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Die Fed erhöht die Zinsen: Janet Yellens Märchenstunde

Redaktion

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Ein Gastkommentar von Ernst Wolff

Wochenlang hat die Welt darauf gewartet, dass die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) endlich ihr jahrelang verschlepptes Versprechen einlöst, die Leitzinsen zu erhöhen. Am Mittwoch um 14:00 Uhr Ortszeit New York, war es endlich so weit: Janet Yellen verkündete nach 7 Jahren Nahe-Null-Zinsen eine Erhöhung des Zinssatzes um 0,25 Prozent.

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Foto: Der Buchautor Ernst Wolff kritisiert die Fed.

Die Wirtschaftsprofessorin begründete den Schritt damit, die Notenbank reagiere auf „beträchtliche wirtschaftliche Fortschritte“. Der Arbeitsmarkt erhole sich zusehends und auch die Lohnentwicklung zeige deutliche Verbesserungen. Die vom Ausland ausgehenden Risiken seien seit dem Sommer gesunken und beim Rückgang des Ölpreises handle es sich um ein „vorübergehendes“ Phänomen.

Selten dreiste Lügen der Fed

Selten ist die gesamte Welt in derart dreister Weise angelogen worden. Nicht einer der angegebenen Gründe hat auch nur das Entfernteste mit der Wirklichkeit zu tun. Weder hat die US-Wirtschaft an Fahrt aufgenommen, noch steigen die Löhne, noch hat sich die Situation am Arbeitsmarkt verbessert. Der freie Fall des Ölpreises deutet zusammen mit den weltweit sinkenden Rohstoffpreisen auf einen dramatischen Nachfragerückgang und ist ein Alarmzeichen erster Güte. Trotzdem haben fast alle Mainstream-Medien die positive Reaktion der Aktienmärkte auf Yellens Entscheidung sofort als Bestätigung für die Richtigkeit ihrer Aussagen gefeiert.

In Wahrheit ist gerade diese positive Reaktion ein Beweis des Gegenteils: Yellens Entscheidung, den Leitzins ausgerechnet jetzt zu erhöhen, lässt sich nämlich mit der Entscheidung eines Busfahrers vergleichen, der einen Steilhang hochfährt und nun auch noch die Handbremse anzieht. Die Entscheidung kann niemandem, der von ihr betroffen und auch nur halbwegs bei Verstand ist, euphorisch machen, im Gegenteil: In einem gesunden Umfeld hätten die Aktienmärkte umgehend negativ reagieren müssen. Dass sie es nicht taten und sich sogar besonders stark in die entgegengesetzte Richtung bewegten, beruht einzig und allein auf der Manipulation durch die größten Marktteilnehmer, also in erster Linie die Zentralbanken und in zweiter Linie die großen Finanzinstitutionen und die multinationalen Konzerne.

Um die Hintergründe und die tatsächlichen Vorgänge um die vermeintliche „Zinswende“ zu verstehen, ist es notwendig, sich die Entwicklung des globalen Finanzsystems über die vergangenen zwanzig Jahre ins Gedächtnis zu rufen:

Nach der Deregulierung des Finanzsystems in den Achtziger und Neunziger Jahren drohte der Zusammenbruch des Hedgefonds Long Term Capital Management (LTCM) das weltweite Finanzsystem 1998 in die Tiefe zu reißen. Um eine Katastrophe zu verhindern, sprang damals eine Gruppe von Wall-Street-Banken ein und rettete LTCM.

2007 / 2008 drohte erneut ein Zusammenbruch des Finanzsystems, diesmal aber in einer anderen Dimension: Wegen der Subprime-Hypothekenkrise in den USA standen zahlreiche Großbanken in aller Welt am Abgrund und wären zusammengebrochen, wenn die Staaten sie nicht unter dem Vorwand, sie seien „too big to fail“, gerettet hätten.

