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USA: Warum die Krankenversicherungsbeiträge explodieren

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Die Freiheitsstatue - Symbol für die USA

Zu Beginn des neuen Jahres werden Versicherte in den USA erneut mit deutlich steigen Beiträgen und Selbstbehalten ihrer Krankenkassen konfrontiert.

Das Gesundheitssystem in den USA ist für viele Amerikaner unbezahlbar

Die Gesundheitskosten in den USA gehören zu den höchsten der Welt. Der Anteil am Bruttoinlandsprodukt beträgt ca. 18 Prozent. Einer im Journal der American Medical Association (JAMA) veröffentlichten Studie vom März 2019 zufolge stiegen die Gesundheitsausgaben in den USA zwischen 1996 und 2015 um fast eine Billion Dollar an. Gemäß der Studie beliefen sich die Gesundheitsausgaben in den USA im Jahr 2017 auf 3,5 Billionen US-Dollar oder etwa 11.000 US-Dollar pro Person. Bis zum Jahr 2027 werden diese Kosten voraussichtlich auf 6 Billionen US-Dollar ansteigen – ungefähr 17.000 US-Dollar pro Person. Im Durchschnitt liegen diese Kosten in anderen Industrienationen, wie z. B. Australien, Deutschland, Frankreich, Japan, Kanada und Großbritannien nur bei etwa der Hälfte. Dennoch ist die Lebenserwartung in den USA niedriger und die Kindersterblichkeit höher. Ein Grund dafür ist die Ineffizienz des US-Gesundheitssystems sowie der relativ ungesunde Lebensstil vor allem ärmerer Bevölkerungsschichten.

Wer sich die hohen Versicherungsbeiträge nicht leisten kann, muss, abgesehen von medizinischen Notfällen, alle Gesundheitsleistungen selbst tragen. Etwa 28 Millionen Amerikaner sind daher trotz Obama-Care (Affordable Care Act von 2010) nach wie vor nicht versichert. Vor der US-Gesundheitsreform im Jahr 2010 waren noch mehr als 47 Millionen Bürger der USA ohne jeden Krankenversicherungsschutz. Doch selbst wer versichert ist, läuft Gefahr, wegen steigender Selbstbehalte und explodierender Versicherungsprämien in finanzielle Not zu geraten. Laut der National Conference of State Legislatures (NCSL) stieg die durchschnittliche jährliche Prämie für die Krankenversicherung im Jahr 2018 um 4,8 Prozent an.

In diesem Jahr sind die Krankenversicherungspreise in den USA nach Berechnungen der Deutschen Bank sogar um über 20 Prozent angestiegen. Die jährliche sogenannte CPI-U Health Insurance Inflation befinde sich demnach auf einem „Multi-Decade High“, so die Analysten der Deutschen Bank. Es ist daher wenig verwunderlich, dass die häufigste Ursache für private Insolvenzen in den USA unbezahlte Arztrechnungen nach Krankenhausaufenthalten ist. Die Versorgung in Krankenhäusern macht 32,7 Prozent der gesamten Kosten im Gesundheitssektor aus, danach folgt die ärztliche Betreuung in Praxen mit 15,6 Prozent.

Warum steigen die Kosten so stark an?

Neben zu viel Bürokratie macht die NCSL vor allem das reformbedürftige Krankenkassensystem in den USA und den Lebensstil der Amerikaner für die Kostenexplosion verantwortlich. Im Jahr 2017 war es der Trump-Administration nicht gelungen, das ineffiziente US-Gesundheitssystem gegen den Widerstand der Demokraten und dem aus den eigenen Reihen zu reformieren. Lediglich die Versicherungspflicht für alle Bürger wurde mit Wirkung zum 1. Januar 2019 abgeschafft, was den Verlust vieler vor allem junger und gesunder Beitragszahler zur Folge hatte. Abgesehen von dieser Änderung, die zu steigenden Kosten für die verbliebenen Versicherten führt, lässt die US-Regierung das Gesundheitssystem seitdem vorsätzlich gegen die Wand fahren.

