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USA: Warum die Krankenversicherungsbeiträge explodieren

Hannes Zipfel

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am

Die Freiheitsstatue - Symbol für die USA

Zu Beginn des neuen Jahres werden Versicherte in den USA erneut mit deutlich steigen Beiträgen und Selbstbehalten ihrer Krankenkassen konfrontiert.

Das Gesundheitssystem in den USA ist für viele Amerikaner unbezahlbar

Die Gesundheitskosten in den USA gehören zu den höchsten der Welt. Der Anteil am Bruttoinlandsprodukt beträgt ca. 18 Prozent. Einer im Journal der American Medical Association (JAMA) veröffentlichten Studie vom März 2019 zufolge stiegen die Gesundheitsausgaben in den USA zwischen 1996 und 2015 um fast eine Billion Dollar an. Gemäß der Studie beliefen sich die Gesundheitsausgaben in den USA im Jahr 2017 auf 3,5 Billionen US-Dollar oder etwa 11.000 US-Dollar pro Person. Bis zum Jahr 2027 werden diese Kosten voraussichtlich auf 6 Billionen US-Dollar ansteigen – ungefähr 17.000 US-Dollar pro Person. Im Durchschnitt liegen diese Kosten in anderen Industrienationen, wie z. B. Australien, Deutschland, Frankreich, Japan, Kanada und Großbritannien nur bei etwa der Hälfte. Dennoch ist die Lebenserwartung in den USA niedriger und die Kindersterblichkeit höher. Ein Grund dafür ist die Ineffizienz des US-Gesundheitssystems sowie der relativ ungesunde Lebensstil vor allem ärmerer Bevölkerungsschichten.

Wer sich die hohen Versicherungsbeiträge nicht leisten kann, muss, abgesehen von medizinischen Notfällen, alle Gesundheitsleistungen selbst tragen. Etwa 28 Millionen Amerikaner sind daher trotz Obama-Care (Affordable Care Act von 2010) nach wie vor nicht versichert. Vor der US-Gesundheitsreform im Jahr 2010 waren noch mehr als 47 Millionen Bürger der USA ohne jeden Krankenversicherungsschutz. Doch selbst wer versichert ist, läuft Gefahr, wegen steigender Selbstbehalte und explodierender Versicherungsprämien in finanzielle Not zu geraten. Laut der National Conference of State Legislatures (NCSL) stieg die durchschnittliche jährliche Prämie für die Krankenversicherung im Jahr 2018 um 4,8 Prozent an.

In diesem Jahr sind die Krankenversicherungspreise in den USA nach Berechnungen der Deutschen Bank sogar um über 20 Prozent angestiegen. Die jährliche sogenannte CPI-U Health Insurance Inflation befinde sich demnach auf einem „Multi-Decade High“, so die Analysten der Deutschen Bank. Es ist daher wenig verwunderlich, dass die häufigste Ursache für private Insolvenzen in den USA unbezahlte Arztrechnungen nach Krankenhausaufenthalten ist. Die Versorgung in Krankenhäusern macht 32,7 Prozent der gesamten Kosten im Gesundheitssektor aus, danach folgt die ärztliche Betreuung in Praxen mit 15,6 Prozent.

Warum steigen die Kosten so stark an?

Neben zu viel Bürokratie macht die NCSL vor allem das reformbedürftige Krankenkassensystem in den USA und den Lebensstil der Amerikaner für die Kostenexplosion verantwortlich. Im Jahr 2017 war es der Trump-Administration nicht gelungen, das ineffiziente US-Gesundheitssystem gegen den Widerstand der Demokraten und dem aus den eigenen Reihen zu reformieren. Lediglich die Versicherungspflicht für alle Bürger wurde mit Wirkung zum 1. Januar 2019 abgeschafft, was den Verlust vieler vor allem junger und gesunder Beitragszahler zur Folge hatte. Abgesehen von dieser Änderung, die zu steigenden Kosten für die verbliebenen Versicherten führt, lässt die US-Regierung das Gesundheitssystem seitdem vorsätzlich gegen die Wand fahren.

