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Bis zum bitteren Ende – Die größte Insolvenzverschleppung der Geschichte geht weiter

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Gastbeitrag von Marc Friedrich & Matthias Weik

Wir wissen nicht, wie es Ihnen geht, aber wir sind fassungslos und schockiert. Nach dem die Medizin der Euro-Rettungspolitik schon zweimal katastrophal versagt hat, soll sie nun trotzdem ein drittes Mal verabreicht werden. Hierzu fällt uns kopfschüttelnd nur ein Zitat von Albert Einstein ein:

„Die Definition von Wahnsinn ist, immer wieder das Gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.“

Friedrich Weik
Die Autoren Matthias Weik & Marc Friedrich
Foto: http://friedrich-weik.de

Wie befürchtet hat sich abermals eine politische Lösung durchgesetzt und damit ist es wieder lediglich eine teure Rettung auf Zeit. Der absolute ökonomische Wahnsinn geht in die bereits dritte Runde! Und wir sind uns jetzt bereits sicher, dass dies nicht die letzte, teure Rettung sein wird. Nach dem dritten Hilfspaket wird es ein viertes, fünftes etc. geben. Griechenland wird mit dem Euro niemals wieder wirtschaftlich auf die Beine kommen und seine Schulden werden weiter drastisch steigen. Der politische (Alb)Traum der Währungsunion wird von der dogmatischen Politik weiter künstlich am Leben erhalten und das obwohl alle Indizien seit Jahren das Scheitern dieses Währungsexperiments anzeigen. Obwohl Griechenland zu 100 Prozent pleite ist, will keiner die Realität akzeptieren und das Land in den erlösenden und heilsamen Bankrott schicken. Nun stehen wir endgültig vor dem Scherbenhaufen der EU und des Euros. Jedoch möchten dies viele unserer Politiker immer noch nicht wahr haben.

Es wird erneut der bequemste Weg gewählt, und gegen den Willen der Wähler, abermals teuer Zeit erkauft! Innerhalb weniger Tage explodierte die notwendige Summe die Griechenland benötigt von 17,5 Milliarden auf nunmehr 100 Milliarden Euro – und wir reden hier nur für die nächsten drei Jahre! Damit sind die 86 Milliarden über die gegenwärtig verhandelt wird, bereits jetzt schon veraltet. Wir sind uns sicher, auch diese astronomische Summe wird leider nicht reichen. Ferner werden damit die Ursachen und Probleme nicht im Ansatz gelöst sondern bloß die notwendigsten Löcher gestopft. Das meiste Geld wird für den Schuldendienst verwendet und damit keine wirtschaftliche Stimulanz auslösen, welche Griechenland und seine Bürger so dringend benötigt. Es werden weiterhin alte Schulden mit neuen Schulden bezahlt und ein Rettungspaket wird durch ein neues Rettungspaket abgelöst. Selbst die „Bild“ glaubt nicht mehr an die Rettungsorgie und wendet sich erstmals gegen die sonst so gefeierte Kanzlerin. In drei Jahren wird der griechische Finanzbedarf noch größer und die Schuldenberge weiterhin gigantisch hoch sein. Abgesehen davon ist es fraglich welche „Reformen“ das Land tatsächlich umsetzt.
Wir fragen uns deshalb:

– Wie viele Milliarden müssen wir noch verbrennen bis die Erkenntnis in Brüssel und Berlin endlich da ist, dass dem Land mit weiteren Krediten nicht zu helfen ist?
– Wie lange will uns die Politik noch weiß machen, dass nur von Krediten gesprochen wird und dass wir das Geld zurückbekommen?
– Wie lange wird uns noch die Alternativlosigkeit von Frau Merkel und das „scheitert der Euro, scheitert Europa“ vorgepredigt und wie lange wollen wir diesen Unfug noch glauben?
– Wie lange wird es noch dauern bis auch dem letzten klar ist, dass Griechenland innerhalb der Eurozone niemals gesunden kann und immer am Geldtropf der EU hängen wird?
– Wann wird man endlich anerkennen, dass das Land einen Schuldenerlass und einen Marschallplan benötigt?
– Wann werden wir endlich beginnen die Menschen und nicht nur die Banken und den Euro zu retten?
– Wann wird die Politik die Courage haben, sich einzugestehen, mit dem Euro einen historischen Fehler gemacht zu haben?
– Wie kann es sein, dass gegen den Willen der Bevölkerung Entscheidungen getroffen werden?
– Wieso sollen die Erlöse aus den Privatisierungen jetzt erreicht werden, nachdem sie in den letzten Jahren schon nicht erreicht wurden?
– Wenn es nicht mal wir als Exportweltmeister mit Rekordsteuereinnahmen schaffen Schulden zurückzuzahlen, wie können wir es dann vom krisengeplagten Griechenland erwarten oder irgendeinem anderen Land?
– Wenn es die Staaten nicht schaffen in einer Niedrigzinsphase Schulden abzubauen, was passiert eigentlich wenn die Zinsen steigen?
– Wie lange lassen wir uns das noch gefallen?

