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Robinhood: Gibt es nur einen Schuldigen für die Turbulenzen?

Die Nachrichten sind voll von Erklärungsversuchen, was da in den USA mit Neobrokern wie Robinhood abgelaufen ist. Die wirkliche Ursache ist: billiges Geld!

Die Nachrichten sind voll von Erklärungsversuchen, was da in den USA mit Neobrokern wie Robinhood abgelaufen ist:Wie es sein kann, dass eine Aktie wie GameStop, die fundamental in echten Schwierigkeiten steckt, in wenigen Tagen um 1700 Prozent zulegen kann? Dass damit Neobroker wie Robinhood und zugleich Hedgefonds in Schwierigkeiten kommen und mit Kapitalspritzen vor dem Zusammenbruch gerettet werden müssen? Es ist hoch emotional geworden – und man schiebt die Schuld locker auf eine Gruppe, im scheinbaren Kampf der Kleinen gegen die Großen. So einfach ist das Ganze aber nicht, es gibt eine Reihe von Ursachen, die wie immer zu Tage treten, wenn in einer Börsenphase die vorhandene Gier Überhand nimmt.

Neobroker wie Robinhood und das Versagen der Regulation

Während der Finanzkrise 2008 hatte die amerikanische Börsenaufsicht SEC die Regularien verschärft, um künftige Exzesse zu vermeiden. So wurde die Möglichkeit eines „Naked Short“ beschnitten, also der Verkauf eines Wertpapiers, ohne diesen zu erwerben.

Die Definition dieses umstrittenen Börsengeschäfts stellt Wikipedia so dar:

Nackter Leerverkauf ist die Praxis des Leerverkaufs eines handelbaren Vermögenswerts jeglicher Art, ohne zuvor das Wertpapier auszuleihen oder sicherzustellen, dass das Wertpapier ausgeliehen werden kann, wie dies üblicherweise bei einem Leerverkauf der Fall ist. Wenn der Verkäufer die Aktien nicht innerhalb des erforderlichen Zeitrahmens erhält, wird das Ergebnis als „Nichtlieferung “ („FTD“) bezeichnet. Die Transaktion bleibt in der Regel offen, bis die Aktien vom Verkäufer erworben werden oder der Broker des Verkäufers den Handel abwickelt.

Eine ganz schwammige rechtliche Angelegenheit, denn diese Praktiken sind per se nicht illegal, weil es Ausnahmen gibt. Mit fatalen Folgen, wie eine Übersicht von Bespoke über die Shortquote bei bestimmten Aktien zeigt.

Wie sollen Hedgefonds aus dieser Zwickmühle ohne heftigste Verluste wieder herauskommen, zumal sich die ganze Konkurrenz der Notlage der einzelnen Fonds bewusst ist und „draufhaut“. Die aktuelle Lage lautet bei der am meisten leerverkauften Aktie, GameStop, laut S3 Partners: 113 Prozent zum Free Float.

Eine ungewöhnliche Lage, die sich in der Performance-Übersicht, der „Most Shorted Stocks“ widerspiegelt.

Robinhood - und die meist geshorteten Aktien

Eine Pervertierung des Börsenhandels, wenn plötzlich geshortete Aktien, die sich zumeist in schlechter wirtschaftlicher Lage befinden, plötzlich besser laufen, als die Qualitätsaktien mit Gewinnen.

Die Generation RobinHood

So löblich eigentlich das Interesse von jungen Menschen ist, sich mit dem Instrument Aktienanlage zu beschäftigen ist, so gefährlich hat sich das Angebot von Robinhood und anderer Neobroker entwickelt, den Handel mit Aktien und Optionen ohne spürbare Gebühren zu erlauben. Ohne Mindestanlagesummen, ohne Prüfung der Erfahrung von Anlageerfahrungen, die in Risikoklassen einstuft, wie bei uns üblich.