Regierungsprogramme wie Medicare und Medicaid haben die Nachfrage nach medizinischen Dienstleistungen seit 2010 massiv erhöht, was ebenfalls zu einem Preisschub geführt hat. So dürfen z. B. Personen mit Vorerkrankungen durch die Krankenkassen nicht mehr abgelehnt werden und Eltern können ihre Kinder bis zu einem Alter von 26 Jahren mitversichern. Auch die Zunahme chronischer Erkrankungen, wie Diabetes und Herzerkrankungen, hat sich unmittelbar auf die Erhöhung der Kosten für die medizinische Versorgung ausgewirkt. Diese beiden Krankheiten sind mittlerweile für 85 Prozent der gesamten Gesundheitskosten verantwortlich. Fast die Hälfte aller Amerikaner leidet an einer chronischen Erkrankung. Vor allem die Ernährungsgewohnheiten und Bewegungsmangel lösen diese chronischen Leiden aus.

Ein bedeutender Faktor bei der Kostenexplosion für die Versicherten sind auch die permanent steigenden Eigenbeteiligungen (Selbstbehalte oder „out oft he pocket“). Gemäß dem Affordable Care Act betragen diese im Jahr 2019 7.900 US-Dollar für Einzelpersonen und 15.600 US-Dollar für Familien. Im kommenden Jahr steigen die Limits auf 8.150 bzw. 16.300 US-Dollar an. Neben all diesen Faktoren trägt auch die Verschwendung von Ressourcen zur Kostenexplosion bei. Gemäß Angaben von JAMA aus dem Oktober dieses Jahres soll der Anteil vermeidbarer Kosten eine Höhe von mittlerweile 30 Prozent erreicht haben. Laut JAMA tragen aber vor allem die steigenden Arzneimittel- und Dienstleistungspreise zum Kostenanstieg bei. Über die Hälfte der Mehrkosten seien drauf zurückzuführen. Allein die gestiegenen Ausgaben für Diabetesmedikamente waren seit 2017 für 44,4 Milliarden US-Dollar Mehrkosten verantwortlich.

Gefährliche Nebenwirkung der Preisexplosion

Die sinkende Leistbarkeit medizinischer Leistungen und Vorsorgemaßnahmen führt zu einem kostentreibenden Nebeneffekt: Immer mehr Menschen betreiben keine regelmäßige Vorsorge mehr und gehen nur noch in absoluten Notfällen zum Arzt.
Eine Umfrage des West Health Institute und des NORC an der Universität von Chicago ergab, dass 44 Prozent der Amerikaner sich aus Kostengründen weigerten, einen Arzt aufzusuchen. Etwa 40 Prozent der Befragten gaben an, aus demselben Grund eine Untersuchung oder eine Behandlung ausgelassen zu haben.

Das verschlechtert die allgemeine Gesundheitslage in den USA. Die Amerikaner tun dies aber nicht, weil sie Angst vor Ärzten haben, sondern weil sie schlicht Angst vor den Rechnungen haben, die mit der Gesundheitsfürsorge einhergehen.
Erschreckend ist, dass in vielen Fällen diejenigen, die die Behandlung ablehnen, krankenversichert sind aber die selbst zu tragenden Kosten nicht aufbringen können oder wollen.

Fazit

Gemäß des Institute of Medicine in Washington führen versäumte Reformen, Ineffizienz, überbordende Bürokratie, die Gier der Ärzte und der Pharmaindustrie (Thema Opioid-Krise) sowie der relativ ungesunde Lebensstil vieler ärmerer Amerikaner zu explodierenden Gesundheitskosten in den USA. Auch Anfang des kommenden Jahres werden die Krankenkassenbeiträge sowie die Selbstbehalte wieder signifikant ansteigen. Dies schmälert das für den Konsum verfügbare freie Einkommen der Amerikaner. Für eine Ökonomie, die zu über 70 Prozent ihren Mehrwert aus dem Konsum schöpft, ist das ein wachsender Belastungsfaktor.

7 Kommentare

7 Comments

  1. Avatar

    Kritisch on fire

    23. Dezember 2019 20:23 at 20:23

    Make America great again – Yes!

  2. Avatar

    schwarze_pille

    23. Dezember 2019 22:18 at 22:18

    Man könnte versuchen mehr medizinische Arbeit zu outsourcen und dafür die Markteintrittsbarrieren und die Verschreibungspflicht fallen lassen. Nicht zu vergessen die Patente, mit denen die Pharmaindustrie gemästet wird, und natürlich die irrsinnigen amerikanischen Klagemöglichkeiten / Verdienstmöglichkeiten für Anwälte, oder noch besser gleich ALLE Anwälte.

