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Massenentlassungen im Aufschwung – wie kann das sein Herr Altmaier?

Können Sie sich nicht mehr an das tolle Versprechen, an die Zusage von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier erinnern? Pünktlich zum Start der Rettungsprogramme der Bundesregierung verkündete er im März (hier mehr dazu), dass kein einziger Arbeitsplatz in Deutschland wegen der Coronakrise verloren gehen werde. Tja, inzwischen sind hunderttausende Arbeitslose hinzugekommen, und Peter Altmaier hat seinen Job noch nicht verloren. Müsste er da nicht eigentlich zurücktreten, weil er seine Zusage nicht einhalten konnte? Und nun auch noch Massenentlassungen in der deutschen Wirtschaft. Wie kann das sein, wo das wirtschaftliche Tief der Coronakrise laut Peter Altmaier doch schon im Mai gesehen wurde? Auch jüngst versprüht der Bundeswirtschaftsminister Optimismus (mehr dazu hier) – der wohl angebracht ist, um psychologisch die Lage nicht noch schlimmer zu machen?

Massenentlassungen bei MAN und Conti

Die deutsche Autoindustrie, die wird schon irgendwie durch die Krise kommen? So richtig daran glauben mag man irgendwie nicht. Am 1. September meldete der Gigant unter den Automobilzulieferern Continental mal eben, dass man 30.000 Arbeitsplätze abbauen wolle, 13.000 davon in Deutschland. Am 4. September meldete de Otto Versand, dass man sein Retourenzentrum für Warensendungen in Hamburg dicht macht, und nach Polen und in die Tschechei verlagert, weil dort die Lohnkosten billiger seien. 840 Arbeitsplätze sollen deswegen nächstes Jahr verloren gehen.

Wo sollen diese Menschen in dieser Zeit einen neuen Job finden, möchte man sich da fragen. Und ist Otto zufällig gerade jetzt bewusst geworden, dass die Bearbeitung von Retouren eine personalintensive Angelegenheit ist? War sie es in den letzten fünfzig Jahren nicht? Hat diese Schließung mit Corona also nichts zu tun? Und heute hört man vom LkW-Bauer MAN, dass auch dort Massenentlassungen anstehen. Es sollen 9.500 Stellen gestrichen werden. Es gehe um eine Neuausrichtung im Unternehmen. Die derzeitigen Überlegungen umfassen den Abbau von bis zu 9.500 Stellen in Deutschland und Österreich sowie weltweit über alle Unternehmensbereiche hinweg. In diesem Zusammenhang sind teilweise Verlagerungen von Entwicklungs- und Produktionsprozessen an andere Standorte geplant. Damit stehen auch der Produktionsstandort Steyr sowie die Betriebe in Plauen und Wittlich zur Disposition, so MAN heute. Und mit MAN, Otto und Conti haben wir jetzt mal nur drei Beispiele rausgepickt. Man könnte noch viele andere auflisten.

Gastronomie in großer Not

Und erst diese Woche gab es quasi einen Appell der Not aus der Gastronomie-Branche. Der Hotel- und Gaststätten-Verband DEHOGA sagt nämlich in einer Mitteilung, dass eine Pleitewelle ungekannten Ausmaßes anstehe, wenn die Politik nicht noch mal kräftig nachlegt bei den Hilfen und Lockerungen von Auflagen. Die Krise im Gastgewerbe sei noch lange nicht vorbei – trotz mancherorts gut gefüllter Biergärten und Ferienhotels. 61,6 Prozent der gastgewerblichen Unternehmer bangen laut DEHOGA um ihre Existenz. Laut der Umfrage meldeten die Betriebe von März bis August Umsatzeinbußen von 55,8 Prozent. Auch in den Sommermonaten Juli und August lagen die Umsätze immer noch 43,2 beziehungsweise 41,8 Prozent unter den Vorjahreswerten. Bezogen auf das Gesamtjahr rechnen die Betriebe mit Umsatzverlusten von knapp 50 Prozent.

Die Aussetzung der Pflicht Insolvenz anmelden zu müssen, wurde jüngst verlängert bis Ende Dezember. Bis dahin wird womöglich die Lawine der kaputten Unternehmen weiter anwachsen, aber nicht sichtbar sein. Und zahlreiche de facto schon arbeitslose Menschen werden hinter dem Label der Kurzarbeit versteckt, die immer noch bei einer Zahl von 4,5 Millionen Menschen liegt. Und über das Schicksal der Solo-Selbständigen haben wir heute erst berichtet. Hier droht ein programmiertes Debakel (hier der Artikel). Es wirkt so, als stündigen die nächsten Monate weitere Massenentlassungen an, und auch viele, viele kleine Debakel im Mittelstand, bei Kleinstbetrieben und Solo-Selbständigen. Aber all das hätte laut Peter Altmaiers Worten aus März doch gar nicht passieren dürfen?

Peter Altmaier
Peter Altmaier. Foto: Olaf Kosinsky CC BY-SA 3.0 de



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1 Kommentar

  1. Jeder weiß wie schwer eigentlich notwendige Entlassungen größerer Bereiche bei gewichtigeren Firmen sind. Es gibt Aufschreie und Drohungen der Gewerkschaften. Von der Arbeitnehmerseite verständlich.
    Oft ein Bereinigungsstau der sich über die Jahre aufbaut.

    Es erscheint mir als sicher, daß sehr viele Arbeitgeber die EINMALIGE GELEGENHEIT nutzen werden, mit Corona als Begründung ihr Personalwesen, natürlich verschlankt, neu zu strukturieren.

    Man kann damit rechnen daß in den nächsten Monaten auch genau beobachtet wird ob sich der Nachcorona-Umsatz nicht wenigstens in etwa wieder auf frühere Level normalisiert um nicht zu sehr zu übertreiben mit Freisetzungen.

    Es muß nicht so schlimm kommen, aber die Gefahr einer deutlich höheren und permanenten Arbeitslosigkeit ist so groß wie lange nicht mehr.

    Das Gegengewicht bildet schon der Staat der nur wie ein schlechter Schauspieler Gelassenheit vortäuscht. Er wird sich mit allen Mitteln gegen größere Entlassungstendenzen wehren und sei es mit neuen Milliardenschulden bzw. der Druckerpresse.
    Die Nehmerqualitäten des Staates werden gelegentlich unterschätzt. Der gibt auch in der 12. Runde nicht kleinbei und packt ein neues Paket aus.

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