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Dax: Märkte steigen in Skepsis, aber sterben in Euphorie! Die Wall of Worry

Einmal mehr werden viele Anleger die (Aktien-)Welt nicht verstehen: Da verkündet die Bundesregierung eine Verlängerung des Lockdown, bei gleichzeitiger Verschärfung – und was macht der Dax? Er steigt tags darauf, zunächst ohne die Amerikaner, als ob ihn das gar nichts angehe. Verkehrte Börsenwelt? Nicht ganz, denn im Umfeld steigender Zinsen und Inflation wäre Optimismus das viel gefährlichere Element für die Kursentwicklung.

Dax: Märkte steigen in Skepsis, aber sterben in Euphorie

Eine Erkenntnis, die nicht nur in der „Behavioral Finance“, der verhaltensorientierten Kaptialmarktforschung ein Rolle spielt, nein, diese ist bereits Allgemeingut an den Börsen. Deshalb gibt es nicht nur viele Umfragen unter Anlegern (so etwa Stephan Heibel auf FMW), um Erkenntnisse über künftiges Investorenverhalten zu gewinnen, es existieren auch Börsenbarometer (z.B. den Fear&Greed-Index), die das Sentiment der Marktteilnehmer zu quantifizieren versuchen. Denn wenn Euphorie herrscht, wird es bald gefährlich, da „alle“ investiert sind und bei Rückschlägen das Auffangnetz fehlt. Bei allerlei Bedenken, einer „Wall of Worry“ werden dagegen nicht wenige außen vor sein und darauf warten, in den Markt einsteigen zu können.

So eine Situation könnte sich gerade bei unserem Dax, zumindest kurzfristig entwickelt haben. Alarmzeichen (= Sorgen) für die Anleger gibt es genug:

  • Steigende Zinsen: Das Thema der letzten Wochen, der starke Anstieg der US-Kapitalmarktzinsen bei den 10-jährigen US-Treasuries von 0,92 Prozent zu Jahresbeginn auf 1,75 Prozent diese Tage. Fast jeder Investor mit Zykluserfahrung kennt die Wechselbeziehung zwischen Anleihe- und Aktienmärkten.
  • Inflationserwartungen: Gerade in Deutschland die historisch vererbte Angst vor übergroßen Preisanstiegen. Auch hier ist jedem deutschen Anleger bewusst, dass der Vergleich zu der Periode vor 12 Monaten extrem ausfallen muss. Die Spritpreisentwicklung symbolisiert dies an jeder Zapfsäule im Land der Autofahrer.
  • Die dritte Coronawelle: Dieser Sorge kann man sich als Bundesbürger kaum entziehen, die Angst vor der exponentiellen Ausbreitung der Virusmutanten. Es vergeht keine Nachrichtensendung und kaum eine Talkshow, in der dieses Risiko für die Gesundheit, für die Wirtschaft und damit auch für die Börsen nicht thematisiert wird. Was passiert, wenn es noch länger dauert, bis zur rettenden Durchimpfung der Bevölkerung?
  • Dax 15.000: Das Kursniveau des deutschen Leitindex macht mehr und mehr Anleger nervös. Wie hoch wurde das Kursziel für den DAX im Jahr 2021 durch 22 Großbanken vor dem Jahreswechsel prognostiziert? Auf 14.323 Punkte, ein Wert, der schon fast im 500 Punkte überschritten wurde. Da müsste es doch eine Korrektur geben, so die natürliche Schlussfolgerung.
  • Wirtschaftspolitik. Wer geglaubt hat, dass der konziliante US-Präsident Biden in seiner Wirtschaftspolitik gegenüber China und Russland eine Phase der Versöhnung einleiten würde, sah sich in den letzten Tagen eines Besseren belehrt. Mit ungewöhnlich harten Worten attackiert er die Systeme der Staaten und strebt eine Sanktionspolitik an, die der erratischen Politik seines Vorgängers in manchen Aspekten in nichts nachsteht. Mittendrin, quasi zwischen den Stühlen, Deutschland, dessen Firmen große Geschäftsbeziehungen mit diesen Staaten unterhalten.

