Folgen Sie uns
  • Club der Trader
  • Börsenseminar
  • marketsx

Indizes

Steht Europa vor japanischen Verhältnissen? Ein Vergleich nach der gestrigen Zinsentscheidung der EZB

Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den Entwicklungen in der EU und Japan..

Veröffentlicht

am

Zehn Jahre nach der Finanzkrise und dem Kurstief an vielen Aktienbörsen sah EZB-Chef am Mittwoch mehr Risiken für die europäische Wirtschaft als in vielen Jahren zuvor. Die Aktienkurse (z.B. der Dax) haben sich zwar verdreifacht, die Zinsen stehen aber immer noch auf absolutem Krisenniveau, es gilt immer noch Draghis „Whatever it takes“. Bekommen wir damit japanische Verhältnisse? Auch wenn es große Unterschiede in vielerlei Hinsicht gibt, zeigen sich doch einige Parallelen.

 

Wachstum, Inflation, Zinsen

Japans Wirtschaft wuchs im Jahr 2018 um 0,7%, Europa ist nach dem bisherigen Jahresverlauf auf dem besten Weg dorthin. Der Einlagesatz für die Banken liegt unverändert bei -0,1%, mit Freibeträgen, und damit ist Mario Draghi sogar noch unbarmherziger zu den Geldhäusern als die Japaner. Der Leitzins der BoJ steht seit drei Jahren unverändert bei -0,1%, nachdem er vorher acht Jahre lang bei +0.1% dahinvegetierte. Eine starke Ähnlichkeit mit Europa. Die japanische Inflationsrate senkte sich nach 1% im Gesamtjahr 2018 auf zuletzt 0,7%. Genau wie bei der EZB liegt das „inflation target“ aber bei 2%. Soviel zu den bisherigen Gemeinsamkeiten.

 

Schuldenlast und Notmaßnahmen der BoJ ängstigen

Während in Europa der Schuldenstand (EU 28) im Vergleich zum BIP bei 80% liegt, trotz der stark verschuldeten Südländer Griechenland, Italien und Portugal, bewegt sich diese Rate in Japan seit geraumer Zeit bei atemberaubenden 238%. Die Schulden befinden sich zwar in heimischen Händen, aber allein die Notenbank hat hiervon 40% der Anleihen in ihren Büchern. Aber nicht genug der Staatsfinanzierung. Mit der bewilligten Summe von 630 Milliarden Euro jährlich steuert die Zentralbank die Zinskurve, bei der die 10-jährige Staatsanleihe bei 0,0 Prozent gehalten werden soll.

Nicht zuletzt kauft die Notenbank auch japanische Aktien-ETFs. Hierfür stehen jährlich 6 Billionen Yen bzw. 46 Milliarden Euro zur Verfügung. Damit hat die Bilanzsumme der BoJ inzwischen den Wert des nominalen japanischen Bruttoinlandsprodukt erreicht – in etwa 4,4 Billionen Euro.

Hoffentlich denkt Mario Draghi mit seinen zur Verfügung stehenden „Instrumenten“ nicht an derartige Dinge.

Das war ein kurzer Blick, isoliert auf die Finanzpolitik Japans, mit einigen Parallelen zu unserer Eurozone.

 

Fazit

Es bleibt zu hoffen, dass das bevölkerungsjüngere Europa nicht den Weg Japans einschlägt. Nicht nur, dass den Sparern dann die Phase einer ganzen Generation an Nullzinsen für ihre Spareinlagen bevorstünde, auch die Aktien-Performance wäre kein Szenario, welches irgendwelche Vorteile haben würde.

Der Nikkei 225 stand am 29.12.1989 bei 38915 Punkten und gestern nach gut 29 Jahren bei 21600 Punkten.

Aber: Vorausgegangen war in Japan eine bisher einmalige Immobilienbubble – die Immobilien in Japan wurden 1989 mit dem 4-fachen Wert des gesamten US-Marktes bepreist und dieser ist und war eine ganze Ecke größer. Allein um die Bewertung des Kaiserpalastes in Tokyo kursieren Legenden. Es war eine Bubble in historischen Dimensionen und das ist vielleicht der Trost für die Anleger im Noch-Draghi-Land.

