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Lieferketten nach Corona: Inflation oder weiter abhängig sein von Asien

Containerschiff als Teil globaler Lieferketten

Die globalen Lieferketten waren durch die Coronakrise unterbrochen, und derzeit sind sie immer noch gestört. Die Nachwirkungen werden noch lange anhalten. Ganz am Anfang der Coronakrise wurde schnell klar, wie abhängig Europa von  einem simplen Produkt wie einer medizinischen Schutzmaske war. Sehr einfach herzustellen, kam sie ausschließlich aus Asien. Dort waren die Masken auch knapp, und als man die Produktion hochfuhr, verlangte man astronomische Preise von den europäischen Abnehmern. Gelöst man hat solche Probleme bis heute nicht wirklich.

Auch die Abhängigkeit bei Medikamenten und zahlreichen anderen Produkten ist hoch. Asien produziert, Europa kauft. Oft hat man in den letzten Monaten aus der deutschen Politik gehört, dass man nach der Krise essenziell wichtige Produkte auch wieder in Europa produzieren müsse, um weniger abhängig zu sein. Ein Masterplan hierfür fehlt nach wie vor. Und abgesehen von staatlichen Planungen stellt sich zukünftig für die hiesigen Unternehmen und Konsumenten die Frage: Entweder wir bleiben weiter abhängig von diesen langen Lieferketten, die bis nach Asien reichen – oder wir akzeptieren Inflation.

Denn wenn man wirklich für zahlreiche wichtige Produkte eine Rückverlagerung nach Deutschland oder vielleicht Osteuropa in Betracht zieht, bedeutet das vor allem höhere Löhne in den Fabriken als in Asien, und damit auch deutlich steigende Produktpreise, die von den Herstellern letztlich an die Verbraucher weitergereicht werden. Damit würde man sich zwar ein Stück weit Unabhängigkeit in Krisenfällen zurückholen – aber man würde dies mit strukturell steigenden Preisen für die Konsumenten bezahlen.

Unternehmen werden Lieferketten nicht in großem Umfang verkürzen

Das ifo-Institut hat zu der Thematik der Lieferketten heute eine Umfrage unter 5.000 Unternehmen veröffentlicht. Wollen sie als Lerneffekt aus der Coronakrise die Lieferketten verkürzen und lieber wieder in Europa produzieren, um bei einer erneuten Krise nicht von asiatischen Zulieferern abhängig zu sein, die im Zweifelsfall zum Beispiel nach Anweisung der KP in Peking die Produkte in China belassen könnten? Das Fazit der ifo-Umfrage: Wenn die Politik nicht drastische Maßnahmen ergreift, wird die deutsche Wirtschaft wohl kaum in großem Umfang Produktion nach Europa zurückholen!

Nur wenige Unternehmen in Deutschland setzen laut ifo-Institut trotz der Corona-Pandemie auf neue nationale Lieferketten und wollen die globale Beschaffung ersetzen. Von 5.000 befragten Unternehmen wolle nur jedes zehnte Unternehmen in Zukunft vermehrt auf heimische Lieferketten setzen. Viele Firmen würden stattdessen planen ihre Lagerhaltung auszubauen und die Anzahl ihrer Zulieferer zu erhöhen.

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Dieser Trend zieht sich laut ifo durch alle Wirtschaftssektoren. Großunternehmen würden auf eine größere Anzahl an Zulieferern setzen, während kleine und mittelständische Unternehmen mehr Lagerhaltung planen. In der Industrie haben laut Umfrage 44 Prozent der Unternehmen vor, ihre Beschaffung zu ändern. Industrieunternehmen geben häufiger an, ihre Beschaffungsstrategie zu verändern, wenn sie von Materialmangel betroffen sind. Beim Großhandel liegt der Wert bei 35 Prozent, im Einzelhandel sind es nur 27 Prozent. Im Dienstleistungssektor planen lediglich 10 Prozent der Unternehmen eine andere Beschaffungsstrategie.

Negative Folgen wie BIP-Schrumpfung und Inflation

Auch sagt ifo, dass die Studie ergeben hat, dass eine Rückverlagerung der Produktion nach Deutschland oder ins nahe gelegene Ausland zu hohen Wohlstandsverlusten führen würde. Bei einer Rückverlagerung könnte die reale Wirtschaftsleistung Deutschlands um fast 10 Prozent zurückgehen. Gleiches gelte für die Rückverlagerung der Produktion in angrenzende europäische Staaten. In diesem Fall würde die deutsche Wirtschaftsleistung laut ifo um 4,2 Prozent sinken.

Damit werde deutlich, dass eine politisch gesteuerte, umfassende Umorganisation der Lieferketten deutscher Unternehmen nicht nur unnötig wäre. Ein solches Reshoring wäre laut ifo darüber hinaus für Wirtschaft und Gesellschaft immens kostenintensiv. Also, so unsere Anmerkung: Die Preise für die Verbraucher würden dadurch nachhaltig ansteigen.

Besonders kleinen und mittleren Unternehmen fällt laut ifo eine stärkere Diversifizierung ihrer Lieferketten oft nicht leicht. Für sie sei es häufig mit verhältnismäßig großem Aufwand verbunden Geschäftsbeziehungen mit mehreren ausländischen Zulieferern aufzubauen und zu koordinieren. Eine mittelstandsfreundlichere Ausgestaltung von Handelsabkommen könne aber einen wichtigen Beitrag zu robusteren Lieferketten leisten. Eine Vereinfachung und Harmonisierung von Ursprungsregeln würde laut ifo beispielsweise kleinen und mittleren Unternehmen die Nutzung von Freihandelsabkommen deutlich erleichtern und auf diese Weise neue Möglichkeiten zur Diversifizierung eröffnen.



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