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Nord Stream 2 in der Schwebe – Wieso ist die Gasleitung für Russland so wichtig?

Nachdem der Angriff Russlands auf die Ukraine offenbar ausbleibt, verharrt Nord Stream 2 weiter in der Schwebe. Schon heute könne die schnellstmögliche Inbetriebnahme den europäischen Gasmarkt stabilisieren, stellt Russlands Vizepremier Alexander Nowak in seinem Beitrag für das russische Fachjournal Energiepolitik am 16. Februar in Aussicht. Doch das dürfte dauern. Das Zertifizierungsverfahren setzte die Bundesnetzagentur im letzten November aus, weil der Transportnetzbetreiber ein Unternehmen nach deutschem Recht sein müsse. Im Januar gründete daher der russische Pipeline-Betreiber Nord Stream 2 mit Sitz im Schweizer Zug die Tochtergesellschaft Gas for Europe. Diese hat ihren Sitz in der Mecklenburgischen Landeshauptstadt Schwerin. „Die Gas for Europe GmbH wird so schnell wie möglich die erforderlichen Unterlagen zur Fortsetzung des Zertifizierungsprozesses bei der BNetzA einreichen“, bestätigte jüngst auf Anfrage ein Unternehmenssprecher.

Russland drückt „aufs Gas“ bei Nord Stream 2

Milliardenschwere Investitionen für den nördlichen Gaskorridor von der Halbinsel Jamal bis nach Lubmin an der deutschen Ostseeküste sollen sich endlich auszahlen. Darin sind die 9,5 Milliarden Euro für die Nord Stream 2 Pipeline nur ein Bruchteil, von dem die fünf europäischen Unternehmen Uniper, Wintershall, Engie, OMV und Shell die Hälfte finanzierten. Für den Aufbau des neuen Förderzentrums Bowanenkowo auf Jamal und den Neu- und Ausbau des nördlichen Transportkorridors zum Gasabtransport war indes ein hoher zweistelliger, wenn nicht sogar dreistelliger Milliardenbetrag fällig.

Im Zug der Lieferstopps von 2006 und 2009 durch Konflikte mit dem einstigen Haupttransitland Ukraine, bekräftigte Russland seine Absicht, sich Richtung Osten auszurichten und dort neue Abnehmer zu gewinnen. Das ist inzwischen gelungen. Die Gasleitung Kraft Sibiriens 1 transportiert von ostsibirischen Vorräten Gas nach China. Sie verfügt über eine Transportkapazität von 38 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr. Pläne für den Ausbau sind laut Gazprom in Arbeit. Um 50 Milliarden Kubikmeter Gas im Jahr, so viel wie Deutschland aus Russland importiert, liefern zu können, will der Gaskonzern China an das traditionelle westsibirische Fördergebiet anschließen.

Russische Diversifizierung

Fast 300 Milliarden Kubikmeter Gas kann Gazprom aktuell im Jahr über Pipelines nach Europa und in die Türkei liefern. Doch wieso hat Russland Nord Stream 2 überhaupt gebaut und jetzt diesen Streit vom Zaun gebrochen? Das Konfliktpotential mit der Ukraine ist groß, wie es ein Blick in die Geschichte zeigt. In den russisch-ukrainischen Verhandlungen zum Transit- und Liefervertrag war die Pacht für den Flottenstützpunkt auf der Krim immer ein Posten. Die Flotte auf heimatlichen Boden zu wissen und sich von Pachtgebühren zu entledigen, waren für Putin sicher eine starke Triebfeder. Direktverbindungen zu den größten zahlungskräftigen Abnehmern in Europa zu schaffen, war zudem ein wirtschaftlicher Anreiz, um ukrainische Transitforderungen einzusparen. Letztlich ist der nördliche Transportkorridor von Jamal zur Ostsee kürzer und wirtschaftlicher als die längere Route von den westsibirischen Gasfeldern zur Ukraine, die künftig für China eingeplant sind.

Nimmt die Gasleitung Nord Stream 2 den Betrieb auf, verdoppelt sich die Jahrestransportkapazität in der Ostsee von 55 auf 110 Milliarden Kubikmeter Gas. Das ist mehr als die Hälfte, die der russische Gaskonzern Gazprom im letzten Jahr nach Europa und in die Türkei exportierte. Von insgesamt 185,1 Milliarden Kubikmeter Gas flossen durch ukrainische Leitungen knapp 41,6 Milliarden Kubikmeter russisches Gas gen Westen und Süden. Dies entspricht dem vereinbarten Umfang des Fünfjahresvertrags zwischen Russland und der Ukraine, der Ende 2019 mit europäischer Vermittlung zustande gekommen war.

