Hintergrund

„Finanztheorie hat Bezug zur Wirklichkeit verloren“

In seinem neuen Buch erklärt der ehemalige Chefvolkswirt der Deutschen Bank, Thomas Mayer, was faul ist an den gängigen Finanztheorien – und warum weitere Krisen unvermeidlich sind, wenn wir einfach so weitermachen (siehe dazu unser Interview mit Thomas Mayer mit dem Titel „Ex-Chefvolkswirt der Deutschen Bank fordert Systemwechsel„).

Folgender Text ist die (leicht gekürzte) Einleitung des Buchs von Thomas Mayer „Die neue Ordnung des Geldes“ – die Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des FinanzBuch Verlags:

Die neue Ordnung des Geldes

Mit dem Ausbruch der Finanzkrise im Jahr 2007 begann meine Midlife-
Krise als Ökonom. Schon beim Krach des Rentenmarkts im Jahr
1994, bei der Krise der Schwellenländer 1998 und natürlich beim Platzen
der Technologieblase im Jahr 2000 war mir der Gedanke gekommen,
dass an unserer modernen Makro- und Finanztheorie etwas faul sein
könnte.

Ich bin von Hause aus Entwicklungsökonom und dachte zunächst, ich
hätte etwas in der Makro- und Finanzökonomie verpasst. Also drückte
ich mit Ende vierzig noch einmal drei Jahre lang die Schulbank. Die
Prüfung in Finanzökonomik legte ich als Methusalem unter jugendlichen
Kandidaten im Jahr 2003 ab. Seither darf ich mich als »Charterholder«
des Chartered Financial Analysts Institute bezeichnen. Die Erleuchtung
brachte diese Zusatzqualifikation allerdings nicht.

Meine Zweifel an der modernen Makro- und Finanzökonomik verdichteten
sich zur Gewissheit, als dann 2007 die Kreditblase platzte und die
Finanzkrise begann. Das gängige neukeynesianische/neoklassische Fusionsmodell,
das als Grundlage für die Geldpolitik der Zentralbanken diente,
und die These der rationalen Erwartungen und effizienten Finanzmärkte,
die den Finanzsektor regierte, waren offensichtlich nicht mehr
aufrechtzuerhalten. Dennoch machten die meisten Ökonomen und Praktiker
weiter wie bisher.

Dies traf insbesondere auf die Zentralbanken und den akademischen
Betrieb zu. Falls überhaupt, dann schenkte man der verhaltensorientierten
Ökonomie ein bisschen mehr Beachtung und kehrte den Keynesianer
der »Animal Spirits« in sich heraus. Im Großen und Ganzen aber
blieb man beim Business as usual. Die Zentralbanken hantierten weiter
fröhlich mit ihren Dynamic-Stochastic-General-Equilibrium-Modellen,
nach denen die Finanzkrise nie hätte geschehen dürfen, und die Finanzindustrie
schwelgte unverdrossen in den Verästelungen der modernen Portfoliotheorie,
als ob sie mit diesem Navigationssystem nicht gerade mit Vollgas gegen die Wand
gefahren wäre.

Ich fand mich immer öfter in öffentlichen Podiumsdiskussionen unter
sogenannten Experten wieder, bei denen heillose Verwirrung über die
einfachsten Begriffe herrschte. Was ist Geld? Ein Schuldschein? Wenn
ja, von wem ausgestellt? Oder ein Vermögenswert? Wie entsteht Geld?
Doch wohl nicht mehr dadurch, dass Goldgräber die Früchte ihrer Arbeit
gegen Banknoten eintauschen, wie es die Lehrbuchautoren noch immer
zu glauben scheinen. Wie aber dann? Und wie kommt es unter die Leute?
Was machen eigentlich die Banken? Nehmen sie Einlagen entgegen, um
Kredite zu vergeben, wie es der akademische Betrieb lehrt? Oder vergeben
sie Kredite, um Einlagen zu erzeugen, wie einige Häretiker behaupten?
Was ist Zins? Eine Leihgebühr für Geld? Oder der Grenzertrag von
Kapital? Eine Liquiditätsprämie? Ein Maß für Zeitpräferenzen? Oder
einfach ein Überbleibsel aus kapitalistischen Zeiten, das in der ökologischen
Post-Wachstumsökonomie abgeschafft gehört?

Fragen über Fragen. Traut man sich, sie als Bankvolkswirt zu stellen, so
kommt dies einem Outing als Revolutionär oder als Konterrevolutionär
gleich, je nach anwesendem Publikum. Die Hohepriester der Ökonomie in
den Universitäten oder bei den Zentralbanken reagieren düpiert. Jetzt bloß
nicht auch noch eine Grundsatzdebatte! Das ist doch alles längst geklärt. Aber
ist es das? Wissen die hohen Vertreter der gültigen Lehre denn, was sie tun?
Ich denke, sie wissen es nicht. In ihrer komplizierten Modellwelt, die mit
viel Mathematik verwissenschaftlicht werden soll, haben sie den Bezug
zur Wirklichkeit verloren. Und weil sie sich über die elementaren Fragen
im Unklaren sind, sind sie unfähig, unser Geldwesen richtig zu ordnen,
den Euro nachhaltig zu stabilisieren und eine Geldkrise als Folge der Finanzkrise
abzuwehren. Ich habe dieses Buch geschrieben, weil ich auf die
elementaren Fragen erst klare Antworten finden musste, sodass ich mir
die komplexeren Fragen beantworten konnte. Mit dem Schreiben kommt
Ordnung in den Kopf.

(..)

