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Anleihen

Wenn die EU alles rettet, sinkt das Risiko – hier die aktuellen Folgen

Redaktion

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Risiken werden aufgefangen, jetzt auch direkt durch die EU

Wie predigt es Markus Krall schon die letzten Monate und Jahre? Politik und Notenbanken versuchen seit geraumer Zeit durch immer neue Rettungsprogramme, durch Gelddrucken und neue Schulden die Risiken zu unterdrücken. Aber damit werden die Risiken lediglich auf-addiert und in die Zukunft verschoben, bis es irgendwann einmal kräftig knallt. Ist dies aktuell auch wieder der Fall? Oder ist der heute früh endgültig verabschiedete Rettungsplan der 27 EU-Partner (750 Milliarden Euro als Zuschuss und Kredit) der große Durchbruch, um die Volkswirtschaften Europas wieder kräftig nach oben zu pushen, aber diesmal wirklich?

Die zehn Jahre nach der Finanzkrise zeigten: Obwohl EZB-Chef Mario Draghi die Staatenlenker in der Eurozone diverse Male fast schon anbettelte (sie sollten sich reformieren und die EZB könne nur Zeit erkaufen). Wirklich passiert war nicht wirklich viel. In Italien zum Beispiel wurde die Lage immer nur noch schlimmer. Griechenland wirkt nur deswegen stabil, weil die EU-Partner mit dem 86 Milliarden Euro-Paket einmal das Land kräftig überladen haben mit frischem Geld. Gesund ist Griechenland deswegen aber nicht, lediglich liquide!

EU-Rettung lässt das Risiko sinken

Durch das aktuelle Programm der EU, wo sie selbst (und nicht die Staaten) Geld aufnimmt, wird das Schuldenproblem in Europa vergemeinschaftet, da mache man sich bitte nichts vor. Es ist wieder ein neuer Schritt zur Schuldenunion, die wir mit dem ESM, der Griechenland-Rettung und dem EZB-Aufkauf von Anleihen in Billionenhöhe ja Schritt für Schritt immer weiter ausbauen, und das seit Jahren! Und gemeinsame Schulden bedeuten auch immer: Das Problem einzelner ist das Problem aller. Die ganz Starken müssen die ganz Schwachen mit durchschleppen, komme was da wolle. So arrogant es auch klingen mag. Bei Griechenland war es der Fall (hier wurde jüngst durch die EZB auch kräftig unterstützt), und das viel größere Italien hat mit dem aktuellen „Wiederaufbaufonds“ der EU erneut Zugang zu einer neuen Geldquelle. Wer glaubt wirklich, dass Rom mit diesem frischen Geld nun endlich die Notwendigkeit sieht große Strukturreformen umzusetzen? Nein, ganz im Gegenteil. Immer neue Hilfsgelder und Subventionen in EU und Eurozone verleiten automatisch dazu, sich an diese Gelder zu gewöhnen. Wozu sich selbst anstrengen, wenn alle Probleme mit Geld von außen gelöst werden?

Na ja, gelöst werden hier ja keine Probleme. Sie werden nur immer wieder mit Geld zugeschüttet und in die Zukunft verlagert. Aber das Risiko, dass Länder wie Italien zahlungsunfähig werden, das sinkt natürlich immens, wenn die rettende Hand letztlich alles bezahlt. Und in diesem Fall ist das gesamthaftend mit der EU eine verdammt starke Hand! Der Kapitalmarkt ist hier das sofortige Barometer dieser Risikoeinschätzung. Die heutige Einigung in der EU-Partner Brüssel hat man schon seit Tagen in den Anleihekursen eingepreist. Wo weniger Risiko ist, muss auch weniger Risikoaufschlag in Form von hohen Renditen für Anleihen gezahlt werden. Die Anleger kaufen Anleihen, was die Renditen drückt.

