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Devisen

EZB – Bazooka ist nur eine Konfettikanone

Können die jüngsten Maßnahmen der EZB den wirtschaftlichen Abschwung in der Eurozone und den Niedergang des Euro-Bankensystems aufhalten?

Hannes Zipfel

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am

Können die jüngsten Maßnahmen der EZB den wirtschaftlichen Abschwung in der Eurozone und den Niedergang des Euro-Bankensystems aufhalten? Derartige Überlegungen spielten bei der gestrigen Ratssitzung vielleicht gar keine Rolle – ansonsten hätte man es nicht bei einem nutzlosen Showeffekt belassen. Doch was war dann der Sinn der Übung? Nur die Märkte beruhigen?

EZB – schon wieder an der falschen Schraube gedreht

Wie nutzlos die nochmalige Absenkung des Einlagenzinses um symbolische 0,1 Prozent ist, hatte ich zwei Tage vor der jüngsten Zinssitzung der EZB in einem kurzen Artikel ausgeführt.

Was gestern beschlossen wurde, nützt realwirtschaftlich niemandem und hat die Finanzmärkte nur wenige Minuten in Verzückung versetzt. Die Banken werden nicht mehr Geld verleihen und müssen sich stattdessen, ebenso wie die Sparer, auf höhere Kosten für die Geldhaltung einstellen. Im unteren Chart ist der Einlagenzins als gelbe gestrichelte Linie dargestellt (ohne die letzte Absenkung). Ebenfalls dargestellt sind die gesamten Überschussreserven, die die Banken des Eurosystems bei der EZB parken (grüne Linie).

Aktuell haben die Banken bei der EZB Reserven in Höhe von ca. 1,8 Billionen Euro an ungenutzter Liquidität angelegt. Das hat sie bisher 7 Mrd. Euro pro Jahr gekostet. Mit der jüngsten Absenkung des Einlagensatzes steigen diese Kosten auf 9 Mrd. Euro jährlich. Der volkswirtschaftliche Nutzen dieser Maßnahme ist gleich null, da der Plan, die Banken durch die negative Verzinsung ihrer ungenutzten Mittel zu höherer Kreditvergabe zu zwingen, schon seit 2014 nicht funktioniert hat, wie in der Grafik deutlich sichtbar ist. Im Gegenteil haben die Banken ihre Reserven mit zunehmendem Negativzins sogar noch weiter aufgestockt.

Der Grund dafür sind verschärfte regulatorische Anforderungen und das Misstrauen der Banken untereinander. Normalerweise leihen Banken mit hohem Einlagengeschäft anderen Banken mit hohem Ausleihgeschäft ihre Überschussliquidität zur Kreditvergabe. Seit dem Niedergang des europäischen Bankensystems ist dieser Prozess nahezu zum Stillstand gekommen und die EZB allein stellt den bedürftigen Kreditinstituten Liquidität über sogenannte TLTROs (Targeted Longer-term Refinancing Operations) zur Verfügung. „Targeted“ bedeutet in diesem Zusammenhang, dass es diese Liquidität nur unter der Bedingung und zu extrem niedrigen Zinsen von der EZB gibt, wenn die Banken sie tatsächlich zur Kreditvergabe nutzen. Erst im März dieses Jahres sah sich die EZB zur Ankündigung einer neuen Runde dieser Art der Bankenrefinanzierung gezwungen: vom 1. September bis März 2021 können die Eurobanken davon Gebrauch machen.

Ohne die EZB wäre das Kreditgeschäft in Europa bereits kollabiert. Das beantwortet vielleicht auch die Frage vieler deutscher Politiker und Medien, warum die EZB überhaupt noch Notfallpolitik macht? Weil der Notfall Dauerrealität ist!

Quantitative Lockerung bis in die Unendlichkeit?

Die zweite Maßnahme der EZB könnte da schon mehr bringen, allerdings nur im Zusammenspiel mit aktiver Konjunkturpolitik und dreister Trickserei.

Die EZB will ab 1. November für 20 Mrd. Euro monatlich Staatsanleihen von EU-Mitgliedern über ihre Strohmänner bei den Banken kaufen. Diese sogenannte quantitative Lockerung (Engl.: Quantitative Easing = QE) soll bis zur nächsten Zinsanhebung vorgenommen werden. Wann und ob eine Zinsanhebung der EZB kommt, steht jedoch in den Sternen. Also läuft das neue QE-Programm bis auf Weiteres.

Da die europäischen Zentralbanker vom Frankfurter Mainufer aus maximal ein Drittel der ausstehenden Staatsanleihen eines Laufzeitbereichs erwerben dürfen, ist das Programm de facto zunächst auf ca. drei Quartale beschränkt, weil dann diese Obergrenze erreicht wäre. Ob diese Beschränkung in Zukunft aufgehoben wird, ist unwahrscheinlich, da der Widerstand der Vertreter Nordeuropas im EZB-Rat gegen die aktuellen Maßnahmen schon ungewöhnlich groß war.

