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Glencore – der weltgrößte Rohstoff-Produzent und die Schweiz

Vom Rohstoff-Händler zum weltgrößten Rohstoff-Produzenten

Glencore und die Schweiz

Die Entstehungsgeschichte der Firma Glencore mit Sitz in Baar (Schweiz) könnte von Ian Flemming, dem Autor der Spionageromane um James Bond, geschrieben worden sein. Der Gründer, Marc Rich, war ein deutschsprachiger Jude mit israelisch-spanischer Nationalität. Er sprengte in den 70-ger Jahren als Ölhändler das bestehende Kartell der großen Ölfirmen, fädelte Geschäfte mit Diktatoren wie Muammar Gaddafi, Nicolae Ceausescu und Augusto Pinochet ein, umging Embargos und machte noch mit dem Iran Geschäfte, als dieser bereits international geächtet wurde.

Sogar die Geiselnahme in der US-Botschaft in Teheran hielt ihn nicht davon ab, iranisches Öl nach Israel zu verkaufen. 1983 erhob Staatsanwalt Rudolph Giuliani, der spätere Bürgermeister von New York, Anklage gegen Marc Rich wegen Steuerhinterziehung, Falschaussage, Handel mit dem Iran und weiterer Verstöße gegen den sogenannten Trading with the Enemy-Act. Rich landete auf der Liste der vom FBI am meisten gesuchten Personen. Giuliani nannte ihn sogar „den größten Steuerbetrüger in der Geschichte der USA.“

Alles zusammen wären das 300 Jahre Gefängnis gewesen, die ihm bei Verurteilung gedroht hätten – aber Marc Rich entzog sich der Verhaftung in eleganter Agentenmanier und ließ sich in der Schweiz nieder. In Zug hatte er bereits mit seinem Partner Pincus Green seit 1974 die Marc Rich & Co. AG gegründet, die Vorläuferfirma von Glencore. Die Marc Rich & Co. AG wurde so erfolgreich und marktdominierend, dass man z.B. im Metallhandel von Marc Rich und den 40 Zwergen sprach. Das ehemalige Firmengebäude in Zug heißt noch immer „Dallas-Tower“ und ist eine Anspielung auf die gleichnamige, erfolgreiche Serie um den amerikanischen Öl-Tycoon J.R. Ewing in den 80-ger Jahren.

Glencore und die Geschäfte in der Schweiz

Die Schweiz ist erst seit 2002 Mitglied der Vereinten Nationen, somit war der Handel mit sanktionierten oder boykottierten Staaten bis dahin dort nicht verboten. Und die Schweizer Geldwäschegesetze gelten nicht für den Rohstoffhandel auf eigene Rechnung. Neben einigen anderen Vorteilen sind das sicherlich die Hauptgründe, warum Rohstoffhändler traditionell gerne die Eidgenossenschaft als zentralen Firmensitz wählen. Obwohl die Schweiz fernab der großen Handelsrouten liegt, weder einen bedeutenden Binnenhafen, noch einen Zugang zum Meer oder gar eigene Rohstoffe zu bieten hat, ist die kleine Alpenrepublik das weltweite Handelszentrum für Rohstoffe.

Aber zurück zu Marc Rich, dessen Nachnahme kaum besser hätte erfunden werden können, denn er war zum damaligen Zeitpunkt bereits Franken-Milliardär. Nachdem er hohe finanzielle Entschädigungen an die USA leistete und seine Frau die Demokratische Partei der USA mit großzügigen Spenden unterstützte, begnadigte ihn Bill Clinton am letzten Tag seiner Amtszeit 1991. Trotzdem ist Marc Rich nie wieder in die USA gereist, die Schweiz und Spanien wurden seine neue Heimat.

Ein gescheiterter Versuch, den Zink-Markt zu drücken, kostete Marc Rich die Führung innerhalb der Firma. 1993 erzwangen die anderen Teilhaber einen Management-buy-out und die Firma Glencore (Global Energy Commodity and Resources) wurde aus der Taufe gehoben. Obwohl Marc Rich damals ausschied, trägt die Firma Glencore die DNA des Gründervaters. Marc Rich verstarb 2013 in Luzern und gilt immer noch als der erfolgreichste und umstrittenste Rohstoffhändler der Welt.

Glencore: Vom Rohstoff-Händler zum weltgrößten Rohstoff-Produzenten

Der erste CEO von Glencore war Ivan Glasenberg, ein Zögling von Marc Rich. Glasenberg hatte sich bei Glencore für höhere Aufgaben qualifiziert, als er Kohle aus dem südafrikanische Apartheid-System gewinnbringend weiter veräußern konnte. Auch alle anderen führenden Glencore-Manager hatten unter Rich gearbeitet. Die wenigen, die damals ausschieden, gründeten die Firma Trafigura und wurden nicht minder erfolgreich.

