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Aktien: Einsteigen – oder doch auf den Crash warten? Anleger im Zwiespalt

Das Dilemma der Investoren: Diejenigen, die in Aktien investiert sind, bleiben aus Mangel an Alternativen drin, die Anderen trauen sich nicht mehr einzusteigen..

Die Frage schlechthin, sie wird schon seit Jahren gestellt und derzeit immer häufiger: Es muss doch eine Korrektur bei den Aktien kommen, schließlich ist unser Dax seit der Finanzkrise von 3588 Punkten im Tief auf über 14.100 Punkte gestiegen, der große S&P 500 sogar von 676 Punkten auf 3937 Punkte. Da muss es doch einen Einbruch geben, eine „Reversion to the Mean“, wie 2000 oder 2008, oder auch wie in diesem Zyklus in den Jahren 2015/2016 und 2020, jeweils mit Korrekturen von über 30 Prozent. Die Lage ist trotz diverser Warnzeichen aber erheblich komplizierter, denn unser Anlage- und Vorsorgesystem basiert auf Rendite. Und bei negativen Realzinsen schrumpft das Anlagekapital, was weder Versicherungen, Vorsorgesysteme noch Stiftungen gebrauchen können.

So entsteht ein großes Dilemma: Diejenigen, die in Aktien investiert sind, bleiben aus Mangel an Alternativen drin, diejenigen, die draußen sind, trauen sich nicht mehr einzusteigen und viele haben sich bereits auf das passive Investieren mittels ETFs konzentriert. Es gibt in Deutschland bereits 2,8 Millionen Sparpläne auf Aktien, das Volumen der Exchange Traded Funds hat in Europa die Eine-Billionen-Euro-Marke erreicht. Viele dieser Sparpläne laufen auch auf den Weltindex MSCI World und damit auf den amerikanischen S&P 500, mit seiner Gewichtung von 65 Prozent. Damit kauft jeder Sparplaninhaber Monat für Monat auch Apple und Tesla. Was wiederum die auf Momentum ausgelegten aktiven Fondsstrategien noch in den Markt treibt. Das beste Beispiel für das derzeitige System ist Tesla: Die Marketingstrategie von Elon Musk grillte 2018/2019 die Shortseller, die Kurse stiegen, so wie das Momentum, die Aktie stieg in den S&P 500 auf, die passiven Fonds mussten kaufen, andere Käufer rannten „der Straßenbahn hinterher“. Kursziele, die bei 100 Dollar lagen, wurden auf 800 Dollar angehoben. Die fundamentale Bewertung hatte sich aber nur leicht verbessert und spielt seit einem Jahr nur noch eine untergeordnete Rolle.

Aktien: Market-Timing in Zeiten von Nullzinsen

Was haben im letzten Jahr historische Vergleiche an den Aktienmärkten gezählt, wenn der Zins als Vergleichsmaßstab für künftige Gewinne bei Aktien doch marginalisiert wurde? Gegenüber 2019 wurden die abdiskontierten Aktiengewinne plötzlich immer wertvoller. Für die mittlere Generation schwand die Hoffnung in absehbarer Zeit Erträge im Zinsbereich generieren zu können. Also was tun? Zocken wie die RobinHooder, oder versuchen den Markt zu timen?

Was 2020 für viele ordentlich daneben gegangen sein dürfte. Zwar konnte man den Markteinbruch von 40 Prozent beim Dax ab dem 20. Februar schon ein wenig antizipieren, aufgrund der Warnzeichen im Vormonat, aber bereits nach 35 Tagen Kursrückgang kam es am 24. März zu einem 11-Prozent-Kursanstieg und 17 Prozent in drei Tagen.

In der Retrospektive erscheint es wieder einmal extrem verwunderlich.

Wer nur die besten fünf Tage des Jahres 2020 versäumt hat – zu diesem Thema habe ich am 21. Oktober schon einen Artikel verfasst: Buy and Hold – nach wie vor im Vorteil? – läge seither 3800 Punkte im Minus, theoretisch bei 10.300 Punkten. Jetzt steht der Markt vor einem Allzeithoch, eine wunderbare Gelegenheit auszusteigen? Leider ist in der Regel das Gegenteil der Fall, das Überschreiten alter Höchstkurse bringt häufig ein Kaufsignal. Was sagt die wissenschaftliche Auswertung? „Die kurz- und mittelfristige Nichtprognostizierbarkeit von Aktienkursen ist für viele Anleger mental schwer akzeptierbar, so Jacobs/Weber, Martin (2016) in ihrer Studie: “Random Walk Plus Drift – Was Aktienkurse wirklich sind”.

Ein Allzeithoch ist keine Bewertungskennzahl und gibt à la longue keine Rückschlüsse für einen Ausstieg.

Die aktuelle Lage

Stephan Heibel hat die aktuelle Gemengelage nach seiner letzten Umfrage auf den Punkt gebracht: „Die Notenbanken haben sich in der vergangenen Woche weltweit konzertiert für eine Fortsetzung der lockeren Geldpolitik für einen sehr langen Zeitraum ausgesprochen.“ Die Stimmung ist bullish für Aktien, Profis und Private sind long investiert, die Investitionsquote der US-Fondsmanager liegt bei gehebelten 110 Prozent.

Ohne negative Nachrichten könnte es noch einmal nach oben gehen, aber: Die Shortseller haben nach dem GameStop-Schock Ihre Leerverkaufsquoten bei Aktien drastisch reduziert, damit entfällt das Auffangnetz der Shortsqueeze. Und somit könnte der nächste Rückschlag „sehr schnell an Dynamik gewinnen“, so der Sentimentexperte.

Fazit

Für deutsche Anleger ergibt sich wieder einmal eine spannende Situation. Die erwartete Korrektur war auch nach dem GameStop-Hype nur ein „Korrektürchen“. Was also tun, werden sich viele auch am heutigen Tag fragen? Muss denn in den USA der so treffsichere Indikator, der für Gewinnmitnahmen im Monat nach Regierungswechseln spricht, nicht endlich greifen? Wenn da nicht das Hoffnungsgebilde „American Rescue Act“ wäre!

Das Markttiming bei Aktien ist, was es schon immer war: Schwierig, auch für den Dax, kurz vor einem Allzeithoch.

Aktien - jetzt noch einsteigen?



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