Renditen sind schon seit Tagen gefallen

So sank die Rendite für zehnjährige italienische Staatsanleihen schon seit letzter Woche (in Erwartung der Einigung in Brüssel) von 1,28 Prozent kontinuierlich bis auf 1,11 Prozent heute früh um 10 Uhr (Chart seit letztem Mittwoch). Dann setzten wohl heute Mittag Gewinnmitnahmen ein. Fallende Anleihekurse ließen die Rendite bis jetzt wieder auf 1,15 Prozent steigen. Aber von 1,28 Prozent auf 1,15 Prozent, das ist schon eine beachtliche Bewegung in nicht mal vier Handelstagen. Ähnlich sieht die Lage bei den Renditen griechischer Staatsanleihen aus. Seit Mitte letzter Woche fiel die Rendite von 1,27 Prozent auf 1,08 Prozent heute früh (aktuell 1,11 Prozent). Für spanische Papiere sank die Rendite seit letzter Woche von 0,43 Prozent auf 0,31 Prozent (aktuell 0,35 Prozent).

Tja, wo weniger Risiko, da sieht man sinkende Renditen. Und wenn die starken EU-Partner immer mehr Haftung für die Wackelkandidaten übernehmen, sinkt ihr Risiko eines Zahlungsausfalls. Dank sinkender Renditen können sie sich nun wieder günstiger selbst am Markt verschulden. Wozu also noch selbst Reformanstrengungen durchführen, wenn die EU und ihre Partner doch immer wieder alles retten? Aber nein, nicht doch. Diesmal, ganz sicher, da sind die 750 Milliarden Euro der große Turbo-Booster für die Konjunktur in Italien, jetzt geht es wirklich bergauf? Aber ja, abschließend kann man natürlich genau so gut sagen: Irgendwas musste man auf EU-Ebene ja noch gemacht werden, als großes Zeichen, um noch mal einen Schub für die Konjunktur aufzulegen.

Rendite für italienische Staatsanleihen im Kursverlauf

Holger Zschaepitz zeigt im folgenden Chart (im Hoch ist die Corona-Krise im März zu sehen), dass sogar das Risiko für den Zahlungsausfall europäischer Unternehmen durch die aktuelle Einigung der EU-Partner weiter sinkt. Der Schutz gegen Zahlungsausfälle (Kreditausfallversicherungen) wird günstiger.

Ein Kommentar

Ein Kommentar

  1. Avatar

    thinkSelf

    21. Juli 2020 14:24 at 14:24

    Ein Risiko das Italien oder sonstwer in der Eurozone pleite geht besteht seit 10 Jahren nicht mehr. Daher sind Risikoprämien hier völlig unangebracht. Denn das wird so oder so mit der Notenpresse verhindert.

    Das gilt übrigens auch für „systemrelevante“ Banken und Unternehmen. Deshalb ist es auch vollkommen irrelevant ob der EU Fond jetzt vergemeinschaftet wird oder nicht. Denn zurückgezahlt wird da ohnehin nichts.

    Aber das ist ja auch gar nicht die Frage. Die Frage ist was das Gelddrucken auslöst. Und das beschleunigt einerseits die Zombifizierung der Wirtschaft und andererseits den Abfluss von produktiven Jobs in Gebiete außerhalb der Eurozone.

    Die Frage ist, was machen die Gläubiger? Wenn sie schlau sind, machen sie das was die Chinesen machen. Sie tauschen ihre Scheine gegen Assets. Kaufen also Unternehmen und Immobilien in der Eurozone auf. Oder mit Dollar halb Afrika. Läuft das Spiel noch etwas länger gehört ihnen in ein paar Jahren ganz Afrika.
    Das Spiel kann damit solange weiterlaufen bis ihnen buchstäblich alles gehört. Oder sie aus politischen Gründen nichts mehr kaufen können. Dann aber ist es Zeit das System platzen zu lassen, indem sie keine Euros mehr als Bezahlung akzeptieren, wodurch der Euro gegenüber dem Rimimbi abstürzt und damit Inflation importiert wird.

    Die vernichtet dann die Nominalwerte der Geldsparer. Und das sind nicht nur die „Geldbesitzer“, z.B. Lebensversicherungen, sondern auch alle die, die einen Geldanspruch gegenüber dem Staat haben (also alle europäischen Rentner).

    Also, alles Gut. Wer hat, dem wird gegeben und wer viel hat dem wird mehr gegeben.

    Außerdem stecken wir in der westlichen Welt nun vollständig im Zustand des „Bedingungslosen Grundeinkommens.“ Heist nur nicht so. Nennt sich mal Kurzarbeitergeld oder mal Corona Krisenzuschuss, wie in den USA.