Der deutsche Bundestag hat erwartungsgemäß sich für die Aufnahme von Verhandlungen mit Griechenland über ein drittes Hilfspaket – 86 Milliarden Euro für drei Jahre – ausgesprochen. Das meiste Geld soll aus dem Euro-Rettungsfonds ESM kommen, ein weiterer Anteil vom Internationalen Währungsfonds (IWF). Wobei der IWF nur mit an Bord ist, wenn es zu einen ordentlichen Schuldenschnitt für Griechenland kommt. Das will aber weder Herr Schäuble noch die EZB sowie andere Gläubiger. Zudem ist es rechtlich mehr als fragwürdig, ob ESM Gelder überhaupt in ein Hilfspaket fließen dürfen. Damit das Land nicht sofort Zahlungsunfähig ist, erhält es zunächst bis zum Abschluss der Verhandlungen bis Mitte August eine sogenannte Brückenfinanzierung in Höhe von sieben Milliarden Euro. Die Laufzeit der Hilfen beträgt drei Monate. Somit konnte das Land seine Zahlungsverpflichtungen gegenüber EZB und IWF begleichen. Die EZB hatte sich unter, dem Franzosen Jean-Claude Trichet, fleißig mit griechischen Staatsanleihen eingedeckt. Diese müssen selbstredend bezahlt werden. Fällig waren diese Bonds, in Höhe von 3,5 Milliarden, am 20. Juli 2015. Sie wurden pünktlich bezahlt– vom europäischen Steuerzahler. Nachdem dies geschah, erhöhte Draghis EZB die Notkredite ELA für Griechenland um 900 Millionen Euro. Ferner kann Euro-Gruppen-Chef Jeroen Dijsselbloem weiterhin in die Welt hinausposaunen: „Wir machen keine Brücken-Finanzierung“, denn es macht nicht die Euro-Gruppe den Bailout für die EZB, sondern die ganze EU.

Allein 60 aufrechte Unionsmitglieder lassen sich jedoch nicht mehr von der Kanzlerin täuschen und stimmten mit Nein, fünf enthielten sich. Der Kanzlerin sollte dieses Ergebnis eine Warnung sein, denn der Bundestag muss dem Paket als solchem am Ende noch einmal zustimmen. Wir sind gespannt wie die Abgeordneten ein weiteres Rettungspaket in ihren Wahlkreisen verkaufen. Hat es nicht nach dem zweiten Hilfspaket für Griechenland nicht schon geheißen, das sei aber nun wirklich das letzte?

Status Quo Griechenland

Nichts hat sich seit den letzten „Hilfen“ zu Positiven gewendet – ganz im Gegenteil. Die wirtschaftliche Gesamtsituation verschlechtert sich kontinuierlich. Seit 2009 ist Griechenland unaufhaltsam auf dem besten Weg das erste „dritte Welt Land“ der Eurozone zu werden. Mehr und mehr zeigt die Austeritätspolitik seine desaströsen Auswirkungen auf Wirtschaft und Gesellschaft. Der Mai 2015 markiert beim Industrieoutput den tiefsten Stand seit September 1978! Im Jahr 1978 betrugen die griechischen Staatsschulden vergleichsweise putzige 7,3 Mrd. Euro bzw. 22,1 Prozent des nominalen BIPs! Heute stehen wir bei knapp 317 Milliarden Euro, 173,95 Prozent des BIP! Die Arbeitslosenquote liegt weiterhin bei 25,6 Prozent und über 53 Prozent der Jugendlichen sind weiterhin ohne Job. Wohlgemerkt sind dies die offiziellen Zahlen.