Regierungsprogramme wie Medicare und Medicaid haben die Nachfrage nach medizinischen Dienstleistungen seit 2010 massiv erhöht, was ebenfalls zu einem Preisschub geführt hat. So dürfen z. B. Personen mit Vorerkrankungen durch die Krankenkassen nicht mehr abgelehnt werden und Eltern können ihre Kinder bis zu einem Alter von 26 Jahren mitversichern. Auch die Zunahme chronischer Erkrankungen, wie Diabetes und Herzerkrankungen, hat sich unmittelbar auf die Erhöhung der Kosten für die medizinische Versorgung ausgewirkt. Diese beiden Krankheiten sind mittlerweile für 85 Prozent der gesamten Gesundheitskosten verantwortlich. Fast die Hälfte aller Amerikaner leidet an einer chronischen Erkrankung. Vor allem die Ernährungsgewohnheiten und Bewegungsmangel lösen diese chronischen Leiden aus.

Ein bedeutender Faktor bei der Kostenexplosion für die Versicherten sind auch die permanent steigenden Eigenbeteiligungen (Selbstbehalte oder „out oft he pocket“). Gemäß dem Affordable Care Act betragen diese im Jahr 2019 7.900 US-Dollar für Einzelpersonen und 15.600 US-Dollar für Familien. Im kommenden Jahr steigen die Limits auf 8.150 bzw. 16.300 US-Dollar an. Neben all diesen Faktoren trägt auch die Verschwendung von Ressourcen zur Kostenexplosion bei. Gemäß Angaben von JAMA aus dem Oktober dieses Jahres soll der Anteil vermeidbarer Kosten eine Höhe von mittlerweile 30 Prozent erreicht haben. Laut JAMA tragen aber vor allem die steigenden Arzneimittel- und Dienstleistungspreise zum Kostenanstieg bei. Über die Hälfte der Mehrkosten seien drauf zurückzuführen. Allein die gestiegenen Ausgaben für Diabetesmedikamente waren seit 2017 für 44,4 Milliarden US-Dollar Mehrkosten verantwortlich.

Gefährliche Nebenwirkung der Preisexplosion

Die sinkende Leistbarkeit medizinischer Leistungen und Vorsorgemaßnahmen führt zu einem kostentreibenden Nebeneffekt: Immer mehr Menschen betreiben keine regelmäßige Vorsorge mehr und gehen nur noch in absoluten Notfällen zum Arzt.
Eine Umfrage des West Health Institute und des NORC an der Universität von Chicago ergab, dass 44 Prozent der Amerikaner sich aus Kostengründen weigerten, einen Arzt aufzusuchen. Etwa 40 Prozent der Befragten gaben an, aus demselben Grund eine Untersuchung oder eine Behandlung ausgelassen zu haben.

Das verschlechtert die allgemeine Gesundheitslage in den USA. Die Amerikaner tun dies aber nicht, weil sie Angst vor Ärzten haben, sondern weil sie schlicht Angst vor den Rechnungen haben, die mit der Gesundheitsfürsorge einhergehen.
Erschreckend ist, dass in vielen Fällen diejenigen, die die Behandlung ablehnen, krankenversichert sind aber die selbst zu tragenden Kosten nicht aufbringen können oder wollen.

Fazit

Gemäß des Institute of Medicine in Washington führen versäumte Reformen, Ineffizienz, überbordende Bürokratie, die Gier der Ärzte und der Pharmaindustrie (Thema Opioid-Krise) sowie der relativ ungesunde Lebensstil vieler ärmerer Amerikaner zu explodierenden Gesundheitskosten in den USA. Auch Anfang des kommenden Jahres werden die Krankenkassenbeiträge sowie die Selbstbehalte wieder signifikant ansteigen. Dies schmälert das für den Konsum verfügbare freie Einkommen der Amerikaner. Für eine Ökonomie, die zu über 70 Prozent ihren Mehrwert aus dem Konsum schöpft, ist das ein wachsender Belastungsfaktor.

7 Kommentare

7 Comments

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    Kritisch on fire

    23. Dezember 2019 20:23 at 20:23

    Make America great again – Yes!

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    schwarze_pille

    23. Dezember 2019 22:18 at 22:18

    Man könnte versuchen mehr medizinische Arbeit zu outsourcen und dafür die Markteintrittsbarrieren und die Verschreibungspflicht fallen lassen. Nicht zu vergessen die Patente, mit denen die Pharmaindustrie gemästet wird, und natürlich die irrsinnigen amerikanischen Klagemöglichkeiten / Verdienstmöglichkeiten für Anwälte, oder noch besser gleich ALLE Anwälte.