„Too big to fail“ war der Game-Changer

Nach der darauffolgenden größten Vermögensumverteilung in der Geschichte der Menschheit (private Finanzinstitutionen wurden in Billionenhöhe mit Steuergeldern gerettet) aber kam die Weltwirtschaft nicht wieder in Gang. Unter dem Vorwand, sie wieder ankurbeln zu wollen, griffen die Zentralbanken weltweit zu zwei Maßnahmen: Sie druckten Geld und senkten die Zinssätze.

Wie sich inzwischen gezeigt hat, haben beide Maßnahmen nicht zu einer Wiederbelebung der Weltwirtschaft geführt, dafür aber die Vermögen einer winzigen Finanzelite exponentiell anwachsen lassen. Der Grund ist simpel: Die Einstufung „systemrelevanter“ Banken als „too big to fail“ hat das globale Finanzgeschehen und unsere gesamte Welt für immer verändert: Die Führungsetagen der großen Finanzinstitutionen wissen nun, dass sie unter allen Umständen gerettet werden und erlauben sich deshalb noch viel riskantere Investitionen als vor 2007 / 2008.

Die Big Player, fest in den Händen der ultrareichen Elite, investieren das Geld zum weitaus überwiegenden Teil nicht in die Realwirtschaft, wo höchstens mäßige Gewinne zu erwarten sind, sondern spekulieren damit an den Finanzmärkten, vornehmlich im Bereich der Aktienmärkte, der Anleihenmärkte und der unregulierten Finanzprodukte (Derivate). Durch die heute übliche „Hebelung“ vervielfachen sie dabei ihre Einsätze und erzielen zum Teil fantastische Gewinne.

Allerdings haben sie durch ihr Spiel am internationalen Finanzcasino auch die Risiken um ein Vielfaches erhöht. Außerdem basiert ihr Geschäftsmodell inzwischen auf der ständigen und ununterbrochenen Zufuhr von billigem Geld durch die Zentralbanken, hat sich dadurch weitgehend verselbständigt und durch ihrer schieres Ausmaß (der Finanzsektor ist heute um ein Vielfaches größer als die Realwirtschaft) jeglicher Kontrolle entzogen.

Die Fahrt führt direkt in den Abgrund

Mittlerweile gleicht die Finanzwirtschaft einem Wagen mit Luftkühlung, dessen Fahrer immer schneller fahren muss, um den Motor von außen abzukühlen. Da er ihn dadurch aber gleichzeitig immer weiter aufheizt, ist klar, dass der Motor am Ende wegen Überhitzung auseinander fliegen muss.

Sowohl die Politiker als auch die Spitzen der Finanzindustrie wissen, dass ein Ende mit Schrecken vorprogrammiert ist. Sieben Jahre Nullzinspolitik haben sie allerdings in einen Rauschzustand versetzt, der sie glauben lässt, ein völlig außer Kontrolle geratenes System zumindest mittelfristig beherrschen zu können – selbst in einer Zeit, in der alle Daten darauf hinweisen, dass die Weltwirtschaft in immer schwereres Fahrwasser gerät:

Chinas Schwäche, der fallende Ölpreis, Einbrüche an den Anleihemärkten, die Überhitzung der Aktien- und Immobilienmärkte, zahlreiche ums Überleben kämpfende Schwellenländer – all diese Faktoren zeigen, dass wir uns weltweit in einer Phase des Abschwungs befinden. Aber nicht nur das: Da die Summe der Kredite von Staaten, Unternehmen und privaten Haushalten weltweit inzwischen auf über 200 Billionen Dollar angewachsen ist und ständig nach Zinszahlungen verlangt, schreit das System gleichzeitig nach unentwegtem Wachstum, da jede Stagnation und jede Rezession die Schuldenlast in Relation zum Einkommen weiter explodieren lässt.