Aber es gibt immer noch die Treiber für die Märkte, die eine größere Korrektur etwa für den Dax verhindert haben: Das noch immer niedrige Zinsniveau mit negativen Realzinsen, die verbalen Interventionen der Notenbanken mit ihren QE-Versprechen, die Konjunkturpakete mit Helikoptergeld.

Und so kommt es eben zu dem beschriebenen Phänomen: Man ist skeptisch, würde eigentlich billiger einsteigen wollen und blickt den langsam steigenden oder zumindest nicht fallenden Kursen hinterher und kauft dann doch in die Rally hinein. Wobei wir beim nächsten Modebegriff wären: FOMO – Fear of missing out. Schließlich soll es doch in der zweiten Jahreshälfte auch in Deutschland wirtschaftlich wieder richtig bergauf gehen, weswegend er Dax doch eigentlich steigen sollte – oder doch nicht?

Selbst in den USA, wo sich große Zuversicht breit gemacht hat – wegen der Fortschritte bei der Impfung und dem 1,9 Billionen Dollar Stimuluspaket „American Rescue Plan“, das Millionen Schecks ins Volk regnen lässt – herrscht noch keine überbordende Euphorie. Eigentlich völlig unverständlich bei den hohen Kursständen der Wall Street. Aber der große Stimmungsindikator Fear&Greed steht seit Wochen in einer relativ neutralen Zone um die 60 Punkte (derzeit 49 von 100 möglichen). Dieses Barometer setzt sich aus sieben Einzelindikatoren zusammen, darunter auch aus dem Put/Call-Ratio, den Absicherungen auf den S&P 500. Es verrät, dass es skeptische Investoren aus dem großen Geld geben muss, was normalerweise als Auffangnetz bei Kursrückschlägen zu werten ist.

Ein kleines Update:

Wie abhängig die Märkte per se von der Notenbankpolitik geworden sind, zeigen deren Reaktionen am gestrigen Tag, als Jerome Powell in einem Nebensatz von teilweise hoch bewerteten Aktien sprach. Jede Bemerkung der Notenbankchefs wird auf die Goldwaage gelegt, auch nur ein kleiner verbaler Fauxpas könnte zu Gewinnmitnahmen führen. Wohl selten haben sich die Märkte so auf „das-Gras-wachsen-hören“ verlegt, wie in der jetzigen Börsenlage.

Fazit

Es gibt derzeit eindeutige Signale für ein Korrekturpotenzial an den Börsen, eigentlich wie immer, aber derzeit eine Spur stärker ausgeprägt: Steigende Kapitalmarktzinsen, steigende Inflationsraten (erst recht in den kommenden Wochen, ein Jahr nach dem Welt-Lockdown), überhitzte Aktiensegmente, Euphorie bei IPOs und SPACs und kaufwütige RobinHooder – aber dennoch fallen die Kurse (noch) nicht.

„Die Wahrheit liegt auf dem Platz“, heißt es im Fußball-Jargon – börsentechnisch: es gibt immer noch genug Anleger, die in den Markt wollen oder müssen (Anlagenotstand bei negativen Realzinsen). Speziell beim Dax, voll von Value-Titeln und keiner wirklichen Konkurrenz von Seiten der Zinsen, bei einer Rendite der 10-jährigen Bund von minus 0,34 Prozent und einer Inflationsrate von plus 1,30 Prozent.

Jetzt könnte sich die Wirtschaftserholung in Deutschland wieder etwas nach hinten verschieben. Die „Wall of Worry“ hat wieder an Stabilität gewonnen – gut für den Markt, so eigentümlich sich dies für den logischen Verstand auch anhören mag. Denn Aktienmärkte mögen keine boomende Wirtschaft! Warum das so ist, lesen Sie hier!

Aber in dieser Wand befinden sich ein paar Sprengvorrichtungen, die jederzeit in Aktion treten könnten. Ein solcher Sprengsatz ist die Inflationsrate, die nicht so einfach übertüncht werden kann, weil diese auch von der Spezie Konsument abhängt. „Der Mensch, das unbekannte Wesen“, besonders für Ökonomen.

Der Dax und die Wall of Worry



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