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"Angst ist der kleine Tod, der zu völliger Zerstörung führt" China: Restriktionen in Hauptreisezeiten – Hiobsbotschaft für Wirtschaft

China Wirtschaft Reisebeschränkungen

China verschärft vor dem anstehenden Volkskongress Mitte Oktober die Reisebestimmungen, von denen dann auch die beiden Hauptreisezeiten, das Mid-Autumn-Festival und die „Goldene Woche“ um den chinesischen Nationalfeiertag, betroffen sind: für die Wirtschaft im Reich der Mitte ist das ein weiterer schwerer Dämpfer.

China: Feiertage und ihre Bedeutung für die Wirtschaft

Von Samstag bis Montag findet in China das Mid-Autumn-Fest oder Mond-Fest statt. Der chinesischen Auffassung nach scheint der Vollmond am hellsten. Man trifft sich mit Freunden und Verwandten zum Essen – und es werden an jeden, den man auch nur entfernt kennt, Mondkekse verschenkt. Er gehört auch zu den kleinen Reiseschwerpunkten mit drei freien Tagen. Viele Chinesen nutzen dieses verlängerte Wochenende, um eine kleine Reise zu unternehmen.

In der ersten Oktoberwoche steht dann die „Goldene Woche“ an. Sie beginnt mit dem Nationalfeiertag am 1. Oktober, dem offiziellen Gründungsdatum der Volksrepublik. Fabrikarbeiter bekommen oft nicht nur diese eine Woche frei, sondern meist zwei Wochen, damit sie ihre Familien wiedersehen können. Die „Goldene Woche“ gehört neben dem Frühlingsfest und dem Tag (besser Woche) der Arbeit zu den großen Reisezeiten. Vor Corona nutzten viele Menschen in China dieses Zeitfenster, um ins Ausland zu reisen. Seit zwei Jahren versuchen die Menschen wenigsten im Inland unterwegs zu sein. Beliebt sind vor allem Gruppenreisen.

Die nun verkündeten Einschränkungen sehen vor, dass jeder bei Abfahrt und Ankunft einen negativen PCR-Test vorzeigen muss, der maximal 48 Stunden alt ist. Dies ist aber eigentlich zurzeit innerhalb Chinas gängige Praxis – sofern der Reisende nicht gerade aus einem Hoch- oder mittelhohem Risikobereich kommt. Stand vom 8. September gab es in China 1503 Hochrisiko-Bereiche. Über die Anzahl der mittelhohen Risikobereiche gibt es mittlerweile keinen einheitlichen Überblick mehr. In diesen 1500 Bereichen sind die mehr als 40 Städte, die sich mehr oder weniger im Lockdown befinden, schon enthalten. Am 8. September wurden 280 neue Fälle registriert. Es gibt also 50 mal mehr Risikobereiche, als es überhaupt Fälle gibt. Schon zu Beginn der Woche hatte der Autor darauf verwiesen, dass mit zunehmender Nähe des Volkskongresses die Nervosität der Beamten steigen wird.

Zudem bittet die Nationale Gesundheitskommission (NHC) nun die Bevölkerung, möglichst nicht zu reisen. In der Praxis bedeutet dies: Größere Unternehmen fordern ihre Mitarbeiter auf, die Stadt während der Feiertage nicht zu verlassen. Falls man es doch tut, läuft man Gefahr, 14 Tage in Hausquarantäne zu verbringen. Zudem bedeutet diese Aufforderung, dass schon geplante Gruppenreisen abgesagt werden. Für die Wirtschaft in China ist ds ein weiterer ernster Rückschlag.

Zusätzlich fordert die NHC dazu auf, Messen und andere große öffentliche Veranstaltung, wie auch Konzerte, bis Ende Oktober zu verschieben. In Shanghai wurde gerade das Lujiazui Forum, eine wichtige Finanzkonferenz, die diese Woche stattfinden sollte, gerade abgesagt.

Wirtschaft: Die Tourismus-Industrie ist das Hauptopfer

Die in diesem Jahr ohnehin schon schwer gebeutelte Tourismus- und Eventindustrie erfährt durch die Restriktionen einen weiteren schweren Schlag. Im ersten Halbjahr 2022 verzeichnete allein die Luftfahrtindustrie einen Einbruch von 51% gegenüber dem Vorjahr. Viele gerade kleinere Geschäfte und Souvenir-Läden hatten ob des schwierigen Jahres darauf gehofft, wenigstens während der Oktober-Ferien ein wenig die Verluste aufzuholen.

Der Tourismus-Sektor steht für 10% des Bruttoinlandsproduktes und ist einer der wenigen Treiber des Binnenkonsums. Und der Binnenkonsum ist im Moment das Problemkind der Wirtschaft in China, wie es Michael Pettis, Professor der Guanghua School of Management at Peking, University, treffend angesichts der relativ enttäuschenden Export-Zahlen Anfang der Woche treffend sagte.

Die People‘s Bank of China versucht nun durch Senkung der Kreditvorgaben den Konsum anzukurbeln. Aber, wie ein anderer China-Kenner, Shaun Rein, sehr treffend auf Twitter kommentierte:

„Es macht keinen Unterschied, wie wieviel die RRR (Reverse Repo Rate) reduziert ist, wenn Geschäftsleute und Konsumenten in der Angst leben, plötzlich in einen Lockdown zu geraten, während sie bei IKEA einkaufen gehen oder wie bei Tencent, auf der Arbeit oder in einem teuren Hotel auf Sanya.“

Die angekündigten verschärften Reisebedingungen zeigen einmal mehr die Verunsicherung und die Nervosität vor dem kommenden Nationalkongress und schädigen die angeschlagen Wirtschaft in China weiter. Aber vielleicht sollte die Verantwortlichen einen Nachmittag im Kino mit „Dune“ verbringen und sich danach an die „Litanei der Angst“ erinnern. Dort heißt es: „Ich darf keine Angst haben. Die Angst tötet das Bewusstsein. Angst ist der kleine Tod, der zu völliger Zerstörung führt.“

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