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    Inflations-Leugner ?

    24. Dezember 2019 06:19 at 06:19

    Vielen Dank für die Aufklärung in Sachen Gesundheitskosten. Nach den Studentenkrediten, Autokrediten,
    Privatkrediten u.neustens Kredite für trendige Zahnspangen eröffnet sich für die Banken ein neues Geschäftsfeld , KRANKENKOSTENKREDITE ,die natürlich auch wieder etwa ca.17% kosten.
    Alles kein Problem, GEMÄSS HOCHQUALIFAZIERTER FACHLEUTE SPIELT JA DIE VERSCHULDUNG IN EIGENER WÄHRUNG KEINE ROLLE. (MMT = Mirakulöse Monétari Theorie )

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    Quintus

    24. Dezember 2019 07:19 at 07:19

    Guten Morgen Hannes Zipfel
    Wie immer eine „unschöne“ aber notwendige Analyse ihrerseits.
    ich möchte ihre Recherche noch durch ein paar Zahlen ergänzen, welche aufzeigen, daß der Hegemon so langsam aber sicher von innen heraus „verfault“:

    THURSDAY, Feb. 14 (HealthDay News) — Here’s a new, and sobering, government statistic to ponder on Valentine’s Day: Experts estimate that the number of sexually transmitted infections among Americans now totals more than 110 million.
    https://www.medicinenet.com/script/main/art.asp?articlekey=167843

    The United States has a higher share of single-parent households than 129 other countries, a recent analysis from the Pew Research Center reveals.

    America’s top spot has been a long time coming, data from the U.S. Census Bureau show. In 1960, just 9 percent of U.S. children lived with one parent, and just 3 percent lived with either a non-parent relative or a non-relative. By 2019, the Census Bureau estimated that 26 percent of children lived with single parents (a figure that varies from Pew’s due to methodological differences), while just 4 percent lived with non-parent relatives or non-relatives.
    https://www.census.gov/data/tables/time-series/demo/families/children.html

    In diesem Sinne…besinnliche Weihnachten…

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    Beobachter

    25. Dezember 2019 09:21 at 09:21

    Diese Zahlen sind verheerend. So im Detail hat man noch nie davon gehört. Der Anteil der Gesundheitskoszen von 18 % am GDP , ein Anstieg von 20% wäre dann 3,6% , d.h. ohne Gesundheitskostenwäre das Wirtschaftswachstum = Null. Die Verfechter des ewigen Wachstums sollten bedenken, dass gerade solche Qualität von Wachstum schlecht ist, man könnte es auch unproduktives Wachstum nennen.
    Und eines ist sicher, es wird stark steigen, denn die heutigen Lebensgewohnheiten werden sich wie die Nullzinsen mit brachialer Gewalt wie ein Tsunami in einigen Jahren über die Gesellschaft herfallen.
    Irgendwann wird der Punkt kommen ,wo die Gesunheitskosten krank machen!

    • Avatar

      joah

      25. Dezember 2019 17:44 at 17:44

      Ihren letzten Satz finde ich sehr interessant: das wäre der Moment, an dem das jeweilige System scheitern muss, da daraus kein Nutzen mehr zu ziehen ist. Gemäß dem „Theorem komplexer Systeme“ wäre das der Prozess einer „radikalen Simplifizierung“ (Zusammenbruch, Neuausrichtung).

      Sehr gut beobachtet – nomen est omen, wie es scheint.

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    asisi1

    26. Dezember 2019 20:00 at 20:00

    Im Gesundheitswesen auch bei uns, braucht man nur dem Gelde zu folgen und dann hat man die Verursacher dieser Kriese. Es werden so viele unnötige Medikamente verordnet, die hinterher größtenteils im Müll landen. Auch viele Operationen werden nur gemacht , um die Krankenhäuser aus zu lasten! Vom Betrug will ich gar nicht reden, denn das wird von Regierung, Krankenkassen und Ärzteschaft stillschweigend geduldet! Es spitzt sich natürlich jetzt zu, da immer mehr Menschen nicht mehr in der Lage sind, selbst den KK Beitrag aufzubringen, also muss der Staat es tun!