Die Griechen haben erkannt, dass das Land am Ende ist und haben mit der letzten Wahl nicht nur ihre eigenen Eliten sondern auch die EU und den Euro abgewählt. Jetzt hat auch noch der Hoffnungsträger der Griechen, Alexis Tsipras, von der Linken Partei Syriza mit der Mehrheit des Parlaments das Land verraten. Nachdem das Volk „Nein“ gesagt hat, ist man komplett eingeknickt und hat genau dem zugestimmt was die Bürger Griechenlands im Referendum abgelehnt haben.
Dennoch hat das griechische Parlament Gesetze beschlossen, die ihm offensichtlich von außen aufgedrängt wurden und dessen Inhalt von der Troika bestimmt wurden. Ist das Demokratie? Ist das, das Europa das wir uns vorstellen? Wir sagen ganz klar: nein, das ist es nicht! Die zerstörerische Wucht des Euroexperimnents frisst sich mehr denn je durch die Länder – angefangen bei Griechenland, über Portugal, Spanien, Italien, bis nach Frankreich. Es bröckelt an allen Ecken und Enden. Griechenland wird niemals seine Schulden bezahlen können und ein Schuldenschnitt wird kommen – in welcher Form auch immer. Angela Merkel lehnt einen „klassischen“ Schuldenschnitt für Griechenland weiterhin energisch ab. Doch es existieren weitere Optionen. Die Schuldenlast soll in den kommenden Jahren größtenteils auf den ESM umgelagert werden und somit die Risiken großzügig auf die Schultern der europäischen Steuerzahler verteilt werden.

Heute sprechen wir lediglich von Griechenland, welches faktisch bankrott ist. Bald werden wir jedoch leider von viel größeren Problemen sprechen müssen.

Es heißt ja immer, überall außer in Griechenland greifen die Reformen. Werfen wir doch einmal einen Blick auf Frankreich und Italien.

Auch in Frankreich steigt die Zahl der Arbeitslosen kontinuierlich. Über 3,5 Millionen Menschen sind ohne Arbeit – ein neues Allzeithoch. Seit nun 48 Monaten in Folge steigt schon die Arbeitslosigkeit, im Vergleich zum Vorjahresmonat! Die Industrieproduktion des Landes befindet sich weiterhin auf dem Niveau von vor 20 Jahren. Umso länger diese Krise anhält umso stärker wird die rechte Front National um Marie Le Pen.

Industrieproduktion

Auch Italien steht mit dem Rücken an der Wand. Das Land hat allein im ersten Halbjahr 2015 Schulden gemacht, in Höhe des gesamten neuen Rettungspakets für Griechenland. Im Mai waren es alleine saftige 23,4 Milliarden Euro neue Schulden. Italiens Schuldenberg beträgt heuer 2,218 Billionen Euro. Das entspricht 133 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und somit mehr als doppelt so viel wie das Maastricht-Kriterium der Euro-Zone erlaubt. Parallel ist seit 2008 Italiens Industrieproduktion um ein Viertel gesunken. Einerseits befindet sich das Pro-Kopf-Einkommen auf dem niedrigsten Niveau seit 1997, andererseits hat sich die Arbeitslosigkeit verdoppelt. Der Gau in Italien ist also vorprogrammiert. Die italienische Zentralbank (Banca d’Italia) berichtete am 8. Juli 2015 die Daten zum Bad Debt, den notleidenden Krediten für den Monat Mai 2015. Die offiziellen Non Performing Loans, dies sind Kredite mit mehr als 90 Tagen im Zahlungsverzug, erklommen erneut ein neues Allzeithoch mit 193,734 Mrd. Euro!

Die Aussage, dass in allen anderen Ländern, außer Griechenland, die “Reformen” greifen ist also eine dreiste Lüge. Ferner werden sich Länder wie Frankreich und Italien niemals so drangsalieren lassen wie Griechenland. Auch in Spanien und Portugal sieht es nicht besser aus. Viele positive Nachrichten sind nichts als Nebelkerzen und Statistiktricks. Wir können uns also noch auf einiges gefasst machen.