Mühlstein Nord Stream 2

Keine Gasleitung steht neben Nord Stream 2 Pipeline unter so starker Beobachtung wie die Exportpipeline Jamal Europa. Sie führt von Russland über Belarus und Polen an die deutsche Ostgrenze. 2006 erreichte sie ihre Auslegungsgröße von 33 Milliarden Kubikmeter. Dadurch erfuhr der Transitumfang über die Ukraine den ersten merklichen Dämpfer, so dass die Transitmarke von 120 Milliarden Kubikmetern Gas fortan nicht mehr überschritten wurde. Der erste Bypass zur einstigen Haupttransitschlagader Ukraine wirkte. Es folgten die Bypässe Nord Stream 1 in der Ostsee, Blue Stream und Turkish Stream im Schwarzen Meer. Seit 21. Dezember 2021 bucht Gazprom nahezu keine Transportkapazität für Jamal-Europa. Auch über das ukrainische Netz fließt seit Jahresbeginn nach Daten von Fernleitungsnetzbetreibern weniger russisches Gas von Ost nach West. Dazu leeren sich die Speicher in Europa.

Manche wie etwa die EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen in einem Konferenzbeitrag am 7. Februar monieren, dass Gazprom trotz Spitzenpreisen und überbordender Nachfrage keine weiteren Mengen liefere. Vermutlich sind die Verluste durch Nord Stream 2 in Wartestellung so groß, dass Russland das Risiko eingeht und auf schnelles Geld am Spotmarkt verzichtet. Je schneller die zweite Ostseegasleitung ans Laufen kommt, desto eher können sich die milliardenschweren Investitionen amortisieren. Ein drohendes Milliardengrab in der Ostsee wirkt wie ein Mühlstein, den Gazprom-Chef Alexej Miller und Präsident Putin gewiss schnell loswerden wollen.

Hart gepokert?

Der Mühlstein „ist eines der größten Infrastrukturprojekte in Europa, der die Energiesicherheit auf dem Kontinent erheblich stärken und zur Lösung gesamteuropäischer Wirtschafts- und Umweltprobleme beitragen soll. Ich habe mehr als einmal gesagt, dass dieses Projekt ein rein wirtschaftliches Projekt ist, und es gibt hier keine Politik, keine politischen Untertöne“, legte Putin Bundeskanzler Olaf Scholz in der gemeinsamen Pressekonferenz am 15. Februar in Moskau noch einmal nahe. „Europa ist zum Epizentrum der Energiekrise geworden. Die heimische Gasförderung ist hier in den letzten vier Jahren stetig zurückgegangen“, unterstreicht Nowak die Dringlichkeit für Nord Stream 2. Warum Putin das Aus dieses Projektes durch eine militärische Eskalation gefährden wollte, erschließt sich nicht auf den ersten Blick. Möglicherweise war das für ihn in diesem Pokerspiel keine Option.

Rohre für die Gas-Pipeline Nord Stream 2 Rohre für die Gas-Pipeline Nord Stream 2. Foto aus dem Jahr 2020. © Pedant01 CC BY-SA 4.0



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7 Kommentare

  1. In der Globalisierung hat jeder dort gekauft wo es preislich am günstigsten war.Dass jetzt unter Druck der Amis das Gas aus Russland nicht mehr gefragt ist, ist lachhaft, da die Amis selber ihre Importe immer noch steigern und dies sogar aus Russland..Wenn die EU in diesem Machtspiel den Amis als Werkzeug dient, kann es soweit kommen, dass die Chinesen als Russenfreund auch keine deutschen Autos mehr wollen. Die Deglobalisierung wird DE ohne Rohstoffe und mit der teuersten Energie das Leben sowieso schwer machen,diese ideologisch motivierte Selbstzerstörung ist totaler Unsinn.

  2. Man kann die deutschen Politiker in keinster Weise verstehen ! Da wird eine Pipiline im ,Meer gebaut, und andere fremde Politiker können die Lieferung weder Unterbinden noch abschalten oder politischen Druck als Dritter ausüben, aber man hört auf Leute ,die auch aus Russland Öl und Gas einführen, weil sauberer.
    VERSTECKT SICH HINTER LAPIDAREN AUSREDEN FÜR DIE INBETRIEBNAHME
    DIE Ukrainekrise zum Anlasd zunehmen ist unterste Schublade, zumal die Bürger diesen Unsinn nucht akzeptieren

  3. Lauter nur Idioten !

    Wir brauchen DRINGEND günstige Gas von Russen !!!

  4. Nicht die Russen, sondern die Amerikaner wollen diesen Konflikt, um Nordstream 2 zu verhindern. Das ist meine Erkenntnis. Die Amerikaner wollen Abnehmer für ihr Frackinggas finden und überdies eine Annäherung zwischen Europa und Russland verhindern.

  5. Mit Nordstream2 will die USA, die NATO, die EU Putin politisch erpressen. Der Westen will das Gas, aber ohne Putin. Militärisch können die westlichen Kriegstreiber nichts erreichen, also erfolgen Sanktionen durch Lügen mit Steuergelder.
    Wenn Putin gestürzt ist, ist Bearbock die Erste, die für das Kapital, die Pipeline aufdreht.

  6. Meiner Meinung nach ist die Halbinsel Krim der Knackpunkt. Die Ukraine hat die Wasserzufuhr für die nun russische Halbinsel unterbrochen, die Halbinsel ist inzwischen versteppt und eigentlich nicht mehr bewohnbar. Russland will wahrscheinlich der Ukraine das Gas abdrehen und benötigt zur Sicherstellung der europäischen Gasversorgung Nordstream 2.

    1. Da liegt also der Hase im Pfeffer! Very interesting…

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