In dem vorliegenden Buch habe ich aber meine Antwort auf die Frage
nach einer vernünftigen Geldordnung gefunden: Um zu einem stabileren Geldsystem
zu gelangen, brauchen wir eine Geldreform, die von der Vorstellung von
Geld als »Aktivum« ausgeht. Der Übergang von unserem gegenwärtigen
Passivgeld zum Aktivgeld muss dabei keine Geldkrise auslösen. Er ist in
einem evolutionären Prozess möglich, wenn man denn nur will.
Meine ökonomische Erkenntniskrise hat mich dazu gebracht, mich von
der konventionellen Ökonomie scheiden zu lassen. Unser Verhältnis ist
zerrüttet, ich habe die Achtung vor ihr verloren. Ohne Zweifel beruht
dies auf Gegenseitigkeit, soweit die konventionelle Ökonomie überhaupt
von mir Notiz nimmt. Meine neue Liebe gehört den Österreichern. Damit
meine ich keineswegs Ökonomen mit österreichischem Pass, sondern
eine ökonomische Schule, die man wegen der Herkunft ihrer Begründer
die österreichische nennt. Ich bin durch meine Tätigkeit und praktischen
Erfahrungen in der Finanzindustrie zu einem Anhänger dieser Schule
geworden. Der Ökonometrie, die ich leidenschaftlich betrieb, und dem
mathematischen Modellbau, den ich nie wirklich beherrschte, habe ich
abgeschworen.

Jedoch gilt mein Interesse nicht der Verfeinerung der reinen österreichischen
Lehre, der Abgrenzung von anderen Schulen oder der Ausgrenzung
von abweichenden Ansichten. Mein Interesse an den Österreichern
gründet auf ihrer Fähigkeit, mir bei der Beantwortung der einfachen Fragen
zu helfen, die mich umtreiben. Die Antworten, die ich beim Schreiben
dieses Buchs gefunden habe, sind meine eigenen. Wenn Österreicher
sie als die Ihrigen ansehen, so gebe ich ihnen gerne dafür den Kredit,
mich auf die richtige Spur gebracht zu haben. Wenn sie sie als abseits der
reinen Lehre betrachten, so will ich ihnen dennoch gerne die Inspiration
zugestehen.



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5 Kommentare

  1. Finanzmarkt hat Bezug zur Wirklichkeit verloren..
    Endlich kommt diese Erkenntnis, zwar viel zu spät, aber sie kommt.
    Besser spät als nie.

  2. Was ist die „Finanzkrise“?

    „Der Sparer erzeugt mehr Ware, als er selbst kauft, und der Überschuss wird von den Unternehmern mit dem Geld der Sparkassen gekauft und zu neuen Realkapitalien verarbeitet. Aber die Sparer geben das Geld nicht her ohne Zins, und die Unternehmer können keinen Zins bezahlen, wenn das, was sie bauen, nicht wenigstens den gleichen Zins einbringt, den die Sparer fordern. Wird aber eine Zeitlang an der Vermehrung der Häuser, Werkstätten, Schiffe usw. gearbeitet, so fällt naturgemäß der Zins dieser Dinge. Dann können die Unternehmer den von den Sparern geforderten Zins nicht zahlen. Das Geld bleibt in den Sparkassen liegen, und da gerade mit diesem Geld die Warenüberschüsse der Sparer gekauft werden, so fehlt für diese jetzt der Absatz, und die Preise gehen zurück. Die Krise ist da.“

    Silvio Gesell („Die Natürliche Wirtschaftsordnung durch Freiland und Freigeld“, 1916)

    Zwanzig Jahre später bezeichnete der „Jahrhundertökonom“ John Maynard Keynes in seiner „Allgemeinen Theorie (der Beschäftigung der Politik)“ dieses Phänomen, das sich zwangsläufig aus der Verwendung von hortbarem Geld mit Wertaufbewahrungs(un)funktion (Zinsgeld) ergibt, als „Liquiditätsfalle“ – und beschrieb zwei Mittel, um sie hinauszuzögern: Erhöhung der Staatsverschuldung mit Ausgabe des Geldes für Projekte, die den Zinsfuß nicht senken (Löcher graben und wieder zuschaufeln, Kriegsrüstung, etc.), und Geldmengenausweitung.

    Um aus der Liquiditätsfalle herauszukommen, gibt es bei der weiteren Verwendung von Zinsgeld nur eine Möglichkeit: Eine umfassende Sachkapitalzerstörung muss den Zinsfuß anheben. Diese früher sehr beliebte „Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln“ konnte jedoch nur solange der „Vater aller Dinge“ sein, wie es noch keine Atomwaffen gab!

    Was ist Politik?

    „Im Grunde ist Politik nichts anderes als der Kampf zwischen den Zinsbeziehern, den Nutznießern des Geld- und Bodenmonopols, einerseits und den Werktätigen, die den Zins bezahlen müssen, andererseits.“

    Otto Valentin („Warum alle bisherige Politik versagen musste“, 1949)

    Was nun?

    „Ich finde die Zivilisation ist eine gute Idee. Nur sollte endlich mal jemand anfangen, sie auszuprobieren.“

    Sir Arthur Charles Clarke (1917 – 2008)

    Der längst überfällige, eigentliche Beginn der menschlichen Zivilisation setzt die Überwindung der Religion voraus, die den Kulturmenschen „wahnsinnig genug“ für ein darum bis heute fehlerhaftes Geld machte, lange bevor diese seitdem grundlegendste zwischenmenschliche Beziehung wissenschaftlich erforscht war:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2013/11/einfuhrung-in-die-wahrheit.html

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