  3. Avatar

    Inflations-Leugner ?

    24. Dezember 2019 06:19 at 06:19

    Vielen Dank für die Aufklärung in Sachen Gesundheitskosten. Nach den Studentenkrediten, Autokrediten,
    Privatkrediten u.neustens Kredite für trendige Zahnspangen eröffnet sich für die Banken ein neues Geschäftsfeld , KRANKENKOSTENKREDITE ,die natürlich auch wieder etwa ca.17% kosten.
    Alles kein Problem, GEMÄSS HOCHQUALIFAZIERTER FACHLEUTE SPIELT JA DIE VERSCHULDUNG IN EIGENER WÄHRUNG KEINE ROLLE. (MMT = Mirakulöse Monétari Theorie )

  4. Avatar

    Quintus

    24. Dezember 2019 07:19 at 07:19

    Guten Morgen Hannes Zipfel
    Wie immer eine „unschöne“ aber notwendige Analyse ihrerseits.
    ich möchte ihre Recherche noch durch ein paar Zahlen ergänzen, welche aufzeigen, daß der Hegemon so langsam aber sicher von innen heraus „verfault“:

    THURSDAY, Feb. 14 (HealthDay News) — Here’s a new, and sobering, government statistic to ponder on Valentine’s Day: Experts estimate that the number of sexually transmitted infections among Americans now totals more than 110 million.
    https://www.medicinenet.com/script/main/art.asp?articlekey=167843

    The United States has a higher share of single-parent households than 129 other countries, a recent analysis from the Pew Research Center reveals.

    America’s top spot has been a long time coming, data from the U.S. Census Bureau show. In 1960, just 9 percent of U.S. children lived with one parent, and just 3 percent lived with either a non-parent relative or a non-relative. By 2019, the Census Bureau estimated that 26 percent of children lived with single parents (a figure that varies from Pew’s due to methodological differences), while just 4 percent lived with non-parent relatives or non-relatives.
    https://www.census.gov/data/tables/time-series/demo/families/children.html

    In diesem Sinne…besinnliche Weihnachten…

  5. Avatar

    Beobachter

    25. Dezember 2019 09:21 at 09:21

    Diese Zahlen sind verheerend. So im Detail hat man noch nie davon gehört. Der Anteil der Gesundheitskoszen von 18 % am GDP , ein Anstieg von 20% wäre dann 3,6% , d.h. ohne Gesundheitskostenwäre das Wirtschaftswachstum = Null. Die Verfechter des ewigen Wachstums sollten bedenken, dass gerade solche Qualität von Wachstum schlecht ist, man könnte es auch unproduktives Wachstum nennen.
    Und eines ist sicher, es wird stark steigen, denn die heutigen Lebensgewohnheiten werden sich wie die Nullzinsen mit brachialer Gewalt wie ein Tsunami in einigen Jahren über die Gesellschaft herfallen.
    Irgendwann wird der Punkt kommen ,wo die Gesunheitskosten krank machen!

    • Avatar

      joah

      25. Dezember 2019 17:44 at 17:44

      Ihren letzten Satz finde ich sehr interessant: das wäre der Moment, an dem das jeweilige System scheitern muss, da daraus kein Nutzen mehr zu ziehen ist. Gemäß dem „Theorem komplexer Systeme“ wäre das der Prozess einer „radikalen Simplifizierung“ (Zusammenbruch, Neuausrichtung).

      Sehr gut beobachtet – nomen est omen, wie es scheint.

  6. Avatar

    asisi1

    26. Dezember 2019 20:00 at 20:00

    Im Gesundheitswesen auch bei uns, braucht man nur dem Gelde zu folgen und dann hat man die Verursacher dieser Kriese. Es werden so viele unnötige Medikamente verordnet, die hinterher größtenteils im Müll landen. Auch viele Operationen werden nur gemacht , um die Krankenhäuser aus zu lasten! Vom Betrug will ich gar nicht reden, denn das wird von Regierung, Krankenkassen und Ärzteschaft stillschweigend geduldet! Es spitzt sich natürlich jetzt zu, da immer mehr Menschen nicht mehr in der Lage sind, selbst den KK Beitrag aufzubringen, also muss der Staat es tun!