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Kurzarbeit: 650.000 Unternehmen machen Antrag, plus 40 Prozent binnen 1 Woche!

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Bundesagentur für Arbeit meldet drastischen Anstieg bei der Kurzarbeit

Von 650.000 Unternehmen hat die Bundesagentur für Arbeit laut heutiger Veröffentlichung bis zum 6. April Anmeldungen zur Kurzarbeit erhalten. Damit ist diese Zahl binnen einer Woche um 40 Prozent gestiegen. Am 27. März waren es noch 470.000 Unternehmen. Für wie viele Personen insgesamt die Betriebe eine Anmeldung gemacht haben, lasse sich anhand der Daten derzeit nicht ermitteln, so die Agentur. Man gehe aber davon aus, dass die Zahl der Kurzarbeiter deutlich über dem Niveau der Finanzkrise 2008 liegen werde. Damals waren bis zu 1,4 Millionen Beschäftigte. Wir meinen: Bei 650.000 Unternehmen (!), die sich jetzt angemeldet haben, dürften es mehrere Millionen Kurzarbeiter sein!

Schwerpunkte sind aktuell unter anderem der Einzelhandel und das Gastgewerbe. Wichtig ist: Nicht alle Unternehmen, die jetzt Kurzarbeit anmelden, werden dann auch tatsächlich dieses Instrument für ihre Mitarbeiter nutzen und für sie Geld beantragen. Wie viele Unternehmen am Ende tatsächlich dieses Instrument nutzen, und in welchem Umfang sie das tun, können man erst genau sagen, wenn abgerechnet werde, so die Agentur. Die Listen dafür würden die Arbeitgeber zum großen Teil erst in einigen Wochen einreichen. Hierzu noch einige erklärende Aussagen der Arbeitsagentur im Wortlaut:

Betriebe müssen in jedem Fall Kurzarbeit anmelden – selbst, wenn sie später nicht realisiert wird. Damit ein Betrieb Anspruch auf Kurzarbeitergeld hat, muss er in jedem Fall zuerst Kurzarbeit anzeigen. Damit signalisiert der Betrieb, dass er Kurzarbeit plant. Nicht immer wird Kurzarbeit auch realisiert: Wenn sich zum Beispiel die Auftragslage kurzfristig verbessert oder behördliche Maßnahmen aufgehoben werden, kann der Betrieb möglicherweise wieder normal arbeiten. Dann wurde zwar Kurzarbeit angezeigt, aber nie realisiert.

Beim Klick an dieser Stelle können Sie einen Blick auf die generelle Lage in der Metall- und Elektroindustrie in Baden-Württemberg werfen. Nicht nur der Ist-Zustand, auch die Aussicht ist erstmal nicht rosig.

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Coronavirus: Die Kehrseite der Schutzmaßnahmen

Ein Drittel der weltweit werktätigen Bevölkerung geht derzeit nicht zur Arbeit. Über die ökonomischen und psychologischen Folgen der Coronakrise

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Das Coronavirus ist zu einer Pandemie geworden, die für die meisten Menschen mit harmlosen Folgen abklingt, für eine nicht unbeträchtliche Gruppe jedoch leider mit tödlichen Konsequenzen. Würde man nichts gegen sie tun, so käme man – bei einer Bevölkerung von derzeit 7,7 Milliarden Menschen, bei einer Infektionsrate von 60-70 Prozent und davon wiederum 5 Prozent an schweren Fällen – auf eine gewaltige Anzahl von möglichen Toten in dieser Welt. Andererseits wird auch ein Stillstand der Weltwirtschaft über eine längeren Zeitraum zu unglaublichen Folgen führen – nicht nur zur Einkommenseinbußen, sondern auch zu Millionen von Toten, wie Studien von Hilfsorganisationen prognostizieren.

Coronavirus und die Folgen des Wirtschaftseinbruchs

Tag für Tag steigen die Infektionszahlen mit dem Coronavirus, man hat die Schwelle von 1,5 Millionen erreicht und die Zahl der mit oder an Corona gestorbenen Menschen hat die 88.000 überschritten. Kein Vergleich mit der Sars-Infektion von 2002/03, bei der 774 Menschen weltweit ums Leben kamen. Regierungen aus aller Welt stehen unter Schock und haben zum Teil heftigste Eindämmungsmaßnahmen angeordnet, vor allem um die Geschwindigkeit der Ausbreitung des Coronavirus zu verlangsamen (flatten the curve) – ansonsten würde ein Mangel an Intensivbetten und Beatmungsgeräten zu einem massenhaften Tod von Menschen führen.