    Und so lange man ausreichend Leute finanziell so eng hält, dass sie arbeiten MÜSSEN, solange sind auch die Lieferketten nicht gefährdet.

    Übrigens, ein derartiges System hat schon über mehrere Jahrtausende seine Stabilität gezeigt. Nennt sich Feudalismus.

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Anleihen

Deutsche Neuverschuldung in Corona-Zeiten: Kein Problem, es ist sogar ein Profitgeschäft!

Claudio Kummerfeld

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Brandenburger Tor in Berlin

Der deutsche Staat nimmt wegen der Coronakrise und den explodierenden Rettungskosten viele neue Schulden auf. Erste frohe Kunde: Die Neuverschuldung stellt finanztechnisch schon mal gar kein Problem dar. Man sehe die folgende Grafik aus dem Hause Finanzagentur Deutschland GmbH, dem Institut, dass als Vehikel des Bundesfinanzministeriums Anleihen am Kapitalmarkt verkauft.

Neuverschuldung läuft ohne Probleme ab

Heute wurden für den deutschen Staat sieben Jahre laufende Bundesanleihen ausgegeben im Volumen von 4 Milliarden Euro. Die Nachfrage der institutionellen Investoren lag bei 7,26 Milliarden Euro. So war es auch bei den vorigen Emissionen, wie die Übersichtstafel gut zeigt. Die Nachfrage in den letzten Monaten reichte jedes Mal weit über das Angebotsvolumen hinaus, und erreichte manchmal fast das doppelte Volumen. Verkauft wurden heute übrigens nicht 4, sondern nur 3,28 Milliarden Euro Volumen. So läuft das jedes Mal. Ein Teil der Emission wird nicht tatsächlich verkauft, sondern wandert in die sogenannte „Marktpflegequote“, um den Börsenmarkt für diese Anleihe in den nächsten sieben Jahren liquide halten zu können.

Also, Deutschland kommt am Kapitalmarkt spielend leicht an frisches Geld. Und die Emissionsrendite zeigt: Der Bundesfinanzminister verdient mit dem Aufnehmen neuer Schulden jedes Mal sogar Geld. Die heutige Rendite liegt bei minus 0,62 Prozent. Bei den vorigen Emissionen waren es -0,60, -0,62, -0,62, -0,47 Prozent usw. Diese Negativrendite bei der deutschen Neuverschuldung kommt zustande, weil die Anleihen mit einem Kurs über dem Nennwert der Anleihen von 100,00 Prozent verkauft werden (Anleihekurse notieren in Prozentpunkten). Heute zum Beispiel lag der Verkaufspreis bei 104,52 Prozent.

Deutsche Staat macht Gewinn – und warum machen die Anleger freiwillig Verlust?

In sieben Jahren, wenn der deutsche Staat die Anleihe an deren Inhaber zurückzahlt, überweist er aber nur den vereinbarten Nennwert von glatt 100,00 Prozent zurück. Zinsen gab es für die Anleger auch keine mit 0,00 Prozent Zinskupon. Tja, der Staat erhält jetzt 104,52, und zahlt in sieben Jahren nur 100,00 zurück. So macht man Geld. Und wie so oft kann man sich fragen: Warum machen die Anleger das, wieso verschenken die Geld, wieso machen sie wissentlich und freiwillig Verlust?

Nun, da wäre natürlich das Argument, dass bei einer vermuteten weiter sinkenden Rendite die Kurse der Anleihen natürlich automatisch weiter steigen. Dann könnten die Investoren nach der Emission am freien Anleihemarkt höher verkaufen, und einen Gewinn einstreichen. Oder man weiß nur zu gut, dass die EZB immer mehr Anleihen aufkauft, und dass man auch dorthin (mit anständigem Gewinn?) weiterverkaufen kann. Denn die EZB, die will ja unbedingt aufkaufen. Und wer unbedingt kaufen will, zahlt am freien Markt höhere Preise als in der Erstauktion des Bundes?