Trafigura ist neben Vitol der größte Erdölhändler der Welt. Trafigura und Vitol sind nicht börsennotiert, Glencore hingegen seit 2011 schon.
Mit der Gründung von Glencore brach eine neue Ära an. Aus einem großen Rohstoff-Händler entwickelte sich langsam aber stetig der größte Rohstoff-Produzent der Welt. Ab 1994 wurde Mine um Mine gekauft, der Höhepunkt dieser Geschäftspolitik war die Fusion mit dem Schweizer Minenbetreiber XStrata in 2013.

Mittlerweile hat Glencore in über 35 Ländern auf sechs Kontinenten Niederlassungen, beschäftigt rund 135.000 Mitarbeiter und generiert einen Umsatz von ca. 175 Milliarden Euro. Von der Produktion über Transport bis zu Verschiffung und Handel: Glencore deckt die gesamte Wertschöpfungskette ab. Zudem ist Glencore Teilhaber unzähliger Briefkastenfirmen, die sich wie ein Netz um den ganze Erdball spannen.

Besonders stark investiert ist Glencore in Kolumbien, Sambia und dem Kongo. Auf 24 Billionen Dollar werden die Rohstoffe geschätzt, die sich unter der Erde Kongos befinden. In keinem Land wird das Paradoxon der Rohstoff-Branche sichtbarer als im Kongo: Das Land ist unvorstellbar reich an Bodenschätzen, aber die lokale Bevölkerung zählt zu den ärmsten der Welt. Hier zeigen sich die Schattenseiten der Rohstoff-Branche besonders eindringlich. Rohstoffreiche Länder sind oft politisch sehr instabil, selten demokratisch organisiert und häufig vollständig korrupt.

Der international agierende Konzern produziert, verarbeitet oder handelt mit den Rohstoffen Aluminium, Bauxit, Eisenlegierungen, Zink, Nickel, Kupfer, Blei, Kohle, Gold, Silber und Öl. Zudem ist Glencore im Agrarrohstoff-Handel aktiv. Dadurch gerät Glencore immer wieder in politische und in Umweltkonflikte.

Das Geheimnis des Erfolges ist, dass sich Glencore nie offen politisch engagiert, sondern immer Mittelsmänner im Halbdunkeln agieren lässt. Diese Akteure haben oft einen, wenn nicht zweifelhaften, dann zumindest umstrittenen Ruf, so wie der israelische Kaufmann Dan Gertler, den Glencore für seine Verhandlungen mit der kongolesischen Regierung beauftragte, um sich weitere lukrative Kupfer- und Kobaltförderlizenzen zu sichern. Glencore kontrolliert im Kongo unter anderem die Minengesellschaft Katanga. Public Eye, eine investigative Journalisten-Organisation, hat im Dezember 2017 Anklage gegen Glencore bei der Bundesanwaltschaft wegen seiner Tätigkeiten im Kongo eingereicht. Auch das US-Justizministerium und britische Aufsichtsbehörden untersuchen die Aktivitäten des Konzerns wegen Verdachts auf Korruption und Geldwäsche. Diese Schlagzeilen belasten den Aktienkurs meist nur kurzfristig negativ.

Glencore Chart

Glencore und der Ukraine-Krieg

Glencore ist traditionell stark in Russland investiert. Der Konzern hält eine 10,5 prozentige Beteiligung an dem russischen Aluminiumproduzenten EN+ Group (ENPG), die wiederum Hauptanteilseigener des größten russischen Aluminiumproduzenten Rusal (RUAL) ist. Zudem hält Glencore 0,57% der Rosneft Aktien. In einer Mitteilung  lies der Konzern gestern verlauten, sich nicht aus seinen derzeitigen vertraglichen Verpflichtungen mit Rosneft und EN+ lösen zu können. Weiter heißt es, Glencore werde keine neuen Geschäfte mit Rohstoffen russischer Herkunft tätigen, wenn nicht von den entsprechenden Regierungen oder Behörden der Auftrag oder die Erlaubnis vorliegt.

Das aktuelle Umfeld mit den Sanktionen gegen Russland ist sicherlich eine Herausforderung für die Glencore-Manager, aber in der Vergangenheit hat der Konzern solche Situationen zum eigenen Vorteil genutzt. Der Markt scheint das ähnlich zu sehen. Die Entwicklung des Aktienkurses in den letzten 12 Monaten ist dafür ein klares Indiz. Am 30. März 2021 lag der Kurs bei 285 GBp, aktuell steht er bei 493 GBp.

Glencore Plc. – aktueller Kurs Börse London: 493 GBp
Marktkapitalisierung: ca. 62 Milliarden GBP
Dividendenrendite: 4,12%
KGV: 17,65

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Kursdaten aus https://de.tradingview.com

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