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Mehr Menschen bedeuten automatisch mehr Arbeitsplätze? Eine Gegenrede!

Von Claudio Kummerfeld

Spiegel Online hat gestern ein sehr interessantes Interview veröffentlicht, das sofort vielen ins Auge gefallen sein dürfte. Der Titel lautete Mehr Menschen schaffen mehr Arbeit, mehr Handel, mehr Umsatz. Diese These stammt vom Migrationsexperten Kilian Kleinschmidt, der interviewt wurde. Es ist lesenswert, auch wenn man seine Schlussfolgerungen nicht teilen muss – einfach mal reinschauen.

Arbeitsplätze 1
Containerschiffe im Hamburger Hafen. Foto: Gunnar Ries/Wikipedia (CC BY-SA 2.5)

So sagte er unter anderem zum Thema Zuzug von Flüchtlingen nach Deutschland:

„Unser Bruttoinlandsprodukt ist zuletzt gestiegen. Und wenn wir über das Geld reden, das wir in den kommenden Jahren zur Integration der Flüchtlinge verwenden – wo geht es denn hin? Es bleibt in Deutschland. Mehr Menschen schaffen mehr Arbeit, mehr Handel, mehr Umsatz. Es ist kein verschenktes Geld. Sondern unsere Steuergelder werden wieder in Umlauf gebracht. Die Politik ist gefordert, richtig zu steuern.“

Die ganze Grundargumentation von Kleinschmidt ist anscheinend darauf aufgebaut, dass durch die reine Anwesenheit von „mehr Menschen“ und die damit gestiegene wirtschaftliche Leistung die Arbeitskräftenachfrage im gleichen Umfang mitsteigt, so dass Volkswirtschaft und Staat nach gewissen Anfangsschwierigkeiten die Aufnahme von mehr Menschen nicht nur verkraften können, sondern dass am Ende alle einen Mehrwert davon haben. Diese heutige Gegenrede soll nicht den menschlichen, sondern den volkswirtschaftlichen Aspekt seines Grundgedanken beleuchten!

Es ist ein nachvollziehbarer und verführerischer Gedanke: Die Bevölkerungsanzahl steigt durch Zuzug. Dadurch benutzen mehr Menschen Bus und Bahn, mehr Menschen gehen einkaufen und benötigen Lebensmittel, mehr Menschen gehen in Schulen und und und. Die logische Denkweise: Es werden mehr Lehrer, mehr Busfahrer, mehr Supermarktmitarbeiter benötigt. Dadurch steigt die Anzahl der benötigten Arbeitskräfte so stark an, dass die Zugezogenen wunderbar ihren Platz in der Volkswirtschaft finden. Dieser Grundgedanke dürfte heutzutage grundlegend falsch sein, und erst recht in Deutschland.

Ein paar Beispiele: Hunderttausende Flüchtlinge erhalten dieser Tage in Deutschland aufgrund neuer Gesetze ein Girokonto bei der Bank ihrer Wahl. Dadurch müssten eigentlich die Banken hier und da neue Schaltermitarbeiter einstellen, um diese Kunden mit oftmals großem Informationsbedarf bedienen zu können. Aber: Durch die EZB-Politik der Negativzinsen, und langfristig gesehen durch den brutalen Automatisierungsdruck im Bankgewerbe werden aber derzeit kleine Banken gezwungen mit anderen Banken zu fusionieren, Mitarbeiter zu entlassen und Filialen zu schließen. Der Kunde wird freundlich darum gebeten online seine Bankgeschäfte zu machen. Sonst zahlt er inzwischen gut und gerne pro Papierüberweisung einen Euro.