Wenn man nach Eröffnung eines Depots einem Anleger bereits einen Wertpapierkredit einräumt, ohne dass dieser überhaupt erst Geld auf das neue Konto überwiesen hat. Auch wenn es bei den neuen Anlegern sehr intelligente und schnell lernende Börsianer gibt, die als Informatikstudenten blitzschnell das Delta oder Gamma im Optionsgeschäft verstehen und damit die Notlage der Market Maker geoutet haben: wenn es zu einem Gamma Squeeze kommt, gibt es bei vielen überhaupt kein Verständnis zwischen der Gesetzmäßigkeit von Rendite und Risiko. Wie es auch bei vielen von uns, vor Jahrzehnten gewesen ist, allerdings nicht zu diesen Konditionen, die es im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gibt. Ein Extremfall ist die Geschichte eines jungen Kunden von Robinhood in der letzten Woche:

Ein 22-jähriger RobinHooder riskierte eine Hypothek seiner Eltern mit Trades bei GameStop, nach dem App-Motto: „Du lebst nur einmal!“

Der junge Anleger Jack West ging Mitte der letzten Woche in die Vollen, als er eine zweite Hypothek von seinen Eltern aufnahm, um in Aktien von GameStop und AMC zu investieren. Am nächsten Tag verlor der 22-Jährige aus Indiana fast alles, nachdem Robinhood seine Handels-App mit dem Schlagwort „Demokratisierung der Finanzen“ den Handel eingestellt hatte. Seine Absicht war es, wie in einem Interview mit der Washington Post dargestellt, „im Moment zu leben“ und sich gegen das Wall Street-Establishment zu stellen. Hierzu hatte er eine zweite Hypothek im Namen seiner Eltern aufgenommen, die davon keine Ahnung hatten. Über 70.000 Dollar und möglich war dies, weil er am Montag bei der Heimatbank seiner Eltern per Zoomanruf, ohne Kamera, an das Geld herankam. Was für Vorschriften in der US-Bankenlandschaft!

Der Rest ist bekannt: GameStop stieg auf 530 Dollar und fiel am Donnerstag auf 238 Dollar, nachdem Robinhood, Ameritrade und andere den Handel eingestellt hatten. Seine Reaktion war trotzig und von wenig Einsicht geprägt: „Leider können wir heute wieder sehen, dass der freie Markt nicht frei ist, und unsere Wirtschaft dreht sich wieder einmal darum, die Reichen zu retten…..Ich denke, dies ist ein monumentaler Tag in der Handelsbranche, um zu zeigen, dass sich die moderne Wirtschaftstheorie in Bezug auf alles als falsch erwiesen hat. Robinhood war eine seriöse App (seit heute Morgen nicht mehr). Dies sind die Konsequenzen einer Investition in Aktien, die nicht ihrem wahren Wert entsprechen.“

Wie entartet sich dieser kostenlose Aktienhandel entwickelt hat, zeigt eine weitere Verfahrensweise: Die so preisgünstigen Neobroker wie Robinhood verdienen ihr Geld mit dem Verkauf der Orderdaten an institutionelle Investoren (Beispiel Hedgefonds Citadel). Damit haben die großen Investoren einen Zeit- und Wissensvorsprung vor der tatsächlichen Abwicklung einer Order und können davon profitieren. Hinweise darauf geben Handelsvolumina, die nicht von den Kleinen stammen können.

Schaut man sich die letzten Handelsvolumina an, drängt sich der Eindruck auf, dass eben dies stattgefunden haben könnte. Dazu passt die Meldung, dass der Milliardär Chamath Palihapitiya erst am Dienstag 50.000 Call-Optionen bei GameStop gekauft hat. Der Vorwurf der Vernetzung zwischen Politik und Schattenwirtschaft ist nicht von der Hand zu weisen, denn ausgerechnet Fed-Chef Ben Bernanke hat nach seinem Ausscheiden bei der Notenbank im Jahr 2014 einen Beraterposten bei dem Hedgefonds Citatel LLL angenommen. Und wo war der neue Chef der US-Börsenaufsicht, Gary Hensler, 20 Jahre lang beschäftigt? Bei Goldman Sachs.

