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Lagarde bleibt dabei – das mit der Inflation, alles nur vorübergehend

Die EZB-Zentrale in Frankfurt

Nicht nur, dass die EZB meint die Inflation zielgerichtet auf genau 2 Prozent steuern zu können (hat seit Jahren nicht funktioniert). Auch ist sie überzeugt davon, dass die derzeitig start steigende Inflation nur ein vorübergehendes Phänomen ist. Diese Argumentation muss man halt öffentlich vertreten, sonst müsste man die Zinsen anheben. Aber hat die EZB recht? Entspannt sich die Lage vielleicht schon ab Januar spürbar?

Die heute vermeldeten Produzentenpreise aus Deutschland mit +18,4 Prozent (höchster Wert seit 70 Jahren) lassen vermuten, dass die Inflation in Deutschland von 4,5 Prozent auf 5,0 Prozent im November ansteigen wird. Und in der Eurozone? Von 4,1 Prozent vielleicht auf 4,5 Prozent? Aber das kümmert die EZB und Madame Lagarde nicht wirklich. Bei einem heutigen Vortrag beim Frankfurt European Banking Congress machte sie wie bereits in den letzten Wochen einmal mehr klar, dass es auf absehbare Zeit keine straffere Geldpolitik der EZB geben wird – also keine steigenden Zinsen!

Laut heutiger Aussage von Christine Lagarde ist es „sehr unwahrscheinlich“, dass die Bedingungen für eine Zinserhöhung im nächsten Jahr erfüllt sind. Also, wie bisher: Frühestens in 2023 könnte man (wenn überhaupt) mal vorsichtig fragen, ob man über steigende Zinsen reden darf? Laut Christine Lagarde wird die Inflation in der Eurozone weitgehend durch die außergewöhnlichen Umstände in die Höhe getrieben, die durch die Pandemie entstanden sind. Daher müsse die Geldpolitik der EZB geduldig und beharrlich bleiben. Man dürfe angesichts „vorübergehender oder angebotsbedingter Inflationsschocks“ nicht vorschnell reagieren. Mit einer strafferen Geldpolitik würde man ihrer Meinung nach Gefahr laufen, in einer Zeit, in der die Kaufkraft bereits durch höhere Energie- und Treibstoffkosten geschmälert wird, einen Aufschwung zu erschweren.

Christine Lagarde sieht die Lage beim Thema Inflation so entspannt, weil sich mehrere Sonderfaktoren im nächsten Jahr wieder abschwächen sollen. Dazu zähle die Erholung der Ölpreise nach dem Corona-Schock, Lieferengpässe, und das Auslaufen des Mehrwertsteuereffekts in Deutschland.



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6 Kommentare

  1. Gut dokumentiert diese Aussagen. Lege sie auf Wiedervorlage für Mitte Juli 22. Schon die co2 Steuer wird die Inflation treiben.. Und und..

  2. Das Problem ist nur, dass die Kosten für das Wohnen aus der Inflationsberechnung komplett heraus gehalten werden. Sie sind aber trotzdem vorhanden und belasten den Familienhaushalt. Aber nur so können fast ungebremst neue Geldscheine gedruckt werden, ohne dass auf einen äquivalenten Warenwert geachtet werden muss, weil für den Kauf dieser Waren nach Abzug der Kosten für das Wohnen sehr viel weniger Geld zur Verfügung steht.

    1. @Christian, wie kommen Sie darauf, dass Kosten fürs Wohnen aus der Inflationsberechnung herausgehalten werden? Das ist völlig unzutreffend!
      Die Warenkorb-Gewichtung von Wohnung inkl. Wasser, Strom und Heizung beträgt durchschnittlich ca. 34,6% und macht somit den Löwenanteil aus (bei der Einkommensgruppe bis 1.300 EUR sind es übrigens 48,2%, bei der über 5.000 EUR 29,3%).

      Wann immer also derzeit Teuerungsraten von 4 bis 5% genannt werden, basieren diese auf dem gesamten Warenkorb und stehen zudem in Relation zum Vorjahresmonat des Ausnahmejahres 2020, in dem coronabedingt durch externe Sondereffekte sogar vorübergehend deflationäre Entwicklungen zu beobachten waren. Beispiel Ölpreis: Der Jahres­durch­schnittspreis für 2020 errechnete sich mit 42,3 USD/Barrel Rohöl, im April 2020 notierte de US Leitsorte WTI sogar im Negativen! Um das richtig einzuordnen: Der Jahresdurchschnitt 2012 lag bei 109,4 USD, derzeit befinden wir uns auf dem Niveau von 2007!