Die Entscheidung der Federal Reserve den Leitzins zu erhöhen und auf die wirtschaftliche Bremse zu treten, wirkt angesichts dieser Entwicklung fast wie ein schlechter Scherz. Dass sie trotzdem getroffen wurde, hat vor allem einen Grund: Die Menschen sollen in einer Zeit, in der ihnen die dramatischsten wirtschaftlichen und sozialen Verwerfungen aller Zeiten bevorstehen, in Sicherheit gewogen werden. Kein Wunder also, dass fast alle Medien den Menschen einhellig suggerieren, mit der Zinserhöhung durch die Fed sei nun endlich „ein Schlussstrich unter die Krise von 2007 / 2008 gezogen worden“.

Der Zeitpunkt war gezielt gewählt

Dass die Fed ihre Entscheidung so kurz vor Weihnachten bekannt gegeben hat, war wohlüberlegt: Zum Jahresende werden die Aktienkurse von den Führungsetagen der Konzerne und der Finanzinstitute ohnehin in die Höhe getrieben, da die Boni der Manager vom Jahresendergebnis abhängen.

Zum anderen war die „Erhöhung“ bei näherem Hinsehen auch nur halb so hoch wie sie in der Öffentlichkeit dargestellt wird, denn der Zinssatz, zu dem die Fed den Banken in Zukunft Geld leiht, wird de facto nur um12 Basispunkte (0,12 %) steigen. Das wiederum ist für die großen Player am Markt durchaus verkraftbar und gibt ihnen sogar die Chance gegen, sich einige kleinere Player, die von der Maßnahme härter getroffen werden, einzuverleiben.

Die Hauptlast der Zinserhöhung werden im übrigen die Schwellenländer tragen, von denen viele ohnehin wegen der Ölpreisentwicklung, des Rückgangs der Rohstoffpreise, der Abwertung ihrer Währungen und der weltweit nachlassenden Nachfrage bis zum Hals in Schwierigkeiten stecken.

Egal, wie die Aktienmärkte sich in den kommenden Tagen entwickeln – die Tatsache, dass sie auf Janet Yellens Ankündigung euphorisch reagiert haben, zeigt einmal mehr, dass das globale Finanzsystem mit der Realität der Weltwirtschaft nichts mehr zu tun hat, sondern bis in die letzte Aktie und die letzte Anleihe hinein manipuliert ist und die Welt von einem „freien Markt“ noch nie weiter entfernt war als heute.


2 Kommentare

2 Comments

  1. Avatar

    Thomas

    18. Dezember 2015 12:21 at 12:21

    Kann dem nur voll und ganz zustimmen!

  2. Avatar

    Kritix

    18. Dezember 2015 13:53 at 13:53

    Plein accord. Möchte noch hinzufügen, dass das System nicht nur nach „Wachstum schreit“, sondern leider auch nach Krieg – je anämischer das Wachstum wird.

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Gastronomie-Krise: Harte Fakten, weniger Insolvenzen, großes Problem

Claudio Kummerfeld

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Umgedrehtes Glas

Es ist kein Geheimnis. Die Gastronomie ist zusammen mit anderen Branchen wie Reisebüros, Airlines, Solo-Selbständigen uvm von der Coronakrise brutal getroffen worden, frontal und mit voller Wucht. Für den Zeitraum März bis August hat das Statistische Bundesamt heute harte Fakten für die Gastronomie geliefert. Der Umsatz der Branche lag im Vergleich zu März bis August 2019 um 40,5 Prozent tiefer. Man überlege sich das Mal. 40 Prozent weniger Umsatz in so einem großen Vergleichszeitraum. Das kann doch eigentlich kein Unternehmer überleben.