Fazit

Obwohl hier das Thema Börsenhandel und Regulation nur angerissen wurde – welches noch viel komplexer ist, als dargestellt – sieht man dennoch, wohin es führt, wenn man mit billigem Geld (sowohl bei Hedgefonds als auch bei Kleinanlegern) das große Casino öffnet. Das Ganze könnte künftig aber auch zu nachteiligen Effekten führen – zu einem Überschießen der Regulation in Teilbereichen, immer wenn die Politik in die Wirtschaft eingreift. Und zu einer weiteren Skepsis gegenüber der „normalen“ Aktienanlage als Beteiligung an einer Volkswirtschaft und der Notwendigkeit für das Alter langfristig vorzusorgen. Speziell im Land der Sparbücher. Der Aktienmarkt wird die Spekulationsexzesse überleben, die Depots vieler Spieler jedoch wahrscheinlich nicht. Und vielleicht auch nicht Neobroker wie Robinhood..

Neobroker wie Robinhood geraten in Turbulenzen



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3 Kommentare

  1. Jeder Versuch die jungen Trader nun als Ursache von Marktungereimtheiten und Proplemen orten zu wollen läuft schief. Denn die eigentliche Ursachen sind immer Luftnummern von Händlern und Banken. Alleine die Luftnummer der Notenbanker wird uns eines Tages mit riesigen Folgen um die Ohren fliegen. Wichtig wären Gesetze, dass die eingeschlichenen Luftnummern verboten werden, insbesondere sollte nur noch durch echte Werte gedecktes Geld auch als Zahlungsmittel zugelassen werden.

  2. „Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen“

    Ich mag dieses Zitat sehr, denn ich finde es passt auch zu dieser Situation sehr gut. Aber nun ist es das erste Mal, dass die untere Klasse prinzipiell die Möglichkeit hat mit denselben Waffen zu kämpfen.

    Wäre Melvin Capital erfolgreich und würde das kranke Unternehmen Gamestop aus der Herde entfernen, wäre es in den Medien nicht einmal eine Randnotiz. Jetzt aller-dings, wo ein vielleicht noch größerer Jäger, den völlig verantwortungslos agierenden Hedge Funds angreift, schlägt das Wording plötzlich auf:

    – System könnte instabil werden
    – Fear & Greed Index stürzt ab – kurz von Panik
    – – 2 % aufgrund nicht kalkulierbarer Risiken im Markt
    – Jimi Kimmel vermutet die Russen hinter r/wallstreetbets
    – Sperre von Facebookgruppen/Discordservern/Twittersperren
    – Einschränkung von Handelsmöglichkeiten/Sperren etc.
    – Geschichten von Leuten die alles verlieren. (Man könnte auch hier die Ge-schichten anführen, wo sehr sehr viele Leute derzeit auf riesigen (Buch)Gewinnen sitzen. Das Forum ist voll davon.)

    Ich glaube viele verstehen den eigentlichen Sinn dieser Bewegung nicht. Es geht nicht um Gewinne. Im Forum wird immer propagiert, sie halten die Aktien bis zum Totalverlust und „Gewinn“ steht nur auf Platz 2 der Ziele. In erster Line geht um das völlig verkorkste System an sich. Wie ist es möglich 140 % vom Freefloat zu shorten?

    Ich glaube es handelt sich in erster Linie um Systemkritik:
    Big Money hat gemeinsam mit der Politik ein in sich geschlossenes System erschaffen wo die Akteure zwischen den Branchen wechseln und den einzigen Sinn hat Geld von unten nach oben zu hieven. Beispiele gefällig? Hr. Junker, siehe Luxleaks und Schaffung einer „Steueroase“, Hr. Baroso, nach der Politik bei Goldman als Berater, Hr. Biden – Gouvernour von Delaware, Cum-Ex – was wurde daraus? Unsere devote Fr. Lagarde als Chefin der EZB? Hr. Braun (kein Kommentar) / Hr. Benko, hat gerade eine halbe Mrd. Staatshilfe für Karstadt erhalten, nachdem er sich letztes Jahr noch eine Sonderdividende gegönnt hat und beste Freunde von Herrn Bundeskanzler Kurz in Österreich sind. Hr. Merz von Blackrock als Kanzlerkandidat. Und das sind nur Beispiele aus dem deutschsprachigen/EU Raum.