 

Kaiser Akihito und Kaiserin Michiko

Von State Department photo by William Ng / Public domainEast Asia and Pacific Media Hub – President Obama at the Welcome Ceremony in Japan | Flickr – Photo Sharing!, Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=32359800

8 Kommentare

8 Comments

  1. BrettonWood

    11. April 2019 09:51 at 09:51

    Ist dem wirklich so? Ausgehend von der Bevölkerung welche etwa 2.5 mal kleiner ist als in den USA wäre der Immobilienmarkt also 8-9x über seinem Tasächlichen Wert gehandelt worden, unter der Voraussetzung das der Amerikanische Immobilienmarkt „fair“ also weder unter noch Überbewertet war zum Vergleichszeitpunkt.

    Ich glaube eines der grössten Probleme heute ist das ein Spiegel fehlt, da alle Schulden machen, würde man zB man Annehmen die schweizer hätten da nicht mitgemacht wo würde wohl der Euro Bzw der Dollar heute stehen zum Franken…..Was hätte das wohl für einen Einfluss auf Immobilienpreise und wie sind unsere Märkte den heute überhaupt Bewertet….günstig wohl au h nicht gerade…

  2. Dr. Helmut Becker

    11. April 2019 10:13 at 10:13

    Lieber Herr Mueller, es lebt sich in Japan (ich wohne auf dem Land) fuer die Bewohner vor allem deshalb vorzueglich, weil die Gesellschaft nicht auf „Experimente“ wie in Deutschland
    abgerichtet ist und „Greta“ kein Mensch kennt. Ohne Frage tuermen sich riesige Probleme auf.
    Aber warum wird der Yen bei jeder internationalen Krise fester? Sie kennen doch die Antwort.
    Wenn nicht, dann verbreiten Sie bitte nicht Ihre Halbwahrheiten auf diesem Forum.
    Mit besten Gruessen aus Japan, Helmut Becker

  3. Wolfgang M.

    11. April 2019 10:41 at 10:41

    Hallo Herr Dr. Becker.
    Habe ich behauptet, dass es sich in Japan nicht gut leben lässt? Ich habe nur auf den Kampf von Regierung und Notenbank hingewiesen, gegen Deflation und für Wachstum, unter Inkaufnahme gigantischer Staatsverschuldung. Also rein auf finanzpolitische Aspekte mit den ungewissen Folgen. Wieso sind die Zahlen über Wachstum, Zinsen und Staatsschulden Halbwahrheiten? Und glauben Sie, dass die Umweltproblematik für Japan sekundär ist?
    Viele Grüße

  4. Marko

    11. April 2019 11:22 at 11:22

    Hallo Herr Müller,

    eins sollte schon gesagt sein : die EU, der EUR, die EZB wird, bei allem nötigen Respekt, unterschätzt.

    Klar war doch damals schon , dass für den EUR, die DM bzw. die Bundesbank in ihrer Politik das große Vorbild war und ist.

    Na klar kommen die Briten mit ihrer Brexit-Muppet-Show an, aber : sein wir doch mal ehrlich, was würde den Briten sogar ein „geregelter“ Brexit in unserer globalisierten Welt eigentlich „bringen“ : gar nix ?!?

    GB wäre dann ein Drittstaat, bei den EFTA-Staaten haben sie auch schon „gebettelt“, die EFTA-Statten sagten „NEIN“, weil mit der EU/Europa gäbe es dann früher oder später, sowieso „Stress“.

    So, Europa handelt eher rational, d.h. nicht Aktienmarkt-orientiert, unsere Banken zahlen an die EZB Negativ-Zinsen.

    Was doch klar sein sollte, die Amis sind da etwas „anders“, aber : Es kann und darf nicht sein, dass diese Schere zwischen den manipulierten Anleihemärkten und den Aktienmärkten da ist !

    Und da sind die südeuropäischen EU/EUR–Mitglieder wohl die Verlierer.

    Weil, diese Nullzinspolitik, hat mit der Konjunktur „NULL“ zu tun, NULL !

    Nach über 10 Jahren nach Lehman, muss die EZB reagieren, natürlich gemäßigt.

    Also : das Übliche : 0,25 % pro Quartal nach oben, mit den Zinsen.

    Deshalb, gerade wegen ihrer sehr defensiven Notenbankpolitik ist die EZB die mächtigste Notenbank der Welt.

    Und die FED musste auf die „Bremse treten“, weil die EZB „nix macht“.

    Solange die EZB „nix macht“, wird der Aktienmarkt, so gesehen, gar keinen 1929-was-weiß-ich-Crash sehen können ? Weil so was unlogisch ist.