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Immobilien: Der Boom läuft immer weiter – aktuelle Daten

Claudio Kummerfeld

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Innenansicht eines Einfamilienhauses

Es ist wirklich erstaunlich. Auch wir bei FMW hatten zu Ausbruch der Coronakrise und im brutalen wirtschaftlichen Absturz im Frühjahr erwartet, dass auch der Markt für Immobilien beeinträchtigt sein wird. Schließlich haben derzeit ja zahlreiche Menschen massive Existenzängste, leben dank Kurzarbeitergeld auf Kante, oder haben als Selbständige ihre Existenz gleich ganz verloren. Da müssten die Preise für Immobilien doch eigentlich einbrechen? Die Nachfrageseite für Häuser und Eigentumswohnungen müsste so schwach sein, dass man spürbare Rückgänge bei den Preisen sehen müsste?

Nichts da. Offenbar bringt die große Gelddruck-Orgie der Notenbanken und die Alternativlosigkeit zu Aktien und Immobilien immer noch genug Anleger und Kaufwillige dazu, die Preise für Immobilien immer weiter klettern zu lassen. Und die Rettungsmaßnahmen der Bundesregierung sind wohl derart umfangreich, dass genug Menschen in prekären Situationen (Arbeiter in der Autoindustrie etc) noch nicht ihre Häuser verlieren, welche auf dem Markt folglich auch nicht für ein Überangebot an Häusern und Eigentumswohnungen sorgen können.

Preise für Immobilien weiter am Steigen

Aktuelle Zahlen der Anbieter F+B sowie Dr. Klein zeigen weiter steigende Preise für Immobilien. Der F+B-Wohn-Index Deutschland als Durchschnitt der Preis- und Mietentwicklung von Wohnimmobilien für alle Gemeinden in Deutschland stieg im 3. Quartal 2020 im Vergleich zum Vorjahresquartal um 5,6 Prozent. Wie gesagt, diese Steigerung von +5,6 Prozent kommt zustande, weil ich auch Mieten enthalten sind. Und die sind dank Corona doch tatsächlich leicht rückläufig mit -0,9 Prozent im Quartalsvergleich (und noch +0,1 Prozent im Jahresvergleich).

Mieten bremsen nur den Gesamtschnitt aus Immobilienpreisen + Mieten

Im Bundesdurchschnitt gehören damit exorbitante Mietensteigerungen laut F+B endgültig der Vergangenheit an. Auch die Betrachtung der Top 50-Standorte in Deutschland mit dem höchsten Mietenniveau lege eine ähnliche Interpretation für diesen Trend nahe. So seien im Vergleich zum Vorquartal in 28 der 50 teuersten Städte Deutschlands die Mieten bei der Neuvermietung gesunken (im Vergleich der Quartale Q2/2020 zu Q1/2020 betraf dies 18 Städte). Im Vergleich zum Vorjahresquartal 2019 gab es reale Mietpreisrückgänge in 10 der teuersten 50 Städte. Nach Beobachtungen von F+B hätten die Corona-bedingten wirtschaftlichen Verwerfungen als Nachwirkungen des ersten Lockdowns vom Frühjahr 2020 zu noch stärkeren Rückgängen bei den Mieten geführt, wenn es die staatlichen Unterstützungsmaßnahmen nicht gegeben hätte. Wir möchten ergänzen: Hunderttausende Wohnungen in Berlin sind vom dortigen Mietendeckel betroffen, was die Mietpreisentwicklung bundesweit ebenfalls beeinflusst. F+B bespricht dieses Thema in seiner Veröffentlichung ebenfalls.

Nachfrageschub

Im Vergleich zum dritten Quartal 2019 liegen die Preissteigerungen bei Eigentumswohnungen laut F+B mit 5,5 Prozent weiterhin deutlich hinter den Ein- und Zweifamilienhäusern mit 8,6 Prozent. Eigenheime dominieren damit endgültig die Gesamtperformance des Wohn-Index von F+B. Man sei der Auffassung, dass die Corona-Pandemie hier einen zusätzlichen und offenbar auch nachhaltigen Nachfrageschub – bei gleichzeitig beschränktem Angebot – erzeugt hat, so F+B. Im Chart sehen wir seit dem Jahr 2004 die Preisentwicklung verschiedener Arten von Immobilien seit dem Jahr 2004. Eigentumswohnungen liegen langfristig klar in Führung.