    Ich glaube „die Kleinen“ verstehen hier sehr wohl was grundsätzlich passiert und wer die Kosten für all das zu tragen hat. Ein System, dass völlig an der breiten Masse vorbei agiert. Nur Ware zu seine – siehe Geschäftsmodell Facebook.

    Und jetzt wo sich plötzlich eine Horde Apes (wie sie sich nennen) zusammentun um nur gegen ein! kleines Zahnrädchen (Melvin) wendet ist der Aufschrei riesengroß.

    Aus Sicht eines Zwanzigjährigen, der vielleicht mit hohen Immopreisen, schlechter/teurer Schulbildung, schlechten Sozialsystemen, wenig Perspektive etc. hat, finde ich (Boomer) diese Kritik auch völlig berechtigt!

  3. @OK Boomer, es ist nichts Neues und Überraschendes, dass Menschen und Individuen mit eigenen, innovativen und auf die Zukunft abzielenden Ideen, Methoden und Strategien, mit durchaus berechtigten kritischen Ansichten zum Status Quo, von konservativen, denkfaulen und etwas schwerfälligen, unflexiblen Kreisen (bzw. Greisen) so bauernschlau-herablassend, wie primitiv-naiv vereinfachend in eine lindgrün-verschimmelte Kulturmarxisten-Schublade der Kategorie Y klassifiziert werden.

    Oder aktuell und hochmodern in die Kategorie „Hobby-Zocker und Flash-Mob“ aus der Generation Z, in die vermutlich auch die aktuellen Klassenfeindbilder 2019 der Kategorie FFF fallen. (Ich persönlich bin übrigens gespannt, was nach Z noch so alles folgen wird Ä, Ö, Ü ;) ) Unabhängig von Buchstaben, Klassifikationen und Schimpfworten emotional hochkochender Rating-Agenten ist die Welt doch nach wie vor nur tägliche Routine, alt, konservativ, fast biblisch langweilig, unbeweglich. Im alternativen, frei-libertäten Social-Media-Meinstream (oder heißt es Mainstream) heiß kochend und doch nicht verzehrbar serviert.

    Nutzt einfach all die Möglichkeiten der Kommunikation, bis hin zum Börsenwahnsinn, die euch heute zur Verfügung stehen. Aber missbraucht sie nicht. Passt persönlich und individuell auf, dass ihr im Haifischbecken neben vielen Piranhas und Barrakudas als Schwarmintelligenz nicht unter- oder pleitegeht. Zockt nur mit dem, was ihr auch leisten könnt. Hinterfragt und fordert gleichzeitig und unablässig die libertär-konservativen Denk-Pensionäre aus Wirtschaft und Politik mit all den Mitteln und mit all den Themen, die neben der korrupten und abgehobenen Börse gleichwertig und ständig zur Debatte stehen. Fordert unablässig, hör- und spürbar die alten konservativen Säcke in ihrem stagnierenden Denken. Lasst nicht locker bei den Themen Klima, Gleichberechtigung, Vielfalt, bei Lobbyismus, freibeuterischer Wirtschaft und Korruption.

    Aber verzichtet auf Begriffe wie Klassenkrieg oder Klassenkampf. Lasst euch davon nicht provozieren, geschweige denn inspirieren. Damit spielt ihr bestenfalls der Parallelwelt aufgeblasener und verschnupfter Börsenclowns oder niveaulos, dafür umso teurer gekleideter Möchtegern-Aristokraten in die Karten, die sich seit Jahrzehnten an diesen Kampfbegriffen laben. Saugt ihnen einfach weiterhin das unfundierte Lügen-Mark durch Hinterfragen aus den Knochen, konfrontiert sie mit wissenschaftlichen Fakten, bis ihnen die paar Börsen-Binsen-Wirtschaftsweisheiten um die Ohren fliegen.

    Fakten und Wahrheiten, Nachprüfbarkeit, Neutralität, Information und Öffentlichkeit sind die Waffen, die immer scharf sind.

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