Eine Studie des Imperial College in London Mitte März hatte nicht nur Großbritannien, sondern auch andere Länder aufgeschreckt: Eine Herdenimmunisierung ohne Schutzmaßnahmen würde auf der Insel zu 500.000 Toten führen und auf der Welt auf bis zu 40 Millionen. Daraufhin hat die Regierung in London die vorherige Strategie geändert und Eindämmungsmaßnahmen angeordnet – wie viele andere Staaten auch.

Dies hat dazu geführt, dass wegen des Coronavirus ein Drittel der weltweit werktätigen Bevölkerung derzeit nicht zur Arbeit geht, wie in verschiedenen Studien errechnet wurde. Was dies für Folgen für die einzelnen Volkswirtschaften hat, gleicht einem Rätselraten. Ökonomen fußen ihre Rechnungen auf Modellen, die auf früheren Krisen basieren – und da gibt es kaum Vergleichsmöglichkeiten. Moderate Prognosen gehen von einer Schrumpfung von fünf Prozent für Deutschland und von zwei Prozent für die Weltökonomie aus. Wer aber kann eine seriöse Prognose über Zeitpunkt und Ausmaß der Wiederaufnahme der wirtschaftlichen Aktivitäten erstellen, wenn es so viele Variable gibt?

Zuletzt kann niemand die Reaktionen der Bürger einschätzen, wie diese sich nach der Krise verhalten werden. Beginnen Sie zu sparen oder holen Sie alles nach, was Ihnen in der letzten Zeit entgangen ist, die teure Urlaubsreise, den geplanten Kauf eines Kfz und ähnliche Vorhaben?

Eines steht aber fest: Desto länger der Lockdown der Wirtschaft andauert, umso gravierender werden die Auswirkungen auf Mensch und Wirtschaft sein – und es wird einen Punkt geben, bei dem der Wirtschaftseinbruch höhere Verluste an Menschenleben hervorruft, als durch das Coronavirus selbst.

Der Hunger dieser Welt

Besonders betroffen sind wieder einmal die Armen dieser Welt. Hilfsorganisationen gehen bereits davon aus, dass durch eine Rezession in der Weltwirtschaft 35 bis 65 Millionen Menschen in die bittere Armut abrutschen werden.

Das International Food Policy Research Institute in Washinghton hat dies zu berechnen versucht, mit dem Ergebnis, dass durch jeden Prozentpunkt, um den das globale Wirtschaftswachstum zurückgeht, die Zahl der Menschen in absoluter Armut um 1,6 bis drei Prozent zunimmt. Bei einer Rezession von drei Prozent wären das 4,8 bis neun Prozent und damit diese gewaltige Zahl an Notleidenden.

Die Welthungerhilfe spricht aktuell von 820 Millionen an Hunger leidenden Menschen. Dies wird an der Summe von 1,90 Dollar festgemacht, die ein Mensch pro Tag für sein Leben zur Verfügung hat.

Besonders treffen wird es die Bevölkerung in Afrika, Südostasien und vor allem Indien. Vielen Menschen könnten dort den Hungertod erleiden.

Während in Deutschland und anderen Industrienationen Arbeits- und Sozialämter über die Krise am Arbeitsmarkt hinweghelfen, gibt es in vielen Entwicklungs- und Schwellenländern dieses Sicherheitsnetz nicht.

Berichte aus Indien zeigen, wie Millionen Wanderarbeiter in ihre Dörfer zurückgeschickt geschickt werden. In anderen Ländern, wie Indonesien, Thailand oder den Philippinen fehlen für Millionen die Einnahmen aus dem Tourismus.

Kurzum: Die ohnehin schwierige Ernährungslage wird nun durch die verhängten Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus weiter verschlimmert. Zumal auch ein Anstieg der Lebensmittelpreise die Lage verschärft, nicht zuletzt durch manch Hamsterkäufe ängstlicher Bürger aus den Industriestaaten. Überall stehen Existenzen auf dem Spiel, aber Hilfsorganisationen sprechen schon davon, dass es mehr Hungertote geben könnte als Corona-Opfer.