Entwicklung der Preise für Immobilien seit dem Jahr 2004

Preise in Nordrhein-Westfalen steigen weiter

Der Anbieter Dr. Klein berichtete erst vor wenigen Tagen, dass das Volumen pro Immobilienkredit neue Rekordhochs erreicht hat (hier die Details). Heute berichtet Dr. Klein über die neuesten Preisentwicklungen für Immobilien in Nordrhein-Westfahen. Der bis 2015 zurückreichende Chart zeigt auch jetzt keinen Abknick bei der Preisentwicklung. Im mondänen Düsseldorf dürfe es gerne ein bisschen mehr sein – auch bei den eigenen vier Wänden: Der Trend gehe hin zu mehr Exklusivität und Geräumigkeit. Köln und Dortmund vermelden indessen neue Rekorde bei den Immobilienpreisen. Die Details finden Sie beim Klick an dieser Stelle.

Preise für Immobilien in Nordrhein-Westfalen

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BioNTech, Pfizer und Moderna, erfüllen sich die Impfstoff-Erwartungen?

Wolfgang Müller

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Erfüllen sich die hohen Erwartungen an die Impfstoffe von BioNTech und Pfizer sowie Moderna? Die Börsen sind im Jahresendspurt: Immer wieder werden derzeit die aktuellen Wirtschaftsdaten als Indikatoren herangezogen, verbunden mit dem großen Optimismus vieler Investoren, die nach Korrektur schreien. Aber dies ist neben dem monetären Faktor nicht der entscheidende Treiber für Börsenkurse. Es zählt die mittelfristige Aussicht, auch wenn man in einer Rezession oder in einem Lockdown etwas anderes verspürt. Was die Märkte antizipieren, sind die Fortschritte in der Impfstoffentwicklung und deren Anwendung. Dies kann man auch aus einem Interview schlussfolgern, welches eine Reporterin der Welt am Sonntag aktuell mit dem Chef von Moderna, Stéphane Bancel, geführt hat.

BioNTech & Co: Die große Wende bis zum Sommer 2021

Bei aller Skepsis über die Geschwindigkeit und Validität der Entwicklung eines Impfstoffes ist es nicht zu übersehen: Die Nachrichten über den Fortgang des Kampfes gegen Covid-19 überschlagen sich, Unternehmen für Unternehmen berichtet von den Ergebnissen aus der klinischen Studie-3 und der baldigen Beantragung für eine Zulassung des eigenen Vakzins. Es ist daher sicher interessant, was der langjährige Chef eines der Unternehmen an vorderster Front dazu zu sagen hat, auch unter Berücksichtigung der subjektiven Darstellung des eigenen Unternehmens. Hier die Kernaussagen des CEOs von Moderna:

Der Chef von Moderna fühlt sich von der Erstmeldung von BioNTech und Pfizer nicht überfahren. Man bräuchte mindestens vier oder fünf Unternehmen, um die Welt mit 7,6 Milliarden Menschen impfen zu können.

Bemerkung: Fraglich, ob es zur Impfung von so vielen Menschen durch westliche Impfstofffirmen kommt. China impft sich selbst (1 Mio. Chinesen wurden schon geimpft), ebenso Russland. In Indien sind 750 Millionen Menschen unter 25 Jahre alt, ein ähnliches Verhältnis dürfte auch für den Milliardenkontinent Afrika gelten. Und wie viele Menschen werden sich einer Impfung verweigern?

Zur Frage, warum BioNTech/Pfizer schneller waren: Pfizer sei100-mal größer als Moderna, man habe vorher noch nie eine Studie mit 30.000 Menschen durchgeführt. Zudem wurde das Vakzin gemeinsam mit der US-Gesundheitsbehörde NIH entwickelt und mit staatlichen Stellen dauere es etwas länger, sich untereinander abzustimmen.