Seltsamerweise sprechen heute immer weniger Politiker davon, dass wir nicht für die Schulden der anderen haften müssen. Auch wird so langsam dem letzten klar, dass wir das viele Geld niemals wieder sehen werden. Wie lange möchten wir noch gutes Geld schlechtem hinterher werfen? Wie hätten unsere Abgeordneten wohl abgestimmt wenn Politiker mit Haus und Hof für Ihre Entscheidungen haften müssen, so wie jede Privatperson und jeder Unternehmer auch? Es ist unabdinglich, dass Steuergeldhinterziehung endlich genauso hart bestraft werden muss wie Steuergeldverschwendung. Wenn dies nicht der Fall ist werden die irrsinnigen Entscheidungen der Politik niemals ein Ende haben und wir versprechen ihnen, daß wir noch sehr viele Rettungspakete erleben werden die das destruktive Perpetuum Mobile zur Umverteilung und Verelendung am laufen halten.




Die beiden Ökonomen, Querdenker und Honorarberater Matthias Weik und Marc Friedrich schrieben 2012 zusammen den Bestseller “Der größte Raubzug der Geschichte – warum die Fleißigen immer ärmer und die Reichen immer reicher werden“. Es war das erfolgreichste Wirtschaftsbuch 2013. Seit April 2014 gibt es eine aktualisierte und überarbeitete Taschenbuchausgabe. Mit ihrem zweiten Buch, „Der Crash ist die Lösung – Warum der finale Kollaps kommt und wie Sie Ihr Vermögen retten“, haben sie es bis auf Rang 2 der Spiegel Bestsellerliste geschafft sowie auf Rang 1 im Manager Magazin und Handelsblatt. In ihm haben sie u.a. die EZB Leitzinssenkung und Minuszinsen für die Banken, die Absenkung des Garantiezins bei den Lebensversicherungen sowie den Ausgang der EU-Wahl und anderen Wahlen richtig prognostiziert. Der Crash ist die Lösung war das erfolgreichste Wirtschaftsbuch 2014. Weitere Informationen über die Autoren finden Sie unter: www.friedrich-weik.de und bei Facebook.

4 Kommentare

4 Comments

  1. joah

    27. Juli 2015 09:59 at 09:59

    keine Sorge Jungs: die richtige Insolvenz kommt bald (richtig), dann ist es mit der Verschleppung auch gleichsam vorbei.

  2. Leon77

    27. Juli 2015 23:55 at 23:55

    Das nenne ich mal qualitätsjournalismus danke!

  3. Hadeslover

    29. Juli 2015 00:08 at 00:08

    Sehr gut auf den Punkt gebracht. Danke!

  4. Klaus Blumentrath

    29. Juli 2015 17:22 at 17:22

    Die sicherlich erschöpfende Zusammenfassung des Krisenszenarios lässt eine Frage – die Antwort sowieso – offen:
    Welche legalen Mittel stehen außerhalb der Wahltermine zur Verfügung, um diese Berliner Mischpoke aus der Welt zu schaffen. Frau Müller muss weg ist ein lustiges Movie zum Elterndasein, Frau Merkel muss weg (und einige ihrer Steigbügelhalter) wächst sich zur ultima ratio aus.

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Gold fundamental und charttechnisch

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Von Naeem Aslam, chief market strategist bei ThinkMarkets

Der Goldpreis hat seinen Glanz verloren und wird aufgrund der Stärke des Dollars niedriger gehandelt. Die bisherige Performance des gelben Metalls seit Jahresbeginn war schwach mit nur um 0,31%.

Interessanterweise sehen wir trotz eines gedämpften Interesses an den risikoreicheren Anlagen immer noch keine Aufwärtsbewegung des Goldpreises, und zwar deshalb, weil die Ertragssaison für dieses Quartal starke Ergebnisse geliefert hat. Abgesehen von den US-Einzelhandelsumsätzen waren die Wirtschaftsdaten in den USA robust, und den Anlegern fällt es schwer zu glauben, wie die Fed ihre aktuelle Geldpolitik neutrale beibehalten will.

Auch der Handelskonflikt zwischen den USA und China scheint wieder auf Kurs zu sein, was einer der Hauptgründe dafür war, dass der Goldpreis zuvor stark gestiegen ist. Wir sind jedoch noch nicht aus dem Schneider, weil chinesische Medien eine härtere Haltung gegenüber den USA signalisiert haben. Erst wenn wir eine noch stärkere Reaktion aus China sehen, dürften die Auswirkungen im Goldpreis sichtbar werden.

