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Wie Jens Weidmann die von der EZB zugelassene höhere Inflation kommentiert

Jens Weidmann hat sich heute geäußert. Aber erst kurz ein Blick auf gestern. Was hat die EZB da nochmal gesagt? Zwei Dinge waren wichtig im Rahmen ihrer Verkündung der neuen Notenbank-Strategie. Erstens erhöht man das Ziel für die Inflation von „Unter, aber nahe 2 Prozent“ auf 2 Prozent. Wichtiger und entscheidend aber ist, dass man quasi zur Federal Reserve aufschließt, in dem man eine höhere Inflation zulässt. Dazu sagte die EZB gestern: Wenn sich die Wirtschaft in der Nähe der unteren Grenze der nominalen Zinssätze bewegt, bedürfe es besonders energischer oder anhaltender geldpolitischer Maßnahmen, um zu verhindern, dass sich negative Abweichungen vom Inflationsziel verfestigen. Dies könne auch eine vorübergehende Phase implizieren, in der die Inflation moderat über dem Zielwert liegt. So hat die EZB charmant, dezent aber doch klar erkennbar ausgedrückt, dass man die Inflation auch über 2 Prozent laufen lässt, ohne auch nur über höhere Zinsen oder sonstige Maßnahmen nachzudenken.

Jens Weidmann über EZB-Toleranz für eine höhere Inflation

Heute hat sich Bundesbank-Präsident Jens Weidmann zur gestrigen Verkündung der EZB geäußert. Was sagt er dazu, dass die EZB nun auch eine höhere Inflation zulässt? „Vorübergehend könne es zu Abweichungen vom Ziel in die eine oder andere Richtung kommen“, so seine heutigen Worte. Aber man mache die Geldpolitik nicht von Zielverfehlungen in der Vergangenheit abhängig. „Unsere Strategie bleibt nach vorne gerichtet und berücksichtigt die neue Herausforderung der effektiven Zinsuntergrenze“, so Jens Weidmann. Negative Abweichungen von diesem Zielwert seien ebenso unerwünscht wie positive. Das Inflationsziel von 2 Prozent bilde einen klaren Anker für die Inflationserwartungen, was für die Gewährleistung von Preisstabilität von entscheidender Bedeutung sei.

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Unterschied zwischen „Anstreben“ und „Zulassen“

Im Klartext: Er will sich nicht klar und offen zu dem Thema äußern. „Abweichungen in die eine oder andere Richtung“ – wir alle wissen doch, worum es geht. Verbraucherpreise über 2 Prozent haben wir bereits mit 2,3 Prozent im Juni in Deutschland. Und wenn die bis gestern noch gültigen Ziele der EZB auch auf Eurozonen-Basis längst erreicht sind mit jetzt 1,9 Prozent (Inflation nahe oder knapp unter 2 Prozent), dann muss man seine Ziele natürlich umformulieren auf „kann auch moderat über dem Zielwert liegen“. Denn wir alle wissen es doch, worum es den Notenbankern in Wirklichkeit geht – die EZB will ihre Geldpolitik nicht ändern – sie möchte die Eurozonen-Länder weiterhin mit Nullzinsen am Leben halten und weiter Geld drucken.

Man muss halt nur die Begründungen für sein Handeln anpassen, weil sich die Realität um die EZB herum in Form steigender Preise geändert hat. Aber Jens Weidmann kann oder will sich nicht offen kritisch dazu äußern. Lieber betont er, dass das Ziel der EZB mit glatt 2 Prozent nun klarer formuliert sei als vorher, und dass man auch keine höhere Inflation anstrebe. Tja, so möchte ich dazu ergänzen: Es klingt zwar schön, wenn man keine höhere Inflation anstrebt – aber wenn man gleichzeitig sagt, dass man eine höhere Inflation zulässt, dann ist es ja egal ob man sie anstrebt oder nicht anstrebt. Es würde normalerweise die Kernaufgabe der EZB sein Preisstabilität zu gewährleisten. Aber wenn man andere Motive wie zum Beispiel die Rettung ganzer Staatshaushalte im Auge hat, dann muss man sich die Formulierungen eben zurechtbiegen.

Bundesbank-Chef Jens Weidmann
Foto: Bundesbank / © Frank Rumpenhorst



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