Coronavirus: Einsamkeit, häusliche Quarantäne und die Folgen

Während es beim Lockdown in vielen Staaten um das Überleben von Menschen geht – durch eine Unterversorgung der elementaren Grundbedürfnisse –  so entstehen auch bei einem Re-Start der Wirtschaft bei gleichzeitiger Isolierung der Risikogruppen (Cocooning) weitere Probleme.

Die Isolation von Menschen vor allem der älteren Bevölkerung hat vielschichtige gesundheitliche Folgen. Das Verbot des Besuchs älterer Bürger in Altenheimen schützt diese zwar vor eine Infektion mit dem Coronavirus, löst bei vielen aber depressive Stimmungen aus. Dies schwächt wiederum deren Immunsystem mit der Folge, dass sie an den anderen Erregern sterben, die immer in Gemeinschaftseinrichtungen zirkulieren. Es gilt für alle Menschen:

Ängste und Depressionen produzieren unter anderem Cortisol, welches das Immunsystem schwächt. Das ist auch eine Kehrseite einer kontrollierten Panik, die von Behörden aufrechterhalten wird, um alle Menschen – vor allem die Leichtsinnigen – vor einem zu laschen Umgang mit den Vorsichtsmaßnahmen abhalten sollen. Psychologen bringen es so auf den Punkt:

Es ist nicht die realistische, sondern die dramatische Gefahr (z.B. ein Autounfall, im Vergleich zu einem Flugzeugabsturz), der unser limbisches System stimuliert und unsere Ängste prägt.

Wenn ich von vielen Tausend durch das Coronavirus Verstorbene lese, bekommen ich Zweifel darüber, ob ich eine Ansteckung verkraften könnte – auch wenn sich bei genauerer Analyse zeigt, dass viele Verstorbene schon vor der Infektion chronisch krank waren und im Grund nicht an, sondern mit dem Coronavirus gestorben sind.

Die Ausgehverbote der Regierung und die milden Quarantänemaßnahmen mit den Folgen für die Arbeitsplätze haben bereits zu Folgen in vielen Familien geführt. Jugendämter und Fraueneinrichtungen warnen vor Gewalt in der Familie, vor allem wenn der „Lagerkoller“ länger anhalten sollte. Psychiater fürchten sogar schon einen Anstieg der Selbstmordrate.

Das Problem mit der älteren Bevölkerung und den Altenheimen bleibt auch nach dem 20. April erhalten, wenn man mit ersten Lockerungen der Eindämmungsmaßnahmen beginnen sollte. Wir haben in Deutschland über 17 Millionen Menschen, die älter als 65 Jahre sind. Davon sind etwa drei Millionen pflegebedürftig und 800.000 werden in Pflegeheimen voll stationär betreut. Man wird die Risikogruppen noch eine lange Zeit besonders vor dem Cornavirus schützen müssen.

Der 80-jährige und langjährige Abgeordnete der Grünen, Christian Ströbele, drohte schon einmal mit einer Verfassungsklage, sollte es während der Corona-Krise zu einer Benachteiligung der sogenannten Risikogruppe kommen. Damit bezog er sich natürlich auf mögliche Ausgangsbeschränkungen (Cocooning) älterer Menschen, wenn man die jüngere Bevölkerung schrittweise wieder ins Berufsleben integrieren wird.

Fazit

Eindämmung, so gut es geht, um das Gesundheitssystem vor dem großen Kollaps zu bewahren und anschließend ein schrittweises baldiges Wiederhochfahren der Wirtschaft („Hammer and Dance“, lautet der internationale Fachausdruck) – das muss die Devise sein. Ein monatelanger Lockdown hätte, wenn die Prognosen der Forscher auch nur ansatzweise einträten, erheblich schrecklichere Folgen. Deshalb geht es künftig wahrscheinlich um eine baldige, wohldosierte Rückkehr ins Wirtschaftsleben mit all den Restmaßnahmen, um schlussendlich nicht die sprichwörtliche Wahl zwischen Pest und Cholera zu haben.