Und dann wären da noch langfristig denkende, große institutionelle Investoren, die überlegen, wo sie ihre gigantischen Geldmengen unterbringen sollen. Will man nicht alles in Aktien packen, oder darf man es gar nicht, muss man sich nach „sicheren“ Anlagen umschauen. Banken reichen gerade bei größeren Kontoguthaben inzwischen eigentlich immer den Negativzins der EZB an die Kunden weiter. Also würden große Pensionskassen, Fonds, Versicherungen etc mit sehr großen Geldsummen wohl 0,5 Prozent Strafzins bei ihrer Hausbank zahlen. Also dann lieber das Geld in Anleihen investieren? Aber halt. Bei dieser deutschen Staatsanleihe liegt die Rendite ja sogar bei -0,62 Prozent. Also steht man nochmal 0,12 Prozentpunkte schlechter da als auf dem Bankkonto. Hier könnte nur noch das Argument ziehen, dass man deutsche Staatsanleihen (im großen Bild betrachtet) als deutlich besseren Parkplatz für große Geldsummen erachtet, als eine einzelne Bank, die immer pleite gehen kann.

Grafik zeigt Neuverschuldung Deutschlands mit 7 Jahren Laufzeit

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Allgemein

Wirtschaft in Italien stürzt ab – warum das den Markt nicht interessiert

Claudio Kummerfeld

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Italien-Flagge in Rom

Die Wirtschaftsleistung in Italien ist im zweiten Quartal im Vergleich zum 1. Quartal um 12,8 Prozent abgestürzt, wie offizielle Daten zeigen, die heute veröffentlicht wurden. Vorläufige Daten von minus 12,4 Prozent wurden damit nach unten revidiert. Im Jahresvergleich zum zweiten Quartal 2019 ist es ein Absturz von 17,7 Prozent. Dies ist laut Trading Economics der stärkste Einbruch der Wirtschaftsleistung in Italien seit den 60er-Jahren. Im folgenden Chart sehen wir die prozentuale Veränderung der Wirtschaftsleistung in Italien seit den 90er-Jahren. Man erkennt, dass der Absturz in der Finanzkrise 2008 mit -3 Prozent im Vergleich zu heute verschwindend klein war.


source: tradingeconomics.com

Und was macht der Kapitalmarkt? Die Rendite für Staatsanleihen ist hier immer das beste Barometer. Eigentlich gäbe es da noch die Währung eines Landes. Aber da Italien den Euro hat, kann man hier keinen Gradmesser für Italien mehr erkennen. Wenn ein Investor in Anleihen eines Landes investieren möchte, bei denen die Rückzahlungswahrscheinlichkeit der Anleihen wegen wirtschaftlichen Schwierigkeiten gefährdet ist, dann erwartet dieser Anleger einen Risikoaufschlag – nämlich für sein Risiko, dass er sein Geld nicht wieder sieht. Daher sind Länder mit großen wirtschaftlichen Problemen automatisch bereit deutlich höhere Renditen für ihre verkauften Staatsanleihen zu bezahlen, um ausländisches Kapital anzulocken.

Warum die Renditen für Italien nicht steigen

Italien stand schon vor der Coronakrise sehr schlecht da. Hohe Schulden erstickten das Land, und eine Wirtschaft die sich nie von der Finanzkrise 2008 erholt hatte. Und dann kam die Coronakrise. Die wirtschaftliche Lage verschärft sich daher dramatisch. Der obige Chart zeigt dies eindrucksvoll. Und was macht die Rendite für zehnjährige italienische Staatsanleihen? Sie notiert aktuell mit 1,11 Prozent genau da, wo sie am letzten Freitag lag, vor der Veröffentlichung der heutigen BIP-Daten. Der folgende Chart zeigt den Rendite-Verlauf für Italien in den letzten zwölf Monaten. Man sieht, dass die Rendite kurz vor der Coronakrise genau ebenfalls da war, wo sie jetzt notiert. Zwar lag sie im März kurzzeitig bei 2,39 Prozent. Aber mit den umfangreichen Rettungsmaßnahmen von Staaten und EZB wurde schnell klar, dass alles „gerettet“ wird, und die Rendite sank schnell wieder in den Keller.

Also: Die Wirtschaftsleistung in Italien ist brutal abgestürzt. Die Risikoprämie für Anleger, die italienische Schulden kaufen wollen, hat sich per Saldo aber nicht erhöht. Was sagt uns das? Dem Markt ist klar, dass wohl kaum ein echtes Ausfallrisiko für Italien besteht. Denn das Land ist im Euro und als drittgrößte Volkswirtschaft im Euro-Raum schlicht und einfach „Too big to fail“. Die EZB hat schon jahrelang in gigantischem Ausmaß italienische Staatsanleihen aufgekauft und zuletzt neue gigantische Kaufprogramme aufgelegt, und würde wohl (das darf man vermuten) noch viel, viel mehr kaufen. Hauptsache Italien bleibt im Spiel.