Der US-Staat hat Moderna mit einer Milliarde Dollar unterstützt, aber man brauche das Geld, um im kommenden Jahr eine Milliarde Impfstoffdosen herzustellen. Für die Beschaffung von Grundmaterialien.
Zum Impfstoffpreis: Man werde zwischen 25 und 37 Dollar aufrufen, je nachdem, wie viel die Regierungen bei Moderna bestellen. Damit liege man im Bereich wie bei einer Grippeimpfung, die zwischen 10 und 50 Dollar kostet. Das sei ein fairer Preis, wenn man bedenkt, wie hoch die Kosten für das Gesundheitssystem sind, wenn ein Mensch schwer an Covid-19 erkrankt. Die teuerste Impfung der Welt sei derzeit Pfizers Impfstoff Prevnar gegen Pneumokokken mit 300 Dollar je Dosis.
Zur Dauer der Impfung: Das hänge davon ab, wie viele Impfstoffe das Rennen machen. Wenn es beim Impfstoff von BioNTech und Moderna bliebe, würde es bis zum nächsten Sommer dauern, bis allein die Menschen in Europa und den USA geimpft sind. Für den Rest der Welt würde es vermutlich bis Ende 2022 dauern.
Bemerkung: Reichlich optimistisch, so viele Menschen (mehr als eine halbe Milliarde, auch wenn sich viele verweigern) innerhalb von sechs Monaten zu impfen.

Zur Hektik bei der Notzulassung: Bancel betrachtet jede Morgen die Zahlen der John-Hopkins-Universität. Es gebe täglich weltweit 11.000 Coronaopfer und dies dürfte sich im nächsten Monat noch steigern. Die Impfung habe bereits bewiesen, dass sie wirke und sicher sei. mRNA werde innerhalb von 48 Stunden nach der Impfung im Körper abgebaut, das Lipid als Trägerstoff ebenfalls. Danach sei man geschützt vor Covid und den teilweise schlimmen Langzeitfolgen. Deshalb sei seine Entscheidung klar.

Beim Vergleich mit Biontech-Chef Ugur Sahin: Bancel bezeichnet sich selbst als nicht besonders guten Verkäufer. Was er aber könne sei komplizierte Wissenschaft einfach zu erklären. Zum Beispiel warum mRNA die größte medizinische Revolution seit der Erfindung von kleinen Molekülen wie Aspirin sei.
Zum Stand der Genforschung: Man lebe im Zeitalter der Sequenzierung. Es würde nur fünf Dollar und ein paar Stunden Zeit kosten, bis man das Genom eines Virus entschlüsselt habe, dank mRNA habe man jetzt die Möglichkeit, sehr schnell wirksame Medikamente zu machen. Dies katapultiere die analoge Medizin in das Zeitalter der Digitalisierung. Dieser Erfolg sei aber nicht über Nacht gekommen, wie viele Leute denken. BioNTech und Moderna arbeiten daran seit zehn Jahren.
Bei der ultimativen Frage nach dem eigenen Impfzeitpunkt sagt Bancel: Er könne es gar nicht abwarten, hätte das gern schon vor Monaten getan, denn er wolle sein altes Leben zurück.

Fazit

Egal, wie man die Aussagen eines Unternehmensvorstands zum eigenen Produkt bewertet. Es ist schon erstaunlich, wie konkret die Informationen zu dem Jahrhundertprojekt Impfstoffentwicklung gegen Covid-19 bereits gediehen sind. Sollte es tatsächlich keine gravierenden Nebenwirkungen des Impfstoffes geben, so könnte man tatsächlich von einer Normalisierung der Verhältnisse im Hinblick auf die Pandemie bereits im Jahre 2021 rechnen. Sollte es tatsächlich dazu kommen, wäre es ein neuer Meilenstein in der Entwicklung des medizinischen Fortschritts der Menschheit. Noch ist Vieles im Konjunktiv.

Erfüllen die Impfstoffe von BioNTech oder Moderna die hohen Erwartungen?

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Warum für Deutschland im Winter eine technische Rezession ansteht

Claudio Kummerfeld

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Leere Restaurants im zweiten Lockdown befeuern die Rezession

Die Industrie liefert wieder, und China als Abnehmer deutscher Waren hilft kräftig mit bei der Erholung der Konjunktur. Aber es ist klar. Die Dienstleistungen vermasseln derzeit der deutschen Wirtschaft die tiefgreifende Erholung. Die Rezession steht bevor oder startet wohl gerade wieder, und das Bruttoinlandsprodukt könnte schrumpfen. Und das nicht nur, weil die Dienstleistungen wie Gastronomie wegen dem aktuellen „kleinen“ Corona-Lockdown zu großen Teilen gar nicht stattfinden. Nein, da ist noch ein Faktor, der auf den ersten Blick übersehen werden kann.