Hinzu kommt, was inzwischen auch kein Geheimnis mehr ist, dass die Insolvenzen in Deutschland in den letzten Monaten deutlich geringer ausfielen als im Vorjahr. Dies lag einerseits an Finanzhilfen des Staates und am Kurzarbeitergeld. Aber vor allem lag es an der großen staatlich genehmigten Insolvenzverschleppung. Bis vor Kurzem war die Insolvenzantragspflicht nämlich seit März ausgesetzt. Nun aber dürften ab Oktober und ab Januar die Insolvenzzahlen vermutlich deutlich ansteigen. Zitat von den Statistikern:

Von März bis Juli 2020 meldeten in dieser Branche 753 Unternehmen Insolvenz an – das waren 126 weniger als im Vorjahreszeitraum und 135 weniger als von März bis Juli 2018. Ein Grund dafür ist, dass die Insolvenzantragspflicht für Unternehmen zum 1. März 2020 ausgesetzt wurde, was über alle Wirtschaftszweige hinweg zu einem Rückgang der Insolvenzen führte. Im Juli 2020 beantragten bundesweit 146 Gastronomie-Unternehmen Insolvenz, das waren 16,1 % weniger als im Juli 2019. Dieser Rückgang entspricht der Gesamtentwicklung: Insgesamt wurden im Juli 2020 in Deutschland 16,7 % weniger Insolvenzen angemeldet als im Vorjahresmonat.

Grafik zeigt Umsätze in der Gastronomie in der Coronakrise

Unsere Meinung dazu: Die Charts zeigen eine spürbare Erholung in der Gastronomie. Der größte Teil des Tals ist für einige Bereiche der Branche demnach durchschritten. Selbst wenn man annehmen würde, dass von nun an die Umsätze in der Gastronomie wieder laufen wie früher, ist für die breite Öffentlichkeit unsichtbar ein Riesenproblem für die Branche entstanden. Oft wurden Bankkredite und Ladenmieten gestundet. Sie müssen nun zusätzlich zu den wieder aufgenommenen monatlichen Zahlungen nachgezahlt werden. Und im Zuge der Krise haben viele Unternehmer Kredite in aufgenommen. Das bedeutet: Selbst wenn die Umsätze wieder laufen sollten, wäre die monatliche Kostenbelastung für viele Betriebe deutlich höher als vor der Krise, und für viele Unternehmer ist das wohl dauerhaft nicht tragbar. Eine auf mehrere Quartale ausgedehnte Pleitewelle könnte folgen, und das nicht nur in der Gastronomie.

Weitere Details zu Umsatzrückgängen in der Gastronomie von den Statistikern im Wortlaut:

Innerhalb der Gastronomie besonders stark betroffen waren all jene Lokale, die ihr Geld mit dem Ausschank von Getränken verdienen: In dieser Sparte fiel der Umsatz von März bis August 2020 um 45,5 % geringer aus als im Vorjahreszeitraum. Dagegen konnten Restaurants, Gaststätten und Imbisslokale offenbar mit Lieferdiensten und Ab-Haus-Verkäufen einen Teil des Gästeschwunds kompensieren: Hier lagen die Umsätze von März bis August 2020 um 29,3 % unter denen des Vorjahreszeitraums (Caterer: -42,1 %).

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Wie die Entwicklungsländer versuchen die Krise zu überleben

Hannes Zipfel

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Coronakrise sorgt in Entwicklungsländern für immense Probleme

Viele Schwellenländer standen bereits vor dem Ausbruch der Pandemie vor großen finanziellen Problemen. Einige von ihnen waren bereits unmittelbar vom Staatsbankrott bedroht. Wie gehen die Entwicklungsländer mit der Zusatzbelastung durch die Corona-Krise um, trotz bereits zum Teil überbordender Schuldenstände und weniger effizienter Staatsstrukturen und Sozialsysteme? Können sie die Krise finanziell überhaupt überleben oder lösen sie eine globale Pleitewelle bei Staaten aus?

Lage der Entwicklungsländer spitzt sich zu

Momentan schauen in Zeiten der Pandemie die westlichen Ökonomen vor allem auf die Entwicklungen vor der eigenen Haustür. Doch gerade das stark vom Export abhängige Deutschland sollte auch die Entwicklungen jenseits der Hauptabsatzmärkte Europa und USA im Auge behalten. Der Wachstumsbeitrag der Entwicklungsländer für die Weltwirtschaft betrug bislang immerhin drei Viertel des globalen Gesamtwachstums. Dieser Trend soll sich laut dem Analysehaus Ashmore und dem IWF auch in Zukunft fortsetzen (Daten aus 2019). Doch dazu müssen die Schwellenländer zunächst die Pandemie ökonomisch und gesellschaftlich überleben.