Rendite für zehnjährige Staatsanleihen aus Italien

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Allgemein

Staatsbankrott: Was passiert da eigentlich? Argentinien zeigt es!

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Wenn ein Staat seinen Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen kann, ist das eine Katastrophe für seine Bürger, die Unternehmen im Land und natürlich auch für die Gläubiger, die auf einen Großteil ihres Geldes verzichten müssen. Doch wie genau ist der Ablauf eines Staatsbankrotts? Da Argentinien gerade wieder zahlungsunfähig ist (schon im Februar forderte der IWF einen Schuldenschnitt) und sich in Verhandlungen mit seinen Gläubigern befindet, können wir an diesem Beispiel lernen, wie der Vorgang abläuft!

Die Insolvenz eines Staates ist ein häufiges Ereignis. In den vergangenen 200 Jahren kam es statistisch gesehen zu mehr als einem Staatsbankrott pro Jahr weltweit. Seit der Abschaffung der Golddeckung und der weitgehend unregulierten Schöpfung ungedeckten Fiatgeldes nahm die Frequenz der Staatsbankrotte sogar deutlich zu. So gab es zwischen 1980 und 2010 pro Jahr durchschnittlich drei insolvente Staaten auf der Erde.

Es gibt kein gesetzlich geregeltes Insolvenzverfahren für den Staatsbankrott

Umso interessanter ist es, dass es zwar gesetzliche Regelungen für den Fall eines Staatsbankrottes gibt, die aber im Falle zum Beispiel der Bundesrepublik Deutschland eine Insolvenz, genauer gesagt ein Insolvenzverfahren, explizit NICHT vorsehen. Doch Papier ist geduldig. Wenn Deutschland seine Schulden nicht mehr bedienen kann, ist das Land insolvent – Gesetz hin oder her.keine gesetzlichen Regelungen für den Fall eines Staatsbankrotts gibt. Zwar mag es dann kein Insolvenzverfahren wie bei Unternehmen oder Privatpersonen geben. Doch eine Art von Insolvenzverfahren findet dennoch statt: die Verhandlung mit den Gläubigern. Zwar kann ein Staat die Zahlungen an seine Gläubiger einstellen. Doch bis es keine Einigung mit diesen gab, wird das Land auch keine neuen Kredite bekommen. Zumindest keine Auslandskredite. Kredite in der heimischen Währung könnte sich ein Staat theoretisch über die Zentralbank selbst geben, wie es zum Beispiel in den USA und der Eurozone schon seit geraumer Zeit nur wenig versteckt stattfindet.

Kann ein Staat keine Devisen mehr beschaffen, leidet darunter die heimische Bevölkerung und die Unternehmen. Importe sind dann nur noch in dem Umfang möglich, in dem Devisen mittels Exporten erwirtschaftet werden. Um einen Ausgleich zwischen Importen und Exporten herzustellen, muss die Währung gegenüber den ausländischen Währungen abwerten. Die dann in der Regel herrschende Devisenknappheit zwingt die Menschen dazu, ihre Ersparnisse in der heimischen Währung zu halten, die im Falle eines Staatsbankrotts jedoch zu hoher Inflation neigt. Die Währungsabwertung heizt die Inflation zusätzlich an, da Importwaren teurer werden. Haben die Menschen und Unternehmen Zahlungsverpflichtungen in Fremdwährung, sind zahlreiche Privat- und Unternehmensinsolvenzen zu erwarten. Selbst wenn die Schuldner in der Lage wären, Devisen zu beschaffen, wären die Kredite durch die Währungsabwertung deutlich teurer als zum Zeitpunkt der Kreditaufnahme.