      Daneben gibt es noch die Kerninflationsrate, die ohne Energie und Lebensmittel berechnet wird. Diese liegt in Deutschland aktuell bei 2,9% und im Euroraum bei 2,1%. Auch bei dieser werden Kosten für Kaltmiete und einen Großteil der Nebenkosten (Immobilienversicherung, Müll, Wasser, Abwasser, Schornsteinfeger, Grundsteuer, Verwaltung usw.) berücksichtigt.

      Berechnungen der Teuerungsrate gegenüber 2019, die einen etwas weniger verzerrten und weniger extremen Blick auf die Entwicklung erlauben würden, finden sich leider kaum. Nach offiziellem Verbraucherpreisindex berechnet sich die aktuelle Inflationsrate auf Jahressicht mit 3,1% im Vergleich zu 2020.
      2020 zu 2019 waren es 0,5%.
      2021 zu 2019 also 3,6% = 1,8% p.a.
      Durch weniger Konsum und deflationäre Preisentwicklungen stieg das Sparvermögen der Deutschen im Ausnahmejahr 2020 zudem um fast 400 Milliarden EUR, die Sparquote von 11 auf 16%. Auch das sollte man berücksichtigen, es steht ein gewaltiger Puffer zur Abfederung der momentanen Teuerung zur Verfügung.

      Wie nachhaltig und katastrophal die aktuelle Entwicklung also tatsächlich ist, weiß kein Mensch. Vielleicht sorgen die Covidioten wieder für einen Lockdown und das ganze Spiel beginnt von Neuem. Vielleicht normalisiert sich die Lage im Infektionsgeschehen und bei der Teuerungsrate bis Mitte 2022 auch wieder. Wer kann das heute schon sagen? Wir können nur der Dinge harren, die da kommen. Und zwar entweder gelassen oder aufgeregt mit viel Geheule und Gejammere, je nach Persönlichkeitstypus und individueller Frustbewältigungsstrategie.

      1. Und wo kommen diese angeblichen 34,6% her? Wer legt die fest? Im Jahre 2015 sollen das nur 32,5% gewesen sein. Wie passt das zu den Wohnungspreisen, die sich zum Beispiel in Köln in den letzten fünf Jahren auf derzeit über 5000 Euro pro Quadratmeter fast verdoppelt haben? Haben sich die Einkommen in diesem Zeitraum etwa auch verdoppelt, so dass eine Verdopplung der Preise nur etwa 2,1 Prozentpunkte ausmachen? (Das muss an mir aber vorübergegangen sein!)

      2. @Inflationsgespenst. Klasse Kommentar zur Inflation, der sich wohltuend von dem Geheul unterscheidet, das durch die vielen Schlagzeilen gespeist wird. Hätten die Verbraucher nicht so viel überschüssiges Kapital, käme es gar nicht zu dieser überbordenden Nachfrage, die die Lieferkettenprobleme zum Teil provoziert. Viele wollen hier ganz einfach, dass die Aktienmärkte endlich korrigieren, weil sie bei der Rally außen vor sind.

  3. Die Immobilienmärkte sind sehr durch regionale und nationale Besonderheiten beeinflusst. Z.B. wirkt die restriktive Mietpreisbindung in Deutschland sehr hemmend auf die Inflationsberechnung und schafft so in der Realität extreme Unterschiede.

    Z.B. berechneten deutsche Universitäten aufgrund der Streitigkeiten um die tatsächliche Höhe der Inflation durch den Euro, dass die Inflation auf den verfügbaren Teil des Einkommens, der nicht durch Verträge fixiert ist (Mieten und Versicherungen), etwa 100% Inflation erfährt, wenn er etwa 50% des Einkommens ausmacht.
    In dieser Konstellation wirkt die Einbeziehung der Mieten stabilisierend auf die offiziell Inflationsrate.
    Leider hat derjenige, der zu aktuellen Bedingungen neu mieten muss oder kaufen will, nichts davon. Er muss zahlen, was aktuell am Markt verlangt werden kann, und das ist naturgemäß immer mehr. Nur mal mehr mehr, und mal weniger mehr.

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