Ein Beispiel der fortschreitenden Rationalisierung konnte man in gigantischer Größe gestern beim Spazierengehen am Hamburger Elbstand besichtigen. Große in China produzierte Containerverladebrücken wurden komplett fertig auf Schiffen in den Hamburger Hafen geliefert. Sie ersetzen einige alte Verladebrücken auf einem Containerterminal des städtischen Betreibers HHLA. Mit diesem Brücken können sogar mehrere Container auf einmal bewegt werden. Zitat HHLA von gestern:
„Die neuen Brücken von ZPMC sind für Containerschiffe mit 24 Containerreihen quer ausgelegt und dank ihrer 74 Meter langen Ausleger für die Schiffe mit einer Ladekapazität von 20.000 TEU und mehr sehr gut gerüstet. Pro Anlauf schlagen solche Schiffe in Hamburg 5.000 bis 6.000 Container (70.000 bis 84.000 Tonnen Ladungsgewicht) um. Auch in der Höhe des Auslegers wurden die Brücken optimiert: Sie können neun an Deck übereinander stehende Container abfertigen. Außerdem können die neuen Brücken auch im Tandembetrieb arbeiten. Mit einem Hub ist es also möglich, zwei 40-Fuß-Container oder vier 20-Fuß-Container zu bewegen. Insgesamt hilft uns das Ausbauprogramm am CTB, unsere hocheffizienten Abfertigungsprozesse weiter zu optimieren.“
Der eine Mensch oben in der Containerbrücke kann also ab sofort deutlich mehr Container in der selben Zeit bewegen als bisher. In den „guten alten Zeiten“ der Hafenbetriebe noch vor 50 Jahren konnte ein Ungelernter einfach in irgendeinem Hafenbetrieb anheuern, denn pure Muskelkraft für das Schleppen von Waren war immer nachgefragt. Das war einmal. Selbst die Container werden auf den Terminals inzwischen nicht mehr von Menschen, sondern von Roboterfahrzeugen hin und her bewegt!

Noch ein Beispiel? Rein zufällig auch aus Hamburg, aber ähnlich wird es wohl auch in anderen deutschen Städten kommen. Hier ist gerade eine neue U Bahn-Linie in Planung. Fest steht schon jetzt: Es wird eine voll automatisierte U-Bahn ohne Fahrer. Die Bahn wird von einem zentralen Kontrollzentrum aus gesteuert. So fahren inzwischen weltweit schon viele U-Bahnen erfolgreich und problemlos. Wo immer jetzt in Deutschland neue U-Bahnen entstehen, werden wohl oftmals diese fahrerlosen Wagen eingesetzt. Also, anhand dieser Beispiele möchte ich verdeutlichen: Die reine Anwesenheit von 81 statt 80 Millionen Menschen in Deutschland schafft beim Hafenumschlag, bei Banken und im Personen-Nahverkehr wohl kaum mehr Arbeitsplätze. Auch im Einzelhandel, der gerade in Deutschland extrem Discounter-getrieben ist, werden die Anbieter den Kunden wohl eher längere Schlangen an der Kasse zumuten als neue Mitarbeiter einzustellen. Und die Landwirtschaft? Wir kennen doch alle die Bilder unserer ach so „gesunden“ Geflügelfarmen. Die sind derart groß und auf brutale Massenproduktion ausgerichtet: Werden dort mehr Menschen in den Ställen benötigt? Wohl kaum.

Wohl weniger durch die steigende Konsumnachfrage, aber eher durch den Demographiewandel werden einige Zugezogene Arbeit finden. Aber die Automatisierung und stetig fortschreitende Rationalisierung in ALLEN Bereichen werden den Traum von „1 Mensch mehr = 1 Arbeitsplatz mehr“ schnell als schöne Illusion entpuppen. Auch wenn Kleinschmidt diese 1:1-Relation so nicht ausgesprochen hat, so kann man seine Ausführungen aber genau so verstehen. Noch vor 100, und teilweise vielleicht noch vor 40 Jahren hätte diese Relation noch eher gestimmt für Deutschland. Noch eher mag diese Relation heutzutage in Ländern stimmen, die eine geringe Produktivität und einen geringen Rationalisierungsdruck aufweisen aufgrund einer fehlenden Exportindustrie.

Deutschland aber steht aufgrund der hohen Lohnkosten in einem brutalen Druck, genau wie die Koreaner, Taiwanesen, Japaner, Singapurer und viele andere stetig ihre Fertigungsprozesse zu optimieren. Pro Mitarbeiter werden in der selben Arbeitszeit mehr Produkte hergestellt. Dieser Effekt wirkt dem Demographiewandel und der steigenden Nachfrage durch mehr Menschen entgegen – in Europa zu aller erst in Deutschland! So wird, so darf man es annehmen, der Wunsch von „mehr Menschen = mehr Arbeit“ für viele leider in einer bitteren Enttäuschung enden. Zu guter Letzt: Natürlich werden in Kitas und Schulen mehr Mitarbeiter benötigt, das ist wohl unbestritten. Meine Betrachtungsweise richtet sich aber an die gesamte Volkswirtschaft, und ob sie wirklich alle neu angekommenen „unterbringen“ kann mit Arbeitsplätzen, die sich selbst finanzieren. Und da kann man doch arge Zweifel bekommen!