Blickt man auf die Preisaktion bei Gold, so scheint es, dass der Preis keine starke Dynamik hat. Dies ist der Grund dafür, dass der Kurs das kritische Niveau von 1300 derzeit nicht überschreiten kann.

Technisch gesehen handelt der Goldpreis unter dem gleitenden 50- und 100-Tagelinie, aber über dem gleitenden 200 Tages-Durchschnitt. Dies bedeutet, dass die Bullen die Kontrolle über den Preis verloren haben, aber es besteht immer noch die Hoffnung, dass sie die Kontrolle zurückerhalten, denn der Preis liegt immer noch über dem großen gleitenden Durchschnitt, dem 200-Tage-SMA. Die kurzfristige Unterstützung liegt bei 1266 und der Widerstand bei 1303.


Naeem Aslam


Foto: Stevebidmead – https://pixabay.com/en/gold-ingots-golden-treasure-513062/ Gemeinfrei

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EZB erklärt, warum man die Inflation bisher nicht ankurbeln konnte

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Gemäß heute veröffentlichter offizieller Zahlen liegt die Inflationsrate in der Eurozone bei 1,7%. Das EZB-Ziel liegt bei 2,0%. Aber auch wenn es auf den ersten Blick doch ganz gut aussieht: Nur durch einen plötzlichen Sprung bei Dienstleistungspreisen springt auch die Inflationsrate nach oben. Die Kernrate bleibt bei 1,3%. Die EZB erklärte in den letzten Jahren immer wieder sie wolle beide Werte für einen längeren Zeitraum konstant bei 2,0% sehen, bevor man überhaupt nur darüber nachdenke die Zinswende einzuläuten.

Und jetzt steht auch noch der Konjunkturabschwung ins Haus. Da ist es kaum vorstellbar, dass die Notenbanker gerade jetzt die Zinsen anheben, wo die Volkswirtschaften doch billige Zinsen brauchen. Aber kommen wir zur Sache. Seit vier Jahren hat die EZB insgesamt 2,6 Billionen (!) Euros virtuell gedruckt und über Käufe von Staatsanleihen und Unternehmensanleihen in die Kapitalmärkte gepumpt. Dazu noch die Nullzinsen. Damit sollte die wirtschaftliche Aktivität in Europa angekurbelt werden. Indirekt hätte diese Aktivität die Preise stark zum Anstieg bringen sollen.

Doch 2,6 Billionen Euro haben nichts bewirkt. Nein, die gestiegenen Ölpreise halfen den Verbraucherpreisen zu einem kleinen Anstieg, aber die EZB war nicht dafür verantwortlich! Sieht sich die EZB daher aktuell unter Rechtfertigungsdruck? Womöglich, denn EZB-Direktor Benoit Coeure hat jetzt einen langen Aufsatz mit vielen Zahlen und Grafiken präsentiert. Dabei geht es darum zu ergründen, warum die Inflation denn nicht durch die Geldpolitik der EZB (Geld drucken + Zinsen auf Null) viel stärker angefacht wurde.

EZB hat nicht versagt? Schuld sind die die Dienstleister?

Und hier präsentieren wir den Sündenbock der EZB. Es ist die Dienstleistungsindustrie. Mit jeder Menge schöner Grafiken will Coeure aufzeigen, dass der Anteil der Dienstleistungen an den Volkswirtschaften in Europa in den letzten Jahrzenten immer mehr zugenommen hat. Das mag auch so sein. Aber diese Zunahme der Wichtigkeit der Dienstleistungen nimmt er als Grund dafür, dass die Geldpolitik der EZB deutlich länger benötige, bis sie ihre Wirkung entfalten könne. Ach so, alles klar? Die Maßnahmen der Geldpolitik bräuchten länger um in der Wirtschaft anzukommen, so Coeure.

Na, dann haben wir verstanden. Die Geldpolitik der Notenbanker ist also nicht wirkungslos. Weil die (doofen?) Dienstleister deutlich mehr Zeit als die Industriebetriebe brauchen um höhere Preise an den Endverbraucher weiterzuleiten, müssen wir eben nochmal ein paar Jährchen warten, bis ein Effekt sichtbar ist? Vielleicht fünf oder zehn Jahre? Soll das eine indirekte Rechtfertigung dafür sein, dass man die Politik extrem niedriger Zinsen noch viel, viel länger laufen lässt? Gut möglich, so meinen wir.