Grafik zeigt globalen Wachstumsbeitrag der Entwicklungsländer

Wuchsen die Ökonomien der als Schwellenländer eingestuften Staaten in den letzten 20 Jahren durchschnittlich um 5,9 Prozent pro Jahr, so droht ihnen im Jahr 2020 die erste Rezession mit einer wirtschaftlichen Kontraktion in Höhe von durchschnittlich 3,3 Prozent. Davon geht der Internationale Währungsfonds (IWF) in seiner aktuellen Publikation „Emerging And Frontier Markets: Policy Tools In Times Of Financial Stress“ aus. Doch es könnte noch viel schlimmer kommen, wenn sich die Konjunkturlage im Zuge wirtschaftlicher Einschränkungen durch die Pandemie nochmals verschlechtert und bereits jetzt stark geschwächte Länder weitere Belastungen verkraften müssen.

Besonders Staaten wie Venezuela, Argentinien, Pakistan, die Türkei, Chile, Indien etc. haben jetzt schon massive wirtschaftliche Probleme bis hin zu Währungskrisen und der teilweisen Zahlungsunfähigkeit zu meistern. Am Anfang der Pandemie hatte eine beispiellose Kapitalflucht eingesetzt, bei der innerhalb kürzester Zeit über 100 Milliarden US-Dollar von internationalen Investoren aus Schwellenländern abgezogen wurden. Die Situation war von der Dimension her damit bereits im Frühling 2020 dramatischer als während der Weltfinanzkrise. Länder wie Argentinien, die Ukraine und Chile gerieten an den Rand des Staatsbankrotts. Und so könnte die sich mit der Pandemie weiter ausbreitende Rezession lediglich der Vorbote einer neuen Schwellenländerkrise sein.

Ein globales Problem

Die Budgets und logistischen Möglichkeiten zur Stützung der heimischen Wirtschaft, zur Gesundheitsversorgung und zur Aufrechterhaltung sozialer Mindeststandards sind im Gegensatz zu den entwickelten Volkswirtschaften in den Schwellenländern deutlich geringer ausgeprägt und damit anfälliger für Krisen. Selbst der Kollaps einzelner Entwicklungsländer ist nicht mehr auszuschließen (Failed States).

Wird diese Entwicklung zum Massenphänomen, bekommen auch die Industrieländer ernste Probleme. Dabei geht es nicht nur um die finanzielle Kosten, die über die Anteile der Industriestaaten an der Weltbank und dem IWF in Form von Nothilfen oder Kreditstundungen gewährt werden, sondern auch um massive Migrationsbewegungen, die sich längst in Gang gesetzt haben und zu gesellschaftliche Spannungen führen können. So sind allein wegen der sich weiter zuspitzenden humanitären Katastrophe in Venezuela ca. 4,8 Millionen Menschen oder 15,6 Prozent der Gesamtbevölkerung seit 2016 aus dem Land geflohen. Diese Massenbewegung, auch bekannt als Bolivarian diaspora, wirkt sich auch auf die Aufnahmeländer belastend aus.

Dabei ist Venezuela alles andere als ein Einzelfall: Laut der UNO Flüchtlingshilfe waren noch nie so viele Menschen wie heute auf der Flucht vor Armut und bewaffneten Konflikten. Ende 2019 lag die Zahl der Menschen, die weltweit auf der Flucht waren, bei knapp 80 Millionen – mehr als ein Prozent der Weltbevölkerung. Im Vergleich zum Vorjahr waren das fast neun Millionen Menschen mehr. Seit 2010 hat sich die Zahl der Menschen auf der Flucht verdoppelt. Für das kommende Jahr wird mit einer deutlichen Intensivierung der globalen Fluchtbewegung in Folge steigender Armut gerechnet. Für die Entwicklungsländer und vor allem für ehemalige Kriegsgebiete wie Syrien bedeutet dies, dass für den Wiederaufbau und für die Erwirtschaftung von Wohlstand und Steuereinnahmen dringend benötigte Menschen dauerhaft verloren gehen.