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10 Kommentare

  1. tja irrwitzige Theorie durch zahlreiche „geschenkte Menschen“ steigt vielleicht das BSP aber sicher nicht der Wohlstand aller wenn diese Menschen großteils von Hartz 4 leben
    und von der Gemeinschaft alimentiert werden müssen. These passt aber natürlich zur Merkels „wir schaffen das“ und zur Ponyhof-Wellnes Argumentation unserer Leitmedien.

  2. ach deshalb sind die Inder so reich :-)

    1. Köstlicher Kommentar :-D

  3. Arbeit bzw. Leistung muss sich wieder lohnen! So oder so ähnlich hat doch unser rotblondes und übermästetes Huhn getönt, als es um Wählerstimmen ging.
    Unseren vorsitzenden Raubritter im Finanzministerium kümmert das wenig. Er hat eine Steuererleichterung von etwa 8 EUR pro Jahr für den Durchschnittsverdiener verkündet, umzusetzen in den nächsten 5 Jahrzehnten ;)
    Hier mal eine neue, gute Idee: Herr Schäuble, besteuern Sie die Roboter, die Container, all‘ die, die wirklich Umsätze bringen.
    Und lassen Sie die, die ohnehin nichts haben, endlich in Ruhe!

  4. Schade das die Containerverladebrücken nicht in Deutschland oder der EU produziert wurden. Wo ist die voll automatisierte U-Bahn ohne Fahrer entwickelt und gebaut worden? Ist die Software der Online-Banken hier in der EU entwickelt und programmiert worden oder in Indien? Wo ist die Zukunft unserer Kinder…?

  5. Was hier erzeugt werden soll ist das gleiche wie 1989: ein Scheinaufschwung im Binnenmarkt, um einen eigentlichen Abschwung im Hintergrund zu übertünchen, den man nicht verhindern kann. Alle fühlen sich beschäftigt, aber produzieren in erster Linie erst einmal nichts, was die Ökonomie voranbringt – im Gegenteil: sie verkonsumieren nur. Wenn diejenigen dann wirklich einmal gewillt sind sich zu verbessern und ihren Beitrag zu leisten, können damit teilweise gewisse Liquiditätsklemmen gelöst werden (Anstieg Neuverschuldung bei gleichzeitigem Wirtschaftsaufschwung im Ansatz).
    Das Gedankenproblem daran ist: die hiesigen Gäste sinnen nicht einmal ansatzweise danach (bewirten lassen ist doch viel besser) und man müsste einem physisch ausgewachsenen Kind noch einmal ordentlichen Verstand und Wissen beibringen… aber dann ginge es ja auch schon wieder in Rente. Ohnehin fehlt der Wirtschaftsaufschwung, da wir uns eher in einem Abschwung bei gleichzeitiger Liquiditätsklemme mit aktuell deflationären Tendenzen befinden.
    Das, was hier versucht werden soll, kann meiner Meinung nach schon grundlogisch nicht funktionieren. (ich freue mich über Gegenthesen)

    1. ….aber wie kommen so intelligente Leute wie Dietet Zetsche dazu zu sagen „die Flüchtlinge können ein neues Wirtschaftswunder für Deutschland bedeuten“ richtig ist doch vielmehr wir bräuchten ein neues Wirtschaftswunder um den Flüchtlingszustrom zu bewältigen

      1. Viele Intelligente stellen sich zur Masse gerne auch mal dumm aus reinem Opportunismus.

        1. …ja, dann aber nicht einen Flüchtling einstellen und ein neues Werk in Polen bauen

          1. Opportunismus: dies dient alles der Vorbereitung zur Werksschließung/-verkleinerung – die Deutschen sind immernoch zu teuer. (zu den Flüchtlingen: Das vermeintlich Gute im Mantel des verstecken Bösen.)

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