Das Coronavirus und die Folgen des lockdowns

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Einblick in die Herzkammer der deutschen Industrie – die dramatische Lage

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Düstere Umfragedaten der Industrie aus Baden-Württemberg

Die Herzkammer der deutschen Industrie gewährt aktuell einen Einblick in die aktuell dramatische Lage, was Auftragseingänge, Kurzarbeit etc betrifft. „Südwestmetall“ ist der Dachverband der Metall- und Elektro-Industrie in Baden-Württemberg – der Leitbranche der baden-württembergischen Wirtschaft, wie es Südwestmetall selbst ausdrückt. Aktuell hat man eine Umfrage unter seinen Mitgliedern veröffentlicht. Man spricht von einem gravierenden Einbruch bei Aufträgen und Produktion, und auch von einem explosionsartigen Anstieg der Kurzarbeit in der Metallbranche. Noch gelinge es dem Gros der Unternehmen, durch Kurzarbeit und andere flexible Instrumente ihre Kernbelegschaften zu schützen. Je länger die aktuellen Einschränkungen aber aufrechterhalten werden, desto wahrscheinlicher würden auch Jobs verloren gehen, so der Verband. Nicht nur die aktuelle Lage ist dramatisch – vor allem auch die Aussichten der befragten Unternehmen für die nächsten Wochen sehen düster aus. Hier die wichtigsten Aussagen im Wortlaut:

Laut den Ergebnissen der Umfrage sind die Auftragseingänge zu Jahresbeginn (Januar bis März) um 14 % gegenüber dem Vorjahreszeitraum zurückgegangen. Die allermeisten Unternehmen (92 %) sehen ihre Produktion durch Corona-Auswirkungen eingeschränkt, 19 % verzeichnen starke, weitere 24 % sogar sehr starke Einschränkungen.

Die durchschnittliche Kapazitätsauslastung liegt derzeit nur noch bei 60 %, dabei sind 9 % der Betriebe sogar komplett geschlossen. Als weitaus häufigster Grund für den Produktionseinbruch wird dabei „fehlende Nachfrage“ genannt (71 %), gefolgt von „fehlende Arbeitskräfte wegen Krankheit, Kinderbetreuung etc.“ (33 %) und „fehlende Teile/Material“ (29 %). Zahlreiche Betriebe (18 %) haben zudem ihre Produktion zurückgefahren und umorganisiert, um Ansteckungsgefahren zu verhindern. „Ausgehend von China sind unseren Unternehmen nach und nach die Märkte weggebrochen. Die Verkaufsstellen der Autobauer sind geschlossen, der Maschinenbau leidet unter der Zurückhaltung bei Investitionen“, sagte Dick.

In der Anfangsphase haben die Betriebe noch intensiv betriebliche und tarifliche Möglichkeiten ausgeschöpft, um dem abrupten Absatzeinbruch zu begegnen: Arbeitszeitkonten, Überstunden und Resturlaub wurden abgebaut, Instrumente wie die tariflichen Freistellungstage statt Auszahlung (T-ZUG) oder die Anordnung von Betriebsurlaub genutzt. 39 % der Betriebe haben zudem befristete Beschäftigungsverhältnisse beendet, 53 % die Zahl der Zeitarbeitnehmer reduziert.

Mittlerweile wird vor allem die inzwischen erleichterte Kurzarbeit genutzt, um den teilweise weitgehenden Produktionsstillstand auszugleichen. Zum Zeitpunkt der Umfrage (2.-7. April) waren schon in der Hälfte der Unternehmen Mitarbeiter in Kurzarbeit. Durchschnittlich waren dabei knapp Dreiviertel (72 %) der Beschäftigten in diesen Betrieben betroffen, die Arbeitszeit wurde im Schnitt um fast die Hälfte (47 %) reduziert. Allerdings plant derzeit auch mehr als die Hälfte dieser Betriebe (59 %) in den nächsten Wochen eine Ausweitung der Kurzarbeit. Hinzu kommt mehr als ein weiteres Drittel aller Betriebe (35 %), die in den nächsten Wochen mit Kurzarbeit beginnen will – so dass dann in Summe 85 % aller Betriebe dieses Instrument nutzen würden – sollte nicht eine Lockerung der Corona-Maßnahmen ein geringeres Ausmaß ermöglichen.

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