Gläubiger müssen auf einen Teil ihrer Forderungen verzichten, bekommen aber teils noch Geld zurück

Eine Einigung mit den Gläubigern und der daraufhin wieder mögliche Zugang zu den internationalen Kapitalmärkten ist daher ein vordringliches Ziel der Regierung nach einem Staatsbankrott. Den meisten Gläubigern ist bewusst, dass eine vollständige Rückzahlung ihrer Forderungen unwahrscheinlich ist. In der Regel kauften die Gläubiger die Schuldtitel bereits mit deutlichen Preisabschlägen an der Börse und kassierten hohe Zinsen bis zum Zeitpunkt der Zahlungseinstellung. Eine Einigung, die in der Regel einen teilweisen Schuldenerlass, niedrigere Zinsen und gestreckte Zahlungsziele beinhaltet, wird daher relativ schnell gefunden. Interessant ist, dass die Insolvenzquoten bei Staatsbankrotten oft relativ hoch sind. Bei Unternehmens- und Privatinsolvenzen ist in der Regel für die Gläubiger ein Totalverlust anzunehmen. Bei Staatsbankrotten sind 30% oder auch fast 50% Rückzahlungsquoten möglich. Das Beispiel Argentinien zeigt jedoch, dass sich inzwischen auch einige Hedgefonds darauf spezialisierten, die Anleihen praktisch bankrotter Staaten zu Schnäppchenpreisen aufzukaufen und dann auf vollständige Tilgung des Nennwerts zu pochen.

Bis es zu einer Einigung mit den Gläubigern kommt, können diese auch den Besitz des säumigen Staates im Ausland beschlagnahmen lassen. So ließ ein US-Hedgefonds ein argentinisches Marineschiff beschlagnahmen, weil Argentinien sich weigerte, die vom Hedgefonds gehaltenen Anleihen zum vollen Nennwert zu tilgen.

Beispiel Argentinien: Bankrott seit Ende Januar

Argentinien erklärte am 29. Januar 2020, dass es plane, den Gläubigern ein Programm zur Schuldenrestrukturierung zu präsentieren. Mit anderen Worten: Argentinien könnte zwar seine Schulden noch bedienen, weigert sich aber, es zu tun. Am 19. Februar bestätigten Prüfer des Internationalen Währungsfonds, dass die Staatsschulden Argentiniens in der Tat nicht mehr tragbar seien. Am 21. April präsentierte Argentinien schließlich seinen Plan zur Restrukturierung von 69 Milliarden US-Dollar Auslandsschulden und setzte den Gläubigern eine Frist bis zum 8. Mai, um diesen Plan zu akzeptieren.

Die dachten natürlich nicht daran, den Plan einfach durchzuwinken. In persönlichen Treffen und Videokonferenzen versuchte Argentinien, die größten Gläubiger zu überzeugen. Schließlich musste jedoch am 7. Mai verkündet werden, dass man für Gegenvorschläge der Gläubiger offen sei. Die Frist zur Annahme des Restrukturierungsangebots wird in den kommenden Wochen mehrfach verlängert. In der Zwischenzeit wurden auch die ersten Zinszahlungen fällig, die Argentinien nicht bezahlte. Das Land ist damit offiziell zahlungsunfähig und hat damit bereits den neunten Staatsbankrott seiner Geschichte erklärt.

Nach Wochen des Wartens präsentieren erste große Gläubiger ihre Vorschläge zur Restrukturierung der Schulden. Sie bieten einen Schuldenerlass von rund 45% an, was Argentinien zu wenig ist. Schließlich einigt sich Argentinien am 2. August doch noch auf einen Schuldenerlass von 45,2% mit dem Großteil seiner Gläubiger.

Im Endeffekt dauerte der Staatsbankrott also nur rund ein halbes Jahr. Für Argentinien wird es nach der Einigung noch nicht sofort so sein wie vor der Erklärung der Zahlungsunfähigkeit. Investoren werden noch eine Weile merkliche Risikoaufschläge für neue Kredite verlangen. Und vermutlich wird es auch wieder den einen oder anderen Gläubiger geben, der auf vollständige Tilgung seiner Anleihen besteht. Der Wechselkurs des argentinischen Peso wird sich aller Voraussicht nach auch nicht erholen, solange Argentinien nicht das grundlegende Problem der negativen Zahlungsbilanz löst. Der teilweise Schuldenerlass gab dem Land nur eine Atempause.

Der Obelisco als Smybol für Argentinien - Staatsbankrott lähmt das Land
Der Obelisco in Buenos Aires. Foto: Gobierno de la Ciudad Autónoma de Buenos Aires CC BY 2.5 ar

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