Viel ausrichten kann man mit den ca. 180 Mrd. Euro Anleihekäufe zunächst nicht. Das BIP der Eurozone wird 2019 ca. 16.000 Mrd. Euro betragen, die EZB Bilanz ist bereits auf 4.700 Mrd. aufgeblasen, die Zinsen sind historisch niedrig und in vielen Laufzeiten, selbst für Staatsanleihen Italiens, sogar bereits negativ. Die Konjunktur befindet sich dennoch im Abschwung.

Doch mit etwas Kreativität könnten die Fiskalpolitiker aus den 180 Mrd. Euro deutlich mehr frisch gedrucktes Geld aus der EZB herausziehen: Viele Finanzminister gehen mit der Überlegung der Emission superlanger Laufzeiten schon in die richtige Richtung. Theoretisch könnte man mit immer längeren Laufzeiten die 1/3-Regelung pro Laufzeitvolumen aushebeln.

Mario Draghi hat daher auch direkt in der Pressekonferenz den Ball an die Fiskalpolitiker der Nationalstaaten Europas weitergespielt. Die sollen kräftig neue Schulden machen.

Dies wird auch nötig sein, denn allein die automatischen konjunkturpolitischen Stabilisatoren werden im jetzigen Abschwung Milliarden kosten (steigende Sozialversicherungsleistungen). Aktive Konjunkturpolitik steht ja nach Aussagen der Bundesregierung kurzfristig noch gar nicht auf der Agenda, schließlich sei die Krise ja noch nicht da. Was für ein Glück!

Fazit

Bei der geballten Kompetenz der in der EZB beschäftigten Ökonomen kann man davon ausgehen, dass auch die Geldpolitiker um die kurzfristige Wirkungslosigkeit ihrer jetzt beschlossenen Maßnahmen in Bezug auf die Stabilisierung der Konjunktur wissen. Eine mögliche Erklärung könnte sein, dass Mario Draghi seiner Nachfolgerin Christine Lagarde durch den QE-Neustart und die Zementierung der Negativzinsen das Feld bereiten wollte für die zukünftige geldpolitische Ausrichtung der EZB. Wohl nicht ganz selbstlos. Wahrscheinlich wollte er im Interesse seines völlig überschuldeten Heimatlands sicherstellen, dass die Weichen auch in Zukunft für die Tragfähigkeit der exorbitanten italienischen Staatsschulden in Höhe von über 130 Prozent des BIP richtig gestellt sind. Aber das ist nur eine Vermutung.

Was die EZB gestern lieferte, ist keine Bazooka, sondern eine Konfetti-Kanone

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Devisen

Aktuell: Pfund sieht kein Brexit-Problem, US-Dollar und Goldpreis in Bewegung

Claudio Kummerfeld

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am

Die aktuelle Lage bei Goldpreis, US-Dollar sowie im britischen Pfund sind Thema in diesem Artikel. Der Devisenmarkt reagiert tief entspannt auf die Ereignisse rund um den Brexit. Die Verhandlungen zwischen EU und UK sollen diese Woche weitergehen, aber die letzte Brexit-Deadline zur Klärung von Problem rückt unaufhaltsam näher. Und dann hört man heute, dass die britische Regierung an 200.000 Unternehmen Briefe verschickt, wonach diese Vorbereitungen für einen harten Brexit treffen sollten. Und zack, das britische Pfund rauscht ab in den Keller?

Nein, das Pfund steigt sogar leicht! Gibt es nicht? Doch, heute geschieht es genau so. Am Freitag hatten wir noch vor der großen Ungewissheit und dem Risiko gewarnt, übers Wochenende im Pfund engagiert zu sein. Die Trader sagen mit dem Kursverlauf heute: Leute, ganz entspannt, es wird noch einen Deal geben. Was für ein Optimismus! Pfund gegen US-Dollar hat seit Freitag Abend gut 80 Pips zugelegt auf aktuell 1,3018. Euro gegen Pfund hat verloren von 0,9066 auf aktuell 0,9048.

US-Dollar und Goldpreis spielen ihr Spiel

Der US-Dollar verliert schon seit heute früh. Die steigende Hoffnung auf eine Einigung für einen neuen Billionen-Stimulus in den USA schürt natürlich Hoffnung für eine bessere globale Konjunktur. Damit ist der „große sichere Hafen“ namens US-Dollar als Fluchtwährung weniger gefragt. So verliert der Dollar-Index (Währungskorb) seit heute früh von 93,75 auf aktuell 93,23 Indexpunkte.

Tja, und der Goldpreis? Die ständigen seit Tagen anhaltenden Versuche, deutlich über 1.900 Dollar zu laufen, scheiterten immer wieder. Erst heute Vormittag berichteten wir. Ein schwacher US-Dollar bedeutet in der Regel einen stärkeren Goldpreis. Und so kletterte er heute auch von 1.900 auf 1.918 Dollar in der Spitze um 14 Uhr. Aber bis jetzt kommt der Goldpreis wieder zurück auf 1.909 Dollar. Mal wieder scheint der Anlauf nach oben zu scheitern. Im Chart sehen wir seit Freitag früh den US-Dollar-Index in blau gegen den Goldpreis in rot-grün.