Bevorstehende Rezession befeuert durch höhere Mehrwertsteuer

Eine aktuell womöglich schon gestartete technische Rezession für diesen Winter dürfte ab Anfang Januar verschärft werden. Denn ab 1. Januar wird die seit Juli 2020 geltende Mehrwertsteuersenkung wieder rückgängig gemacht. Dann dürften die Verbraucherpreise wieder steigen. Wer schon lange Zeit vor hatte einen neuen Fernseher, Küche, Auto oder sonstige hochpreisige Einrichtungsgegenstände anzuschaffen, hat dies wohl schon in den letzten Monaten getan, und dabei nette Mehrwertsteuerbeträge gespart. Umso kräftige dürfte der Konsumrückgang ab Januar ausfallen. Oder darf man mutmaßen, dass die Politik in Berlin dem noch schnell entgegenwirkt, und die Mehrwertsteuer bis zum Sommer 2021 auf reduziertem Niveau belässt? Die Kurzarbeiter-Regelung hat man ja schließlich auch gerade erst bis Ende 2021 verlängert.

Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt der Commerzbank, bringt es in einer aktuellen Kurzanalyse auf den Punkt. Warum er sich gerade jetzt äußert? Heute um 10 Uhr wurde mit dem ifo-Index das wichtigste deutsche Konjunkturbarometer veröffentlicht (hier die Details). Er fiel von 92,5 auf 90,7 Punkte. Die Zahlen waren zwar leicht besser als gedacht, aber eben doch schlechter als im Vormonat. Wie der Chart (geht bis 2016 zurück) zeigt, geht es aktuell wieder leicht bergab mit dem Geschäftsklima in Deutschland.


source: tradingeconomics.com

Experte spricht von bevorstehender technischen Rezession

Deutschland droht eine technische Rezession, das Winterhalbjahr wird hart. Das kann durch die robuste Entwicklung in der Industrie kaum verhindert werden. Erst die wärmeren Temperaturen im Frühling und die Impfungen werden die Wirtschaft vor allem in der zweiten Jahreshälfte deutlich anziehen lassen, so Jörg Krämer. Ein Monat Lockdown koste fast ein Prozent Wachstum beim Bruttoinlandsprodukt. Krämer erwartet eine technische Rezession im Winterhalbjahr, auch wenn sich das verarbeitende Gewerbe super halte. Im folgenden Chart der Commerzbank sehen wir, wie die Industrie in gelb weiter ansteigt, während die Dienstleistungen wieder abschmieren.

Chart zeigt Tendenz der Rezession dank schwachen Dienstleistungen

Laut Jörg Krämer ist ein Abwärtstrend bei den Corona-Neuinfektionen noch nicht erkennbar. Die Bundesländer dürften den Lockdown nach seiner Meinung bis mindestens Weihnachten verlängern und die Kontaktbeschränkungen verschärfen. Sehe man von möglichen Lockerungen rund um Weihnachten ab, dürfte der Lockdown mindestens bis Ende Dezember gelten. Weil die kalte Jahreszeit die Infektionen begünstigt, erwarte man, dass Restaurants, Kneipen, Hotels, Fitness-Center etc auch während des ersten Quartals überwiegend geschlossen bleiben.

Basierend auf dem Anteil der betroffenen Branchen an der gesamten Wertschöpfung drücke ein Monat Lockdown das quartalsweise Bruttoinlandsprodukt wie gesagt um fast 1 Prozent. Entsprechend dürfte laut Jörg Krämer das Bruttoinlandsprodukt im vierten Quartal um 2 Prozent schwächer ausfallen als ohne Lockdown – es werde vermutlich schrumpfen. Das dürfte die robuste Entwicklung in der Industrie nicht verhindern. Auch im ersten Quartal, das ohnehin durch die Mehrwertsteuererhöhung zum 1. Januar belastet wird, sei kaum mit einem Plus zu rechnen. Deutschland drohe eine technische Rezession. Die Wirtschaft gehe durch ein hartes Winterhalbjahr, bevor die wärmeren Temperaturen und die Impfungen die Wirtschaft vor allem in der zweiten Jahreshälfte deutlich anziehen lassen.

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