Konnte die EZB nicht vor der Abschaffung der Zinsen und der Billionen-Gelddruck-Orgie auf diese Idee kommen? Ach nein, falsch, ihre Politik wirkt ja. Es dauert halt nur etwas länger… hier das Schlussfazit aus dem Vortrag von Benoit Coeure. Zitat:

The first is that the rise of services in production and consumption over the past few decades has contributed to lift core inflation across advanced economies – making current low inflation appear even more puzzling.

The second key takeaway is that services deepening has had a profound impact on the transmission of monetary policy, also in the euro area. It has lowered the median frequency of price changes in the economy, increasing the lag with which monetary policy is transmitted to consumer price inflation.

The third and final takeaway is that the service sector itself is subject to change. The rise and expansion of “modern” services that can be delivered at distance means that competition and aggregate productivity may increase over time, thereby contributing to reducing price rigidity. Completing the single market for services in Europe, and reducing barriers to trade for services, would support this process and thereby also facilitate a faster transmission of monetary policy.

Hier zwei Grafiken aus dem Vortrag von Benoit Coeure, die zeigen, dass seit 1970 der Anteil der Dienstleistungen an der Gesamtwirtschaft dramatisch zugenommen hat (Eurozone blaue Linie).

EZB Direktor Benoit Coeure
Benoit Coeure. Foto: Aron Urb (EU2017EE) – Flickr CC BY 2.0

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Weniger Selbständige! Neue Angestellten-Jobs überwiegend bei schlecht bezahlten Dienstleistungen

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Das Statistische Bundesamt hat heute für das 1. Quartal 2019 vorläufige Berechnungen veröffentlicht für die Entwicklung bei der Erwerbstätigkeit in Deutschland. Im Vergleich zum 4. Quartal 2018 gibt es einen Rückgang, aber diese Betrachtung ersparen wir uns aufgrund der geringen Aussagekraft (saisonale Schwankungen). Aber im Jahresvergleich zum 1. Quartal 2018, da gab es einen kräftigen Zuwachs der Erwerbstätigkeit um netto (!) 481.000 oder +1,1% auf 44,9 Millionen Personen.

Neu geschaffen wurden 551.000 sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze. Die Zahl der Selbständigen fiel aber im Jahresvergleich um 70.000 auf 4,17 Millionen. Das wirkt nicht gerade so, als würde die Startup-Szene in Deutschland blühen? Oder ist das nur eine Art „Bereinigung“? Denn es gibt ja das Phänomen, dass sich in Zeiten schlechter Konjunktur viele Menschen quasi in die Selbständigkeit flüchten. Umgekehrt kann man daher vermuten, dass viele dieser notgedrungen Selbständigen jetzt wieder zurückgekehrt sind in die Festanstellung?

Natürlich ist es positiv für die deutsche Volkswirtschaft, dass in nur einem Jahr 551.000 neue Arbeitsverhältnisse geschaffen wurden. Aber der Haken liegt im Detail. Das angelsächsische Phänomen, dass überwiegend einfache und schnell zu schaffende Jobs in Dienstleistungssektoren entstehen, ist auch in Deutschland fest etabliert. Diese Personen werden aufgrund der in diesen Sektoren niedrigen Löhne zukünftig arge Probleme mit ihrer Altersvorsorge haben.

Zitat Statistisches Bundesamt:

Der Anstieg der Erwerbstätigenzahl gegenüber dem Vorjahresquartal war auch im 1. Quartal 2019 überwiegend auf die Dienstleistungsbereiche zurückzuführen. Die größten absoluten Beschäftigungsgewinne innerhalb der Dienstleistungsbereiche gab es im Bereich Öffentliche Dienstleister, Erziehung, Gesundheit mit einem Plus von 189 000 Personen (+1,7 %), gefolgt vom Bereich Handel, Verkehr und Gastgewerbe mit +81 000 Personen (+0,8 %).

Aber auch in der Industrie wurden anständig Stellen geschaffen. Zitat:

Im Produzierenden Gewerbe (ohne Baugewerbe) stieg die Zahl der Erwerbstätigen im 1. Quartal 2019 gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 139 000 Personen (+1,7 %) und im Baugewerbe um 43 000 Personen (+1,7 %).

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