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Mehr Menschen bedeuten automatisch mehr Arbeitsplätze? Eine Gegenrede!

Es ist ein nachvollziehbarer und verführerischer Gedanke: Die Bevölkerungsanzahl steigt durch Zuzug. Dadurch benutzen mehr Menschen Bus und Bahn, mehr Menschen gehen einkaufen und benötigen…

Redaktion

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Von Claudio Kummerfeld

Spiegel Online hat gestern ein sehr interessantes Interview veröffentlicht, das sofort vielen ins Auge gefallen sein dürfte. Der Titel lautete Mehr Menschen schaffen mehr Arbeit, mehr Handel, mehr Umsatz. Diese These stammt vom Migrationsexperten Kilian Kleinschmidt, der interviewt wurde. Es ist lesenswert, auch wenn man seine Schlussfolgerungen nicht teilen muss – einfach mal reinschauen.

Arbeitsplätze 1
Containerschiffe im Hamburger Hafen. Foto: Gunnar Ries/Wikipedia (CC BY-SA 2.5)

So sagte er unter anderem zum Thema Zuzug von Flüchtlingen nach Deutschland:

„Unser Bruttoinlandsprodukt ist zuletzt gestiegen. Und wenn wir über das Geld reden, das wir in den kommenden Jahren zur Integration der Flüchtlinge verwenden – wo geht es denn hin? Es bleibt in Deutschland. Mehr Menschen schaffen mehr Arbeit, mehr Handel, mehr Umsatz. Es ist kein verschenktes Geld. Sondern unsere Steuergelder werden wieder in Umlauf gebracht. Die Politik ist gefordert, richtig zu steuern.“

Die ganze Grundargumentation von Kleinschmidt ist anscheinend darauf aufgebaut, dass durch die reine Anwesenheit von „mehr Menschen“ und die damit gestiegene wirtschaftliche Leistung die Arbeitskräftenachfrage im gleichen Umfang mitsteigt, so dass Volkswirtschaft und Staat nach gewissen Anfangsschwierigkeiten die Aufnahme von mehr Menschen nicht nur verkraften können, sondern dass am Ende alle einen Mehrwert davon haben. Diese heutige Gegenrede soll nicht den menschlichen, sondern den volkswirtschaftlichen Aspekt seines Grundgedanken beleuchten!

Es ist ein nachvollziehbarer und verführerischer Gedanke: Die Bevölkerungsanzahl steigt durch Zuzug. Dadurch benutzen mehr Menschen Bus und Bahn, mehr Menschen gehen einkaufen und benötigen Lebensmittel, mehr Menschen gehen in Schulen und und und. Die logische Denkweise: Es werden mehr Lehrer, mehr Busfahrer, mehr Supermarktmitarbeiter benötigt. Dadurch steigt die Anzahl der benötigten Arbeitskräfte so stark an, dass die Zugezogenen wunderbar ihren Platz in der Volkswirtschaft finden. Dieser Grundgedanke dürfte heutzutage grundlegend falsch sein, und erst recht in Deutschland.

Ein paar Beispiele: Hunderttausende Flüchtlinge erhalten dieser Tage in Deutschland aufgrund neuer Gesetze ein Girokonto bei der Bank ihrer Wahl. Dadurch müssten eigentlich die Banken hier und da neue Schaltermitarbeiter einstellen, um diese Kunden mit oftmals großem Informationsbedarf bedienen zu können. Aber: Durch die EZB-Politik der Negativzinsen, und langfristig gesehen durch den brutalen Automatisierungsdruck im Bankgewerbe werden aber derzeit kleine Banken gezwungen mit anderen Banken zu fusionieren, Mitarbeiter zu entlassen und Filialen zu schließen. Der Kunde wird freundlich darum gebeten online seine Bankgeschäfte zu machen. Sonst zahlt er inzwischen gut und gerne pro Papierüberweisung einen Euro.