    Diese Nullzinspolitik, von beiden Banken, war eine Reaktion auf das Lehman-Desaster. Sollte es zu einem Aktiencrash kommen, dann belasten die Banken Eurer Girokonto so um die MINUS 1-5 % ? Den Bufu locker auf über 200 Punkte, oder sogar 300 Punkte ?
    Das würden die Menschen mitmachen ?
    Dann hebe ich meine ganze „Kohle“ ab – „Bargeld lacht“, so einfach ist das.

    Das würde, so gesehen, das Ende der Finanzmarktwelt bedeuten ?

    Macht das aus der FinazmarktWelt-Sicht Sinn? Ich denke, eher nicht. Und die EZB spielt definitiv in einer anderen Liga als der 08/15 -YEN und von einer Immobilien-Blase ist in Europa, jedenfalls im Vergleich zu japanischen Verhältnissen nichts zu sehen.

    Wie gesagt, die Zinsen müssen rauf, damit Ihr, liebe Bären, eine realistische Chance auf irgendeinen Aktien-„Crash“ habt…

    Abwarten, und britischen Tee trinken… 😀

  5. Notenbank- Ungläubiger

    11. April 2019 11:57 at 11:57

    Nur keine Panik Herr Becker, es haben doch Beide Recht.
    Einige Bemerkungen meinerseits:
    – Ja die Greta kennt man wohl nicht, aber die Leute laufen in Tokio mit Mundmasken herum.
    – Der Yen ist neben dem Matterhorn Franken die beste Währung weil die Verschuldung im eigenen Land ist, d.h. Nettoverschuldung = Null
    – Das Beispiel Japan ,wie es Wolfgang M. immer wieder bringt sollte man allen Permabullen u. Notenbankgläubigern täglich einhämmern, als Beweis, dass jeder Boom, vor allem wenn er künstlich gepusht wird einmal endet, u. je grösser die Übertreibung desto grösser der Fall. ( Nikkei Fall über 80%)
    – Anderseits sind die Japaner realistischer u.haben nach dem Atom – Unfall nicht mit einem Schnellschuss die Energiewende ausgerufen wie andere Länder ,ohne Alternativen bereit zu haben. Das eigentliche Problem war ja der Tsunami mit den zu nahe am Meer gelegenen Atomkraftwerken.

    • BrettonWood

      11. April 2019 12:04 at 12:04

      Das ist Ansichtsache ob die Schulden bei Matterhorn Franken wirklich im Inland sind, der Grossteil ist in Fremdwährungen und zusätzlich im Aktien und Anleihemarkt. Die Nationalbank der Schweoz hat mehr Facebook Aktien als Mark Zuckerberg….

      Natürlich werden die Entsprechenden Schuldtitel gehalten weder das Geld ist aber im Inland noch in der eigenen Währung….

      Die Nettoverschuldung ist daher abhängig von der Kursentwicklung und als solch grosse Eigner kann man gar ni ht mehr deinvestieren ohne das es zu erhebmichen Bewegungen kommt….die Nettoverschuldung mit 0 zu bezeichnen ist daher gewagt…

  6. frank

    11. April 2019 13:08 at 13:08

    was wäre an den japanischen Verhältnissen denn so schlimm? Japan ist eines der wohlhabendsten Länder der Welt und hat in allen Bereichen Stabilität. Es ist das Land mit der geringsten Armut, einem Wohlstand für alle und geringen sozialen Spannungen. Seit 40 Jahren wird vor „Japanischen Verhältnissen“ gewarnt, gefährlich seien vor allem die hohe Staatsverschuldung und die niedrigen Zinsen, aber Japan fährt genau mit diesem Modell hervorragend seit 40 Jahren. Deshalb sage ich Japanische Verhältnisse – ja bitte!

  7. Dünnfisch

    11. April 2019 13:30 at 13:30

    @Bretton-.Wood, Sie haben Recht ,ich habe schon mehrmals darauf hingewiesen, dass die MatterhornNotenbank ein riesiges Risiko hat als stark gehobelter Anleger. Die These von vielen Gurus, dass man eine Baisse einfach ausstehen soll, geht bei selbstgedrucktem Geld nicht. Das Team ist bei wichtigen Entscheiden rund um die Uhr präsent um die Buchgewinne zu schützen.Entweder sie müssen absichern oder verkaufen, denn nur schon ein Börsenfall von 20 bis 30% würde das ganze Eigenkapital vernichten. Gemäss Zeitungsberichten hatte die SNB immerhin ein gutes Näschen u.hat im August 2018 einen Teil FANG Aktien glattgestellt. Ob dieser Dickfisch sogar einer der Gründe für die spätere Korrektur war, ist nicht auszuschliessen. Immerhin ist der Vorgänger des SNB Chefs nun in führender Position bei den Bläckröcklern. Könnte ja sein ,dass die DICKFISCHE neben dem Golfspielen hie u.da Zeit haben um Strategien auszuhecken.