Chart zeigt Goldpreis-Verlauf gegen US-Dollar

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Devisen

Große Pfund-Wette übers Wochenende, US-Dollar und der Goldpreis

Claudio Kummerfeld

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Symbole für Pfund Euro, Yen und US-Dollar

Über das bevorstehende Wochenende hinweg wird womöglich eine große Pfund-Wette laufen. Die läuft folgendermaßen. Entweder das Pfund wird nächste Woche weiter deutlich fallen, oder es passiert gar nichts. Denn heute Mittag hat der britische Premier Boris Johnson mit einem harten Brexit gedroht. Die EU bewege sich nicht und habe nie ernsthaft verhandelt, so Johnson (hier mehr dazu). Daraufhin war das britische Pfund gegen den US-Dollar und gegen den Euro seit 12:50 Uhr gefallen.

Und die EU-Kommission hat geantwortet. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen twitterte, dass man weiterhin an einem Deal arbeite, aber nicht zu jeden Preis (sie will wohl nicht als erpressbar in der Öffentlichkeit da stehen). Wie bereits geplant, werde das Verhandlerteam der EU nächste Woche nach London aufbrechen, so ihr kurzer Text. Also: Entweder die Drohung von Boris Johnson sollte lediglich seine eigene Verhandlungsposition verbessern (auf dicke Hose machen), oder es kommt nächste Woche zu einer Konfrontation, die sich nicht mehr lösen lässt. Das wäre wahrscheinlich für das britische Pfund ein ziemlich schlechtes Signal. Den ersten Vorgeschmack gab es vorhin. Euro gegen Pfund steigt von 0,9047 auf 0,9090. Pfund gegen US-Dollar fällt von 1,2957 auf 1,2920. Das waren noch keine Riesen-Bewegungen, aber der Devisenmarkt hat negativ auf die Johnson-Aussagen reagiert. Wer jetzt noch vorm Wochenende eine Pfund-Position öffnet, geht ein großes Risiko ein. Denn man weiß nicht, wie sich die politische Lage übers Wochenende entwickelt.

US-Dollar

Der US-Dollar stand vorhin unter der Fuchtel von US-Konjunkturdaten. Um 14:30 Uhr wurden die Einzelhandelsumsätze deutlich besser gemeldet als erwartet. Dann um 15:15 Uhr folgten Daten zur US-Industrieproduktion, die schlechter gemeldet wurden als erwartet. Und vorhin um 16 Uhr dann der dritte Akt heute Nachmittag. Daten der Universität von Michigan zeigen ein etwas besser als erwartetes Vertrauen der US-Verbraucher. Der US-Dollar in Form des Dollar-Index (Währungskorb) hat sich durch diese drei Daten bis jetzt nur minimal geändert mit einem Anstieg von 93,56 auf 93,63 Indexpunkten.

Goldpreis

Der Goldpreis hat seit 14 Uhr von 1.913 auf jetzt 1.905 Dollar verloren. Wir erinnern an unsere Berichterstattungen der letzten Tage. Immer wieder gab es Anläufe im Goldpreis über die Marke von 1.900 Dollar, sogar deutlich stärker als heute – und immer wieder fiel der Goldpreis unter diese runde Marke. Gold ist seit Tagen nicht stabil und zeigt keinen nachhaltigen Aufwärtsmove. Hauptsächlich schuld ist der US-Dollar, der sich seit Montag im Aufwärtstrend befindet, und Gold auf dem Weg nach oben blockiert. Im Chart sehen wir seit Wochenanfang den Goldpreis in rot-grün gegen den Dollar-Index in blau.

Chart zeigt Goldpreis gegen US-Dollar im Kursverlauf

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Allgemein

Brexit: Boris Johnson – steuern auf No Deal zu, harter Abgang wahrscheinlich

Markus Fugmann

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am

Kommt doch der harte Brexit? Boris Johnson hat genau das soeben angedeutet: solange sich die EU nicht bewege, so der britische Premier, werde es einen No Deal beim Brexit geben. Man würde dann eine Vereinbarung haben wie zwischen der EU und Australien, so Johnson.

Johnson weiter in Schlagzeilen:

– der von der EU vorgeschlagene Deal wie zwischen der EU und Kanada wird nicht funktionieren

– die EU hat nicht wirklich ernsthaft verhandelt, daher sollten wir uns auf einen Brexit ohne Deal vorbereiten

Das britische Pfund zunächst stärker unter Druck, nun aber doch mit einer (volatilen) Erholungsbewegung. Vermutlich gehen die Märkte davon aus, dass doch zu viel auf dem Spiel steht und halten daher die Aussagen von Johnson für eine Drohgebärde ohne wirklich ernsten Hintergrund. Aber aus unserer Sicht meint es Johnson durchaus ernst..

Ein harter Brexit wird wahrscheinlicher, sagt Premier Johnson

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