Maßnahmen gegen den Kontrollverlust in den Entwicklungsländern

Der IWF und die Weltbank haben bereits im April Mittel mobilisiert, um die Corona-Folgen für die Entwicklungsländer abzufedern. Dadurch sind zunächst die akuten Zahlungsbilanzprobleme vieler ärmerer Länder abgemildert worden. Doch das war lange vor der zweiten Corona-Welle. Im Sommer war es durch Notkredite des IWF in Höhe von 100 Milliarden US-Dollar, die in Rekordgeschwindigkeit ausgezahlt wurden, noch gelungen, den sofortigen finanziellen Kollaps der Entwicklungsländer abzuwenden.

Zusätzlich zu den Notfallmaßnahmen des IWF hatten die G20-Staaten ein Schuldenmoratorium für die ärmsten 43 Entwicklungsländer beschlossen. Laut Weltbank sorgt diese Maßnahme in den betroffenen Staaten für eine Entlastung beim Schuldendienst von 11,5 Milliarden US-Dollar in diesem Jahr. Nun ist in Anbetracht der zweiten Corona-Welle bei den G-20-Staaten bereits eine Verlängerung des Schuldenmoratoriums bis Mitte 2021 im Gespräch. Doch auch das könnte nicht reichen, wenn die Pandemie und deren ökonomische Folgen den nach wie vor recht optimistischen Prognosen der IWF-Ökonomen folgen.

Geld spielt keine Rolle

Auch der am 27. Dezember 1945 gegründeten IWF war in seiner 75-jährigen Geschichte bisher noch nie mit einer derartigen Krise globalen Ausmaßes konfrontiert. Und so fordert die Direktorin dieser supranationalen Institution, Kristalina Georgieva, das Vermögen des Fonds von einer Billion Euro auf 2 Billionen Euro zu verdoppeln, da andernfalls im Zuge einer zweiten oder sogar dritten Corona-Welle dem Fonds die Mittel auszugehen drohen.

Doch woher kommt das Geld des Internationalen Währungsfonds (IWF)? Zum einen kann der IWF sogenannte Sonderziehungsrechte vergeben, die nichts anderes als Buchkredite der Institution an seine Mitglieder darstellen. Zum anderen kommt Geld (und Gold) über Quotenregelungen direkt von den Mitgliedsstaaten, die zu den Nettozahlern gehören, wie z B. Deutschland oder die USA. Diese Staaten müssen sich gleichwohl für die Zahlung dieser gigantischen Summen selbst zusätzlich verschulden. Da der private Kapitalmarkt diese Schuldenmassen zu für die Schuldner tragfähigen Zinsen nicht mehr schultern kann, springen die Notenbanken ein und drucken das Geld (digital).

Nichts anderes tun aktuell auch die Zentralbanken vieler Entwicklungsländer, um ihre Staaten flüssig zu halten. Da dies bei Staaten mit ohnehin schwachen Währungen gleichwohl gefährlich ist und schnell zu einem Kollaps des Außenwertes der Währung führen kann, müssen die Geldpolitiker der Schwellen- und Entwicklungsländer andere Wege zur Unterstützung der Wirtschaft und des Staates gehen.