Hinterlassen Sie eine Antwort

Ihre E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

ACHTUNG: Wenn Sie den Kommentar abschicken stimmen Sie der Speicherung Ihrer Daten zur Verwendung der Kommentarfunktion zu.
Weitere Information finden Sie in unserer Zur Datenschutzerklärung

Indizes

Rüdiger Born: Konflikt im Nahen Osten bewegt den Markt

Veröffentlicht

am

Gibt es Krieg im Nahen Osten? Auch für China könnte ein Krieg gegen den Iran Auswirkungen haben. Der Ölmarkt ist im Augenblick voll im Fokus des Gesamtmarkts. Gold ist heute mein „Trade des Tages“. Bitte melden Sie sich hier an, wenn Sie täglich meine Analysen kostenfrei lesen möchten.

weiterlesen

Indizes

Ölpreis steigt weiter – aktueller Stand im Saudi-Iran-Konflikt

Veröffentlicht

am

Der Ölpreis steigt seit gestern Mittag bis jetzt wieder um mehr als 3 Dollar an. Der folgende Chart zeigt die aktuelle Lage sehr gut. Man sieht das riesige Gap, welches übers Wochenende entstand durch den Angriff auf saudische Öl-Quellen, welcher einen Fördermengen-Ausfall von 5,7 Millionen Barrels pro Tag verursachte – mehr als die Hälfte der saudischen Förderung! WTI-Öl schoss in der Nacht von Sonntag auf Montag von 55 nach oben auf knapp über 63 Dollar.

Ölpreis WTI seit letztem Mittwoch

Ölpreis im Aufwärtsmodus

Ganz aktuell befindet sich der Markt im Aufwärtsmodus. Nachdem nach den Gewinnen gestern früh Gewinnmitnahmen einsetzten, die den WTI-Ölpreis bis auf 58,80 Dollar fallen ließen, ist die Tendenz seit gestern Mittag eindeutig positiv. Zwar hat er das Hoch von gestern früh bei knapp über 63 Dollar noch nicht überschritten, aber man ist aktuell nur noch 80 Cents davon entfernt. Aktuell ist dieses Hoch wichtig. Überschreitet er es, ist der Weg nach oben weiter frei. Aber natürlich sollte man erwähnen, dass Charttechnik bei dieser aktuellen geopolitischen Lage eher zweitrangig ist!

Gesponserter Inhalt

Wollen Sie aktiv Devisen oder Rohstoffe handeln? markets.com bietet ein besonders hochwertiges Trading-Tool für Sie! Je enger die Spreads sind, also je geringer der Abstand zwischen Kauf- und Verkaufskurs, desto schneller kommen Sie bei einem positiven Trade in die Gewinnzone. Sichern Sie sich für bestimmte Märkte besonders günstige Sonderkonditionen für ihren aktiven Börsenhandel, in dem Sie genau an dieser Stelle klicken. Eröffnen Sie hier ein Konto und starten Sie Ihr Trading. Viel Erfolg!

Wichtiger ist die Kriegsgefahr zwischen Saudi-Arabien, dem Iran und den USA. Entscheidend ist, ob Saudi-Arabien bereit ist direkt gegen den Iran aktiv zu werden. Oder wird man, obwohl aktuelle Aussagen den Iran beschuldigen, massiv die Huthis im Jemen angreifen, zusammen mit den USA? Sozusagen als Ausweich-Vergeltung, weil man keinen großen Krieg gegen den Iran führen möchte? Die ganze Region hängt in der Schwebe. Was werden die Saudis tun?

