeichen dafür, dass Dynamik auf der Unterseite aufkommen wird..

 


By Josemanuel. – Own work, CC BY-SA 2.5, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=1284536

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Allgemein

Tribalisierung statt Globalisierung: Eine Generation geht verloren

Die Globalisierung steht am Beginn eines großen Rückschlags – und eine ganze Generation ist gezwungen, ihre eigenen Werte zu verraten..

Markus Fugmann

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am

Von Markus Fugmann

Ich bin 1969 geboren und entstamme damit einer Generation, die grundsätzlich optimistisch veranlagt ist. Als wir erwachsen wurden, fiel die Mauer, ging die Sojwetunion unter und verschwanden damit gefühlt alle Grenzen, die unseren Drang nach (Bewegungs-)Freiheit begrenzt hatten. Als Jugendliche fürchteten wir die Atomkraft, fürchteten, dass uns Atombomben auf den Kopf fallen – wie einst die Gallier, dass ihnen der Himmel auf den Kopf fiele.

All das ist nicht passiert. Und mit dem Ende der Sojwetunion und damit dem Ende des Kalten Krieges stand uns die Welt offen, schien eine Art ewiger Frieden erreicht, gewissermaßen das Ende der Geschichte (Fukujama). Wir reisten, probierten uns und das andere Geschlecht aus, alles war möglich, die Globalisierung kam, wir nutzten als erste Generation den Computer, lernten in der Schule programmieren, nutzten das Internet – und drängten heraus in die Welt. Diese Welt, so schien es, wächst zusammen – und wir fanden das gut so, weil es das Spektrum unserer Möglichkeiten vergrößerte.

Nun aber, zu einer Zeit, in der normalerweise diese Generation an die entscheidenden Schaltstellen der Gesellschaft in Politik und Wirtschaft gelangt, haben wir das Gefühl, wir sind irgendwie von gestern. Schon die heute Mitte 30-jährigen sind von uns grundsätzlich verschieden: ja, man kann ins Ausland gehen, aber man will dann zurück kommen, heiraten und ein Haus bauen. Das war so ziemlich das Letzte, was noch unserer Generation als Ideal vorschwebte. Diese Sehnsaucht nach Heimeligkeit war uns fremd, sie ist aber wohl die logische Konsequenz für eine Generation, die das Internet mit der Muttermilch aufgesogen hat und die nun ein Bedürfnis nach kuscheliger Wärme hat – und der es reicht, sich auf Google Maps jene Orte anzuschauen, zu denen wir noch gereist sind.

Es gibt bei dieser jüngeren Generation eine Tendenz zur Abschottung – ebenso wie in den großen Strömungen des Zeitgeists, der sich derzeit Bahn bricht. Dass derzeit rechskonservative Strömungen aufkommen, ist kein Zufall. Das Rad der Geschichte dreht sich gewissermaßen zurück, es gibt einen klaren Gegentrend zur Globalisierung, den ich als „Tribalisierung“ (Rückbesinnung auf den eigenen „Stamm“) bezeichne: ob Trump in den USA, die AfD in Deutschland, die FPÖ in Österreich, Le Pen in Frankreich etc. – das Motto lautet: wir schotten uns ab!

Rechtskonservative Bewegungen hat es auch früher gegeben seit dem Ende des Kalten Krieges – aber sie waren irgendwie aus der Zeit gefallen und hatten daher keine Chance. Diesmal ist das anders. Denn eines ist klar: die massenhafte Immigration nach Europa ist kein Thema, das vorbei gehen wird. Im Gegenteil: es wird immer dringender!

Was wir mit syrischen Bürgerkriegsflüchtlingen erlebt haben, ist nur der Auftakt, sie sind nur die Vorhut für weit größere Ströme nach Europa. Flüchtlingsströme aus Syrien oder dem Nahen Osten werden irgendwann abebben – der Nahe Osten ist nicht unser größtes Problem. Dagegen werden sich bald Flüchtlingsströme aus Afrika massiv intensivieren, schon aus demografischen Gründen: Afrikas Bevölkerung wird sich bis 2050, also in nur 35 Jahren, von einer Milliarde auf dann zwei Milliarde verdoppeln – nicht weil Afrikanerinnnen mehr Kinder bekämen als früher – im Gegenteil. Nur die Zahl afrikanischer Frauen im gebährfähigen Alter wird aufgrund der demografischen Struktur in den afrikanischen Ländern bald stark nach oben schießen.

Und weil es faktisch keine Perspektive dafür gibt, diese stetig steigende Bevölkerung ausreichend zu versorgen bzw. Jobs zu schaffen, wird ein nicht geringer Teil dieser Menschen nach Europa drängen als einzig logisches underreichbares Ziel. Es geht hier um viele Millionen Menschen, vor allem junge Männer, die in ihren Heimatländern faktisch keine Chance haben, Jobs zu bekommen und Familien zu gründen. Und wir werden uns nicht anders zu helfen wissen, als eine Festung Europa zu errichten, weil diese Einwanderungsströme selbst beim besten politischen Willen nicht zu handhaben sind.

Und vermutlich wird es exakt meine Generation sein, deren Vertreter dann an der Macht sind, die diesen Festungsbau anordnen und ausführen wird. Weil es nicht anders geht, ob man will oder nicht. Und genau deswegen haben die rechskonservativen Strömungen, die genau das jetzt schon fordern, Zukunft. Sie thematisieren das, was auf uns zukommen wird, wollen Homogenität, Sicherheit, etablierte, vor-globalisierte Strukturen zurück – also all das, was meine weltoffene Generation überwiegend eigentlich nicht will. Und trotzdem wird es meine Generation sein, die faktisch die Voraussetzungen dafür schaffen wird.

Darin besteht eine gewisse Tragik: man ist gezwungen, die eigenen Werte zu verraten. Und insofern geht eine Generation verloren, die mit ihrer Humanität und ihrer Offenheit aus der Zeit zu fallen beginnt. Die Zeiten, in denen die Welt noch offen stand, sind jedoch offenkundig vorbei, die Globalisierung weicht der Tribalisierung. Vielleicht wächst dann wenigstens das Verständnis dafür, dass wir in Europa alle in einem, demselben Boot sitzen – und es gar keine Alternative zu einer wie auch immer definierten europäischen Gemeinschaft gibt..

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