Nahezu alle Zentralbanken senkten daher zunächst die Zinssätze. Die größten Notenbanken intervenierten an den Devisenmärkten, entweder mit eigenen Reserven oder mit Geldern des IWF bzw. US-Dollar-SWAP-Linien der US-Notenbank Fed. Etwa die Hälfte der Institute senkte die Mindestreserveanforderungen für Banken, um das Finanzsystem liquide zu halten und die Kreditbedingungen zu lockert. Rund 20 Zentralbanken der Entwicklungsländer haben zum ersten Mal überhaupt quantitative Lockerungen vorgenommen (Geldmengenausweitung), um Staats- und Privatschulden am Sekundärmarkt zu erwerben, die sonst keine Käufer mehr fanden.

Die Folgende Grafik zeigt sehr anschaulich, dass anders als in den Industrieländern mit vermeintlich starken Währungen die Notenbanken der Entwicklungsländer primär über qualitative Maßnahmen agierten. Aber nicht aus purer Vernunft, sondern weil ihnen schlicht und einfach das Privileg der momentan noch konsequenzlosen Gelddruckens in beliebiger Höhe verwehrt ist. Daher ist es nur fair, dass Staaten wie die USA oder Länder der Eurozone ihre Geldschöpfungsprivilege im Interesse der durch die Pandemie in Existenznöte geratenen Entwicklungsländer einsetzen.

Grafik zeigt Unterstützung der Notenbanken

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Bundesbank: Erholung der Industrie läuft, Dienstleistungen problematisch

Claudio Kummerfeld

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Deutschland Flagge

Die Bundesbank hat heute ihren Monatsbericht für Oktober veröffentlicht. Demnach verliert der wirtschaftliche Aufschwung deutlich an Schwung. Die Wirtschaftsleistung in Deutschland dürfte im dritten Vierteljahr 2020 stark angestiegen sein. Gemessen am vierteljährlichen Bruttoinlandsprodukt könnte die deutsche Wirtschaft damit bereits etwas mehr als die Hälfte des drastischen Einbruchs im ersten Halbjahr wieder wettgemacht haben. Trotzdem dürften noch etwa 5 Prozent im Vergleich zum Vorkrisenniveau vom letzten Vierteljahr 2019 fehlen.

Aus heutiger Perspektive dürfte sich die wirtschaftliche Erholung im laufenden Vierteljahr zwar fortsetzen, dabei jedoch eine erheblich langsamere Gangart einlegen. Die Industrie ist gemäß der Bundesbank-Aussagen nicht das Problem, sondern der Bereich Dienstleistungen, der ja von erneuten Corona-Restriktionen direkt betroffen ist. Die deutsche Exportindustrie profitiert derweil zum Beispiel durch die wieder gut laufende Konjunktur in China. Hier die Bundesbank mit ihrer Headline-Aussage zur Industrie:

Dem Monatsbericht zufolge hat die Industrie nach dem besonders starken Einbruch im Frühjahr bis Juli bemerkenswert aufgeholt. Im August habe die Erholung zwar eine Verschnaufpause eingelegt, im Mittel der Monate Juli und August sei die Industrieproduktion dennoch gegenüber dem stark gedrückten Frühjahrsquartal kräftig angestiegen (+13,5 %). Gleichwohl verfehlte sie das Vorkrisenniveau aus dem vierten Quartal 2019 immer noch um gut ein Zehntel. Die Auftragseingänge hätten jedoch weiter zugenommen und beinahe wieder das Vorkrisenniveau erreicht.

Und hier die Headline-Aussagen zum Dienstleistungssektor:

Während sich die Stimmung bei den Industrieunternehmen laut Umfrage des ifo Instituts etwas aufhellte, trübte sie sich bei den Dienstleistungsunternehmen im September zum ersten Mal seit dem Frühjahr wieder etwas ein, schreibt die Bundesbank. Insbesondere Branchen wie das Gastgewerbe dürften durch die zuletzt stark gestiegenen Infektionszahlen und die deshalb in einigen Regionen ausgeweiteten Eindämmungsmaßnahmen belastet werden. Die Fachleute gehen davon aus, dass die Wirtschaftsleistung im laufenden Vierteljahr wohl nur noch vergleichsweise wenig steigen wird.

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