Ölmarkt nervös

Saudi-Aramco sagte am Samstag man werde binnen 48 Stunden einen neuen Zwischenstand zu den Reparaturarbeiten veröffentlichen. Nun, das wäre dann eigentlich gestern gewesen. Aber bis jetzt gibt es noch keine neue offizielle Info des saudischen Öl-Konzerns, der für 100% der saudischen Ölförderung steht. Diese Zurückhaltung bei neuen Äußerungen deutet der Markt derzeit offenbar so, dass die Probleme bei den Reparaturarbeiten wohl doch komplizierter sind. Und laut aktuellen Meldungen haben die Saudis eine Öl-Reserve für den Export für einen Zeitraum von 26 Tagen – und die Nachbarn haben offenbar keine umfangreichen Möglichkeiten um die Angebotslücke der Saudis aufzufangen. Aus Japan hört man heute, dass man dortige Öl-Reserven anzapfen könnte. Donald Trump hatte sich unlängst schon geäußert, dass die USA dazu auch bereit seien. Dem Markt scheint das jedenfalls nicht zu reichen als Beruhigungspille, und über Nacht setzt sich der Aufwärtstrend im Ölpreis bis jetzt vorsichtig fort.

weiterlesen

Indizes

Zinsen – warum Senkungen nicht mehr wirken

Veröffentlicht

am

Es ist derzeit eines der Hauptthemen in den Wirtschaftsmedien: die nicht mehr vorhandenen Zinsen beziehungsweise die Nullzinspolitik der Europäischen Zentralbank und ihre fatale Wirkung auf Sparer und Vorsorgesysteme. An dieser Stelle möchte ich noch mal einen Blick darauf werfen, warum es so deutlich wird, dass Senkungen der Zinsen ab einer gewissen Höhe keine Wirkung mehr entfalten können.

 

Die Notenbanken als Retter in der Not durch Senkung der Zinsen

Die Zentralbanken dieser Welt haben nach der Finanzkrise von 2009 mit ihren Zinssenkungen und den großen Kaufprogrammen dafür gesorgt, dass die Wirtschaft wieder in die Schwung kam, aber in Wirklichkeit war es auch ein richtiges Bankenrettungsprogramm.

Klar profitierten auch Bürger und damit Konsumenten von den niedrigen Zinsen: durch die Verbilligung der Kredite, aber auch, falls man dort investiert war, von der großen Hausse an den Aktienmärkten sowie an den Rentenmärkten, die bei den fallenden Renditen große Kurssteigerungen seit dieser Zeit aufweisen können.

 

Senkungen der Zinsen laufen ins Leere

Wirtschaft hängt im großen Maße von der psychologischen Verfasstheit der handelnden Akteure ab, von deren Hoffnungen, aber auch von deren Ängsten.

So hatten die Rettungsaktionen („Ihre Bankeinlagen sind sicher.“) von Staat und Notenbanken der taumelnden Weltwirtschaft zu einem neuen Aufschwung verholfen – allerdings begleitet von großen Schulden der Staaten, aber auch von Unternehmen und Konsumenten, die das billige Geld weidlich ausnutzten.

Seit 2016, als EZB Chef Mario Draghi die Leitzinsen auf null Prozent gesenkt und Anleihen in Höhe von mittlerweile 4,7 Billionen Euro aufgekauft hat, werden die konjunkturellen Auswirkungen dieses „Notprogramms“ aber immer geringer (siehe dazu auch „EZB – Bazooka ist nur eine Konfettikanone“). Langsam aber sicher werden die Kehrseiten dieser Politik immer deutlicher sichtbar. Damit gilt schon seit längerer Zeit das Gesetz des abnehmenden Grenzertrags.

Die große Idee der Notenbank war, dass Konsumenten die Kreditzinsersparnisse für den Konsum nutzen, die Unternehmer für Investitionen und die Staaten für die Rückführung der ausgeuferten Staatsschulden. Das Ganze hat aber nicht so funktioniert wie in der Planung, die Schuldenreduzierung flacht ab, das Investieren hält sich in Grenzen und die Sparer (vor allem die Deutschen) verhalten sich erst recht systemwidrig im Sinne der Notenbank. Das System der finanziellen Repression, also des Abbaus von Staatschulden auf Kosten des Sparers, hat eigentlich nur in Deutschland so richtig funktioniert – aber dafür sinkt auch dort das Wachstum besonders stark.

 

Rückgriff auf alte Instrumente

Obwohl diese Rezepte also nicht die gewünschte Wirkung gezeigt haben und das Wachstum deutlich nachgelassen hat, greift die EZB zu den alten Werkzeugen: Weitere Zinssenkungen und „scheinbar unbegrenzte“ Anleihekäufe. Wie bereits beschrieben, werden diese Senkungen der Zinsen keine Wirkung bei der Kreditvergabe der Banken auslösen. Die Banken schwimmen bereits in Liquidität. Und Unternehmen, die bereits stark verschuldet sind und Angst um ihre Auftragslage haben, werden nicht noch mehr investieren, egal, wie günstig die Finanzierung ist.