Ein Beispiel der fortschreitenden Rationalisierung konnte man in gigantischer Größe gestern beim Spazierengehen am Hamburger Elbstand besichtigen. Große in China produzierte Containerverladebrücken wurden komplett fertig auf Schiffen in den Hamburger Hafen geliefert. Sie ersetzen einige alte Verladebrücken auf einem Containerterminal des städtischen Betreibers HHLA. Mit diesem Brücken können sogar mehrere Container auf einmal bewegt werden. Zitat HHLA von gestern:
„Die neuen Brücken von ZPMC sind für Containerschiffe mit 24 Containerreihen quer ausgelegt und dank ihrer 74 Meter langen Ausleger für die Schiffe mit einer Ladekapazität von 20.000 TEU und mehr sehr gut gerüstet. Pro Anlauf schlagen solche Schiffe in Hamburg 5.000 bis 6.000 Container (70.000 bis 84.000 Tonnen Ladungsgewicht) um. Auch in der Höhe des Auslegers wurden die Brücken optimiert: Sie können neun an Deck übereinander stehende Container abfertigen. Außerdem können die neuen Brücken auch im Tandembetrieb arbeiten. Mit einem Hub ist es also möglich, zwei 40-Fuß-Container oder vier 20-Fuß-Container zu bewegen. Insgesamt hilft uns das Ausbauprogramm am CTB, unsere hocheffizienten Abfertigungsprozesse weiter zu optimieren.“
Der eine Mensch oben in der Containerbrücke kann also ab sofort deutlich mehr Container in der selben Zeit bewegen als bisher. In den „guten alten Zeiten“ der Hafenbetriebe noch vor 50 Jahren konnte ein Ungelernter einfach in irgendeinem Hafenbetrieb anheuern, denn pure Muskelkraft für das Schleppen von Waren war immer nachgefragt. Das war einmal. Selbst die Container werden auf den Terminals inzwischen nicht mehr von Menschen, sondern von Roboterfahrzeugen hin und her bewegt!

Noch ein Beispiel? Rein zufällig auch aus Hamburg, aber ähnlich wird es wohl auch in anderen deutschen Städten kommen. Hier ist gerade eine neue U Bahn-Linie in Planung. Fest steht schon jetzt: Es wird eine voll automatisierte U-Bahn ohne Fahrer. Die Bahn wird von einem zentralen Kontrollzentrum aus gesteuert. So fahren inzwischen weltweit schon viele U-Bahnen erfolgreich und problemlos. Wo immer jetzt in Deutschland neue U-Bahnen entstehen, werden wohl oftmals diese fahrerlosen Wagen eingesetzt. Also, anhand dieser Beispiele möchte ich verdeutlichen: Die reine Anwesenheit von 81 statt 80 Millionen Menschen in Deutschland schafft beim Hafenumschlag, bei Banken und im Personen-Nahverkehr wohl kaum mehr Arbeitsplätze. Auch im Einzelhandel, der gerade in Deutschland extrem Discounter-getrieben ist, werden die Anbieter den Kunden wohl eher längere Schlangen an der Kasse zumuten als neue Mitarbeiter einzustellen. Und die Landwirtschaft? Wir kennen doch alle die Bilder unserer ach so „gesunden“ Geflügelfarmen. Die sind derart groß und auf brutale Massenproduktion ausgerichtet: Werden dort mehr Menschen in den Ställen benötigt? Wohl kaum.

Wohl weniger durch die steigende Konsumnachfrage, aber eher durch den Demographiewandel werden einige Zugezogene Arbeit finden. Aber die Automatisierung und stetig fortschreitende Rationalisierung in ALLEN Bereichen werden den Traum von „1 Mensch mehr = 1 Arbeitsplatz mehr“ schnell als schöne Illusion entpuppen. Auch wenn Kleinschmidt diese 1:1-Relation so nicht ausgesprochen hat, so kann man seine Ausführungen aber genau so verstehen. Noch vor 100, und teilweise vielleicht noch vor 40 Jahren hätte diese Relation noch eher gestimmt für Deutschland. Noch eher mag diese Relation heutzutage in Ländern stimmen, die eine geringe Produktivität und einen geringen Rationalisierungsdruck aufweisen aufgrund einer fehlenden Exportindustrie.

Deutschland aber steht aufgrund der hohen Lohnkosten in einem brutalen Druck, genau wie die Koreaner, Taiwanesen, Japaner, Singapurer und viele andere stetig ihre Fertigungsprozesse zu optimieren. Pro Mitarbeiter werden in der selben Arbeitszeit mehr Produkte hergestellt. Dieser Effekt wirkt dem Demographiewandel und der steigenden Nachfrage durch mehr Menschen entgegen – in Europa zu aller erst in Deutschland! So wird, so darf man es annehmen, der Wunsch von „mehr Menschen = mehr Arbeit“ für viele leider in einer bitteren Enttäuschung enden. Zu guter Letzt: Natürlich werden in Kitas und Schulen mehr Mitarbeiter benötigt, das ist wohl unbestritten. Meine Betrachtungsweise richtet sich aber an die gesamte Volkswirtschaft, und ob sie wirklich alle neu angekommenen „unterbringen“ kann mit Arbeitsplätzen, die sich selbst finanzieren. Und da kann man doch arge Zweifel bekommen!

10 Kommentare

10 Comments

  1. Avatar

    verinet

    16. August 2016 17:14 at 17:14

    tja irrwitzige Theorie durch zahlreiche „geschenkte Menschen“ steigt vielleicht das BSP aber sicher nicht der Wohlstand aller wenn diese Menschen großteils von Hartz 4 leben
    und von der Gemeinschaft alimentiert werden müssen. These passt aber natürlich zur Merkels „wir schaffen das“ und zur Ponyhof-Wellnes Argumentation unserer Leitmedien.

  2. Avatar

    Deutelmoser1994

    16. August 2016 20:25 at 20:25

    ach deshalb sind die Inder so reich :-)

    • Avatar

      Alejandro

      17. August 2016 08:35 at 08:35

      Köstlicher Kommentar :-D

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    Lars

    16. August 2016 21:23 at 21:23

    Arbeit bzw. Leistung muss sich wieder lohnen! So oder so ähnlich hat doch unser rotblondes und übermästetes Huhn getönt, als es um Wählerstimmen ging.
    Unseren vorsitzenden Raubritter im Finanzministerium kümmert das wenig. Er hat eine Steuererleichterung von etwa 8 EUR pro Jahr für den Durchschnittsverdiener verkündet, umzusetzen in den nächsten 5 Jahrzehnten ;)
    Hier mal eine neue, gute Idee: Herr Schäuble, besteuern Sie die Roboter, die Container, all‘ die, die wirklich Umsätze bringen.
    Und lassen Sie die, die ohnehin nichts haben, endlich in Ruhe!

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    Forexmonkey

    17. August 2016 08:56 at 08:56

    Schade das die Containerverladebrücken nicht in Deutschland oder der EU produziert wurden. Wo ist die voll automatisierte U-Bahn ohne Fahrer entwickelt und gebaut worden? Ist die Software der Online-Banken hier in der EU entwickelt und programmiert worden oder in Indien? Wo ist die Zukunft unserer Kinder…?

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    joah

    17. August 2016 11:24 at 11:24

    Was hier erzeugt werden soll ist das gleiche wie 1989: ein Scheinaufschwung im Binnenmarkt, um einen eigentlichen Abschwung im Hintergrund zu übertünchen, den man nicht verhindern kann. Alle fühlen sich beschäftigt, aber produzieren in erster Linie erst einmal nichts, was die Ökonomie voranbringt – im Gegenteil: sie verkonsumieren nur. Wenn diejenigen dann wirklich einmal gewillt sind sich zu verbessern und ihren Beitrag zu leisten, können damit teilweise gewisse Liquiditätsklemmen gelöst werden (Anstieg Neuverschuldung bei gleichzeitigem Wirtschaftsaufschwung im Ansatz).
    Das Gedankenproblem daran ist: die hiesigen Gäste sinnen nicht einmal ansatzweise danach (bewirten lassen ist doch viel besser) und man müsste einem physisch ausgewachsenen Kind noch einmal ordentlichen Verstand und Wissen beibringen… aber dann ginge es ja auch schon wieder in Rente. Ohnehin fehlt der Wirtschaftsaufschwung, da wir uns eher in einem Abschwung bei gleichzeitiger Liquiditätsklemme mit aktuell deflationären Tendenzen befinden.
    Das, was hier versucht werden soll, kann meiner Meinung nach schon grundlogisch nicht funktionieren. (ich freue mich über Gegenthesen)

    • Avatar

      verinet

      17. August 2016 11:42 at 11:42

      ….aber wie kommen so intelligente Leute wie Dietet Zetsche dazu zu sagen „die Flüchtlinge können ein neues Wirtschaftswunder für Deutschland bedeuten“ richtig ist doch vielmehr wir bräuchten ein neues Wirtschaftswunder um den Flüchtlingszustrom zu bewältigen

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        joah

        17. August 2016 12:20 at 12:20

        Viele Intelligente stellen sich zur Masse gerne auch mal dumm aus reinem Opportunismus.

        • Avatar

          verinet

          17. August 2016 13:28 at 13:28

          …ja, dann aber nicht einen Flüchtling einstellen und ein neues Werk in Polen bauen

          • Avatar

            joah

            17. August 2016 14:03 at 14:03

            Opportunismus: dies dient alles der Vorbereitung zur Werksschließung/-verkleinerung – die Deutschen sind immernoch zu teuer. (zu den Flüchtlingen: Das vermeintlich Gute im Mantel des verstecken Bösen.)

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So tickt die Börse: Grenke, Wirecard und Steinhoff: Die Schwachstelle im System

Stephan Heibel

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Grenke droht nach Wirecard zum nächsten Debakel für die Börse zu werden, wenn das Unternehmen nicht schleunigst alle Vorwürfe entkräftet. Ich habe den Blick auf Gemeinsamkeiten mit Wirecard und Steinhoff geworfen und mit Hilfe eines Kunden die Schwachstelle im System gefunden, die Betrügereien zumindest ermöglicht. Ob Grenke die Schwachstelle genutzt hat, ist noch offen.

Nach Steinhoff und Wirecard spekuliert Fraser Perring nun auf betrügerische Machenschaften bei Grenke Leasing. Über seine Researchfirma Viceroy (Vize-König) hat er eine 64 Seiten lange Analyse zu Grenke veröffentlicht, die den Aktienkurs um über 50% hat einbrechen lassen. Das pikante daran: Perring selbst ist im Vorfeld der Veröffentlichung der Vorwürfe massiv short gegangen, verdient sich also eine goldene Nase an dem Kurseinbruch.

Inzwischen hat Firmenpatriarch Wolfgang Grenke zu den Vorwürfen Stellung bezogen. Wir befinden uns meiner Einschätzung nach erst am Anfang einer Auseinandersetzung, die in den kommenden Wochen und Monaten mit immer neuen Details Anleger verunsichern wird. Ausgang ungewiss.

Da es sich um eine Masche handelt, die sich zu wiederholen scheint, habe ich mich ein wenig dahinter geklemmt, was nun wirklich das Problem ist. Stark geholfen hat mir dabei ein Kunde, der bei einem US-Unternehmen vor vielen Jahren entsprechende Machenschaften aufgedeckt hatte. Das System ähnelt sich immer wieder. Ich will versuchen, die Schwachstelle im System zu identifizieren, damit wir als Anleger das Risiko besser einschätzen können.

Es gibt verschiedene Wege, immaterielle Vermögensgegenstände zu Geld zu machen. Ich denke mir hier mal ein eigenes Beispiel aus: Die Software, die ich zum Betrieb des Heibel-Tickers entwickeln ließ, hat mich viel Geld gekostet. Da ich ohne die Software meinen Laden nicht betreiben könnte und ich sehe, was ich dadurch verdiene, ist die Software für mich subjektiv ein Vielfaches dessen wert, was ich dafür ausgegeben habe. Doch niemand möchte mir einen entsprechenden Geldbetrag dafür geben, denn für Dritte ist meine individuelle Software nahezu wertlos. Daher laufen Entwicklungskosten bei mir als Kosten und nicht als Investition. Einen Wert erschaffe ich damit nicht.

Wenn man nun hohe Wachstumsziele verfolgt und jeden Cent locker machen möchte, um ihn zu investieren, dann ärgern einen diese Kosten. Ich kann den Wert meiner Software nicht als Sicherheit hinterlegen, weil es niemanden gibt, der der Software einen in meinen Augen auch nur annähernd fairen Wert bemisst. Also könnte ich doch eine Auslandsgesellschaft gründen und diese kauft mir meine Software für meinen Wunschpreis ab. Das Geld für den Kauf erhält die Auslandsfirma aus einer anderen Abteilung meines Unternehmens und so fließen meinem Unternehmen Bargeld zu, während irgendwo anders eine Forderung entsteht. Die Forderung ist natürlich, und davon wäre ich als Unternehmensgründer überzeugt, durch den hohen Wert der Software sehr gut besichert.

Okay, hier verlassen wir meinen kleinen Heibel-Ticker als Beispiel, denn hier ist nun schon ein Konzern mit einer etwas komplexeren Struktur erforderlich.

Nun kommen die Wirtschaftsprüfer ins Spiel: Alle Gesellschaften, also sowohl die Konzernmutter in Deutschland als auch die Töchter in Luxemburg, Malta, Dubai und Brasilien (das sind nur zufällig Standorte von Grenke-Töchtern), werden dann von lokalen Wirtschaftsprüfern geprüft. Da kommen dann ein paar hochbezahlte und erfahrende Akademiker für mehrere Tage in die Räume des Unternehmens, drehen alles auf links und schauen nach, ob die jeweiligen nationalen Gesetze eingehalten wurden.

In Brasilien wird nicht geprüft, ob deutsche Gesetze eingehalten wurden. Es werden die jeweiligen Jahresabschlüsse nach den nationalen Gesetzen testiert.

Nun kommt der Konzernbilanzbuchhalter ins Spiel. Er übernimmt die Zahlen der einzelnen Landesgesellschaften und „konsolidiert“ sie in die Konzernbilanz. Bei diesem Vorgang würde dann der obige Softwarekauf herausgerechnet, da es sich um ein internes Geschäft handelt. Doch bei der Konsolidierung befinden wir uns in einem Bereich, den ich als anfällig bezeichnen würde: eine Schwachstelle.

Denn selbst im SAP-System gibt es noch kein ausgereiftes Modul, das diese Problematik zufriedenstellend gelöst hat. Bei meinen Recherchen habe ich in Erfahrung gebracht, dass SAP mit einem Partnerunternehmen derzeit ein solches System entwickeln möchte. Bis heute ist im SAP-System noch viel Handarbeit erforderlich, um die Konsolidierung umzusetzen. Viele Unternehmen haben an dieser Stelle eigene Lösungen entwickelt, die inzwischen vollautomatisch laufen, aber einen internationalen Standard gibt es noch nicht. Zu komplex sind die Anforderungen durch die Vielzahl der Geschäftsmodelle und die Vielzahl der beteiligten Länder bis hin zur Vielzahl an Interpretationsmöglichkeiten bzw. Handlungsspielräumen.

Wir haben es hier also mit testierten Zahlen zu tun, die im Zuge der Konsolidierung in einer Art verwendet werden, die nicht internationalen Gesetzen unterliegen. Es gibt Best Practice Vorschriften für Buchhalter, es gibt Empfehlungen und Leitlinien, aber meines Wissens riskiert ein Buchhalter, der im Rahmen der Konsolidierung „Fehler“ macht, nicht Kopf und Kragen, sondern erst einmal nur eine Rüge, sollte es auffliegen. „Hoppla, da ist mir wohl ein Fehler unterlaufen“.

Auch die Konzernbilanz wird natürlich geprüft. Doch ist es dem Prüfer nicht zuzumuten, sämtliche oben genannten Feinheiten zu überblicken. Er muss die konsolidierten Zahlen als gegeben hinnehmen und prüft deren Konsistenz, nicht aber Herkunft. Fragen über die Herkunft wird der Konzernbilanzbuchhalter beantworten und da können Sie von ausgehen, dass er eine plausible Erklärung hat, denn er kennt das Geschäft ja wesentlich besser als der Prüfer.

Auch die Herkunft wird jedoch geprüft. Der oben genannte Kunde erzählte mir aus seiner Erfahrung, dass alle 5-6 Jahre zwei Hochschulabgänger von der Konzernzentrale in einzelne Landesgesellschaften geschickt wurden, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Erfahrene Prüfer wurden kaum eingesetzt, da es sich hierbei um einen Pflichtbesuch handelte, nicht jedoch um eine Pflichtprüfung: Zur Pflichtprüfung würde es nur werden, wenn falsche Ergebnisse teuer würden. Mangels entsprechender internationaler Sanktionsmechanismen in diesem komplexen Umfeld ist es für Prüfungsgesellschaften ökonomisch sinnvoll, dort ein paar günstige Arbeitskräfte hinzuschicken. Diese Frischlinge hören sich dann vor Ort mit stauenden Augen die Hintergründe zu den Zahlen an und glauben letztlich alles, was ihnen erzählt wird.

Nach einigen Jahren könnte der Konzern dann die 100%ige Softwaretochter aus Brasilien wieder übernehmen und in den Konzern eingliedern. Die Softwarefirma hat eine Software im Bestand, die über Jahre einen stabilen Wert ausgewiesen hat. Der entsprechende Kredit der Firma wird dann vom Konzern unter gleichen Bedingungen mit der gleichen Bescherung weitergeführt. Über die Zeit bläht sich die Bilanz des Unternehmens auf.

Grenke nutzt eine Partnerfirma im Ausland, CTP, um Leasingfirmen im Ausland zu betreiben. Diese Leasingfirmen werden nur dann zu Töchtern (also gekauft), wenn sie sich als erfolgreich zeigen. So werde das Risiko ausgelagert, sagt Patriarch Wolfgang Grenke. Viceroy Research behauptet, diese Auslandstöchter würden keinen Gewinn abwerfen, sondern nur über immer höhere Kredite einer anderen Konzerntochter, Grenke Finance, subventioniert.

In der Telco wurde Grenke nach den Eigentümern von CTP von VOR 2020 gefragt und ist einer Antwort ausgewichen, was von Perring über Twitter sofort mit Wirecard verglichen wurde, die auch lange Zeit Fragen zu Verhältnissen zwischen Partnergesellschaften nicht beantworten wollte. Mann Oh Mann, echt spannend!

Natürlich dürften Unternehmensteile Verluste erwirtschaften, das macht das ganze System noch nicht korrupt. Beispielsweise könnte so strategisches Wachstum verfolgt werden.

Ich würde die Situation derzeit so beschreiben: Es ist durchaus möglich, über ein Netz von Auslandsgesellschaften Zahlen vorzutäuschen, die nicht der Wirklichkeit entsprechend. Es gibt deutliche Schwachstellen in unserem System und es gab immer wieder Unternehmen, die diese Schwachstellen betrügerisch ausgenutzt haben. Viceroy hat nun bei Grenke viele Elemente entdeckt, die auch Unternehmen ausgewiesen haben, die diese Schwachstellen betrügerisch genutzt haben. Das allein reicht jedoch noch nicht, um Grenke den Betrug nachzuweisen.

Wer jetzt in Grenke investiert, weil die Aktie „günstig“ ist, der sollte sich der Gefahr bewusst sein. Sollten sich die Vorwürfe als richtig herausstellen, ist die finanzielle Basis des Leasing-Anbieters gefährdet. Grenke ist nun gefordert, die Vorwürfe vollumfänglich zu entkräften. Das ist, sofern Grenke sauber wirtschaftet, ärgerlich, weil es ein Riesenaufwand bedeutet! Auf der anderen Seite ist es natürlich auch sehr riskant, wenn Grenke tatsächlich die oben genannte Schwachstelle das ein oder andere Mal genutzt haben sollte.

Wer also in Grenke spekulieren möchte, der sollte forensische Blanzprüfungsfähigkeiten haben, um sich eine Meinung zu bilden. Andernfalls gilt meine alte Regel: Bilanzierungsunregelmäßigkeiten = Finger weg! Warten wir’s ab, denn der Ausgang ist einmal mehr ungewiss.

Einer, der öffentlich darauf spekuliert, dass an den Vorwürfen nichts dran ist, ist Fondsmanager Hendrik Leber von Acatis. Mindestens genauso wichtig wie das, WAS gesagt wird, ist, WER sagt es. Acatis ist mit 5,02% Anteilen an Grenke einer der Großaktionäre des Konzerns. In der Situation, wie sie ist, hat Leber keine andere Wahl, als die Vorwürfe als haltlos zu bezeichnen. Er hatte drei Möglichkeiten: Viceroy zustimmen, dann wäre seine Beteiligung schon morgen wertlos. Das kann er seinen Anlegern nicht antun, in diesem schlimmsten Fall müsste er zumindest versuchen, die Beteiligung noch irgendwie mit Verlusten loszuschlagen. Möglichkeit zwei wäre „nichts sagen“. Das kann ein so wichtiger Aktionär nicht ewig tun, sein Schweigen würde ihm irgendwann negativ ausgelegt. Möglichkeit 3 ist, die Vorwürfe als haltlos zu erklären. Entweder er trennt sich nun von seiner Beteiligung unter Verlust, oder aber er hat recht und steht am Ende als Fels in der Brandung da. Ungeachtet dessen, ob Leber tatsächlich weiß, was los ist, ist seine Aussage damit ziemlich wertlos, schade.

Ich bleibe am Ball und werde Updates in meinem Heibel-Ticker veröffentlichen. Bei Interesse geht es zur Anmeldung über www.heibel-ticker.de

So tickt die Börse

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Banken: Nach den großen jetzt die kleinen – Aufseher biegen Vorgaben zurecht

Claudio Kummerfeld

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am

Türme von Banken in Frankfurt

In der aktuellen Coronakrise sieht man es in vielen Bereichen. Wo es nicht passt, wird es von staatlicher Seite eben passend gemacht. Das ändert nichts an der miesen Lage, aber es sieht dann eben optisch besser aus. So zum Beispiel bei zahlreichen Zombieunternehmen, die auch nach der Krise wohl nicht wieder gesunden werden, die aber dank Aussetzung der Insolvenzantragspflicht bis Jahresende weiter machen können. Völlig überschuldet, aber noch liquide. Läuft. Und die Banken, die bekamen auch schon Hilfe.

Aufsicht hilft Banken mit verschiedenen Maßnahmen

Seit März müssen die Banken Kredite, die sie ihren Kreditnehmern gestundet haben, nicht als Kreditausfälle abschreiben. Also sind offiziell keine Verluste sichtbar, obwohl diese Kreditforderungen in vielen Fällen wohl ganz oder teilweise wertlos sind. Und heute verkündet die BaFin, dass die kleineren Banken in Deutschland, die unter direkter Aufsicht der BaFin stehen, ab dem 22. September bis Juni 2021 eine Erleichterung erhalten. Es wird ihnen nämlich erlaubt „gewisse Risikopositionen“ gegenüber der Zentralbank zeitlich befristet nicht zu berücksichtigen, wenn sie die Verschuldungsquote berechnen. Details der Regelung und den Voraussetzungen zur Nutzung kann man hier nachlesen. Weiter sagt die BaFin heute, Zitat:

Der europäische Gesetzgeber hat mit Artikel 500b der Europäischen Eigenmittelverordnung (Capital Requirements Regulation – CRR) vor dem Hintergrund der Covid-19-Pandemie eine zeitlich befristete Möglichkeit geschaffen, um gewisse Risikopositionen aus der Berechnung der Verschuldungsquote (Leverage Ratio) auszunehmen. Dies soll die Durchführung geldpolitischer Maßnahmen erleichtern. Gemäß Artikel 500b der CRR erklärt die BaFin nach Konsultation der Europäischen Zentralbank (EZB) als betroffener Zentralbank und in Koordination mit der Deutschen Bundesbank, dass außergewöhnliche Umstände vorliegen, die diesen Ausschluss rechtfertigen.

Die selbe Erleichterung zur Berechnung der Verschuldungsquote bei Banken hatte die EZB als Aufsichtsbehörde letzte Woche schon den großen Banken gewährt, die unter ihrer direkten Aufsicht stehen. Beim Klick an dieser Stelle finden Sie unseren heutigen Artikel über eine aktuelle Veröffentlichung der Bundesbank, wonach die Banken in Deutschland (als Gesamtbetrachtung) letztes Jahr 2 Milliarden Euro Verlust gemacht haben, nach 12,2 Milliarden Euro Gewinn in 2018.

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Bundesbank veröffentlicht erschreckende Zahl für deutsche Banken

Claudio Kummerfeld

Veröffentlicht

am

Banken in Frankfurt

Die Coronakrise trifft die Wirtschaft und auch die Banken, das ist verständlich. Aber bei der folgenden Zahl möchten wir betonen, dass es um das Gesamtjahr 2019 geht, also die Zeit noch vor dem Ausbruch der Coronakrise. Las man die großen Medienpublikationen, dann lief ja noch in 2019 alles total rosig in der Wirtschaft. Gut, hier und da eine „kleine Delle“ bei den Autoherstellern. Aber es gab doch de facto Vollbeschäftigung, die Steuereinnahmen sprudelten. Alles war doch irgendwie in Ordnung?

Nein, einige Kritiker wie zum Beispiel Markus Krall weisen seit Jahren auf eine schwelende Krise hin, und auch speziell auf den sich immer weiter fortsetzenden Niedergang der Banken. Und dieser Niedergang sei eine sehr, sehr ernste Angelegenheit für die ganze Volkswirtschaft. Denn wenn Banken Verluste machen, schrumpft ihr Eigenkapital. Und je weniger Eigenkapital, desto weniger neue Kredite können Banken vergeben. Denn jeder Kredit muss mit einem gewissen Eigenkapital-Anteil als Sicherheit für Kreditausfälle hinterlegt werden.

Bundesbank präsentiert Jahresverlust für deutsche Banken

Und jetzt sehen wir was? Die Bundesbank schreibt ganz frisch in ihrem heute veröffentlichten Monatsbericht September, dass die deutschen Banken in der Gesamtbetrachtung (im Jahr 2019) 2,2 Milliarden Euro Verlust nach Steuern gemacht haben. Und das nach einem Gewinn in 2018 in Höhe von 12,2 Milliarden Euro. Und wie gesagt, in diesen 2,2 Milliarden Euro Verlust im deutschen Bankensystem war die gesamte Coronakrise ja noch überhaupt nicht berücksichtigt. Die kommt erst im folgenden Jahr 2020 noch oben drauf.

Der Chart im folgenden Tweet der Barkow Consulting zeigt, wie die deutschen Banken also zu Ende letzten Jahres insgesamt ins Defizit gerutscht sind, nach jahrelangen Gewinnen. Zuletzt waren sie im Zuge der Finanzkrise 2008 zwei Jahre im Minus gewesen. Zur Ehrenrettung der Bankenbranche darf man erwähnen, dass die Großbanken diesen Verlust im Jahr 2019 verursacht haben. Die große Bundesbank-Tabelle zeigt Finanzdaten nach Bankensektoren. Nur die Großbanken machten Verlust. Sparkassen, Volksbanken etc lagen in der Gewinnzone. Aber abwarten, wie das Gesamtjahr 2020 aussehen wird! Können die Zahlen möglicherweise optisch deutlich besser ausfallen, als sie es tatsächlich sind? Denn bis Ende September gilt eine Sonderregel, nach der Banken wegen Corona gestundete Kredite nicht als Kreditausfall abschreiben müssen. Wird diese Sonderregel bis Jahresende verlängert, könnten die Jahreszahlen der Banken für 2020 rein optisch weniger katastrophal aussehen.

Grafik zeigt Finanzdaten deutscher Banken im Jahr 2019

Hier auszugsweise Aussagen der Bundesbank im Wortlaut:

Die Betrachtung der einzelnen Bankengruppen zeigt, dass die Gesamtentwicklung wesentlich durch die Großbanken getrieben wurde. Vor allem aufgrund eines negativen Sondereffekts infolge des strategischen Umbaus bei einem Institut verringerten sich bei den Großbanken der Zins- und Provisionsüberschuss, wodurch die Großbanken einen starken Rückgang ihrer operativen Erträge um 3,1 Mrd € auf 27,6 Mrd € verzeichneten. Die Sparkassen wiesen 2019 mit 29,7 Mrd € um 0,9 Mrd € geringere operative Erträge aus als noch im Jahr zuvor. Die Kreditgenossenschaften konnten hingegen ihre operativen Erträge im Vergleich zum Vorjahr leicht um 0,2 Mrd € auf 22,1 Mrd € steigern. Den mit 1,6 Mrd € größten Anstieg bei den operativen Erträgen auf 20,8 Mrd € im Jahr 2019 verzeichneten die Regional- und sonstigen Kreditbanken.

Auch die Entwicklung der Eigenkapitalrentabilität wurde wesentlich durch den Sondereffekt bei einem Institut aus der Gruppe der Großbanken getrieben. Die Eigenkapitalrentabilität vor Steuern in dieser Bankengruppe brach von 1,14 % im Vorjahr auf – 16,63 % im aktuellen Berichtsjahr ein.

Die Eigenkapitalrentabilität der Sparkassen sank

leicht um 0,33 Prozentpunkte auf 6,86 %. Dagegen steigerten die Kreditgenossenschaften ihre Eigenkapitalrentabilität um 1,04 Prozentpunkte auf 9,23 % und näherten sich damit anders als die Sparkassen ihrem langfristigen Mittel (10,76 %) an.

Chart zeigt Eigenkapitalrentabilität der Banken

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