Aber wie wird der Sparer reagieren, angesichts der Aussichten auf eine lange zinslose Periode, die das Kapital auf fast heimliche Art über die Inflation verringert? Konsumieren oder gar auf dem Aktienmarkt investieren? Doch nicht der deutsche Anleger: Er wird vermutlich sein bisher gezeigtes Verhalten forcieren. Hier könnte so etwas wie eine Spirale der negativen Erträge zum Zuge kommen, mit der Folge, dass Zinssenkungen immer weniger zu einem Anstieg des Konsums beitragen und ihm ab einem bestimmten Punkt sogar schaden.

Zur Erklärung: deutsche Anleger sind in überaus großem Ausmaß im Geld- und Anleihemarkt investiert (kaum verwunderlich, bei der 15-Prozentquote der deutschen Aktienbesitzer). Damit muss der Sparer, der in diese Produkte mit sinkender Rendite investiert hat und deren Ertrag sich in kümmerlichen Dimensionen akkumuliert, noch mehr sparen, um einen Zuwachs zu erzielen.

Dass dies keine Theorie ist, beweisen die Zuflüsse in Renten- und Geldmarktfonds, die 2019 weiter gestiegen sind –  eben wegen der niedrigeren Verzinsung. Ein von der EZB nicht erwartetes Paradoxon, speziell in Deutschland.

Jetzt könnte man sagen: „warum investiert der deutsche Aktienmuffel nicht endlich mehr in Dividendentitel“? Vielleicht trauen die Anleger der Aktienrallye nach zehn Jahren Dauer nicht mehr über den Weg, bei all den schrecklichen Meldungen über den Handelskrieg und Donald Trump, der ständiges Thema in den Medien ist.

Schließlich kommen ja gerade aus Deutschland die größten Negativbotschaften bezüglich der Konjunktur. Besonders die Automobilindustrie – mit Deutschlands liebstem Kind, dem Automobil – sorgt schon seit geraumer Zeit für Negativschlagzeilen. Auch wenn der deutsche Durchschnittssparer über kein differenziertes Finanzwissen verfügt, so weiß er auf alle Fälle, dass in einer Rezession die Aktienkurse erst einmal gewaltig einbrechen. Auch gibt es derzeit keinen Manfred Krug, der wie „anno dazumal“, medienwirksam für eine deutsche Volksaktie trommelt.

Zusammengefasst: noch niedrigere Zinsen animieren nicht zum Konsum, ganz im Gegenteil, liebe EZB!

 

Fazit

Was bleiben jetzt noch für Alternativen? Mario Draghi hat es bei seiner Pressekonferenz schon unfreiwillig angedeutet: Der Ball liegt jetzt im Spielfeld der Staaten, sprich in den Händen der Politiker, die mit Konjunkturprogrammen das Wachstum fördern sollen – ein Eingeständnis, dass die Notenbank mit ihrem Latein am Ende ist. Es geht um die Umsetzung der Forderung, die Wirtschaft staatlich anzukurbeln, um die wachsende Gefahr eines starken allgemeinen Konjunkturabschwungs abzufedern. In Deutschland weigerte sich die Politik bisher sehr dagegen, aufgrund mangelnder Haushaltsspielräume – eben wegen der schwarzen Null.

Aber der deutliche Abschwung im verarbeitenden Gewerbe bringt viele deutsche Politiker langsam zum Umdenken. In Europa wird die ehemalige IWF-Chefin Lagarde, als Spezialistin für die Staatenrettung, so etwas sicher stark unterstützen. Für die USA bräuchte man sich in dieser Hinsicht gar keine Gedanken zu machen, dort laufen im Umfeld Trumps schon zahlreiche konjunkturpolitische Planspielchen – wenn da die Mehrheit der Demokraten im Abgeordnetenhaus nicht wäre. So dominiert derzeit bei den Zentralbanken weiter der Versuch den Sparer zum Konsumieren zu nötigen „mit untauglichen Mitteln am untauglichen Objekt“.

 

Der Effekt weiterer Senkungen der Zinsen verpufft zunehmend

weiterlesen
Bitte abonnieren Sie unseren Newsletter.


Anmeldestatus

Meist gelesen 30 Tage

Wenn Sie diese Webseite weiter verwenden, stimmen Sie automatisch der Verwendung von Cookies zu. Zur Datenschutzerklärung

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen